Argentinien & Chile | durch Patagonien

März 2015

733 Kilometer

16 Tage, wovon 8 radfrei

Berge, Pampa & ignorierte Ausflugsziele
Guanacos, Nañdus & Kondore
Indoor-Camping & eiskalte Nächte
streikende Knie & gefährdete Pläne
Locos & gestörte Nächte

ROUTE | El Chaltén – ‚Pink House‘ (Parador Luz Divina, km 122) – El Calafate – El Cerrito – Tapi Aike – Cerro Castillo – Puerto Natales – Morro Chico – Villa Tehuelche – Gobernador Philipi – Punta Arenas

Chaltén nach Punta Arenas

Chaltén nach Punta Arenas

DURCH PATAGONIEN: VON EL CHALTÉN NACH PUNTA ARENAS

Unser erster Anlaufpunkt im zwar touristischen aber nicht überlaufenen Nest El Chaltén war das ‚Casa de Flor‘. Ein weiteres ‚Casa de Ciclistas‘ und scheinbar obligatorischer Halt auf dem hier gut gespurten ‚Reiserad-Trail‘. Hunderte von Reisenden campieren jedes Jahr in Flors Garten, so auch wir. Es sollte bei einer Nacht bleiben. Denn wie bereits im Casa de Ciclistas in Coyhaique wurden auch hier nicht nur verdreckte Radfahrer aufgenommen, sondern gleich auch noch junge Katzen aufgezogen. Diese übten sich in, um und unter den vielen Zelten in Krallenkletterei an den zarten Stoffen. Wir wussten die zusätzlichen Belüftungsschlitze weniger zu schätzen und flüchteten am nächsten Morgen auf einen nahegelegenen Zeltplatz, von wo sich das herrliche Panorama und die uns umgebenden schönen Berge bestens ohne den zusätzlichen Aufwand einer Wanderung für ein paar Tage geniessen liess.

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So schön das Fitzroy-Massiv auch war, bald sassen wir wieder im Sattel. Wie immer ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.

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Dank etwas Rückenwind auf den ersten 90 von 120km, erreichten wir trotz eines späten Starts den unter Radreisenden wohl bekanntesten Campspot Patagoniens noch vor Sonnenuntergang.

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Im sogenanten ‚Pink House‘, einem verlassenen ehemaligen Hotel an der Ruta 40 haben schon hunderte Radfahrer vor uns Schutz vor Wind und Kälte gefunden – und an den Wänden ihre Spuren hinterlassen. Darunter auch Freunde.

Irgendwie kamen wir aber nicht so richtig in die Gänge, weder radfahrerisch noch touristisch. Zwar erreichten wir den 220km entfernten Ort El Calafate in nur zwei Tagen, einmal dort ignorierten wir den eigentlichen Grund für einen Besuch dieses vom Tourismus lebenden Städtchens – den viel gepriesenen Gletscher ‚Perito Moreno‘ völlig. Unsere Gletschererfahrung eine Woche zuvor war derart perfekt gewesen, dass wir ihn weder sehen noch hören wollten und so taten, als ob Ausruhen hier die Hauptatraktion wäre. Geht auch ohne Tour. Nicht ohne Tour – oder einflussreiche Kontakte – ging aber unser eigentliches Vorhaben für die Weiterreise nicht. Wir wollten nämlich von Calafate direkt über die Kordillera nach Chile einreisen und uns damit sozusagen von hinten ans beliebte ‚Torres del Paine‘-Massiv anschleichen. Von dieser Art, die grüne Grenze zu überqueren wollte aber die Gendarmeria, deren Erlaubnis und vor allem Ausreisestempel wir benötigt hätten, nichts wissen. Sowieso gäbe es da keine Strasse, sagte man uns. Brauchen wir nicht, antworteten wir. Dazu benötige es politische Kontakte, sagte man uns. Haben wir nicht, sagten wir und mussten uns mit dem ’normalen‘ Weg zufrieden geben. Auch gut.

Von El Calafate ging es erst 30km zurück an die Ruta 40. Pampa.

Von El Calafate ging es erst 30km zurück an die Ruta 40. Dann darauf südwärts. Pampa.

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Die Strasse stieg auf eine Hochebene. Hier war das Wasser gefroren und an schattigen Stellen glitzerte Schnee.

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Der selbe Wind, der uns morgens noch unterstützt hatte, wurde nachmittags nach einem leichten Richtungswechsel zum Feind.

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Dies alles geschah unter den wachsamen Augen von kreisenden Kondoren. Wir zählten an nur einem Tag 40 davon!

Die für Patagonien bekannten, starken Winde hatten sich Ende März bereits etwas beruhigt, windstille Momente gab es aber trotzdem kaum. Teils wurden wir von Rückenwind unterstützt, teils von Gegenwind geplagt und oft von seitlichen Windböen geärgert.

Herbst hielt Einzug und ringsum glitzerte Schnee an den Hängen und auf den Bergen. Diese ersten Vorboten des nahenden Winters waren wunderschön anzusehen, brachten jedoch entsprechende Temperaturen mit sich. Regelmässig erwachten wir nachts zitternd und mit Krämpfen. Dies obwohl wir uns bemühten, wenn möglich windgeschützt zu campieren oder gar einen Unterschlupf zu finden. Nicht ganz so einfach auf einer Strecke praktisch ohne Dörfer, aber möglich. Die ersten beiden Nächte liessen uns die freundlichen Mannen in zwei verschiedenen Lagern der Vialidad (Strassenbaubehörde) in Wohnkontainern campieren, während wir die dritte Nacht auf dem Dorfspielplatz des kleinen Dörfchens Cerro Castillo verbrachten.

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Eine scheue Anfrage um einen windgeschützten Platz für unser Zelt wurde mit einem Platz in diesem Häuschen bei der ‚Vialidad‘ in El Cerrito, einer Kreuzung mitten im Nichts, belohnt.

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Doch Boden-Camping erwies sich trotz Wänden und Notfalldecke als frostige Angelegenheit.

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Umso mehr genossen wir am Morgen die Möglichkeit, unser Frühstück ohne Wind-Frische kochen und geniessen zu können. Gracias!

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Draussen begrüsst uns dann Schotter und eisige Kälte. ‚Live‘ aus den aus den frischverschneiten Bergen.

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Immer wieder stiegen wir mit eingefrorenem Grinsen aus den Sätteln um Fotos zu schiessen…

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… etwa von dem hier.

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Trotz Gegenwind arbeiten wir uns vorwärts. Kurve um Kurve…

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…und Hügel um Hügel…

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…um Hügel. Mal knirscht es weich unter den Pneu…

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…und manchmal mussten wir in losem Kies auf Allrad-Antrieb umschalten.

Auch hier liessen wir die eigentliche Sehenswürdigkeit, den weit über Chiles Grenzen hinaus bekannten Nationalpark ‚Torres del Paine‘, links liegen. Bereits auf der argentinischen Seite der Grenze waren wir  einen Tag lang auf die am Horizont aufragenden gezackten Spitzen der zerklüfteten Berge zugefahren. Dabei hatten wir sie am Horizont sowohl in den ersten Sonnenstrahlen leuchten und mit den letzten Sonnenstrahlen glimmen sehen. Wir genossen dies sehr und wollten sie gar nicht näher sehen. Das Verlangen danach, in Einerreihe zwischen Wandergruppen aus aller Welt über markierte Pfade wandern, war einfach nicht gross genug. Wir ernteten dafür in Puerto Natales, welches vom Wandertourismus lebt, ziemliches Unverständnis für unsere scheinbare Ignoranz dieser geballten Ladung Felsen gegenüber – dies ignorierten wir gekonnt.

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Die Sonne ging unter, bevor wir unser Tagesziel erreicht hatten und die schroffe Kulisse der ‚Torres del Paine‘ versanken am nächtlichen Horizont.

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Doch am nächsten Morgen schimmern sie bereits kurz nach Sonnenaufgang um 8 Uhr hinter dem, scheinbar spontan gewachsenen, Schrottplatz der Vialidad am Horizont in den ersten Strahlen der Morgensonne.

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Anschliessend rollte es dann für 40km besser. Und auch der Wind war weg. Chile, wir kommen!

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Nañdus, diese Jungs hier, rannten normalerweise weg . So schnell sie konnten.

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Während der Herr uns die kalte Schulter zeigte…

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…brachen diese komischen Vögel in lautes Geschnatter aus…

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…und die Herren in Schwarz schauten kurz von ihrer Mahlzeit auf und machten böse Miene zum guten Spiel.

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‚Dulce de Leche‘, unsere Mahlzeit!… eine carameliger Brotaufstrich,

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Auf diesem Spielplatz in Cerro Castillo froren wir nicht so sehr. Dafür dauerte das morgentliche Enteisen in der schwachen Herbstsonne gute zwei Stunden.

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Von Cerro Castillo nach Puerto Natales rollten wir dann auf Asphalt. Der versprochene Rückenwind blieb allerdings aus.

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Die entfernten Berge sorgten für kühle Temperaturen, das Meer dahinter für hohe Luftfeuchtigkeit.

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Auch hier kamen wir immer wieder an kleinen Schreinen am Strassenrand vorbei. Dieser hier für Difunta Correa…

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…und auch dieser, inmitten von Wasserflaschen, zurückgelassen für Durst leidende Reisende.

Tatsächlich kamen aber noch andere Gründe dazu. Auf halbem Weg zwischen Calafate (ARG) und Puerto Natales (CL) entschied Robins rechtes Knie plötzlich, dass ein kleiner Protest gegen die Arbeitsverhältnisse angebracht wäre (dies ist in Argentinien sehr beliebt). Es hatte sich dazu die Symptome ausgesucht, welche Daina zu Beginn unserer Reise wochenlang geplagt hatten. Diese liessen sich zwar auch hier durch gezieltes massieren in Schach halten, zwangen uns aber zu kurzen Tagen und niedrigerem Tempo und gelegentlichen Wander&Schiebe-Einheiten. So erreichten wir Puerto Natales fünf Tage, nachdem wir El Calafate verlassen hatten. Mit zugegebenermassen nicht ganz so viel Schwung, wie wir uns dies vorgestellt hatten. Wir waren aber zuversichtlich, dass 2-3 Tage Ruhe das Problem lösen würden und genossen ‚Natales‘, ein sympatisches kleines Hafenstädtchen.

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Erste Blicke auf Puerto Natales, hoffnungslos abgelegen am ‚Última-Esperanza‘-Fjord gelegen.

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Dieser Eisbrecher begrüsste uns am Eingang zu Puerto Natales und machte schon mal klar, woher hier der Wind wehte.

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Man zeigt sich in Badelaune…

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…ankerte vor der Stadt…

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…oder hing am unglaublichen Skatepark der kleinen Stadt ab.

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Manche posierten auch vor bemalten Wänden ab.

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Ansosnsten herrschte aber hektisches Treiben in den vielen kleinen Geschäften. Ausser von 13 Uhr – 17.30 Uhr ging gar nichts. Siesta.

Frisch ausgeruht und mit Taschen voller Lebensmittel für die bevorstehende Etappe von rund 270 km gerüstet (darunter 18 Brötchen, 2 kg Nudeln, 1,5 kg Haferflocken, 1 Kilo Polenta, 1/2 kg Käse, 6 Äpfel, 8 Karotten, 8 Packungen Keckse und 6 hartgesottene Eier), verliessen wir nach zwei Ruhetagen motiviert die Stadt – bloss um bereits nach 10 min am Stadtrand feststellen zu müssen, dass nun das linke Knie seine Mitarbeit verweigerte. Wir kehrten um und sassen in der Folge fünf weitere Tage fest. Unsere Motivation sank und an unserem Planungshorizont zogen dunkle Wolken auf. Denn die Zeit drängte, der patagonische Winter würde bald anbrechen und uns mit Kälte und Schnee die Möglichkeit verbauen, Ushuaia, und damit die Südspitze Südamerikas, noch zu erreichen.

Dies änderte sich auch nach fünf Tagen nicht und wir beschlossen, es darauf ankommen zu lassen und einen erneuten Anlauf zu nehmen. Mit gemässigtem Tempo verliessen wir Puerto Natales, liessen uns für die Strecke gemütliche vier Tage Zeit und verfolgten mit banger aber wachsender Hoffnung, wie sich das Knie langsam erholte.

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Vorsichtig uns langsam verliessen wir ‚Natales‘.

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Obwohl es reizvolle Alternativrouten gegeben hätte wählten wir ausnahmsweise Asphalt um das Knie zu schonen.

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Wer genau schaut muss feststellen, dass in Chile ein paar hundert Meter relativ kurz sein können!

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Relativ kurz war es aber oft nicht, dafür relativ gerade. Schonungslos gerade.

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Aber auch die schwierigen Geraden wurden irgendwann von rollenden Hügeln abgelöst.

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Aber Patagonien hielt uns bei Laune. Mit Sümpfen…

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…Regenwolkentürmen…

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…und spiegelden Lagunen. Die Freude darüber zauberte uns immer wieder ein breites Strahlen ins Gesicht

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Grosse Vögel musterten uns mit Adleraugen…

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…und scheue Guanacos rannten um ihr Leben.

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Aber die Nächte waren kalt. Ob im gut platzierten Zelt…

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…unter der Brücke…

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…oder im ‚Refugio‘ (Schutzhütte) am Strassenrand. Trotz eines eingebauten Holzofens – mit leider etwas wenig eingebautem Holz. Wenn wir das gewusst hätten!

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Da liess sich manch einer zur Sicherheit einen Pelz wachsen…

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…andere überliessen ihre Federn dem nächtlichen Frost.

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Dieser Señor überraschte uns übrigens gerade, als wir morgens unsere Räder unter der Brücke hervor zerrten. Man begegnete sich aber in Frieden. Er hatte nur Durst, trank am Fluss und verduftete dann wieder.

Am Nachmittag des dritten Tages erreichten wir ‚Gobernador Philipi‘, eine Kreuzung mit Tankstelle und Cafe mitten in der Pampa. Wir setzten uns ins Cafe, von dessen Fenster aus wir kurz darauf Tom, einen befreundeten australischen Radfahrer an der Kreuzung entdeckten. Eines führte zum andern. Orlando, der freundliche Tankwart bekochte uns, erzählte uns, dass an dieser Stelle viele Ufos gesehen würden (!) und liess uns in leerstehenden nahegelegenen Häuschen campieren.

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Unsere wunderbar wärmenden Häuschen hinter der Tankstelle. Hier noch ein friedlicher Ort.

Die wohlig warme Nachtruhe nahm gegen 1 Uhr morgens ein jähes Ende. Heftig klopfend stand Orlando vor der Tür, während im Hintergrund Polizeiautos und Blinklichter vor der Tankstelle zu sehen waren. UFOS? Nein. „Ein Verrückter, bewaffnet mit einem Sturmgewehr und einer Flinte, auf der Flucht vor der Polizei“ wurde in der Nähe vermutet. Er war eine Stunde zuvor keine 5 km entfernt gesehen worden. Zur Sicherheit sollten wir schnellstmöglich alles einpacken und ins Haus kommen. Dort schliefen wir den Rest der Nacht mit einem etwas mulmigen Gefühl auf dem Boden. Glücklicherweise stattete uns der „bewaffnete Loco“ in dieser Nacht keinen Besuch ab – von den Aliens wäre wohl keine Hilfe zu erwarten gewesen.

Zwei Tage später, bereits in Punta Arenas, der letzten grösseren Stadt im Süden Chiles erfuhren wir, dass es sich (laut Fernsehen) bei dem „Loco“ um zwei Drogenschmuggler handelte, die sich mit der Polizei eine Schiesserei geliefert hatten und schliesslich um 4 Uhr morgens nur wenige hundert Meter von uns entfernt überwältigt werden konnten. Einer konnte dann allerdings aus dem Wagen springen und entkommen. Alles tranquilo in der Pampa.

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Tags darauf erreichten wir etwas müde Punta Arenas. Erster Halt Tankstelle. Essen, trinken, Weg erfragen.

Patagonia by Night. Orlando hatte uns nicht nur in der Tankstelle übernachten lassen, sondern zeigte uns in Punta Arenas auch noch das Nachtleben.

Patagonia by Night. Orlando hatte uns nicht nur in der Tankstelle übernachten lassen, sondern zeigte uns in Punta Arenas auch noch das Nachtleben. Peace and out.

Zum Schluss die GALERIE:

Argentiniens Ruta 40 | von Hitze, Pisten & Asphalt

1’421 Kilometer

30 Tage, davon 10 Tage nicht im Sattel

4’966 MüM Maximalhöhe

Ups & Downs

Abra del Acay (4’966 MüM) – noch ein Pass
Grido – Eiscreme motiviert
Argentinos – freundliche Menschen
Ruta 40 -brütende Hitze & endlose Geraden
Material – 1 gespaltene, durchgebremste Felgen
die Siesta – ein Land steht still

Route: San Antonio de los Cobres – Abra del Acay (4’966 MüM) – Cachi – Molinos – Angastaco – Cafayate – Cafayate – Santa Maria – Belén – Andolucas – Chilecito – Villa Unión – Huaco – San José de Jáchal – Rodeo – Iglesia – Bella Vista – Tocota – Villa Nueva – Calingasta – Barreal – Uspallata – las Cuevas – Tunel Cristo Redentor – Los Libertadores (Grenze Chile)– Los Andes – Calle Larga – Santiago de Chile (via Autopista 57)

ARGENTINIENS ‚RUTA 40‘

Gerne wären wir auch weiterhin über die Puna geholpert, entschieden uns aber aufgrund der prekären Situation mit unseren (beinahe) durchgebremsten Felgen für die ‚Ruta 40‘ – oder einfach ‚la Cuarenta‘.

Obwohl wir eigentlich einen Bogen um Pässe machen wollten, konnten wir es doch nicht sein lassen. Nach zwei Ruhetagen in San Antonio de los Cobres (3’760 MüM) nahmen wir den ‚Abra del Acay‘, Argentiniens höchsten Pass (offiziell 4’601 MüM, inoffiziell 4’966 MüM), in Angriff und trafen schon wenige Kilometer ausserhalb San Antonios auf die ‚Cuarenta‘, die die nächsten knapp 300 km ungeteert und somit beinahe verkehrsfrei.

erste Meter auf der Ruta 40

Erste Meter auf der Ruta 40, der Aufstieg begann…

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…forderte seine Pausen…

kurvenreicher Weg zum Abra del Acay

…hatte seine Kurven….

letzte Meter, die Luft wird dünner

…und während die Luft dünner und die Wolken dunkler wurden, kamen wir der Passhöhe näher.

Abra de Acay, Argentiniens höchster Pass

…bis es nicht mehr höher ging: Abra del Acay, mit 4’966 MüM Argentiniens höchster Pass

Nach einem Aufstieg über 32 km und 1’200 Höhenmeter wurden wir auf der Passhöhe von einem eiskalten Wind empfangen. Mit einer anfangs sehr steilen, sehr langen und sehr holprigen Abfahrt durch das atemberaubend vielfältige Valle de Calchaquis verloren wir in 169 km über 3’000. Dank unanständig vielen Gegensteigungen kamen wir über diese Distanz aber trotzdem auf fast ebensoviele erfahrene Höhenmeter und durchquerten entsprechend viele Vegetationsstufen. Aus felsig-karg auf der Passhöhe wurde bald felsig-bunt, dann staubig-wildwest und schliesslich sandig-weinbergig. Die wärmeren – sprich heissen – Temperaturen waren nur ein Vorgeschmack auf die nächsten Wochen.

erste holprige Meter in der Abfahrt

Hinter der Passhöhe dann eine andere Welt…

noch hoch über der Baumgrenze

…und immer noch hoch über der Baumgrenze…

Kurve um Kurve um Kurve, dazwischen sind Flüsse zu überqueren

…ging es Kurve um Kurve um Kurve hinab und wir entschieden uns nach einer Stunde, in den Mauern eines verfallenen Hauses Zuflucht zu suchen.

bereits 2'000 m tiefer - langsam wird es grün und heiss

Am nächsten Morgen – bereits 2’000 m tiefer und nachdem wir durch eiskalte Flüsse gewatet waren – wurde es immer grüner und heisser.

spendet uns Schatten

Erste Dörfer mit Kolonial angehauchtem Flair erwarteten uns…

erste Sichtung der berühmten argentinischen Steaks

..und wir konnten die erste Sichtung berühmter argentinischer Steaks verzeichnen.

wildwest al argentino

Wildwest-Atmosphäre

Kampf gegen die Hitze

Und der Kampf gegen die Hitze begann!

Die oft rauen Verhältnisse der ‚Cuarenta‘ und stark schwankenden Temperaturunterschiede setzten unserem ohnehin angeschlagenen Material zu. Robins Hinterradfelge war das erste Opfer und begann sich am zweiten Tag (bei Cachi) in der Mitte zu spalten. So angeschlagen erreichten wir nochmals drei Tage später die Weinregion um Cafayate. Für Wein blieb leider wenig Zeit.

Aufstehen wird mit kühleren Temperaturen belohnt

Aufstehen wurde mit kühleren Temperaturen…

Felsen, Flüsse und die Kordillera

…und guten Aussichten belohnt.

Papageien. Sie fliegen in Schwärmen und machen Radau

Papageien fliegen und lärmen in Schwärmen.

Stunde um Stunde folgt Hügel auf Hügel

Stunde um Stunde folgte Hügel auf Hügel…

...noch eine Felskamm

…Felskamm auf Felskamm…

und noch einer...

…auf Felskamm…

...auf Felskamm.

…auf Felskamm.

Auf der Suche nach passenden Felgen waren wir bereits in Chile von San Pedro mit dem Bus in die 100 Km entfernte Stadt Calama gefahren, bloss um uns relativ unfreundlich sagen zu lassen, dass Felgen dieser Dimensionen (26″ / 32 Loch / V-Brake) hier nicht aufzutreiben wären. Diesmal fuhren wir mit dem Bus in die knapp 200 km entfernte Stadt Salta. fanden wenigstens eine passende Felge und bekamen diese auch ins mitgebrachte Vorderrad eingebaut. Nach unserer Rückkehr nach Cafayate stellten wir aber fest, dass die Felge so schlecht eingespeicht war, dass sie dauernd an der Bremse anstand. Also folgte der erste von vielen Gängen zum freundlichen lokalen Radflicker Elio.

Nach einer geschlagenen Woche verliessen wir Cafayate etwas frustriert mit einem neuen, guten Hinterrad und zwei schnittigen, schlecht passenden Vorderrädern vom Typ ‚Houston 502‘. Aber Houston, we have a Problem! Die Felgen waren instabil und unsere Speichen eigentlich zu lange dafür. So sahen wir von weiteren Umwegen ins raue Gelände (meist) ab und nahmen möglichst schnell die gut 1’300 km nach Santiago de Chile im Angriff.

schönes exemplar einer argentinischen Geraden

Nach Cafayate war die Ruta 40 (hier bei Belén) geteert und die Landschaft weniger spektakulär.

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Die Strasse war oft gerade…

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…stundenlang gerade…

Die 40 war oft gerade, aber selten flach...

…manchmal auch sandig…

...aber selten flach.

…aber selten flach.

Der Weg dorthin war lange und, solange wir der Cuarenta folgten, wenig abwechslungsreich. Eine endlose Gerade löste nach einer Stunde oder drei die nächste ab, auf die irgendwann wieder eine Andere folgte. Gegen 10 Uhr wurde es heiss und mit der Hitze setzte ein Gegenwind ein, der einem spätestens um 13 Uhr bei geöffnetem Mund den Kopf von innen zu rösten drohte. Dies war das Signal, um unter einer der wenigen, schattenspendenden Akazien eine Mittagspause einzulegen, im Anschluss in ein einstündiges Hitzekoma zu fallen und sich anschliessend nochmals ein paar Stunden im Fahrt- und Gegenwind braten zu lassen.

Ruta 40, oft nicht so idyllisch wie ihr Name vermuten lässt

Oft nicht ganz so idyllisch wie ihr, durch Che Guevaras ‚Motorcycle Diaries‘ zu Ruhm gekommener, Name vermuten lässt…

...dafür umso heisser!

…wurde die Ruta 40 Mittags zum Ofen.

...aber ob diese Messung wirklich stimmt?!

…die oft unerträglich drückend war. Aber ob das Thermometer hier nach der Mittagspause nicht etwas übertrieb?

auch andere suchen Schattenplätze

Aber auch abgesehen von Zahlen: Es war heiss!

So fielen wir in einen Rhythmus von durchschnittlich 110 Tageskilometern. Genau richtig, um Nachmittags in einem kleinen Nest anzukommen und bei ‚Grido‘, der weitverbreiteten Eiscremekette unseres Vertrauens, etwas abzukühlen.

Siesta aber Durst? ...manchmal hat man Glück und findet einen geöffneten 'Kiosko'

Siesta aber Durst? …manchmal hat man Glück und findet einen geöffneten ‚Kiosko‘

Grido rettet Leben

Oder sogar eine Filiale von ‚Grido Helados‘. Diese können vielleicht keine Leben retten, sicher aber den Tag.

macht keine Siesta, wie die Kleinstadt Chilecito zu seinen Füssen

Bloss einer machte keine Siesta, während die Kleinstadt Chilecito zu seinen Füssen ruhte.

Auch andere beschützen in kleinen Altaren am Strassenrand den Reisenden. Allen voran 'Gauchito Antonio Gil'

Aber auch andere beschützen in kleinen Altaren am Strassenrand den Reisenden…

...allen voran Argentiniens Robin Hood, 'Gauchito Gil'...

…allen voran Argentiniens Robin Hood, ‚Gauchito Gil’…

...dicht gefolgt vom Schutzheiligen der Reisenden, 'San Expedito', und 'Correa Difunta', einer Sagengestalt, zu deren Ehre Wasserflaschen deponiert werden.

…dicht gefolgt vom Schutzheiligen der Reisenden, ‚San Expedito‘, und ‚Difunta Correa‘, einer Sagengestalt, zu deren Ehre Wasserflaschen für durstige Reisende hinterlassen werden.

Diese Beschützer braucht es auch, denn es lauert Gefahr!

Diese Beschützer braucht es auch…

...denn es lauert Gefahr!

…denn es lauerten Gefahren!

Etwas anderes wäre uns auch nicht übrig geblieben, da in diesem Teil Argentiniens die Siesta sehr ernst genommen wird. Von 13 Uhr bis 18 Uhr (oft aber auch 19 oder 20 Uhr!) geht gar nichts. Alle Geschäfte schliessen (ausser Helado Grido) und es kommt zum Stillstand….aus dem sich manche im Laufe des Abends wieder hochrappeln, um etwa nach Mitternacht auf öffentlichen Campingplätzen zu Grillen, saufen, Fussball zu spielen, oder einfach nur im eigenen Auto zu sitzen und bis morgens um drei in Clublautstärke Musik zu hören. Unsere Dankbarkeit für diese Form der Freiheit hielt sich in Grenzen.

Camping Municipal, Angastaco, wo gerade die Weihnachtsfeier des Gemeindewerkhofs stattfand

Bei San José de Jachal verliessen wir die Ruta 40. Parallel verlaufende Strassen zwischen der Cordilliera und der Pre-Cordillera versprachen Ripio (Schotter) und weniger Verkehr, besonders aber auch kühlere Temperaturen und mehr Abwechslung.

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Endlich Abwechslung…

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…Wasser…

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Wir wurden wiederholt gewarnt, dass dort grausige Aufstiege und Endloses Leiden auf uns warten würden. Die Aufstiege waren meist knapp steiler als Flach, belohnten dafür aber mit kurvigen Strassen und einem abwechslungsreich-bergigen Panorama. So etwas abgelenkt erreichten wir Uspallata und damit die Haupttransitstrecke zwischen Argentinien und Chile.

Sobald wir die Ruta 40 verlassen haben warten Stauseen...

Abseits der Ruta 40 warteten Stauseen…

...weite Täler...

…weite Täler…

...Blick auf die Cordillera...

…dunkle Wolken…

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…Blicke auf die Cordillera…

...und viel 'Ripio' (Schotter) auf uns.

…und viel ‚Ripio‘ (Schotter) auf uns.

Aber weiterhin folgt Gerade...

Aber weiterhin folgte Gerade…

...auf Gerade...

…auf Gerade…

....auf Gerade.

….auf Gerade.

Blumen...

Blumen…

...seltsame Tiere...

…seltsame Tiere…

...blühende Kakteen...

…blühende Kakteen, gross…

...und klein...

…und klein…

...Glücksbringer...

…Glücksbringer…

...und sogar das Croc-Muster unserer Füsse hielten uns bei Laune.

…und sogar das Croc-Muster unserer Füsse hielten uns bei Laune.

Wir sind jedoch nicht immer die einzigen Radfahrer

Und manchmal hatten wir auch Gesellschaft.

Der Verkehr war allerdings weniger stark als erwartet und die Lastwagen meist einigermassen rücksichtsvoll. Besonders aber waren die 90 km etwas über 1’000 Höhenmeter bis zum Tunnel eine Augenweide. Die Strasse schlängelte sich durch ein felsiges Tal, durch sommerlich verlassene Skigebiete und schliesslich vorbei am mächtigen Aconcagua, damit wenig unter 7’000 m der höchste Berg ausserhalb des Himalayas. Aber nicht nur die Schönheit der Natur, sondern vor allem der nachmittags aufkommende Gegenwind trieb uns fast die Tränen in die Augen. Letzterer wurde so stark, dass an fahren nicht mehr zu denken war und wir nur sechs Kilometer vor Erreichen des Tunnelportals bei einer Mine um ‚Windschatten-Asyl‘ ansuchen mussten. Dieses gewährte man uns freundlicherweise und liess uns hinter einem Container unser Zelt aufstellen. Die sechs Kilometer waren am nächsten Morgen im Nu bewältigt – am Vortag hätte dies noch zwei Stunden gedauert. Durch den Tunnel chauffierte uns wegen, mangelndem Seitenstreifen, ein Lieferwagen der Strassenbehörde.

sanfter Aufstieg in die Cordillera

Der Anstieg begann früh und sanft…

vorbei an Skiliften

…doch bereits um 11 Uhr schwankten die Sessel dieses Skilifts im starken Wind.

und dem mächtigen Aconcagua

Vorbei am mächtigen Aconcagua (6’962m)…

oft parallel zur ehemaligen Eisenbahnlinie über den Paso Bermejo

…oft parallel zur ehemaligen Eisenbahnlinie über den Paso Bermejo…

...erreichten wir den 'Tunel del Cristo Redentor'...

…erreichten wir den ‚Tunel del Cristo Redentor’…

...damit Chile...

…damit Chile…

...und passierten elegant die Lange Warteschlange vor dem Zoll.

…und passierten elegant die Lange Warteschlange vor dem Zoll.

Bei der Einreise nach Chile wurde unser Gepäck auf der Suche nach Fleisch, Früchten, Gemüse oder Kokain weder durchsucht, noch geröngt. Dafür fand ein Spürhund gefallen an Robins Vorderreifen…auf welchem noch der Morgenurin einer seiner Artgenossen trocknete. Problemlos liess man uns aber einreisen. Die 40 km lange Abfahrt nach Los Andes, der nächsten grösseren Stadt, versuchte uns ein zügiger Gegenwind zu vermiesen, was ihm aber nicht gelang.

In endlosen Kurven schlängelten wir uns talwärts...

In endlosen Kurven schlängelten wir uns talwärts…

...während sich andere noch aufwärts kämpften.

…während sich andere noch aufwärts kämpften.

Nach einer Nacht in einem Stundenhotel in Calle Larga (wir entschieden uns für den 12-Stunden Tarif), trennten uns noch … Kilometer von Santiago. Diese hatten es aber in sich, da sie aus Mangel an Alternativen, auf der Autobahn gefahren werden mussten. Nicht unsere erste Fahrt auf Autobahnen, aber trotzdem nicht angenehm. Als nach zehn Kilometern in einem kurvenreichen Aufstieg der Seitenstreifen immer schmaler wurde und schliesslich verschwand, wurde aus unangenehm sehr unangenehm. Der Berufsverkehr donnerte zweispurig an uns vorbei und uns wurde Angst und Bange. Deshalb beschlossen wir wenige Kilometer später, lieber gegen unsere Prinzipien zu verstossen und einen Bus zu nehmen, als stur zu bleiben und dann mit der Ambulanz zu reisen. Dies erwies sich jedoch als alles andere als einfach. In den drei Stunden Wartezeit an einer Bushaltestelle hielt ein Bus nach dem anderen – mitnehmen wollte uns jedoch keiner. Schliesslich beschlossen wir, der Autobahn noch eine Chance zu geben. Zum Glück, denn ab sofort fuhren wir auf einem breitem Pannenstreifen, wurden nochmals durch einen Tunnel chauffiert und der Verkehr war nun merklich schwächer. Auf unseren persönlichen Radstreifen, vorbei an unzähligen Radverbotsschildern, erreichten wir so bequem Chiles Hauptstadt Santiago.

Gratistransport durch einen Autobahntunnel durch die 'Vialidad' - trotz Radverbotsschildern

Gratistransport durch einen Autobahntunnel durch die ‚Vialidad‘ – trotz Radverbotsschildern

Und zum Schluss die GALERIE: