Argentinien & Chile | Tierra del Fuego

April 2015
698 Kilometer
9 Tage, wovon 0 radfrei

Gastfreundschaft in karger Wildnis
Küste, Pampa & rollende Hügel
eine weitere gestörte Nacht
angekommen am Ende der Strasse am ‚Ende der Welt‘

ZAHLEN ZUR REISE
22 Monate | 13 Länder | 20 Grenzübertritte
18’394 gefahrene Kilometer
221’409 gefahrene Höhenmeter

ROUTE | Punta Arenas – Fähre – Porvenir – Pingüinera – Camerón – Forestal Russfin – Pampa Guanacos – Paso Bellavista / Paso Radman – Rio Grande – Lago Yehuin – Tolhuin – Lago Escondido (Hosteria Petrel) – Ushuaia – Lapataia – Ushuaia

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Route Punta Arenas – Ushuaia

DURCH FEUERLAND: VON PUNTA ARENAS NACH USHUAIA

3’764 km nachdem wir am 2. Januar Santiago de Chile verlassen hatten, erreichten wir, nach einer ereignisreichen Tankstellenübernachtung in der Pampa, schliesslich Punta Arenas. Was uns als hektische Hafenstadt ohne viel Flair beschrieben worden war, traf genau unseren Geschmack. Die Stadt war lebendig, wies ein angenehmes Mass an Unordnung auf und wir hätten problemlos noch ein paar weitere Tage dort verbringen können, wäre nicht etwas Eile angesagt gewesen. Der patagonische Winter sass uns seit Wochen im Nacken und hatte uns in den letzten Wochen bereits wiederholt seine eisigen Krallen gezeigt.

Immerhin hatten wir aber etwas Zeit gefunden, um die Machbarkeit verschiedener Routen durch Feuerland zu überprüfen. Anstatt die, zwischen Chile und Argentinien geteilte Insel, wie ‚üblich‘ erst im Norden von Osten nach Westen zu durchqueren und dann an der Atlantikküste gemeinsam mit dem ganzen Schwerverkehr südwärts zu fahren, wollten wir lieber im Landesinneren bleiben. Ja, am liebsten wären wir im chilenischen Teil entlang der Grenze nach Puerto Yendegaia am Beagle-Kanal gefahren! …immerhin war auf mindestens einer Karte ein Wanderpfad eingezeichnet. Bloss wohin dann? Würden wir von dort wieder wegkommen, gar nach Puerto Williams, noch südlicher als Ushuaia gelegen, mit einem Schiff übersetzten können? Unter anderem sprachen wir in Punta Arenas bei der, für die Grenzen zuständige, ‚Policia Internacional‘ vor. Wo man uns sehr freundlich und ausführlich über -Strassenverhältnisse und mögliche Grenzübergänge informierte, uns aber wissen liess, dass man uns nicht so weit südwärts reisen lasse. Die Strasse wäre dort nämlich noch im Bau – für uns eigentlich kein Problem, für sie scheinbar schon. Aufgrund dieser Aussagen entschieden wir uns für eine nicht ganz so abenteuerliche, aber trotzdem verlockend klingende, sozusagen ‚diagonale‘ Route durch Feuerland, auf der nur die letzten 100 km geteert sein würden.

So sattelten wir an einem regnerischen Sonntagmorgen in Punta Arenas wieder einmal unsere Räder, und fuhren durch die nassen und noch stillen Strassen der Stadt zum Hafen. Denn noch trennte uns die Magellanstrasse und eine 2 1/2 stündige Überfahrt mit einer Fähre von der – wenigstens dem Namen nach – feurigen Insel.

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Dieses Robust wirkende Fähre begann, kaum hatten wir den Hafen verlassen, zünftig zu schwanken. Aber wir erreichten damit Porvenir

Tierra del Fuego, Feuerland. Ein magischer Name und die letzte Etappe auf unserem Weg an die Südspitze der Amerikas. Ausserdem ein weiterer Teil der Welt, den zu besuchen nie unser Plan gewesen war. Doch Pläne ändern sich glücklicherweise. Jetzt waren wir da und liessen uns von angenehmem Rückenwind die 7 km vom Hafen in die Stadt schieben, wo wir sogleich von einem Hund begrüsst wurden. Er war von uns dermassen begeistert, dass er uns für die nächsten 34 km begleitete! Nun südwärts fahrend, war es vorbei mit windgetriebenem, leichtem Rollen. Während der blonde Fellknäuel freudig vor uns her trabte, kämpften wir vier Stunden lang gegen starke Windböen an. Diese gaben sich alle Mühe, uns von unseren Rädern oder unsere Räder unter uns weg zu blasen, was ihnen teils auch gelang. Da waren sie nun also, die berüchtigten patagonischen Winde!

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Unser blonder Begleiter konnte Wind und Wellen mehr Freude abgewinnen als wir.

An ungeschütztes Zelten war so nicht zu denken. Als der Nachmittag voran schritt, hielten wir nach möglichen Windschutz für die Nacht Ausschau. Nun an der kargen Küste entlang fahrend, passierten wir immer wieder kleine Blech- und Bretterbuden, meist keine 10m vom Meer entfernt und inmitten eines Wirrwarrs von Körben und Netzen – Fischerhäuschen. Vor einem solchen trafen wir Carlos, einen Fischer, der gerade dabei war, seine frischen Kartoffeln zu ernten. Er lud uns ein, die Nacht in seinem kleinen Heim zu verbringen und konstruierte dazu eigens behelfsmässige Betten für uns. Während draussend der kalte Wind pfiff, sassen wir abends am wärmenden (heissen!), von Carlos selbst konstruierten Ofen beisammen, sprachen über Gott und die Welt, das Leben auf Feuerland, die Einflüsse vom Festland und die politischen Verhältnisse in diesem abgelegenen Teil Chiles.

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Carlos – Fischer, Gastgeber, Denker & Leseratte

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Nicht nur dieses Auto hinter Carlos‘ Hütte machte sich gut in der Morgensonne…

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…auch andere wollten posieren.

Beeindruckt von Carlos und seiner Gastfreundschaft verabschiedeten wir uns am nächsten Morgen. Er wollte die restlichen Kartoffeln retten, wir möglichst weit kommen. Zunehmend von Rückenwind getrieben holperten wir entlang der kargen Küste durch die hügelige Landschaft, mal direkt am Strand mit Blick auf spielende Delfine, dann weiter landeinwärts mit Blick auf Schafe und erreichten gegen Abend eine Kolonie von Königspinguinen, der einzigen ausserhalb der Antarktis. Was idyllisch klang, war dann eine etwas ernüchternde Erfahrung. Da sich die kleinen Kerle auf privatem Boden eingenistet hatten, war ein Erdwall um sie herum aufgeschüttet worden. Um den finanziellen Wohlstand der Landbesitzers zu sichern, wurden sie so vor neugierigen Blicken von der nahen Strasse bewahrt. Das Resultat war ein Zoo-Feeling und eine Flut von Verbotsschildern. Die Pinguine in der Ferne waren trotzdem schön.

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Die Königspinguine waren sicherlich ein Highlight, hinterliessen aber einen müden Eindruck…

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…einige schliefen ausgestreckt, andere reckten und streckten sich und manche stritten.

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Aber Tierra del Fuego bot mehr Guanacos als Pinguine. Wir wurden für viele von ihnen zum Inbegriff von Angst und Schrecken.

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Schafe verlockten so manchen auf Feuerland zum Schafsdiebstahl beim Nachbarn. Die Polizei zum Beispiel.

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Schafs-Rush-Hour: Patagonischer Stau.

Obwohl sich das Wetter immer mal wieder etwas regnerisch-verstimmt zeigte, erlebten wir Feuerland von seiner besten und gastfreundlichsten Seite. Da man uns nicht, wie von anderen Radfahrern berichtet und daher geplant, bei der ‚Pinguinera‘ hatte kampieren lassen, hatten wir an jenem Abend etwa um Campier-Erlaubnis nahe einer Finca (Farm) gebeten, was uns von einem Arbeiter erlaubt wurde. Als wir um neun Uhr abends gerade ins Zelt kriechen wollten, näherte sich uns ein Auto aus der Dunkelheit. Lachend und mit einer Zigarette im Mundwinkel sprang der Arbeiter heraus, drückte Robin ein in Alufolie gewickeltes Paket voller dampfender ‚Empanadas‘ (gefüllte Teigtaschen) und selbstgemachte Brote in die Hände. Wir waren verblüfft und gerührt von so viel Herzlichkeit – und machten uns, sobald er davon gebraust war, über die Köstlichkeiten her.

Auch die folgenden Nächte suchten und fanden wir Schutz vor Wind und Wetter. Im ehemaligen Goldschürferort Russfin durften wir eine regnerische Nacht trocken in einem leerstehenden Häuschen am Rande eines industriellen Forstbetriebs verbringen und nachdem wir am kleinen Grenzübergang ‚Bellavista‘ unsere Räder durch einen Fluss über nach Argentinien gewuchtet hatten, bot man uns ein trockenes Plätzchen im Grillpavillon des Zolls an. Beim Checkpoint der Polizei ausserhalb der Stadt Rio Grande wollte man uns allerdings nicht, dafür nahmen uns die Mannen der Nachtschicht im städtischen Wasseraufbereitungsbetrieb, keine drei Kilometer weiter, freundlich auf und liessen uns gleich auch noch in ihrer warmen Küche kochen.

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So stark hat uns der Wind nicht zugesetzt….

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…auch wenn er auch mal salzig vom vorne kam.

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Aber alle 100 km fanden sich mitten im Nichts solche Häuschen. Refugios und Bushaltestellen. Perfekt zum Mittagessen.

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In diesem verlassenen Haus bei Russfin durften wir eine geschützte Nacht verbringen.

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Immer wieder kamen wir an Estancias vorbei. Farmen, mal nahe und mal weit entfernt. Mal schienen sie belebt und dann wieder scheinbar ausgestorben. Manche davon zählen bis zu 1’000’000 Schafe.

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Tierra del Fuego war selten flach.

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Oft waren die letzten Ausläufer der Anden im Süden sichtbar, nach Regentagen verschneit.

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Die Wälder zeigten sich bereits herbstlich. Farbig.

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Dieser Fluss am Grenzübergang Bellavista war kühl und sorgte für Abwechslung. Die Nacht im Pavillon an der Grenze dann dafür warm.

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Bereits in Argentinien, Rio Grande nicht mehr weit.

Nachdem wir uns am nächsten Tag nach nur 8 km wieder einmal gegen Asphalt und für Schotter entschieden hatten, erreichten wir gegen Abend den kleinen, gut versteckten Lago Yehuin. An dessen Ufer fanden wir einen wettersicheren Platz für unser Zelt in den etwas gespenstischen Ruinen einer verlassenen Hotelanlage.

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Immer mit Blick auf die weissen Berge der Cordillera, erreichten wir…

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…den idyllisch erscheinenden Lago Yehuin

Dunkelheit lag über dem See und Daina war eben ins Zelt gekrochen, als Robin keine 30m entfernt im Gebüsch ein Licht aufblitzen sah. Im selben Moment hörten wir auch schon die Reifen eines Autos heran preschen, begleitet von lautem Hupen. Es blieb gerade noch der (nicht sehr vielversprechende) Griff zur Machete, als schon ein Geländewagen mit Volllicht und immer noch hupend auf den Kiesplatz vor uns zu stehen kam. Sekunden vergingen. Das Hupen ging weiter, doch nichts geschah. Die Türen blieben geschlossen und dann gab der hinter dunkeln Scheiben verborgene Fahrer wieder Gas. Zurück blieb Staub und Schrecken. Was war eben passiert? Woher war der hupende Wagen mitten im Nichts aufgetaucht – wir hatten auf den letzten 80 km bloss drei oder vier Estancias passiert!? Würden er zurück kommen oder wollte man uns bloss vertreiben? War es eine Warnung gewesen, eine Drohung oder bloss ein übler Scherz? War noch jemand im Gebüsch oder würde man uns auflauern?

Wir mussten weg, soviel war klar. Hier würden wir so oder so kein Auge mehr zu tun. Möglichst schnell packten wir im Schein unserer Stirnlampen Alles zusammen. Déja Vù! Bevor wir unser Zelt in den Ruinen aufgeschlagen hatten, waren wir keine 10 km entfernt bei einer Estancia mit der Bitte um einen geschützten Nachtplatz abgewiesen worden. Trotzdem entschieden wir uns jetzt, aus Mangel an Alternativen, nochmals dorthin zurück zu fahren. So verliessen wir keine 10min nachdem das Hupen verklungen war, die Ruine. Nervös rollten wir auf verräterisch laut knirschenden Reifen im Dunkeln der Estancia entgegen. Als wir diese eine gefühlte Ewigkeit später auch erreichten, nahm uns der chilenische Knecht, nachdem wir den Vorfall geschildert hatten, diesmal herzlich und ohne Zögern auf. Wir verbrachten den Rest des Abends gemeinsam plaudernd in der warmen Küche bei Kaffee und frischem Gebäck. Der Abend hätte gegensätzlicher nicht sein können!

Mit der ‚Panaderia La Union‘ in Tolhuin, gut 100 km von Ushuaia entfernt, liefen wir am folgenden Abend einen sichereren Hafen an. In der wohl berühmtesten Bäckerei des Kontinents fanden wir Unterschlupf – wie schon Hunderte, wenn nicht Tausende vor uns. Seit Jahren stellt der grosszügige Bäckermeister Reisenden, ob mit Rad, Motorrad oder zu Fuss, in einem kleinen Zimmerchen hinter der Backstube gratis ein Bett zur Verfügung. Die drei Betten waren zwar schon besetzt, wir fand aber am Boden dazwischen gerade noch etwas Platz für uns und unsere Matten. Zu unserem Erstaunen durften wir nicht nur die Dusche neben der Backstube benutzen, sondern auch in einer zweiten, kleineren Backstube kochen – während dort gearbeitet wurde. Als Dank haben wir dann kräftig Gebäck verputzt!

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Die Spuren des Kommen und Gehens vieler, vieler Reisender an den Wänden des kleinen Gästezimmers der Panaderia ‚La Union‘.

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Ushuaia kam näher, daran gab es nichts zu rütteln.

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Erste Blicke auf den Lago Fangnango.

Was blieb waren noch 104 km. Für diese sozusagen letzten Meter unserer Reise wollten wir uns Zeit nehmen um am liebsten nochmals ‚im Dreck zu wühlen‘. Wer sucht der findet, wenn auch nur einen kurzen Abschnitt der ehemaligen Hauptstrasse. Diese gerade mal knapp sieben Kilometer waren ein Genuss. Ohne Verkehr rollten wir, vor Freude euphorisch, über die mit Gras überwachsene Piste, bis wir irgendwann, etwas weniger euphorisch, vor einer unüberwindbaren Brücke (schwimmen wäre möglich gewesen) standen. Ein Bauer auf der anderen Seite teilte uns mit, dass wir die ‚Ausfahrt‘ zurück zur Strasse verpassten hätten. Dank seinen Erklärungen fanden wir dann aber trotz Dickicht und umgestürzten Bäumen zurück zur Strasse. Wir hatten im Laufe des Nachmittags nicht einmal 10 km zurückgelegt.

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Die Erlaubnis zum Betreten hatten wir, zum Campieren scheinbar nicht.

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Als es immer sumpfiger wurde halfen meist Brücken in unterschiedlichen Verfallsstadien…

...aber nicht immer.

…aber nicht immer.

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Jedenfalls überzeugte das Panorama…

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…immer!

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Der Rückweg zur Strasse war nicht immer so einfach. Auch Wurzeln umgestürtzter Bäume stelten sich quer.

Pünktlich mit den letzten Sonnenstrahlen erreichten wir den kleinen Lago Escondido und die zerfallenden Cabañas der ehemaligen ‚Hosteria Petrel‘, einer velassenen Hotelanlage. Im noch wohnlichen Häuschen Nr. 6 trafen wir auf Tom, dem Australier. Ihn hatten wir am Vorabend in der Panaderia wieder getroffen und uns provisorisch hier verabredet. Wie auch wir wollte er Ushuaia nicht in einem Tag erreichen und so die Ankunft in Ushuaia und damit das Ende des Abenteuers, noch etwas hinauszögern. In dieser Nacht wurden wir weder von Locos noch von hupenden Autos gestört.

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Unsere luxuriösen Cabañas am Lago Escondido…

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…welcher am nächsten Tag nach einem kurzen Anstieg zum ‚Paso Garibaldi’…

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…auch von oben einen guten Eindruck hinterliess.

Nach der kalten Nacht war die Strasse über einen kleinen Pass teils noch vereist. Vorsichtig und vor Kälte schlotternd rollten wir nun gemeinsam mit Tom, meist stillschweigend und gedankenversunken,  dahin. Das Ziel war nahe – und damit auch das Ende des Abenteuers. Was dann? Wie würden wir uns fühlen? Das Ende nach 52 km kam dann abrupt hinter einer Kurve. USHUAIA, geschafft! Wir wurden von einer Flut von Gefühlen überschwemmt: Freude über die Ankunft mischte sich mit Stolz über das Erreichte, Traurigkeit über das Ende und Angst vor dem Leben danach. Glück war wenig dabei und wir lenkten uns damit ab, Siegerfotos zu machen.

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Unter sommerlich-verlassenen Sesselliften hindurch…

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..und über ein paar Hügel…

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…erreichten wir Ushuaia.

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USHUAIA!

Nun blieb uns nur noch, uns mit der Realität des Angekommen-Seins anzufreunden, abzufinden und einen Tag später noch die letzten, obligatorischen 25 km bis ans ‚Ende der Strasse‘ an die Bucht von Lapataia am Beagle Kanal zu fahren. Das Tacho zeigte 18’394 km gemessene Kilometer und 221’409 Höhenmeter.

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Während die Sonne über Ushuaia aufging, machten wir uns auf den Weg nach Lapataia…

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…dem Ende der Welt – oder wenigstens der Strasse. Für uns Kilometer 18’394.

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Dann hiess es im Hinterhof des Hostels Räder verpacken…

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…verladefertig, geschützt für den Flug (hier mit Toms Rad bereit zum einchecken)…

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…3’000 km nach Norden, nach BUENOS AIRES.

UND HIER NOCH DIE GALERIE:

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