Südkorea | Küsten und Strände

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November 2017
8 Radtage, 4 Ruhetage in Busan
533 km, 100 % asphaltiert

Gangneung – endlich am Meer!
Häfen – Fischerdörfer & Industriestädte
Südkoreas Ostküste – Klippen, Strände, Fischerdörfer
Nächte – Strände, Parks & selten Motels
Busan – ein neuer Plan: Japan!

 

ROUTE GANGNEUNG – BUSAN | 533 km

Route Seoul - Busan

ROUTE Gangneung – Busan | Gangneung – Donghae – Samcheok – Uljin – Pyeonghae – Ulsan – Busan (mehr oder weniger dem ‚Ostküsten-Radweg‘ folgend)   GPX-Datei und zoombare Detailkarte

 

GANZE ROUTE SÜDKOREA  | SEOUL – GANGNEUNG – BUSAN (1113 km)

Route Gangneung - Busan

ROUTE SÜDKOREA | Seoul – Gangneung – Busan (1113 km)  GPX-Datei und zoombare Detailkarte

 

Der ‚Ostküsten-Radweg‘ von Gangneung nach Busan

Nach zwei Wochen in den schönen, aber kalten koreanischen Bergen freuten wir uns auf etwas wärmere Temperaturen. Trotzdem wollten wir nach einem Nachmittag im Olympischen Dorf unser Zelt ein letztes Mal in den Bergen aufschlagen. Nach wenigen Kilometern erreichten wir die Passhöhe und konnten erste Blicke auf das „Japanische Meer“, das die Koreaner „Ostmeer“ oder „Koreanisches Meer“ nennen, geniessen. Die ausufernde Hafenstadt Gangneung erstreckte ihre Tentakel bis weit herauf in die Berge. Ehe wir uns versahen, waren wir in immer dichter besiedeltem Gebiet. Mehrere Versuche, einen geeigneten Campspot zu finden, schlugen fehl, plötzlich drängte die Zeit. Die Sonne verschwand am Horizont und kurz darauf war es stockdunkel – während wir immer noch einen Nachtplatz suchten. Schliesslich liess man uns im Garten einer ‘Golf-Driving Range’ campieren. Erleichtert stellten wir uns im nahen Restaurant mit Schweinekopfsuppe und -würsten einer letzten Herausforderung, bevor wir uns ins Zelt verkrochen.

Gangneung machte es uns nicht leicht. Bevor wir das Zentrum erreichten, verirrten wir uns auf eine Autobahn – im morgendlichen Berufsverkehr eine nicht eben entspannende Erfahrung. Doch nun waren wir wieder auf Stadt eingestellt und landeten vollbepackt im erwachenden Markt der Stadt. Auch unsere Neugierde erwachte. Während wir fasziniert die für uns doch recht ungewöhnliche Auswahl an Trockenfischen bestaunten, beguckten die Marktfrauen uns. Ein Geben und Nehmen also. Nach über einer Woche ohne feste Unterkunft befürchteten wir allerdings, in Sachen Duft mehr zu geben als zu nehmen. Wir gönnten uns ein Zimmer mit Meerblick und taten, was getan werden musste – wir duschten und schliefen.

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Auf dem Markt von Gangneung herrscht buntes Treiben. Fische warten, Frauen schauen und man verständigt sich mit Hand und Fuss.

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Grosse Fische hängen wie Drachen aufgespannt von der Decke …

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…. und kleinere Fische tragen Stützkorsette.

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Nach all den Fischen ist uns nach Strand. Gangneung hat ihn.

Ab Gangneung folgten wir dem Verlauf der Küste südwärts, mal direkt am Meer, dann wieder über tausendundeinen Hügel weiter landeinwärts. Durch ein mehr oder weniger zusammenhängendes Netz von Radwegen, nennen wir es den ‘Ostküsten-Radweg’, wurde uns die Navigation leicht gemacht. Wir brauchten bloss bunten Plaketten am Strassenrand oder einer gelben Linie am Boden zu folgen. Aber wehe dem, der ein Schild übersah! Täglich verfuhren wir uns und standen meist plötzlich vor für Radfahrer gesperrten Autobahnabschnitten oder -tunnels. Auch an den Toren eines Atomkraftwerks wurden wir zurückgewiesen.

Dasselbe geschah, als wir, wiederum unabsichtlich, am Tor eines Endlagers für radioaktive Abfälle bei Wolsong auftauchten. Unser eigener Abfall war zwar nicht radioaktiv, doch haben wollte ihn trotzdem keiner. Öffentliche Mülleimer waren in ganz Korea rar. Es blieb uns nichts anderes übrig, als bei Besuchen in ‘Convenience Stores’ nicht nur einzukaufen, sondern gleich auch noch unseren Müll zu entsorgen – in deren Abfalleimern, nicht zwischen den Regalen wohlgemerkt.

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Supermarktbesuche dauern oft lange und grenzen an Überforderung.

Die gut 500 Küstenkilometer zwischen den beiden Städten Gangneung und Busan waren geprägt von kleinen Fischerdörfern direkt am Meer. Nachts flackerte der Schein der Fischerboote vor der Küste. Und während wir tagsüber die oft unglaublich steilen (aber meist nur einige hundert Meter langen) Steigungen hochkeuchten, winkten uns tausende am Strassenrand zum Trocknen aufgehängte Fische und Tintenfische zu. Auch Senioren, die in kleinen Gruppen die Strassen und Plätze der Dörfer fegten, hatten ihren Spass an uns – oder genehmigten sich in den Pausen ein paar Schnäpschen. Die Nächte verbrachten wir, abgesehen von einer Nacht bei einem ‘Warmshowers’-Host, im Zelt. Wir fanden schöne Campspots direkt am Strand: Ob im Schutze eines Wäldchens, in kleinen Parks, neben der Wache der örtlichen Rettungsschwimmer oder am Fuss eines Leuchtturms. Die nächtlichen Temperaturen waren ein paar Grad wärmer als wenige Tage zuvor in den Bergen, doch der Wind trieb uns meist schnell ins Zelt.

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Selbst bei der Ankunft im Dunkeln erkennen wir die Exklusivität dieses Campspots sofort und gestalten ihn zum Schlafplatz um.

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Während wir unsere Tage im Sattel verbringen, hängen andere am Strand ab.

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Strandcamping zwischen Hafenbecken und Küstenstrasse, mit den örtlichen Rettungsschwimmern als Nachbarn.

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Künstlich angelegte Wellenbrecher, vor Ort aus Beton gegossen, sind bei Fischern sehr beliebt.

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Während nachts die Lichter der Fischerboote vor der Küste schaukeln, bietet uns das Wäldchen direkt am Strand Schutz vor Wind, Kälte und neugierigen Blicken.

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Fischereihäfen zieren die Küste. In manchen geht es gemächlich zu …

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… andere erfreuen sich grösster Beliebtheit.

Im Gegensatz zur Mongolei schienen wir nicht vom Fleck zu kommen, Tagesleistungen über 80 km waren selten. Denn es war nicht einfach. Direkt am Wegrand wollten eindrückliche Tempel besucht und deren farbenprächtige Malereien erkundet sein. Strandpromenaden luden zum Flanieren mit Sack und Pack. Überall riefen uns nun öffentliche Toiletten zur täglichen Katzenwäsche. Dies waren wir unserem Gastland schuldig! Darüber hinaus lockten ‘Convenience Stores’ ganztags mit Tischen in der Sonne, Kaffee, süssen ‘Mooncakes’ und mittags leckeren Fertigmenüs. Bei dieser Gelegenheit gönnten wir jeweils Zelt und Schlafsäcken eine trocknende Dosis Sonnenstrahlen gegen das temperaturbedingte nächtliche Kondenswasser.

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Sonnenstund hat Gold im Mund – und trocknet unsere Schlafsäcke vor einem ‘CU’ Convenience Store. Wir schlürfen genüsslich Kaffee und üben uns in Geduld.

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Mikrowellen-Menüs à la Koreana – Not the real thing, aber lecker, schnell und überall zu haben. Vorteil im Vergleich zu anderen Restaurants: Man weiss, was man bekommt.

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Unverhofft locken uns Tempel aus den Sätteln. Hier der berühmte buddhistische ‚Haedong Younggungsa‘ Tempel, der sich bei Busan an die Klippen klammert. Seine Anfänge reichen ins Jahr 1376 zurück.

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Wir verlieren uns in den Details, ob in Tempeln ….

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… oder auf Fahrradbrücken.

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Katzenwäsche: Morgens um 10 Uhr erwarten uns an der Hafenpromenade von Pohang frisch geputzte Toiletten.

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Doch Pohang hat weit mehr zu bieten als saubere öffentliche Toiletten!

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Kunst im Hafen zum Beispiel.

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Pausenplätze versuchen sich gegenseitig zu überbieten.

Je weiter südlich wir entlang der koreanischen Küste kamen, umso öfter durchquerten wir Hafenstädte. Industriegebiete zogen sich endlos hin. Hyundai produziert dort Schiffe, und am Strassenrand bewerben Poster die Umweltfreundlichkeit der hier allgegenwärtigen Stahlindustrie. Stadtgrenzen waren plötzlich fliessend, nur der Verkehr nicht immer. Dass dies auch auf Radwegen vorkommt, erfuhren wir vor Ulsan. Unverhofft – und völlig unvorbereitet – fanden wir uns von einem Moment auf den anderen in einem dichten Strom von Radfahrern, der uns das Fürchten lehrte. Schichtwechsel im nahen Hyundai-Werk, Fahrrad-Rushhour!

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Viele kleine Hyundais, bereit die Welt zu erobern.

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Industrie ist Trumpf und vielerorts nicht zu übersehen.

Nach 8 Tagen erreichten wir schliesslich Busan, unser Ziel am südöstlichen Ende der Koreanischen Halbinsel. Die mit über 3 Mio. Einwohnern zweitgrösste Stadt Südkoreas erstreckt sich über mehrere Buchten und krönt sich selbst mit einer grandiosen Skyline. Tagsüber glich sie einem geschäftigen Meer aus Hochhäusern, Brücken und Strassenschluchten direkt am Meer. Doch nachts verwandelte sie sich in einen pulsierenden Brei aus grellbunten LED- Lichtern, Märkten und Fischrestaurants. Pulsierend war dann auch die Deko des (Stunden-) Hotels, in welchem wir in Hafennähe Unterschlupf fanden. Diese in Südkorea ‘Motel’ genannten Herbergen trumpfen teils mit Themenzimmern auf und schlagen mit umgerechnet 25 bis 55 USD pro Nacht und Zimmer zu Buche. Die Stundentarife dürften billiger sein. Nach zwei Nächten im fluoreszierend bemalten und mit Ultraviolett-Licht ausgeleuchteten ‘Strand-Zimmer’ wechselten wir für zwei weitere Nächte samt Räder ins ‘Büro-Zimmer’. Dort räkelte sich die gemalte Sekretärin bereits an der Wand.

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Busan, Gross- und Hafenstadt, bietet Strände, Strassenschluchten und eine grandiose Skyline.

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Im Hafen von Busan treffen wir auf ‚Hulk‘ und kommen ungeschoren davon.

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Nächtlicher Blick über den Hafen von Busan.

Neben dem täglichen Stillen des für Pausentage üblichen Heisshungers beschäftigte uns etwas anderes. Wir hatten Busan an der Südostspitze Koreas erreicht. Und nun lag, nur 200 km oder 6 Fähr-Stunden entfernt, plötzlich Japan in Reichweite. Welch ein Zufall, dass im nahen internationalen Passagierhafen beinahe täglich Fähren eben dorthin in See stachen! Ursprünglich wollten wir die Küste und die Halbinseln südlich von Busan weiter erkunden und dann irgendwie den Bogen zurück nach Seoul schlagen. Doch Japan war zu nah, die Verlockung zu gross – ehe wir uns versahen, hatten wir Tickets nach Fukuoka gebucht. Zwei Mal mit der Fähre nach Japan und zurück, Holz- oder in diesem Fall Futon-Klasse.

Next Blogpost: Japan!

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Nicht nur Schall und Rauch. Busans Buchten und Häfen sind durch eine Vielzahl von bunt beleuchteten Brücken verbunden.

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Mit bereits ausgestempelten Pässen und geröntgtem Gepäck an den Rädern irren wir durch die endlosen Gänge des Fährterminals im internationalen Hafen von Busan. Auf nach Japan!

Zum Schluss die Galerie:

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Südkorea | Kimchi und die DMZ

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Oktober / November 2017
11 Radtage, 4 Ruhetage
580 km, 99,5 % asphaltiert

Seoul — von der Steppe in die Stadt
DMZ — Besuch an der Grenze
‚Urban Camping‘ — Parks, Parkplätze und Gedenkstätten
Pyeong Chang — Vorbereitungen auf Olympia 2018

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Korea und unsere Route von Seoul nach Gangneung im Überblick. GPX Datei und Detailkarte finden sich hier.

ROUTE | Seoul — Chuncheon — Yanggu — Haean Myeon — ‚Eulji Observatory‘ (DMZ) — Buk Myeon — Soeroksan National Park — Pillye — Garin — Odaesan Nationalpark (Eintritt mit Rad verweigert) — Jinbu — Daegwanryong (Pyeong Chang Olympic Stadium) — Gangneung

Der zweistündige Flug von der Mongolei nach Südkorea war ein Flug in eine andere Welt. In eine Welt voller Menschen, Hektik, Verkehr und Sauberkeit. Auf Fussgängerstreifen und rote Ampeln war Verlass und überall leuchteten LED in allen Farben. So hatten wir uns eigentlich Japan vorgestellt, nicht Südkorea. Die ersten Tage in Seoul kamen wir in den Genuss der Gastfreundschaft unserer weit gereisten ‚Warmshower‘-Hosts Ji-Hyun und Jung Song. Sie nahmen uns in ihrem gemütlichen, als Treibhaus getarnten Heim am Rande der riesigen Metropole Seoul auf. Von dort erkundeten wir die Stadt — sie hatte so einiges zu bieten — und machten uns mit den Eigenheiten einer ’neuen‘ Kultur vertraut. Dazu gehörten neben Sightseeing auch Streifzüge durch verschiedene ‚Convenience Stores‘ und Supermärkte zur Erkundung des Angebots und um herauszufinden, womit wir wohl unsere ‚Framebags‘ für unterwegs füllen könnten.

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Grünes Seoul – auch im Zentrum gibt es grüne Oasen.

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Bei unseren Warmshower-Gastgebern Ji Hyun und Song Jong wohnen wir etwas ausserhalb in einem ‚green belt‘, einer Landwirtschaftszone, und erkunden gemeinsam die Stadt.

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Seoul by night – scheint die Stadt tagsüber gemächlich, pulsiert sie bei Nacht.

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In Seouls engen Gassen herrscht Touristen-Stau.

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Verkehrsregeln sind hier, im Gegensatz zur Mongolei, zu beachten – auch nachts.

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Die Beschriftung im ganzen Land ist gut – freilich koreanisch.

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Seoul Traffic – wir nehmen die U-Bahn.

Mit einem Kilo Reis und ein paar Packungen Nudelsuppen im Gepäck verabschiedeten wir uns nach einigen Tagen von Ji-Hyun und Sung Jong. Siebzig Kilometer auf (Süd-)Koreas grosszügigen Radwegen später waren wir immer noch in Seoul. Jetzt war es an der Zeit, unser neues Camping-Konzept zu testen. Während koreanische Familien ihre (Sonnen-)Zelte abbauten und sich auf den Heimweg machten, stellen wir unser kleines Zelt mitten in einem Park auf. Um uns herum führten Menschen ihre Hunde und Katzen aus, statteten dem nahen öffentlichen und mit klassischer Musik berieselten Klo einen Besuch ab oder drehten bloss eine Runde auf dem Rennrad. Wir krochen ins Zelt und hatten eine unruhige Nacht — so viel nächtliche Aktivität um uns herum waren wir nach der Mongolei nicht mehr gewohnt. Der Trick am Park-Camping lag schliesslich darin, das Zelt spät aufzustellen und vor Sonnenaufgang wieder abzubauen. Es sollte sich bewähren und wir verbrachten den Grossteil unserer Nächte in Korea im Zelt in städtischen Parks, auf Parkplätzen, an Stränden, neben einer Driving Range und neben öffentlichen Toiletten. Einmal pro Woche gönnten wir uns ein ‚Motel‘ — der Dusche wegen.

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Einen Tag lang fahren wir durch Seouls Strassen-Dschungel….

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….und legen uns in Parks ins Gras.

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Seouls Radwege sind erstklassig, winden sich durch die Stadt und laden zum Verweilen ein.

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Auch nachts. Campieren in Parks ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig.

Auf dem ‚Bukhangang‘ Radweg, dem gleichnamigen Fluss nach Nordosten folgend, liessen wir Seoul hinter uns und kamen die nächsten Tage ob der unglaublichen Radweg-Infrastruktur nicht mehr aus dem Staunen heraus. Mindestens alle paar Kilometer gab es speziell für uns (Radfahrer) aufgestellte öffentliche Toiletten, fest montierte Luftpumpen, erholsame Parks und schattenspendende Pavillons. So gondelten wir in gemächlichem Tempo durch die malerischen Berge des südkoreanischen Nordens und machten ‚Ferien‘. Wir hielten an jeder Ecke, kurvten durch kleine Dörfer, machten Fotos und legten Kaffeepausen ein.

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Bicycle Highways made in Korea – wir glauben unsern Augen kaum.

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Mit Brücken wird hier nicht gegeizt.

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Auch Toiletten sind nie weit entfernt.

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Tunnel-Erlebnis mit musikalischer Untermalung: Radweg in höchster Perfektion.

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Auch der Kunst wird genüge getan. Ob im See wie hier bei Chuncheon…

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…oder an Ausstellungen von Filmplakaten.

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Ziemlich Science-Fiction sind diese Kerle hier – oder was sie zurückliessen. Die Bewohner der kleinen Larven-Monster sind bereits ausgeflogen.

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Dann doch lieber Frühstück mit Aussicht.

Nach einigen Tagen erreichten wir die kleine Stadt Yanggu an der berühmt-berüchtigten und hochaktuellen ‚DMZ‘, der seit dem Ende des Koreakriegs 1953 entmilitarisierten Zone an der Grenze zu Nordkorea. Dort gab es im ‚Eulji Observatory‘ die Möglichkeit, einen Blick über das Niemandsland zu erhaschen, wo sich nord- und südkoreanische Truppen, am 38. Breitengrad durch einen 4 km breiten Streifen getrennt, seit Jahren in höchster Bereitschaft gegenüber stehen. Je näher wir der Grenze kamen, umso spürbarer wurde die Militärpräsenz. Panzersperren, Lastwagen und Truppen gehörten bald zum Strassenbild und Helikopter oder Jets dröhnten regelmässig über unseren Köpfen. Passend dazu hielt um uns herum der Winter Einzug. Die letzten farbigen Blätter verschwanden und die Temperaturen sanken tagsüber unter 10° Grad und nachts zum Gefrierpunkt.

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Wir ‚cruisen‘ durch Täler und bunte Wälder.

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Farbige Ginkgo Blätter lassen uns nicht vergessen, wo wir sind.

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Ein Aufstieg jagt den nächsten.

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Die Belohnung erfolgt in Form gewundener Abfahrten, oft ohne Verkehr.

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Und natürlich schöne Ausblicke!

Ein Besuch der DMZ auf eigene Faust wollte geplant sein. Vor dem Besuch der Grenze mussten wir in Yanggu das nötige ‚Permit‘ besorgen. Dieses hatten wir nach ein paar Stunden im Irrgarten eines koreanischen Verwaltungsgebäudes in unseren Händen und konnten die verbleibenden 40 km zur Grenze in Angriff zu nehmen. Dort warteten am nächsten Tag die nötigen Dokumente bereits auf uns und gegen eine Eintrittsgebühr von 7’000 Südkoreanischen Won, umgerechnet 6.- CHF, bekamen wir die endgültige Erlaubnis zum Besuch der Grenze. Doch es galten Vorschriften. Sie besagten, dass eine Annäherung an die DMZ auf dem Fahrrad nicht erlaubt sei. Doch eine Lösung war schnell gefunden: Unsere Räder wurden unter einer der allgegenwärtigen Überwachungskameras abgestellt, und wenig später sassen wir bereits in einem Bus voller koreanischer Senioren und bekamen Früchte und Getränke zugesteckt. Unter den fürsorglichen Fittichen der Reisegruppe aus Busan besuchten wir zuerst den mehrere Kilometer langen ‚4th Infiltration Tunnel‘. Der Tunnel war von der nordkoreanischen Armee in feindlicher Absicht in über 400 m Tiefe in den Fels unter der südkoreanischen Grenze getrieben worden. Der Besuch des Tunnels war eindrücklich und mit einem strikten Fotoverbot belegt. Von freundlichen jungen Soldaten geführt marschierte die ganze Gruppe in Zweierreihe durch den (nach der Entdeckung gegrabenen) südkoreanischen Zugangsstollen in den Berg hinein. Nach einigen hundert Metern im Berg trafen wir auf den nordkoreanischen Tunnel. Dort erwartete uns eine kleine Eisenbahn, welche uns in kleinen Gruppen einige Meter in den 1,7 m hohen und ebenso breiten, in den rohen Fels getriebenen Tunnel hinein und wieder zurück chauffierte.

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Bevor es zur Grenze geht, besorgen wir uns in Yanggu die nötigen Dokumente und verbringen die Nacht auf unserer eigenen kleinen Insel, mitten im See, zwischen Pavillons und Flugzeug-Oldtimern.

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Nicht nur beim Militär herrscht strenge Ordnung. Rettichstängel hängen zum Trocknen in Reih und Glied.

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Nahe der DMZ, der entmilitarisierten Zone, stehen Strassensperren bereit. Diese werden notfalls zum Einsturz gebracht und machen die Strasse unpassierbar. Zudem vernehmen wir bereits leise, schräge Musik.

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Unsere Reisegruppe für einen Vormittag.

Um den strikten Zeitplan unserer Reisegruppe einzuhalten, sassen wir kurz darauf wieder im Bus. Nun ging es an die DMZ, die wir bisher ja nur von ‚unten‘ erlebt hatten. Vom Innern einer spiegelverglasten Aussichtsplattform aus blickte man auf das 4 km breite Niemandsland. Dahinter lagen die Grenzposten und Befestigungsanlagen Nordkoreas. Das Observatorium war ein eigentümlicher Ort, an dem zwar der Verkauf von Popcorn durchaus nicht fehl am Platz gewesen wäre, der einen aber trotzdem erschaudern liess.

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Blick vom Eulji Observatorium – jedoch in die erlaubte (falsche) Richtung.

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Wir campieren diese Nacht hinter dem Monument bei der Unification Hall an der DMZ. Musik dröhnt die ganze Nacht und plärrt Propaganda aus Nordkorea über die Grenze.

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Neben einem sehr guten Museum erwarten dort die Besucher auch bizarre Attraktionen.

Und das Schaudern ging weiter. Zurück beim ‚Unification Center‘ und bei unseren Rädern, immerhin 7 km von der Grenze entfernt, erhielten wir die Erlaubnis, direkt auf dem Gelände des Koreakriegs- Denkmals zu campieren. Bereits am Morgen hatten wir in Grenznähe von irgendwo her relativ laute Musik vernommen. Da hatten wir den Musikgeschmack der unbekannten Person ernsthaft angezweifelt, uns aber nichts weiter gedacht. Doch mit Anbruch der Dunkelheit drehte der Wind. Die Musik dröhnte nun plötzlich um ein Mehrfaches lauter. Was uns in dieser Nacht keine Ruhe gönnte, entpuppte sich am Morgen darauf als nordkoreanische Propagandamusik von jenseits der Grenze.

Mit der DMZ waren wir am nördlichsten Punkt unserer Reise in Korea angekommen. Wir drehten nach Süden ab. Von unserem Ziel Busan, der Hafenstadt im Südosten Koreas, trennten uns noch etwa 1000 km und ebensoviele Berge. So wand sich unser Weg in den folgenden Tagen durch die wunderbar schroffen Berge Gangwons, Südkoreas nordöstlichster Provinz. Versuche, den geteerten Strassen den Rücken zu kehren, hatten gemischten Erfolg. Während wir am Eingang zum ‚Soeroksan Nationalpark‘ sämtliche koreanischen Hinweistafeln nicht lesen und eine geschlossene Schranke ungehindert passieren konnten, wurden wir mit unseren Rädern am Tor zum ‚Odaesan Nationalpark‘ bestimmt (und leicht misstrauisch) abgewiesen.

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Obwohl die Verständigung oft zäh ist, sind die Menschen überaus freundlich und hilfsbereit! Sie verkaufen teils riesige, fantastisch süsse Äpfel. Wir Fremdlinge bekamen sie geschenkt.

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Am Eingang zum ‚Soeroksan Nationalpark‘, inmitten unlesbarer Hinweise. Wir machen uns schlau, verstehen nichts und winken uns selbst durch…

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Endlich haben wir wieder Dreck unter den Reifen.

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Camping im Nationalpark. Natur pur.

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Sieht es aber nach Regen aus, suchen wir ein Dach für die Nacht. Etwa auf dem Parkplatz eines Museums.

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Doch auch hier sind die Nächte im Zelt oft kalt.

Immer noch in den Bergen erreichten wir schliesslich die Region Pyeong Chang. Hier liefen die Vorbereitungen auf die im Februar 2018 bevorstehenden Olympischen Winterspiele auf Hochtouren — es war kaum zu übersehen. Im Umkreis von 100 km wurden Strassen aufgerissen, Stadtzentren gepflastert und öffentliche Toiletten saniert. Hotels wurden eröffnet, Autobahnen gebaut. Uns schien, es gebe noch einiges zu tun. Durch den ganzen Trubel neugierig gemacht, beschlossen wir, der Sache auf den Grund zu gehen, und statteten dem künftigen Olympiastadion einen Besuch ab. Es war nicht abgeschlossen.

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Nur die wenigsten fahren im November schon Ski, dazu fehlt der Schnee. Doch im Januar soll es hier eisig kalt werden.

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Wir parkieren exklusiv am Olympiastadion von Pyeong Chang.

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Das Tor steht offen, es zieht uns hinein. Wir nehmen Augenschein und befinden den Ausbau für angemessen.

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Pyeong Chang ist bereit – lasset die Spiele beginnen!

Nach dem Olympia-Augenschein trennte uns ein letzter kleiner Pass von der Hafenstadt Gangnueng an Koreas Ostküste. Dort wartete der Pazifische Ozean, wärmere Temperaturen versprechend.

 

 

 

Zum Schluss die Galerie:

 

Mongolei | die letzten Meter

Oktober 2017
2 Tage im Sattel
150 km, 50 % asphaltiert
1 gebrochene Zeltstange

Motivation — der fehlende rote Faden & ein neues Ziel
Lost — verloren in der Routenwahl
Kälte — Zeltstangen brechen, Knie schlottern
Stimmen im Dunkeln — Schlaflos in der Mongolei

ROUTE | Sükhbaatar (Grenze Russland) — Shaamar — Zuunburen — Shaamar — Darchan — Ulaanbaatar (Wir sind nur den roten Teil der Strecke mit dem Rad gefahren)

Nach einem erlebnisreichen Monat im herbstlichen Sibirien hat uns die Transsibirische Eisenbahn am 14. Oktober im mongolischen Grenzbahnhof Sükhbaatar ausgespuckt. Jenem Ort, an dem wir wenige Wochen zuvor unsere Räder für die letzten Kilometer zur russischen Grenze bei Altanbulag gesattelt hatten.

Der mongolische Grenzbahnhof Sükhbaatar in der Abenddämmerung.

 

Doch beginnen wir von vorne. Bereits Wochen zuvor waren unsere ursprünglichen Reisepläne durch ein zermahlenes Radtretlager und einen geschlossenen Grenzübergang nach Russland bei Murun komplett über den Haufen geworfen worden.

Mit Visabestimmungen und vorgegebenen Ein- und Ausreisedaten jonglierend, hatten wir unsere Reiseroute seitdem laufend improvisiert und angepasst. Wir hatten das Beste aus jeder Situation gemacht und die Reise genossen. Es war uns gelungen, eine sinnvolle, spannende und in grossen Teilen fantastische Route zusammen zu knüpfen.

Trotzdem hatte sich seither immer wieder — und öfter — ein Gefühl des Herumirrens breitgemacht. Nein, unsere Reiselust war nicht etwa gesättigt und unsere Neugier nicht erloschen. Ganz im Gegenteil! Doch plötzlich war aus der grossen Runde durch die Mongolei und Sibirien eine ‚Sternwanderung‘ geworden — mit Ulaanbaatar als deren Mittelpunkt. So schlitterten wir nach und nach in eine gewisse Sinnkrise: Uns fehlte der rote Faden einer zusammenhängenden Route.

Je näher wir Irkutsk gekommen waren, umso mehr nahmen diese Gefühle überhand. Die Distanzen in diesem Teil der Welt waren weit, schienen oft endlos und verleiteten zum Grübeln. Und natürlich begannen die Gedanken bei täglich bis zu zehn Stunden im Sattel Kreise zu ziehen. Doch eine Rückkehr nach Ulaanbaatar war unumgänglich. Die russische Visa-Uhr tickte und visafreie Nachbarländer lagen fern. Ausserdem hatten wir einige Habseligkeiten in der Mongolei deponiert.

Nun waren wir also zurück auf Feld eins, zurück in der Mongolei. Zu unserem Entsetzen mussten wir uns eingestehen, dass hier die Luft wie raus, der Zauber verflogen schien. Die farbigen Blätter waren verschwunden. Der erste Schnee hatte die sandigen Pisten in schlammige Gräben verwandelt, war aber nicht liegen geblieben. Die Nomaden trugen plötzlich gefütterte Hosen und dicke Stiefel — und wir immer noch ‚Beinlinge‘ und Sneakers.

Auf den Märkten sind warme Stiefel um diese Jahreszeit gefragt.

 

Da standen wir also an diesem 14. Oktober in Sükhbaatar. Eigentlich wollten wir mit der Eisenbahn bis nach Ulaanbaatar fahren. Doch unserer Räder wegen wollte dies die mongolische Bahn nicht. So lag nun eine Strecke vor uns, die zu radeln wir keinerlei Lust verspürten. Doch in einem plötzlichen Anflug von Abenteuerlust und in der Hoffnung, den mongolischen Funken erneut zu entzünden, beschlossen wir, Ulaanbaatar in einem weiten Bogen nach Westen anzusteuern. Weitere 500 bis 700 Radkilometer auf einer Route, von der wir nicht wussten, ob sie realistisch war.

Nach einem ersten Tag im Sattel fanden wir in einem Wäldchen am Ufer des Selenge einen Lagerplatz. Obwohl die Temperaturen nicht unter -10° fallen sollten, war mit einer bitter kalten Nacht zu rechnen. Bereits beim Aufbau des Zeltes fiel eine Zeltstange der Kälte zum Opfer — sie brach so leicht, als wäre sie eine Salzstange. Die erste Euphorie war dahin, und kurz darauf lagen wir missmutig im Zelt.

Doch die Nacht war noch jung und kam erst richtig in Schwung. Obwohl die Gegend menschenleer erschien, liess im Laufe der Nacht nicht allein die Kälte unseren Atem stocken. Immer wieder erklangen einzelne Stimmen in der Dunkelheit! Mal waren sie nah, mal fern, mal flüsterten, mal schrien sie! Als Krönung begann mitten in der Nacht jemand aus vollem Hals wenige Meter neben unserem Zelt laut zu singen. Er schritt im dichten Gestrüpp an uns vorbei und verstummte kurz darauf so plötzlich, wie er erschienen war.

Die Nacht war kalt. Der kluge Camper sorgt vor und giesst das Wasser bereits abends in den Topf — aus jeder Flasche etwas. So lässt sich am Morgen ein wärmender Kaffee damit kochen. Schluckweise in gefrorene Wasserflaschen gegossen, verwandelt sich auch dort das Eis schneller wieder zu Trinkwasser.

Doch diese eine Nacht lässt uns alt aussehen, auch mit Kaffee am Morgen danach. Desillusioniert enteisen wir das Innere unseres Zeltes, packen unsere Sachen und ändern unsere Pläne.

Doch die 50 km zurück zur Hauptstrasse sind wir bereits in beide Richtung gefahren. Wir wollen sie nicht noch ein drittes Mal abstrampeln und halten einen Lastwagen an.

 

Am Morgen sass uns die Kälte in den Knochen. Auch machten uns Zelt und Wetter Sorgen. Vor allem aber hatte die unheimliche Nacht den letzten Funken Motivation erstickt. Wir kehrten auf die Hauptstrasse zurück und legten die verbleibende Strecke nach Ulaanbaatar zu je einem Drittel im Sattel, per Anhalter im Lastwagen und in der Wärme eines lärmigen Busses zurück.

Zwischen den endlosen Geraden windet sich die Strasse immer wieder über zahllose kleine Pässe.

Die Strecke in die Hauptstadt ist schön und lässt unvermittelt kleine Seen neben uns erscheinen.

Doch im Gegensatz zu den einsamen mongolischen Nebenstrassen braust uns hier Schwerverkehr um die Ohren. Mongolische, russische, aber auch europäische Lastwagen lassen uns in ihrem Nebel husten.

In der nordmongolischen Industriestadt Darchan starten wir einen zweiten und letzten Versuch, die mittlerweile sehr stark befahrene Haupstrasse zu verlassen.

Wir werden jedoch bereits wenige Kilometer ausserhalb der Stadt von Schnee und Schlamm ausgebremst. Enttäuscht kehren wir um und nehmen den Bus nach Ulaanbaatar.

In Ulaanbaatar herrscht Regen statt Schnee. Wir buchen einen Flug nach Seoul und erkunden die Stadt mit ihrem riesigen Markt…

…während im Zentrum der Stadt ein buntes Hochzeitsfieber grassiert, bietet sich uns ein Kontrast aus Tradition und Moderne, wie er grösser kaum sein könnte.

Unbeeindruck von dem Trubel halten die mongolischen Krieger auf dem Hauptplatz ihre Stellung. Im Wissen, dass sie dies auch weiterhin tun werden, können wir getrost nach Südkorea fliegen.

Wir hatten für diesen Teil aufgegeben, doch es war aufgrund der Umstände richtig so. Es war an der Zeit, die Mongolei zu verlassen. Auch um das unvergleichliche Land und die freundlichen Menschen in guter Erinnerung behalten zu können. Bayarlalaa, Mongolia! Danke!

Next Stop Südkorea. Die Reise geht weiter!

Sibirien | Odyssee zum Baikalsee

September / Oktober 2017
13 Tage im Sattel / 9 Ruhetage
1019 km, 95 % asphaltiert

Schnee — ein Wintereinbruch bremst uns aus
Asphalt — Hauptstrassen und ihre Vorteile
Sibirien — an den Ufern des Baikalsees

ROUTE (nur gefahrene Strecke auf Karte markiert | Kjachta (Grenze Mongolei) — Novoselinginsk — Gussinoosjorsk — Ulan-Ude— Tarbagatai — Podlopatki (ca. 30 km Umweg zu Brücke) — Novoselinginsk — Selenduma — Tsaydam — Gussinoosjorsk — (Minibus nach Ulan-Ude) — Ulan-Ude — Babushkin — Baikalsk — Sludjanka — Irkutsk — (Minibus nach Ulan-Ude, Zug nach Naushki, Grenze Mongolei) GPS Tracks & Detailkarte hier

 

Sibirien — Taiga, Bären, Wölfe und endlose Wälder! In freudiger Aufregung rollten wir auf den mongolischen Grenzposten zu, wo wir prompt abgewiesen und zu einem anderen Tor umgeleitet wurden. Dort empfing man uns noch eine Spur unfreundlicher und liess uns wissen, dass Fahrräder nicht erwünscht wären — alles auf Mongolisch wohlgemerkt und leider ohne Untertitel.  Nach längerer Beratung stellte sich heraus, dass das Überqueren der Grenze auf Fahrrädern verboten ist. So wurden unsere Räder auf die leeren Lastwagen zweier hilfsbereiter mongolischer Trucker verladen und wir wurden ausgestempelt. Die Reise ins 500 m entfernte Russland konnte beginnen. Sie würde insgesamt fünf Stunden dauern. Drüben wurden unsere Räder ausgeladen (von uns) und kontrolliert (von Zöllnern und Hunden). Unsere Dokumente wurden geprüft, wir wurden über Sinn und Zweck unserer Reise befragt, fotografiert und schliesslich eingestempelt. Auch auf der russischen Seite war — wie könnte es auch anders sein — Radfahren verboten! Nochmals hievten wir die Räder auf die Ladeflächen und legten auch die verbleibenden 50 m bis zum Tor regelkonform auf mehr als zwei Rädern zurück.

Erste Kilometer in Sibirien. Wo sind die Jurten geblieben?

Ausserhalb der Städte ist die Infrastruktur einfach gehalten – auch diese Tankstelle.

Die wenigen Dörfer sind oft mehr Schein als Sein.

Nach drei Tagen im Sattel erreichen wir die Stadt Ulan-Ude.

Wie immer in einem neuen Land waren die ersten Tage spannend. So bescherte uns der erste Besuch in einem Supermarkt im kleinen Städtchen Kjachta, direkt an der Grenze, einen zünftigen (!) Kulturschock und ein Déjà-vu — dasselbe ‚Wow, wie zuhause!‘-Gefühl hatten seinerzeit auch ein ‚Spar‘ in Namibia und ein ‚Carrefour‘ in Vorkriegs-Syrien bei uns ausgelöst. Die erste grössere russische Stadt, das knapp 300 km vom Grenzübergang entfernt gelegene Ulan-Ude mit immerhin 400’000 Einwohnern, erreichten wir in drei Tagen gegen den Wind.

Ulan-Ude, 400’000 Einwohner

Auf dem Markt wird klar, wir sind in Russland…

…sonst spätestens hier: Lenins Kopf — mit asiatischen Gesichtszügen wohlgemerkt! — prangt 8 m hoch und 22 t schwer im Zentrum von Ulan-Ude.

Zum ersten Mal auf dieser Reise legten wir in Sibirien nun längere Distanzen auf einer asphaltierten Hauptstrasse zurück. Wir genossen das Gefühl des Vorwärtskommens und machten von der Möglichkeit, zwischendurch in einem Café ‚Borscht‘ (Suppe mit Roter Beete, ein Klassiker!), ‚Lagman‘ (Suppe mit Nudeln und Gemüse) und ‚Piroschkis‘ (gefüllte Teigtaschen) zu verputzen, regen Gebrauch! Um diese hier schon späte Jahreszeit war der Schiffsverkehr auf dem Baikalsee bereits eingestellt. Ein Abstecher weiter nordwärts blieb uns somit verwehrt. Denn auch eine Umrundung des 600 km langen und an einigen Stellen über 1600 m tiefen ostsibirischen Sees — hier gibt es übrigens Robben! — ist entlang der Küste nicht möglich.

Beim Studium der Karte auf der Suche nach Alternativen drängte sich eine südlich zum Baikalsee verlaufende Bergkette samt Überquerung derselben geradezu auf! So war eine aussichtsreiche Route schnell gefunden. Ein Stück davon war früher Teil der ‚Great Tea Road‘, einer Handelsstrasse, über die vom 17. bis ins 19. Jahrhundert Tee von China nach Russland und weiter westwärts transportiert wurde. Einmal mehr studierten wir Landkarten und stellten mittels ‚GoogleMaps‘ sicher, dass zu überquerende Flüsse auch wirklich mit Brücken versehen waren oder aber Fährverbindungen bestanden.

Beim Verlassen von Ulan-Ude ist der Verkehr teils dicht und die Strasse im Bau.

Die Menschen auf dem Land sind meist freundlich und bei näherem Kontakt ausserordentlich hilfsbereit. Auch dieser kleine Kerl fühlt sich sichtlich wohl bei uns. Noch lange hören wir ihn hinter uns winseln.

Doch wir müssen weiter, die Strasse ruft.

Fähren machen glücklich, denn Brücken sind spärlich gesät. Wir müssen dafür stundenlange Umwege in Kauf nehmen.

Gerade Umwege.

Gussinoosjoersk, Kohlestadt. Das nahe Bergwerk haben wir ungewollt durchquert.

Womit wir jedoch nicht gerechnet hatten, war ein plötzlicher Wintereinbruch. Dieser bremste uns nach vier ebenso kalten wie erlebnisreichen Tagen — zwar ohne Bären, dafür mit nächtlichem Wolfsgeheul! — komplett aus. Als wir am Morgen des vierten Tages an einer Tankstelle nahe Selenduma nach Wasser und dem Weg fragten, wurde schnell klar, dass dieser für uns hier nicht weitergehen würde. In den Bergen vor uns war über Nacht knietief Schnee gefallen. Dies bestätigte uns auch ein Passant in tarnfarbener, dicker Winterkleidung. Er komme gerade von dort oben. Wir verstanden nur die russischen Wörter ‚Schnee‘ und ‚Bären‘, doch allein der Anblick seiner arktistauglichen Winterstiefel erstickte auch noch den letzten Funken Hoffnung im Keim. Inzwischen hatte die freundliche Tankstellenbetreiberin ihren Vater, den Nachfahren von teebewachenden Kosaken, angerufen. Auch er riet uns dringend davon ab, in die Berge zu fahren, und empfahl uns gleich noch eine mögliche Alternative für den unvermeidlichen Rückweg nach Ulan-Ude. Dabei gerieten wir, nachdem wir zwei strassenversperrende Erdwälle überquert hatten (Because we can!), gleich noch mitten in ein grosses Kohlebergwerk — wo wir vom Wachpersonal auf eine Tasse Tee eingeladen wurden! Diese und weitere Begegnungen mit, trotz Sprachbarrieren, unglaublich hilfsbereiten und freundlichen Menschen entlöhnten uns reichlich für die 300 umsonst gefahrenen Kilometer.

Da wir dann jedoch keine Lust hatten, die Strecke zurück nach Ulan-Ude nochmals zu fahren, nahmen wir schliesslich ab Gussinoojoersk ein ‚Marshrutki‘, einen Minibus. Damit waren wir sozusagen wieder zurück auf Feld eins und vor uns lagen immer noch die 450 offenbar unumgänglichen Kilometer auf der Hauptstrasse nach Irkutsk und gleichzeitig der einzigen Verbindung von Moskau nach Vladivostok.

Wir kommen durch Dörfer….

…und wir schneuzen uns hinter bunten Wartehäuschen den Wind aus den Nasen.

Wir machen Abstecher ans Ufer des Baikalsees…

…und wir machen ‚russische‘ Gruppenfotos auf sibirischen Rastplätzen.

Und selbstverständlich besuchen wir sibirische Cafés!

Wir ergaben uns also ins Schicksal und bissen in den sauren Hauptstrassen-Apfel, der sich als süsser entpuppte, als wir vermutet hatten. Trotz des nasskalten Wetters kamen wir gut voran, gönnten uns aber den Luxus, in Truckstops und einfachen ‚Motels‘ zu übernachten und Energie in stark beheizten Cafés zu tanken. Solche fanden sich mindestens alle 50 km und dort fanden wir auch Zuflucht vor unverhofftem Regen oder Schnee.

Die Strecke lädt zum Verweilen ein.

Wir fahren auf jene Berge zu, welche wir von der anderen Seite zu überqueren gedachten. Es liegt Schnee.

Dunkle Nadelwälder weichen unvermittelt feurigen Birkenwäldern…

…und alles verwandelt sich nach und nach in eine schimmernde Märchenlandschaft.

Auch hinter Leitplanken findet sich schönes.

Schliesslich dreht die Strasse ab und wir erhaschen letzte Blicke auf den kalten Baikalsee. Wo sind die Robben?

Plötzlich tanzen uns Flocken um die Ohren.

Schnee statt See.

Die Ausblicke sind atemberaubend und Temperaturen um den Gefrierpunkt treiben uns Tränen in die Augen.

Auch der Gegenverkehr tut das Seine.

Nach fünf Tagen und den erwähnten 450 km erreichten wir Irkutsk bei dichtem Schneegestöber. Auch während unseren vier Tagen in der schönen Stadt wechselten sich Sonnenschein und Schneeflocken teils im Zehnminutentakt ab. Irkutsk liegt malerisch an der Angara, dem einzigen Abfluss des Baikalsees. Mit über 600’000 Einwohnern ist sie eine der grössten Städte Sibiriens. Die westlich anmutende Stadt war uns mit ihren vielen Bäumen auf Anhieb sympathisch. Auch Lenin und Gagarin schienen sich hier heimisch zu fühlen, wenn auch nur in Form von Statuen. Trotz Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt lud Irkutsk mit vielen kleine Parks und verschiedenen Vierteln zum Schlendern ein.

Ankunft in Irkutsk. Das letzte Schneegestöber haben wir vor 10 min hinter uns gelassen, die nächsten Flocken lassen noch 4 min auf sich warten.

Der Verkehr in Irkutsk hält für Fussgänger. Konsequent

Traditionelle sibirische Häuser gehören immer noch zum Stadtbild von Irkutsk und Ulan-Ude.

Irkutsk lädt zum Schlendern ein, ob bei Schneefall oder Sonnenschein.

Die Stadt gefällt uns. Hier unser Vorschlag für eine weitere Statue in Irkutsks Strassen.

Wir wären länger geblieben, doch das  Ablaufdatum unseres russischen Visums erlaubte kein weiteres Trödeln. Den Rückweg in die Mongolei wollten wir per Bahn antreten und so die Strecke entlang des Baikalsees, die wir eben im Sattel erlebt hatten und die oft als schönes Teilstück der transsibirischen Eisenbahn bezeichnet wird, nochmals erleben. Doch dies sahen die untermotivierten Angestellten der Russischen Bahn anders und nach langem Hin und Her rückte ein Fahrradtransport mit der Bahn in weite Ferne. Frustriert nahmen wir schliesslich für die erste Hälfte der Strecke einen Minibus bis Ulan-Ude. Aber es liess uns keine Ruhe. Morgens um 4 Uhr fuhren wir in Ulan-Ude zum Bahnhof. Wir hatten dazugelernt. Diesmal erwähnten wir die Räder bei der Buchung erst, als unsere Tickets zur Grenze schon ausgestellt waren. Und siehe da, es funkionierte. Zwar hiess es auf dem Bahnsteig dann grimmig ‚NJET!‘, doch mit etwas ruhiger Beharrlichkeit sassen wir trotzdem kurz darauf im Zug nach Naushki, dem russischen Grenzbahnhof zur Mongolei. Dort angekommen mussten wir mit Sack und (Rad-)Pack aussteigen und am Schalter Tickets für die Weiterfahrt nach Sükhbaaatar kaufen, dem mongolischen Grenzbahnhof. Nach vier Stunden Wartezeit und einem weiteren gekonnt ignorierten ‚NJET‘ durften wir wieder einsteigen und sassen —  Hurra! — wieder im Zug. Dieser lieferte uns, weitere drei Stunden später und keine 20 km weiter südlich, in der Mongolei ab. Doswidanja, schönes Sibirien! Sain bainuu, Mongolia!

Die Transsibirische Eisenbahn bei Selenduma, wir kennen sie jetzt auch von innen.

 

Mongolei | der Weg nach Sibirien


September 2017
6,5 Tage im Sattel / 10 ‚Ruhetage‘
522 km, 20 % asphaltiert

Planänderung — geschlossene Grenzen & zermahlene Tretlager
Offroad nach Sibirien — über Dünen, Pässe & durch bunte Wälder
Amarbayasgalant — ein Kloster & kein Weg nach Norden
Tracks & Trails — wer sucht, der findet!

Route | Ulaanbaatar – Batsumber – Zuunkharaa – Bayangol – Khutul – Amarbayasgalant – Zuunburen – Sükhbaatar – Altanbulag
(Hier geht’s zu Detailkarte & gpx-Dateien)

Zwei Tage Erholung hatten wir uns in Murun (Mörön) gönnen wollen, doch wieder einmal kam alles anders als geplant. Denn Nachfragen ergaben, dass der nächste Grenzübergang nach Russland für Nicht-Mongolen und Nicht-Russen weiterhin gesperrt blieb. Damit hatten wir zwar insgeheim bereits gerechnet, mussten nun aber einen Umweg von 700 km zur russischen Grenze in Altanbulag in Kauf nehmen.

Letzte Blicke zurück nach Murun. Uns ist noch nicht bewusst, wie bald wir dorthin zurückkehren werden.

Alle Versuche, ein Tretlager aufzutreiben schlagen fehl. So kommen unsere übergrossen Räder zu Logenplätzen im Bus nach Ulaanbaatar.

Frischen Mutes und mit einer notdürftig zurechtgelegten Alternativroute zum nächstgelegenen, für alle Nationalitäten geöffneten Grenzübergang im Gepäck, rollten wir vier Tage später auf der Hauptstrasse aus Murun hinaus. Wir kamen sechs Kilometer weit — bevor wir mit Verdacht auf ein kaputtes Tretlager an Robins Rad umkehren mussten. Ein Verdacht, der sich bestätigte. Damit waren wir mit einem Problem konfrontiert. Die nächste Möglichkeit zur Beschaffung von Ersatzteilen war gut 800 km entfernt in der Hauptstadt. Versuche, uns ein Tretlager senden zu lassen, scheiterten am Fehlen des nötigen Spezialschlüssel zum Ausbau des Lagers. Einen solchen Schlüssel selbst herzustellen, beziehungsweise einen ähnlichen Spezialschlüssel für ein altes russisches Motorrad anzupassen, misslang ebenfalls. So blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Räder in einen Bus nach Ulaanbaatar zu packen, wo das Problem nach fünfzehnstündiger Fahrt im Handumdrehen gelöst werden konnte. Bei dieser Gelegenheit gönnten wir unseren Rädern auch neue Ketten — auch Ketten verschleissen — und der herzliche und kompetente Besitzer der ‚Giant‘-Mongolia-Vertretung stattete uns gleich noch mit einem Tretlager-Schlüssel für alle Fälle aus.

Wir waren bereit für die nächste Etappe, diese bedurfte jedoch etwas Planungsarbeit. Um die Hauptverkehrsachse zur russischen Grenze in Altanbulag zu meiden und möglichst nur ungeteerte Strassen zu befahren — es soll auch Spass machen! —, arbeiteten wir unter Zuhilfenahme dreier (!) verschiedener Landkarten sowie der Onlinekarten von ‚Openstreetmaps‘, ‚Google Maps‘ und ‚Google Earth‘ eine Route heraus, welche unwegsame, durch Flüsse abgetrennte Regionen verband. Sie stellte sich dann als abwechslungsreicher heraus, als wir zu hoffen gewagt hatten.

Ulaanbaatar verliessen wir auf geradem Weg nach Norden. Schon bald hatten wir Sand unter den Reifen und suchten unseren Weg quer durch die Berge. Den Anweisungen von Bauern folgend fuhren wir eine Route, die noch direkter war als jene, die wir im Vorfeld mittels Karten festgelegt hatten. Doch nicht alle Wege führten ans Ziel und wir standen eines Morgens vor verschlossenen Toren einer mongolischen Goldmine. Die Männer am Tor waren freundlich und hilfsbereit, doch Einlass wollte man uns nicht gewähren — und Goldbarren konnten wir aus der Ferne keine schimmern sehen. Schade eigentlich! Ein andermal fand unser Zelt aus Mangel an windgeschützten Alternativen seinen Platz zwischen Mähdreschern und Traktoren eines Camps von Feldarbeitern. Die offerierte Suppe war bei den kalten Temperaturen sehr willkommen.

Nördlich von Ulaanbaatar folgen wir immer wieder der Eisenbahnlinie.

Was wir in Südamerika und Australien gelernt haben gilt auch hier: Wo Telefonmasten sind, da ist meist auch ein Weg.

Wir kommen durch Dörfer, treffen Menschen und sorgen für Druck in den Reifen der Kleinsten.

Die Natur hält uns bei Laune, überrascht uns und lässt in dieser Gegend so manchen nach Gold suchen. Wir suchen das Glück und finden es, immer und immer wieder.

Wir fallen aus allen Wolken, als wir westlich von Bayangol plötzlich auf mächtige Dünen stossen. Umso grösser ist die Freude!

Die Pfade sind sandig. Wir feuen und verfahren uns, kommen aber trotzdem ans Ziel.

…und jagen dabei an manch einem bunten Ovoo vorbei…

…der Abendsonne entgegen.

Weiterhin zieren Jurten die Täler. Wir fragen aus Respekt um Erlaubnis zum Campen. Die Familien leben oft unter einfachsten Bedingungen und nehmen uns trotzdem mit offenen Armen auf. Schöne Momente, die uns nachdenklich stimmen.

Der Weg zum Kloster von Amarbayasgalant ist schön, abgelegen und unglaublich abwechslungsreich.

Nach zwei langen, kalten Regentagen geniessen wir die Sonne!

Eine willkommene Abwechslung auf halber Strecke nach Norden bot das buddhistische Kloster von Amarbayasgalant. Es war, dank seiner Abgeschiedenheit in den Bergen, relativ gut erhalten geblieben und lud zum Verweilen und Aufwärmen im kleinen Dorf mit dem selben Namen ein. Dass so ein Ort allerdings nur über zwei holprige Jeep-Tracks von Süden her erreichbar sein soll, konnten und wollten wir nicht glauben. Wir bohrten nach, suchten auf Google Earth nach Spuren und bekamen schliesslich Hinweise auf einen Track, welcher uns nach Norden — oder vielleicht nach Osten? — führen mochte. Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen und brachen schliesslich auf. Zwei Tage lang fragten wir uns durch und kamen dabei durch leuchtend gelbe Wälder, wir stiegen über Pässe in Täler, die über weitere Pässe in andere Täler führten. Wir unterbrachen Nomaden beim Ausnehmen einer Ziege, bekamen aus blutigen Händen Käse geschenkt, wurden vor Wölfen gewarnt und hofften dabei immer, unser Ziel auch wirklich auf dem eingeschlagenen Weg erreichen zu können. Was wir nicht ganz ohne Erleichterung auch taten. Unter tosendem Beifall eines strahlenden Regenbogens überquerten wir, sieben erlebnisreiche Tage und 490 holprige, aber vielfältige Kilometer nach unserer Abfahrt aus Ulaanbaatar, den Fluss Orkhon nahe der kleinen Stadt Sükhbaatar — und hatten damit wieder Asphalt unter den Pneus. Es trennten uns nur noch 30 km bis zum kleinen Grenzort Altanbulag. Dahinter lag Sibirien.

Das Kloster von Amarbayasgalant, von Bergen beschützt, scheint es uns voller Teenager-Mönche zu sein.

Wir verlieren uns in den Details und Malereien des Klosters.

Sonnenstrahlen lassen das Gold für uns leuchten und wir fühlen uns nach Tibet zurückversetzt.

Amarbayasgalant, weniger ein Dorf als ein Tal voller Jurten.

Während die Menschen im Dorf ihrem Alltag nachgehen….

…wacht Buddha über dem Dorf, in Stein gemeisselt…

…und mit Gold überzogen.

Beim Kloster von Amarbayasgalant sind wir laut Karten in einer Sackgasse. Dies können und wollen wir nicht glauben. Vagen Hinweisen von Einheimischen folgend erfragen wir uns die folgenden zwei Tage unseren Weg nordwärs. Dieser führt uns über Pässe, durch leuchtend gelbe Wälder…

…und über tausend rollende Hügel. Felder soweit das Auge reicht, in der Mongolei ein seltsames Bild.

Hier werden Jurten von Mähdreschern verdrängt. John Deere is here!

Schliesslich werden wir von den Windungen des Selenge in unsere Schranken gewiesen. Dieser mächtige Fluss, er mündet später in den Baikalsee, zertrennt den Norden der Mongolei und ist auch für uns ein unüberwindbares Hindernis.

Gewitterwolken treiben uns 30 km vor sich her — und ziehen dann in Sekunden über uns hinweg.

Was bleibt ist ein fantastischer Regenbogen über dem Orkhon.

Mongolei | über Stock und Stein nach Mörön


August 2017
4,5 Tage im Sattel / 4,5 ‚Ruhetage‘
280 km, davon nichts asphaltiert

Durch Flüsse, über Pässe & gegen den Wind
Umzug ins Wintercamp — mit Sack, Pack & Herden
Verblüffende Vielfalt — Taiga, Tibet, Alpentäler

Route | Tariat – Jargalant – Shine Ider – Mörön (Murun)
Hier geht’s zu Karte, GPX- & KML-Dateien.

Mörön, Moron, Murun, Muruun — der Name unserer nächsten, knapp 300 km entfernten, Destination war unaussprechlich. Und jetzt pfiff uns auch noch der Wind mit freudig unangenehmer Stärke von genau dort ins Gesicht. Darauf hatten wir bereits klägliche
15 km hinter Tariat keine Lust mehr. Da kam das einladende Winken des freundlichen Besitzers eines touristischen ‚Ger‘-Camps am Nordufer des malerischen Tsaagaan Nuur gerade recht. Wir schoben unsere Räder in Jurte Nr. 2, heizten den kleinen Holzofen kräftig ein und verbrachten den Nachmittag lesend in der Wärme, während draussen der kalte Wind pfiff.

Der Holzofen, Kochherd und Wärmespender zugleich, bildet den Mittelpunkt jeder Jurte.

Das Nordufer des grossen ‚Tsaagan Nuur‘ windet sich vor uns in der Morgensonne.

Manchmal macht Aufgeben Spass — und auch Sinn. Als wir nämlich am nächsten Morgen unsere Räder aus der warmen ‚Ger‘ schoben, hatte sich der Wind beinahe gelegt.

Bereits auf den ersten 40 km entlang des Seeufers durften wir Dutzende kleine Flussläufe und Bäche durchqueren. Also Schuhe ausgezogen (ja, dank der frischen Temperaturen fuhren wir in Schuhen), Tiefe ausgelotet und dann munter durchgewatet. Wir kamen gut voran und verschwanden schon bald landeinwärts in den Bergen. Die Strecke war auf ihrer gesamten Länge abwechslungsreich und bot von tibetisch anmutenden Hochtälern, alpinen Flussläufen und Taiga-Wäldern bis zu bizarren Felsformationen, als wären sie  direkt aus dem Norden Argentiniens oder dem marokkanischen Atlas importiert jede Menge Abwechslung. Vor allem aber stellte sie uns täglich mindestens einen Pass bereit. Diese Pässe waren zwar nicht hoch, hatten es aber dank der ausgefeilten, nämlich  schnurgeraden mongolischen Routenführung — man denke an ‚Hillclimbing‘ — oft in sich. Und sollte zwischen Pässen und Flüssen doch einmal Langeweile aufkommen, wurden die staubigen Reisenden durch zweckmässig eingestreute Abschnitte knochenverschiebender Wellblechpiste wachgeschüttelt.

Für uns hält die Küste kleine und grosse Hügel bereit….

….und Flussmündungen halten unsere Reifen und Füsse sauber.

Flussebenen können sumpfig sein. Wer trocken bleiben will macht Höhenmeter.

Radlerfreundlich sind kleine Dörfer im Abstand von jeweils etwa 70 km eingestreut.

Brücken trifft man selten an und oft sind sie in desolatem Zustand. Nicht so unsere Räder.

Jeder scheint sich seinen Weg zu suchen.

Auch von tierischer Seite war für Abwechslung gesorgt! Die nächste Yak-, Schaf- oder Ziegenherde war nie weit und die Tiere tummelten sich in allen erdenklichen Hanglagen. Die besten Plätze befanden sich aber offensichtlich meist auf der Strasse! So wurde uns dann die zweifelhafte Ehre zuteil, regelrechte Massenpaniken auszulösen.

Nicht alle Tiere flüchten mit der Herde.

Andere lassen sich auch durch uns nicht von ihrem Aussichtspunkt vertreiben.

Der Verkehr hielt sich in Grenzen, war aber mit zwischen 20 und 30 Fahrzeugen pro Tag reger als auf vorangegangenen Etappen. Immer wieder begegneten uns einzelne mit Hab und Gut, Kind und Kegel und Motorrad be- und überladene, kleine chinesische Transporter oder grosse russische Lastwagen. Der mongolische Winter ist kalt und lang und der Countdown läuft. So machen sich schon einzelne Familien oder ganze Sippen auf, um sich in ihrem Winterlager auf den harten Winter vorzubereiten und Brennholzvorräte anzulegen. Im Sattel ihrer Pferde und Motorräder sitzend, trieben ganze Hirtenfamilien johlend und hupend ihre manchmal bis zu tausend Tiere zählenden Herden durch die Täler. Das Beobachten dieses Treibens lehrte uns Verständnis für das ausgedehnte mongolische Zeitgefühl und die oft stoische Geduld der Mongolen. Denn die Tiere, allen voran die Ziegen, waren ein kaum zu bändigendes Pack und hatten häufig ihre eigenen Vorstellungen betreffend Richtung und Bewegungsgeschwindigkeit!

Umzug mit Kamelen und Wagen war einmal…

…heute muss grosses Gerät aus russischer Produktion her!

Weiterhin campierten wir in der Nähe von Nomaden, wo wir wunderschöne Campspots fanden und man sich rührend um uns kümmerte. Wir wurden mit selbst gemachtem, gezuckertem Yak-Joghurt verwöhnt oder bekamen die Erlaubnis, unser Zelt am schönsten Platz am Fluss aufzustellen — diesen Platz dann auch wirklich mit all seiner natürlichen Schönheit und Ruhe zu geniessen, war jedoch schwierig. Die uns geschenkte Aufmerksamkeit der gastgebenden Familien — oder einfach unser scheinbar immenser Unterhaltungswert? — war so gross, dass wir erst zur Ruhe kamen, wenn wir kurz vor Sonnenuntergang ins Zelt krochen. Bis dahin sass man um uns herum, bestaunte uns, sprach über uns, verhandelte uns, begutachtete unsere Sachen und war einfach fasziniert. Der Abend an dem die zwei Radfahrer da waren, wird wohl allen in Erinnerung bleiben, auch dem Nachbarn, zu dessen Ehren man uns morgens um sieben wieder aus dem Zelt klopfte. Erst als wir in die Pedale stiegen, kehrte der Alltag ein. Yaks wollten gemolken werden, Motorräder wurden gestartet, Herden in die Hänge getrieben, und aus den Kaminenrohren der Jurten stieg Rauch.

Flussläufe und Campspots zum verlieben…

…serviert mit Yak-Joghurt aus der ‚Ger‘ (Jurte‘) nebenan.

Gross und klein, alle sind sie da! Auch von dieser Hirtenfamilie werden wir mit offenen Armen empfangen.

Manch eine Flusswindung ist so einladend, dass wir um eine Pause einfach nicht herumkommen.

Manchmal spielte alles mit. Dunkle Regenwolken zogen tatenlos vorüber, Regen fiel neben und nicht über uns, der Wind schob uns an, und die Flüsse waren glasklar und genau dann zur Stelle, wenn sich die Flaschen zu leeren drohten.

Doch die Freude sollte nicht lange währen. Im Laufe des dritten Tages, keine 80 km vor Murun, wurde Daina flau im Magen. Trotzdem kämpfte sie eine Steigung nach der anderen hoch und ertrug das Durchschütteln der Gedärme in den anschliessenden Abfahrten tapfer. Je weiter der Tag voranschritt, um so schlechter ging es ihr. Eine ungeschriebene Regel scheint zu besagen, dass dies nicht an Orten geschieht, an denen man sich einfach unter den nächsten Baum, ins Gras oder gar in ein Hotelzimmer legen kann. Nein, es ereilt einem in unwirtlichen Gegenden mit einem Ende-der-Welt-Flair. So schleppte sich Daina gegen Abend, nach einem kurzen Powernap im Staub und einer anschliessenden spontanen Magenentleerung, einen weiteren steilen Hügel hinauf. Als sich dann, oben angekommen, hinter einem Regenschleier und unter einem unglaublich leuchtenden Regenbogen, eine Ebene abzeichnete, war sie gerettet. Wir schlugen unser Zelt auf, krochen sogleich hinein und verbrachten eine Nacht in kollektiver fiebriger Übelkeit. Diese, wohl von einer Lebensmittelvergiftung stammenden, Übelkeit, hatte mittlerweile auch Robin im Griff. Vielleicht Lust auf Yakbutter aus dem Eimer?

Die Pfade in der Mongolei sind endlos und verworren.

Manch eine Abfahrt ist mit grossen Steinen gespickt und mit Schlaglöchern gewürzt.

Wir würzen unseren Mittag teils mit einem Nickerchen am Wegrand.

Oder lassen es auf der Abfahrt krachen.

Am nächsten Morgen ging es uns bereits etwas besser und weiteres Erbrechen half, wieder halbwegs munter zu werden. Doch da wir am Vorabend nichts mehr hatten essen können, fehlte beiden Kraft und Saft. Der 10 km lange Anstieg zur Passhöhe, keine 500 Höhenmeter höher gelegen und eigentlich ein Klacks, war ernüchternd qualvoll und wir kämpften um jeden Meter. Kurz nach der Passhöhe plötzlich ein kleines Restaurant vorzufinden war für die Mongolei äusserst ungewöhnlich — und in diesem Moment ein Segen. Im Regal strahlte uns dort eine grosse Flasche Coca Cola an, die uns wieder zu Kräften bringen wollte — was sie auch tat! Die Welt wurde langsam wieder bunt, die Sonne zeigte sich, die Strasse neigte sich und wider Erwarten konnten wir die noch verbleibenden 30 km nach Murun tatsächlich geniessen.

Mit der rettenden Flasche Coca Cola sitzen wir in der Sonne…

….und verputzen dann im Restaurant eine Portion ‚Guilasch‘.

So blühen die Blumen bald wieder für uns und wir erreichen Mörön (Murun) bei bester Laune, wenn auch nicht ganz gesund.