Argentinien & Chile | durch Patagonien

März 2015

733 Kilometer

16 Tage, wovon 8 radfrei

Berge, Pampa & ignorierte Ausflugsziele
Guanacos, Nañdus & Kondore
Indoor-Camping & eiskalte Nächte
streikende Knie & gefährdete Pläne
Locos & gestörte Nächte

ROUTE | El Chaltén – ‚Pink House‘ (Parador Luz Divina, km 122) – El Calafate – El Cerrito – Tapi Aike – Cerro Castillo – Puerto Natales – Morro Chico – Villa Tehuelche – Gobernador Philipi – Punta Arenas

Chaltén nach Punta Arenas

Chaltén nach Punta Arenas

DURCH PATAGONIEN: VON EL CHALTÉN NACH PUNTA ARENAS

Unser erster Anlaufpunkt im zwar touristischen aber nicht überlaufenen Nest El Chaltén war das ‚Casa de Flor‘. Ein weiteres ‚Casa de Ciclistas‘ und scheinbar obligatorischer Halt auf dem hier gut gespurten ‚Reiserad-Trail‘. Hunderte von Reisenden campieren jedes Jahr in Flors Garten, so auch wir. Es sollte bei einer Nacht bleiben. Denn wie bereits im Casa de Ciclistas in Coyhaique wurden auch hier nicht nur verdreckte Radfahrer aufgenommen, sondern gleich auch noch junge Katzen aufgezogen. Diese übten sich in, um und unter den vielen Zelten in Krallenkletterei an den zarten Stoffen. Wir wussten die zusätzlichen Belüftungsschlitze weniger zu schätzen und flüchteten am nächsten Morgen auf einen nahegelegenen Zeltplatz, von wo sich das herrliche Panorama und die uns umgebenden schönen Berge bestens ohne den zusätzlichen Aufwand einer Wanderung für ein paar Tage geniessen liess.

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So schön das Fitzroy-Massiv auch war, bald sassen wir wieder im Sattel. Wie immer ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.

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Dank etwas Rückenwind auf den ersten 90 von 120km, erreichten wir trotz eines späten Starts den unter Radreisenden wohl bekanntesten Campspot Patagoniens noch vor Sonnenuntergang.

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Im sogenanten ‚Pink House‘, einem verlassenen ehemaligen Hotel an der Ruta 40 haben schon hunderte Radfahrer vor uns Schutz vor Wind und Kälte gefunden – und an den Wänden ihre Spuren hinterlassen. Darunter auch Freunde.

Irgendwie kamen wir aber nicht so richtig in die Gänge, weder radfahrerisch noch touristisch. Zwar erreichten wir den 220km entfernten Ort El Calafate in nur zwei Tagen, einmal dort ignorierten wir den eigentlichen Grund für einen Besuch dieses vom Tourismus lebenden Städtchens – den viel gepriesenen Gletscher ‚Perito Moreno‘ völlig. Unsere Gletschererfahrung eine Woche zuvor war derart perfekt gewesen, dass wir ihn weder sehen noch hören wollten und so taten, als ob Ausruhen hier die Hauptatraktion wäre. Geht auch ohne Tour. Nicht ohne Tour – oder einflussreiche Kontakte – ging aber unser eigentliches Vorhaben für die Weiterreise nicht. Wir wollten nämlich von Calafate direkt über die Kordillera nach Chile einreisen und uns damit sozusagen von hinten ans beliebte ‚Torres del Paine‘-Massiv anschleichen. Von dieser Art, die grüne Grenze zu überqueren wollte aber die Gendarmeria, deren Erlaubnis und vor allem Ausreisestempel wir benötigt hätten, nichts wissen. Sowieso gäbe es da keine Strasse, sagte man uns. Brauchen wir nicht, antworteten wir. Dazu benötige es politische Kontakte, sagte man uns. Haben wir nicht, sagten wir und mussten uns mit dem ’normalen‘ Weg zufrieden geben. Auch gut.

Von El Calafate ging es erst 30km zurück an die Ruta 40. Pampa.

Von El Calafate ging es erst 30km zurück an die Ruta 40. Dann darauf südwärts. Pampa.

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Die Strasse stieg auf eine Hochebene. Hier war das Wasser gefroren und an schattigen Stellen glitzerte Schnee.

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Der selbe Wind, der uns morgens noch unterstützt hatte, wurde nachmittags nach einem leichten Richtungswechsel zum Feind.

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Dies alles geschah unter den wachsamen Augen von kreisenden Kondoren. Wir zählten an nur einem Tag 40 davon!

Die für Patagonien bekannten, starken Winde hatten sich Ende März bereits etwas beruhigt, windstille Momente gab es aber trotzdem kaum. Teils wurden wir von Rückenwind unterstützt, teils von Gegenwind geplagt und oft von seitlichen Windböen geärgert.

Herbst hielt Einzug und ringsum glitzerte Schnee an den Hängen und auf den Bergen. Diese ersten Vorboten des nahenden Winters waren wunderschön anzusehen, brachten jedoch entsprechende Temperaturen mit sich. Regelmässig erwachten wir nachts zitternd und mit Krämpfen. Dies obwohl wir uns bemühten, wenn möglich windgeschützt zu campieren oder gar einen Unterschlupf zu finden. Nicht ganz so einfach auf einer Strecke praktisch ohne Dörfer, aber möglich. Die ersten beiden Nächte liessen uns die freundlichen Mannen in zwei verschiedenen Lagern der Vialidad (Strassenbaubehörde) in Wohnkontainern campieren, während wir die dritte Nacht auf dem Dorfspielplatz des kleinen Dörfchens Cerro Castillo verbrachten.

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Eine scheue Anfrage um einen windgeschützten Platz für unser Zelt wurde mit einem Platz in diesem Häuschen bei der ‚Vialidad‘ in El Cerrito, einer Kreuzung mitten im Nichts, belohnt.

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Doch Boden-Camping erwies sich trotz Wänden und Notfalldecke als frostige Angelegenheit.

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Umso mehr genossen wir am Morgen die Möglichkeit, unser Frühstück ohne Wind-Frische kochen und geniessen zu können. Gracias!

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Draussen begrüsst uns dann Schotter und eisige Kälte. ‚Live‘ aus den aus den frischverschneiten Bergen.

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Immer wieder stiegen wir mit eingefrorenem Grinsen aus den Sätteln um Fotos zu schiessen…

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… etwa von dem hier.

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Trotz Gegenwind arbeiten wir uns vorwärts. Kurve um Kurve…

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…und Hügel um Hügel…

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…um Hügel. Mal knirscht es weich unter den Pneu…

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…und manchmal mussten wir in losem Kies auf Allrad-Antrieb umschalten.

Auch hier liessen wir die eigentliche Sehenswürdigkeit, den weit über Chiles Grenzen hinaus bekannten Nationalpark ‚Torres del Paine‘, links liegen. Bereits auf der argentinischen Seite der Grenze waren wir  einen Tag lang auf die am Horizont aufragenden gezackten Spitzen der zerklüfteten Berge zugefahren. Dabei hatten wir sie am Horizont sowohl in den ersten Sonnenstrahlen leuchten und mit den letzten Sonnenstrahlen glimmen sehen. Wir genossen dies sehr und wollten sie gar nicht näher sehen. Das Verlangen danach, in Einerreihe zwischen Wandergruppen aus aller Welt über markierte Pfade wandern, war einfach nicht gross genug. Wir ernteten dafür in Puerto Natales, welches vom Wandertourismus lebt, ziemliches Unverständnis für unsere scheinbare Ignoranz dieser geballten Ladung Felsen gegenüber – dies ignorierten wir gekonnt.

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Die Sonne ging unter, bevor wir unser Tagesziel erreicht hatten und die schroffe Kulisse der ‚Torres del Paine‘ versanken am nächtlichen Horizont.

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Doch am nächsten Morgen schimmern sie bereits kurz nach Sonnenaufgang um 8 Uhr hinter dem, scheinbar spontan gewachsenen, Schrottplatz der Vialidad am Horizont in den ersten Strahlen der Morgensonne.

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Anschliessend rollte es dann für 40km besser. Und auch der Wind war weg. Chile, wir kommen!

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Nañdus, diese Jungs hier, rannten normalerweise weg . So schnell sie konnten.

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Während der Herr uns die kalte Schulter zeigte…

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…brachen diese komischen Vögel in lautes Geschnatter aus…

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…und die Herren in Schwarz schauten kurz von ihrer Mahlzeit auf und machten böse Miene zum guten Spiel.

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‚Dulce de Leche‘, unsere Mahlzeit!… eine carameliger Brotaufstrich,

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Auf diesem Spielplatz in Cerro Castillo froren wir nicht so sehr. Dafür dauerte das morgentliche Enteisen in der schwachen Herbstsonne gute zwei Stunden.

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Von Cerro Castillo nach Puerto Natales rollten wir dann auf Asphalt. Der versprochene Rückenwind blieb allerdings aus.

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Die entfernten Berge sorgten für kühle Temperaturen, das Meer dahinter für hohe Luftfeuchtigkeit.

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Auch hier kamen wir immer wieder an kleinen Schreinen am Strassenrand vorbei. Dieser hier für Difunta Correa…

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…und auch dieser, inmitten von Wasserflaschen, zurückgelassen für Durst leidende Reisende.

Tatsächlich kamen aber noch andere Gründe dazu. Auf halbem Weg zwischen Calafate (ARG) und Puerto Natales (CL) entschied Robins rechtes Knie plötzlich, dass ein kleiner Protest gegen die Arbeitsverhältnisse angebracht wäre (dies ist in Argentinien sehr beliebt). Es hatte sich dazu die Symptome ausgesucht, welche Daina zu Beginn unserer Reise wochenlang geplagt hatten. Diese liessen sich zwar auch hier durch gezieltes massieren in Schach halten, zwangen uns aber zu kurzen Tagen und niedrigerem Tempo und gelegentlichen Wander&Schiebe-Einheiten. So erreichten wir Puerto Natales fünf Tage, nachdem wir El Calafate verlassen hatten. Mit zugegebenermassen nicht ganz so viel Schwung, wie wir uns dies vorgestellt hatten. Wir waren aber zuversichtlich, dass 2-3 Tage Ruhe das Problem lösen würden und genossen ‚Natales‘, ein sympatisches kleines Hafenstädtchen.

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Erste Blicke auf Puerto Natales, hoffnungslos abgelegen am ‚Última-Esperanza‘-Fjord gelegen.

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Dieser Eisbrecher begrüsste uns am Eingang zu Puerto Natales und machte schon mal klar, woher hier der Wind wehte.

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Man zeigt sich in Badelaune…

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…ankerte vor der Stadt…

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…oder hing am unglaublichen Skatepark der kleinen Stadt ab.

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Manche posierten auch vor bemalten Wänden ab.

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Ansosnsten herrschte aber hektisches Treiben in den vielen kleinen Geschäften. Ausser von 13 Uhr – 17.30 Uhr ging gar nichts. Siesta.

Frisch ausgeruht und mit Taschen voller Lebensmittel für die bevorstehende Etappe von rund 270 km gerüstet (darunter 18 Brötchen, 2 kg Nudeln, 1,5 kg Haferflocken, 1 Kilo Polenta, 1/2 kg Käse, 6 Äpfel, 8 Karotten, 8 Packungen Keckse und 6 hartgesottene Eier), verliessen wir nach zwei Ruhetagen motiviert die Stadt – bloss um bereits nach 10 min am Stadtrand feststellen zu müssen, dass nun das linke Knie seine Mitarbeit verweigerte. Wir kehrten um und sassen in der Folge fünf weitere Tage fest. Unsere Motivation sank und an unserem Planungshorizont zogen dunkle Wolken auf. Denn die Zeit drängte, der patagonische Winter würde bald anbrechen und uns mit Kälte und Schnee die Möglichkeit verbauen, Ushuaia, und damit die Südspitze Südamerikas, noch zu erreichen.

Dies änderte sich auch nach fünf Tagen nicht und wir beschlossen, es darauf ankommen zu lassen und einen erneuten Anlauf zu nehmen. Mit gemässigtem Tempo verliessen wir Puerto Natales, liessen uns für die Strecke gemütliche vier Tage Zeit und verfolgten mit banger aber wachsender Hoffnung, wie sich das Knie langsam erholte.

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Vorsichtig uns langsam verliessen wir ‚Natales‘.

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Obwohl es reizvolle Alternativrouten gegeben hätte wählten wir ausnahmsweise Asphalt um das Knie zu schonen.

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Wer genau schaut muss feststellen, dass in Chile ein paar hundert Meter relativ kurz sein können!

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Relativ kurz war es aber oft nicht, dafür relativ gerade. Schonungslos gerade.

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Aber auch die schwierigen Geraden wurden irgendwann von rollenden Hügeln abgelöst.

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Aber Patagonien hielt uns bei Laune. Mit Sümpfen…

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…Regenwolkentürmen…

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…und spiegelden Lagunen. Die Freude darüber zauberte uns immer wieder ein breites Strahlen ins Gesicht

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Grosse Vögel musterten uns mit Adleraugen…

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…und scheue Guanacos rannten um ihr Leben.

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Aber die Nächte waren kalt. Ob im gut platzierten Zelt…

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…unter der Brücke…

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…oder im ‚Refugio‘ (Schutzhütte) am Strassenrand. Trotz eines eingebauten Holzofens – mit leider etwas wenig eingebautem Holz. Wenn wir das gewusst hätten!

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Da liess sich manch einer zur Sicherheit einen Pelz wachsen…

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…andere überliessen ihre Federn dem nächtlichen Frost.

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Dieser Señor überraschte uns übrigens gerade, als wir morgens unsere Räder unter der Brücke hervor zerrten. Man begegnete sich aber in Frieden. Er hatte nur Durst, trank am Fluss und verduftete dann wieder.

Am Nachmittag des dritten Tages erreichten wir ‚Gobernador Philipi‘, eine Kreuzung mit Tankstelle und Cafe mitten in der Pampa. Wir setzten uns ins Cafe, von dessen Fenster aus wir kurz darauf Tom, einen befreundeten australischen Radfahrer an der Kreuzung entdeckten. Eines führte zum andern. Orlando, der freundliche Tankwart bekochte uns, erzählte uns, dass an dieser Stelle viele Ufos gesehen würden (!) und liess uns in leerstehenden nahegelegenen Häuschen campieren.

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Unsere wunderbar wärmenden Häuschen hinter der Tankstelle. Hier noch ein friedlicher Ort.

Die wohlig warme Nachtruhe nahm gegen 1 Uhr morgens ein jähes Ende. Heftig klopfend stand Orlando vor der Tür, während im Hintergrund Polizeiautos und Blinklichter vor der Tankstelle zu sehen waren. UFOS? Nein. „Ein Verrückter, bewaffnet mit einem Sturmgewehr und einer Flinte, auf der Flucht vor der Polizei“ wurde in der Nähe vermutet. Er war eine Stunde zuvor keine 5 km entfernt gesehen worden. Zur Sicherheit sollten wir schnellstmöglich alles einpacken und ins Haus kommen. Dort schliefen wir den Rest der Nacht mit einem etwas mulmigen Gefühl auf dem Boden. Glücklicherweise stattete uns der „bewaffnete Loco“ in dieser Nacht keinen Besuch ab – von den Aliens wäre wohl keine Hilfe zu erwarten gewesen.

Zwei Tage später, bereits in Punta Arenas, der letzten grösseren Stadt im Süden Chiles erfuhren wir, dass es sich (laut Fernsehen) bei dem „Loco“ um zwei Drogenschmuggler handelte, die sich mit der Polizei eine Schiesserei geliefert hatten und schliesslich um 4 Uhr morgens nur wenige hundert Meter von uns entfernt überwältigt werden konnten. Einer konnte dann allerdings aus dem Wagen springen und entkommen. Alles tranquilo in der Pampa.

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Tags darauf erreichten wir etwas müde Punta Arenas. Erster Halt Tankstelle. Essen, trinken, Weg erfragen.

Patagonia by Night. Orlando hatte uns nicht nur in der Tankstelle übernachten lassen, sondern zeigte uns in Punta Arenas auch noch das Nachtleben.

Patagonia by Night. Orlando hatte uns nicht nur in der Tankstelle übernachten lassen, sondern zeigte uns in Punta Arenas auch noch das Nachtleben. Peace and out.

Zum Schluss die GALERIE:

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Chiles Patagonien | Carretera Austral

Februar / März 2015

1’074 Kilometer

14’842 gefahrene Höhenmeter

29 Tage, wovon 10 radfrei, davon 6 auf Fähre wartend

Carretera Austral
Schotter, Kurven, lange Zäune
Regen, Wind und Sommerwetter

Patagonien
erschlossene Wildnis
Fähren, Gletscher, Wasserfälle
Kondore und Puhús

ROUTE | Puerto Montt – Chaíten (Fähre) – Villa Santa Lucia – La Junta – Puyuhuapi – Villa Amengual – Villa Mañihuales – Coihaique – Villa Cerro Castillo (Ende Asphalt, bis hier Teilstücke asphaltiert oder im Bau) – Puerto Tranquilo – Puerto Bertrand – Cochrane – Puerto Yungay – (Fähre) – Rio Bravo – Villa O’Higgins – Puerto Bahamondez (Ende ‚Carretera Austral‘)

[In allen genannten Ortschaften (ausser Puerto Yungay, kein Ort) sind Lebensmittel, wenn auch beschränkt erhältlich]

Puerto Bahamondez – (Fähre via Glaciar O’Higgins) – Candelario Mancillo (Carabineros erledigen Grenzformalitäten CL) – Ripio bis Grenze (15km) 15km – Singletrack bis ‚Lago del Desierto‘ (~6 km, Gendarmeria erledigt Grenzformalitäten ARG) – Überfahrt ‚Lago del Desierto‘ per Fähre – El Chaltén (Beginn Asphalt)

ROUTENOPTIONEN | Fähre: Villa O’Higgins – Candelario Mancillo (regelmässig 3x wöchentlich Dez. – Mitte März, dann nur samstags) |Paso Rio Mayer: (Begehbarkeit hängt vom Wasserstand der zu querenden Flüsse ab, für uns (Ende März) keine Option

Carretera Austral mit Verbindung nach Argentinien

Carretera Austral mit Verbindung nach Argentinien

AUF DER ‚CARRETERA AUSTRAL‘ DURCH CHILES PATAGONIEN

Seit Monaten, ja seit wir vor über einem Jahr in Kolumbien südamerikanischen Boden betreten haben, schwärmten uns nordwärts fahrende Radreisende von einer Strasse vor: Der ‚Carretera Austral‘.

Der Bau dieses strategischen Monsterprojektes wurde unter Diktator General Pinochet im Jahre 1976 lanciert und erst im Jahr 2000 offiziell eröffnet. Grossteils immer noch ungeteert, windet sich die ‚Carretera Austral‘ südwärts durch Chiles Patagonien. Dabei schneidet sie sich ihren Weg durch Regenwälder und Fjorde, durchquert Sümpfe und Flüsse bis sie, nach über tausend Kilometern, irgendwann nicht mehr kann, nicht mehr will und einfach aufhört.

Diese Strasse also schien das Non-plus-Ultra, ja geradezu der heilige Gral und die ‚Tour de France‘ aller südamerikanischen Radreiserouten zu sein. Eine Pflicht ohne Wenn und Aber und ein Muss für jeden Radtourero.

Ripio hin oder her – für uns hatte sie damit jeglichen Reiz verloren. Totzdem standen wir Mitte Februar in Puerto Montt und damit sozusagen vor den Toren zur Carretera Austral. Hatten wir nie wirklich die Absicht gehabt, uns auf diese chilenische ‚Bodenseerundfahrt‘ einzulassen, so waren wir aus Mangel an sinnvollen Alternativrouten südwärts nun trotzdem hier gelandet. Hier, ohne Lust auf Patagonien, ohne Lust auf die ‚Carretera Austral‘.

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Puerto Montt, Hafenstadt und Einstieg zur Carretera Austral…

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…hektisch, dreckig und ganz nach unserem Geschmack.

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Mit Super Brot…

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…und Schnäppchen.

Um die ‚Carretera‘ geniessen zu können würden wir umdenken müssen. Weg von der Suche nach Abenteuer, nach abgelegenen Routen oder fordernden Pässen. Gefragt war Ferienmodus. Schalter umlegen – oder scheitern, zu zwei weiteren verbitterten und freudlosen Reisenden werden. Dies wollten wir nicht, suchten und fanden den Schalter und beschlossen diesen neuen Abschnitt unserer Reise mit einer Schifffahrt von Puerto Montt nach Chaiten einzuläuten. Dadurch mochten wir uns vielleicht 150 Kilometer erspart haben. Viel wichtiger aber war, dass wir die Fähre am nächsten Morgen in Ferienstimmung verliessen. Ferienmodus erfolgreich aktiviert.

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Die Fähre bringt uns über Nacht von Puerto Montt nach Chaiten.

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Nicht mehr weit nach Chaiten. Das Dorf versank vor ein paar Jahren bei einem überraschenden Vulkanausbruch in Asche und Schlamm.

Nach einer Partynacht am Lagerfeuer eines Campingplatzes in Chaíten, erwachten wir mit den ersten Sonnenstrahlen. Diese bildeten den Auftakt zu einer Sonnenwoche wie aus dem Bilderbuch: Ferien! Vögel zwitscherten, Wälder rauschten um uns herum, Gletscher funkelten auf den Bergkuppen und wir freuten uns über jeden weiteren wie Kinder. Einzig die endlosen Zäune beidseits der Strasse gaben der natürlichen Schönheit Patagoniens einen Natur-hinter-Gitter-Zoo-Charakter und erschwerten die nächtliche Campspotsuche.

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Ein harmloses Exemplar der omnipräsenten, patagonischen Zäune. Seine drahtigen Brüder haben Stacheln.

Je weiter südlich wir vorstiessen, umso schöner wurde die Natur. Obwohl nun die kleinen Dörfern teils mehrere hundert Kilometer und damit mehrere Tage voneinander entfernt waren, stellte sich aber kein richtiges Wildnis-Gefühl ein. Wir durften Patagonien von seiner schönen, aber nicht mehr sehr wilden Seite erleben – und auch die allgemein als rauh, holprig und sehr schlecht beschriebene ‚Carretera‘ hinterliess bei uns einen eher zahmen, ja geradezu gepflegten Eindruck. Ferien statt Abenteuer. Wir genossen es trotzdem und liessen uns dies auch von den immer häufiger werdenden Regentagen nicht vermiesen.

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In bester Ferienstimmung gondeln wir durch die Weiten Patagoniens.

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Kaum scheint die Sonne, summt…

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…und schwirrt es überall.

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Auch wenn sie sich manchmal erst zum Ende eines Regentages blicken lässt…

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…und uns dafür ein paar Farben zaubert.

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Nachdem der Asphalt bei Cerro Castillo endgültig aufgibt…

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…holpern wir fortan auf ‚Ripio‘ (Schotter) durch alte Wälder…

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folgen der Strasse in einem endlosen Auf und Ab über Hügel…

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….durch karge Landschaften…

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…vorbei an Gletschern, die scheinbar zum Greifen nahe enden Bergen kleben…

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…und kurven um Seen in den kitschigsten Farben.

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Immer wieder kommen wir durch Dörfchen. Hier die Bucht bei Puyuhapi, Fischerdorf am Meer, wo die Fische leider immer häufiger ausbleiben. Sie werden von Horden hungriger Seelöwen gefressen. Natürliche Überfischung!

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Auf sonnige, warme und unbeschwerte Tage…

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folgen feucht-kalte. Morgens ist nicht nur unser Zelt nass, aussen von Regen und Tau, innen durch Kondenswasser, sondern auch unsere Daunenschlafsäcke werden von Nacht zu Nacht pappiger und verlieren zunehmend ihre isolierenden Eigenschaften.

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Mittagspausen im Regen finden unter improvisiertem Dach statt.

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Wir lassen uns nicht entmutigen. Schöne Lagunen säumen auch bei Regen den Weg…

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…und Kondore kreisen auch im Nebel. Mal ganz nahe über den Wipfeln, dann wieder weit entfernt über den Hängen.

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Patagonien schien aus hunderten von Seen zu bestehen. Allen voran die spiegelnde Fläche des riesigen ‚Lago General Carrera‘ ( in Argentinien ‚Lago Buenos Aires genannt).

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Je weiter südlich wir kommen…

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…umso mehr Wasser umgibt uns.

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Seen spiegeln die hier immer selber werdenden Sonnenstrahlen.

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Patagoniens mächtige Flüsse sind fast ausschliesslich im Besitz grosser (internationaler) Konzerne und sollen rentieren! Wasserkraft ist trump.

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Nicht nur ein Wasserfall…

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…nein, ganze Wasserfall-Familien …

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…plätschern auf die Strasse.

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…oder werden zu reissenden Bächen. Diese Brücke hier bietet uns zwei Nächte und einen Tag Schutz vor dem Regen, während die tosenden Fluten neben uns bedrohlich anschwellen. Wasserkraft macht taub!

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Erst als die Wolken aufreissen….

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…kriechen wir aus unserem Versteck….

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…und kommen dafür in den Genuss frisch gezuckerter Berge!

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Die Fähre vom Ein-Personen-Dorf ‚Puerto Bungay‘ zum Kein-Personen-Dorf ‚Rio Bravo‘ am anderen Ufer verpassen wir trotzdem. Fünf Stunden Wartezeit.

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‚Villa O’Higins, ein abgelegenes Siedlerdorf am ‚Lago O’Higgins‘ und das Ende der ‚Carretera Austral‘ ist erst seit gut fünfzehn Jahren mit einer Strasse erschlossen.

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Von oben…

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…hinterlässt es einen etwas seltsamen Eindruck. Wir sitzen hier eine Woche fest.

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Ein erster Spaziergang nach einer Woche Dauerregen (!)…

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…eröffnet Blicke auf die uns umgebenden Berge und Gletscher.

Entgegen den schlimmsten Befürchtungen hatten wir bisher anstatt der erwarteten Hundertschaften von Radfahrern täglich durchschnittlich höchstens deren vier angetroffen. In Coyhaique, der einzigen Stadt an der ‚Carretera‘, änderte sich dies schlagartig. Zwischen dutzenden anderen ‚Cicloviajeros’campierten wir im rammelvollen Garten des örtlichen ‚Casa de Ciclistas‘. Hier waren sie also! Radreisende aus aller Welt pausierten hier für ein paar Tage, berichteten über Erlebtes und tauschten Infos aus. Einigen davon liefen wir in den folgenden Wochen noch einige Male über den Weg. Man begegnete sich alle paar Tage, teilte Campspots, Lagerfeuer und Wein, flüchtete vor Regen in kleine hölzerne Schutzhütten oder fand ein trockenes Plätzchen unter Brücken. So hatte sich bis zum Ende der ‚Carretera Austral‘ eine bunte, internationale kleine Gruppe gebildet. Gemeinsan auf die nächste Fähre nach Argentinien wartetend, campierten wir mit unseren Isomatten eine ganze Woche lang im Aufenthaltsraum eines ansonsten eher ausgestorbenen Campingplatzes.

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Zeltfeststimmung. Dichtgedrängtes Hausen im Garten des ‚Casa de Ciclistas‘ in Coyhaique.

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Und auch in den wenigen Refugios (Schutzhütten) ist der Platz knapp.

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Unsere zukünftige ‚Villa O’Higgins‘-Crew. Von links nach rechts: Wir, Markus aus Österreich, Adam aus England, Tom aus Australien und Holly aus Schottland.

Schliesslich gelang es uns gar spontan, genügend Interessenten für einen Abstecher zum O’Higgins-Gletscher, am Campo Hielo Sur (ein Eisfeld von der Grösse der Schweiz) zusammen zu trommeln. Dies hielt die Fährgesellschaft für unwahrscheinlich und lenkte schliesslich, als die nötigen 20 Gäste gefunden waren, widerwillig ein. Daraus wurde ein uunvergessliches Erlebnis bei strahlenem Sonnenschein.

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Nach 5 Stunden Überfahrt nähern wir uns dem ‚Glacier O’Higgins‘. Dieser Gletscher gehört zum ‚Campo Hielo Sur‘, der zweitgrössten zusammenhängenden Eisfläche der Südhalbkugel.

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Erste Eisschollen driften vorbei…

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…und der massive Gletscher beeindruckt sowohl aus der Ferne…

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….als auch aus der Nähe!

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Wir nähern uns der 30m hohen Eiswand bis auf ca. 100m.

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Von allen Seiten können wir den Gletscher bestaunen, diesen unbeschreiblich faszinierenden, grossen Haufen Schlumpf-Eis!

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An alles ist gedacht und wir nutzen die Gelegenheit für ein ‚Ciclistas‘-Gruppenfoto. Gefährten auf der Carretera Austral.

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Schliesslich fahren zwei Mitglieder der Crew mit dem Schlauchboot ans Eis…

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…um uns anschliessend einen Whiskey ‚On the Gletscher-Rocks‘ zu servieren.

Die nächste Etappe war berüchtigt: Niemandsland! Schlamm! Räder schieben und Gepäck schleppen! So schlimm war es dann nicht, ganz im Gegenteil. Die zwanzig Kilometer zwischen Candelario Mancillo, wo uns die Fähre nach dem Gletscherausflug mitsammt Rädern abgesetzt hatte, und dem Ufer des ‚Lago del Desierto‘ in Argentinien waren ganz unterhaltsam. Der zu Beginn relativ steile Weg verwandelte sich auf den letzten sechs Kilometern wirklich in einen Pfad, der durch einen schönen Wald führte. Gespickt mit matschigen Passagen und kleinen Bächen bot er eine willkommene Abwechslung zum endlosen Ripio der ‚Carretera Austral‘. Wir hatten unseren Spass und erreichten tags darauf, 29 Tage nachdem wir Puerto Montt verlassen hatten, am Fusse das mächtigen Monte Fitzroy den kleinen argentinischen Touristenort ‚El Chaltén‘ – und damit wieder Asphalt.

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Nachdem wir Chile offiziell verlassen geht es erst einmal aufwärts. Dann, nach 15 km Steigung, kommt er in Sicht: Der majestätische ‚Monte Fitzroy‘.

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Ab hier geht’s abwärts, über Brücken…

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…und wackelige Stege.

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Wir waten durch Matsch (fallen hinein)…

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…und zirkeln durch tiefe Furchen. Dank des schönen Wetters ein riesen Spass.

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Schliesslich lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf ‚Fitze‘ hinter der ‚Laguna del Desierto‘ frei.

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Imposant schimmert der ‚Monte Fitzroy‘ in den letzten Sonnenstrahlen, während wir unser Camp am Ufer des Sees aufschlagen.

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Und weile so schön war, gleich nochmals: ‚Fitzroy‘ und die ‚Laguna del Desierto‘.

ZUM SCHLUSS WIE ÜBLICH DIE GALERIE MIT DIESEN UND ZUSÄTZLICHEN BILDERN:

Argentinien & Chile | nach Patagonien

1’700 Kilometer

35 Tage, wovon 12 Tage radfrei, davon 7 Tage wartend

17’859 gefahrene Höhenmeter

2’062 m Maximalhöhe, 0 m Minimalhöhe

Ruta 40
staubige Strassen, heisse Winde und trockene Kehlen

Paso Pichachen
Schotter, Wind und Vulkane – mit einer weiteren Andenüberquerung zurück nach Chile

warten auf Reissverschlussschlitten
DHL, der chilenische Zoll und unsere Geduld

Chiles Seenregion
gezuckerte Vulkane, blaue Seen und eine Nation im Ferienfieber

ROUTE: Manzano Historico – Tunuyan – Pareditas – El Sosneado (über die alte RN40, sehr schlecht, viel Sand) – Malargüe – Barda Blanca – Barrancas – Chos Mal – El Cholar – Moncol (Gendarmeria & Aduanas Argentina) – Paso International Pichachen, Grenze ARGENTINIEN / CHILE (4’602 m) – Los Barros (SAG, Aduanas Chile) – Antuco – Santa Barbara (über Qilleco & Puente Duqueco | Ripio) – Ralco – Troyo – Lonquimay – Curacautin – Temuco – Villarrica – Lican Ray – Panguipulli – Rio Bueno (über Los Lagos | Autopista) – Puerto Octay (Autopista bis Osorno) – Puerto Montt (Autopista ab Frutillar)

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Zick-Zack-Route

DER LANGE WEG NACH PATAGONIEN

Nach knapp einem Monat in Argentinien und Chile hatten wir uns Mitte Dezember im Norden Argentiniens entschieden, weiterhin südwärts zu fahren und Patagonien zu unserem Ziel gemacht. Seither hatten wir über tausend Kilometer in der Hitze Nordargentiniens geschmort, waren in Santiago de Chile gewesen, hatten die Anden zweimal überquert und waren nun zurück in Argentinien. Dies nicht nur, weil wir uns die Überquerung des ‚Paso de los Piuquenes‘ in den Kopf gesetzt hatten, sondern auch, weil wir auf dem Weg nach Süden in Chile viele, viele Autobahnkilometer hätten abstrampeln müssen.

Obwohl sich dies trotzdem nicht ganz vermeiden liess, versuchten wir den spannenst möglichen Weg zu suchen. Dass dieser nicht immer der direkteste war, lässt sich beim Betrachten der Karte leicht erkennen. Diese Etappe wurde für uns zu einem Flickenteppich aus Landschaften, Strassenabschnitten in und zwischen Argentinien und Chile.

Nach vier Tagen ‚Rest and Recreation‘ im kleinen Städtchen Tunuyan, keine 100 km südlich von Mendoza, war es an der Zeit weiter zu ziehen. Unsere Körper schienen sich von den Strapazen des ‚Paso de los Piuquenes‘ einigermassen erholt zu haben, die Räder waren gewartet und die Blasen an den Füssen soweit verheilt.

Time to hit the Road, again. Zur Auswahl stand nur eine: Die ‚Ruta 40‘. Sie wand sich entlang des Andenkamms südwärts und bot wenig Ausweichmöglichkeiten. Tage flossen ineinander, auf heisse Morgenstunden folgten heisse Nachmittage mit sich türmenden Gewitterwolken und zuckenden Blitzen. Die Nächte im Zelt hingegen waren kühl, mal schlaflos auf öffentlichen Campingplätzen (wo man in Argentinien hingeht, wenn man nachts singen, schreien oder saufen möchte!) oder selig schlummernd auf Estancias (Farmen) oder in nächtlichen Verstecken am Wegrand.

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Zurück auf der Ruta 40…

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…mit ihren motivierenden Kilometerangaben. Die verbleibenden Kilometer wohlgemerkt.

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Manchmal Ripio, manchmal geteert, immer aber trocken und karg.

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Die alte Ruta 40 folgt der Kordillera immer in Sichtweite. Irgendwo dort oben, nahe des Cerro Sosneado, zerschellte Ende Oktober 1972 Flug 571 der Uruguayischen Luftwaffe. Es folgte ein monatelanges Drama. Die Überlebenden (Mitglieder einer uruguayischen Rugbymannschaft) ernährten sich an den Verstorbenen. Bekannt aus dem Film ‚Alive‘.

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Sieht ja gar nicht tief aus? War es auch nicht, nur gerade weich und tief genug, dass an Fahren nicht zu denken war.

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Morgens war dann jeweils kein Wölkchen weit und breit in Sicht. So spielten wir im heissen Sand.

Jeden Abend aufs Neue wurden wir auch mit unserem ‚Zeltproblem‘ konfrontiert. Sand und Staub hatten den Reissverschlüssen über Monate stark zugesetzt und einer nach dem anderen wurde von Tag zu Tag unbrauchbarer. Es musste eine Lösung her und wir beschlossen, uns Reissverschlussschlitten schicken zu lassen – nochmals! Der erste Anlauf hätte uns bereits vor Weihnachten in Santiago erreichen sollen, war aber in der Weihnachtspost kläglich untergegangen.

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Auf Estancias (Farmen) fanden wir hinter Hecken Zuflucht vor dem nächtlichen Wind…

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…und wurden bewundert und beäugt!

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Wenn Gewitterwolken aufzogen, verzogen wir uns. Hier am Rande eines Flussbettes nahe ‚El Sosneado‘.

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Danach kamen die Nacht. Stille und die Sterne.

Da wir jedoch ohnehin mit einer verlockend klingenden weiteren Andenüberquerung und zwei Routen durch Chiles Wälder geliebäugelt hatten, passte uns dies ganz gut in die Planung. Wir wollten lieber schöne Routen fahren anstatt südwärts zu drängen – hier fanden wir den perfekten Grund für einen weiteren Schlenker.

So tauschten wir kurz nach Chos Malal ein weiteres Mal die Gewissheit der Ruta 40 gegen die Ungewissheit einer abgelegenen, uns unbekannten aber umso vielversprechenderen Strecke quer über die Anden, über den ‚Paso Pichachén‘, und damit das schnelle Surren unter den Reifen gegen ein langsameres Knirschen. Einzig der Gegenwind blieb uns treu und versuchte uns das Leben auch auf dieser wunderschönen Strecke schwer zu machen. Es gelang ihm, und auch dem abschnittweise tiefen Sand, nicht!

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Wie immer wies uns die Karte den Weg.

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Nach Chos Malal wand sich die Strasse langsam in die Berge hoch. Wir wollten hinauf, der Wind wollte herunter – ein stundenlanger Zweikampf.

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Mit den ersten Sonnenstrahlen waren wir auf der Strasse…

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…und warfen langen Schatten.

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Aber sonst war Schatten rar – trotzdem machte es Spass.

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Seltsame Felsformationen liessen uns staunen, ob als Wand…

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…oder als Felskopf.

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Felsen wie von Kinderhand gestapelt, untermalt von Windgeheul.

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Der Kommandant der ‚Gendarmeria Nacional‘ besuchte gerade alle ihm unterstellten Aussenposten – im Lastwagen. Uns liessen sie deshalb im Dörfchen El Cholar nicht in ihrem Hof campieren. Die Polizei nebenan bot uns dafür ein Zimmer an.

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Señor Turista wird informiert, dass die Grenze naht und er dort kontrolliert werden würde.

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Aber erst noch ein paar Kurven.

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Nach einer Nacht im Pferdestall der Gendarmerie Moncol (hier war der hohe Besuch schon überstanden) waren wir früh auf den Beinen – nicht der Pferde wegen, die schliefen im Freien.

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Die Prognose fiel günstig aus: Wetter gut, Wind gemässigt und zur Grenze fehlen bloss 25 km. Aufwärts.

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Mit der (bescheidenen) Höhe verändert sich im Laufe des Morgens die Landschaft um uns herum. Bäume werden rarer und Schafherden suchen die Wärme der Morgensonne.

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Blick zurück, immer dankbar!

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Die Spitze des weissen Kegel des mächtigen ‚Antuco‘ in der Ferne raubt uns kurz vor der Passhöhe den verbleibenden Atem.

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Es herrschen beste Pistenverhältnisse!

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Auf gerade mal 2’000 m fehlt kurz vor der Passhöhe plötzlich jede Vegetation.

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‚Paso Pichachén‘, Passhöhe und Grenze zwischen Argentinien und Chile

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Gletscher und Vulkane. Neue Welten eröffnen sich. Obwohl es ab hier tendenziell abwärts ging, kamen wir immer schlechter vorwärts. Oft war Stossen angesagt.

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Oben Eis, unten Sand.

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Das Panorama hält uns trotz Mühen bei Laune…und lässt uns unsere Snowboards vermissen.

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Dazwischen gibts Kaffee a la bicicleta: Der verlorene Filter wird erfolgreich durch eine Socke ersetzt. Sieht lecker aus? War es auch!

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Dann wird im Schatten einer Brücke…

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…geschlummert.

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Auch im Wald hinter dem ‚Refugio‘ des chilenischen Militär durften wir schlummern. Der Vorgesetzte servierte uns ‚Sopaipillas‘ (frittiertes Gebäck) und die drei Soldaten spielten den ganzen Tag Tischfussball. Argentinien scheint hier keine Bedrohung darzustellen.

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Nicht alle erreichen das Refugio. Am 18. Mai 2005 gerieten drei Kompanien frisch rekrutierter Soldaten auf einem Übungsmarsch zu eben diesem Refugio in einen Schneesturm. 45 von ihnen fanden bei Temperaturen unter -35 Grad den Tod. Entlang des Weges erinnern heute Tafeln an die Verstorbenen. Für jeden Soldaten eine, jeweils dort wo er gefunden wurde.

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In vulkanischem Sand umrundeten wir den Vulkan Antuco…

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…entlang der halbtrockenen ‚Laguna de las Lajas‘. Im Kampf Nationalpark gegen Wasserkraftwerk gewinnt in Chile immer die Energie. Die Lagune verlor, Wasser.

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Der Weg führte durch unwirkliche vulkanische Schutthaufen gigantischen Ausmasses.

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Sommersaison in Chakay, dem Skigebiet auf der Flanke des Vulkans. Leider falsche Saison für uns.

Mit Antuco in Chile waren wir einmal mehr zurück in der Zivilisation, diesmal der chilenischen. Die Reissverschlussschlitten hatten mittlerweile Santiago de Chile erreicht. Um ihnen etwas Zeit für die Reise an ihren Bestimmungsort Temuco zu geben, schlugen wir sogleich einen Haken zurück in die Berge.

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Eine Kombination aus Waldwegen und Brücken brachte uns von Quillaco nach Santa Barbara.

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In den Pausen luden Wälder zum Spielen ein. Hier wird gerade eine Partie ‚Waldboccia‘ gewonnen.

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Der Maestro und seine Bocciakugel.

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Campingplatz-Nachbarn. In Chile ist campieren Familiensache.

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Noch ein Freund, getroffen in Antuco.

Bald holperte es wieder unter unseren Reifen, geschäftige Städtchen wichen kleinen Mapuche-Siedlungen (den Mapuche, Chiles indigener Bevölkerung, ergeht es ähnlich wie ihren nordamerikanischen ‚Schicksalsgenossen‘) und mit den Höhenmetern wurden aus den Hügeln um uns herum wieder Berge und Vulkane. Irgendwann kam was kommen musste: Das Ende der Schotterstrasse. Also taten wir, was wir am besten zu beherrschen schienen: Schieben. Sogar für unseren Geschmack hatten wir aber in letzter Zeit bereits genug geschoben und änderten am nächsten Morgen nach einigen warnenden, im Nachhinein vielleicht etwas übertriebenen Worten eines Bauers („…dort versenken sie Jeeps in Sand“) unsere Pläne und damit unsere Route.

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Wir folgen dem Rio Bio Bio durch rauschende Wälder und rollende Hügel.

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‚Embalse Ralco‘: Auch hier wird gestaut, aber Widerstand regt sich.

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Das Ende der befestigten Strasse haben wir längst hinter uns gelassen. Für diese Art von Pfaden über diese Art von Hügeln sind wir (unsere Räder!) zu schwer. Wir stossen mit Fassung.

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Was im Winter als Schlamm klebt, staubt uns jetzt Knöcheltief um die Füsse, füllt unsere Schuhe und verleiht uns einen neuen Teint.

Wenige Tage darauf waren wir in Temuco. Das Paket hingegen, so mussten wir feststellen, hing immer noch am Flughafen von Santiago im Zoll fest! Dort wartete es darauf, von uns in einem nervenaufreibeden Kampf gegen DHL befreit und durch Lösegeldzahlungen an den chilenischen Zoll freigekauft zu werden. Der Kampf tobte sieben Tage, bevor wir ihn gewinnen konnten. %@#* DHL!

Erleichtert und mit einem (gefühlt) neuen Zelt machten wir uns auf den Weg südwärts, durch die chilenische Seen-Region.

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Villarrica, Sommer-Hochsaison am Fusse des gleichnamigen Vulkans.

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Puerto Octay, zerfallender Charme.

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Deutscher Einfluss ist überall sichtbar…

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…hier bereits etwas chilenisch.

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Vulkan Osorno.

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Früchte, Chiles Exportschlager, halten uns bei Laune.

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Chiles Seenregion: Vulkane, Seen und viele, viele Touristen.

Möglichst schnell, möglichst gradlinig und möglichst verkehrsarm hatten wir uns diesen Weg vorgestellt, dabei aber die Rechnung ohne den starken Reiseverkehr auf sämtlichen Nebenstrassen gemacht. Zum Glück gab es da noch den schützenden Pannenstreifen der ‚Autopista‘ (Autobahn). In dessen Schutz legten wir schliesslich gut die Hälfte der rund 400 km von Temuco nach Puerrto Montt zurück. An dieser Stelle ein Dankeschön an die chilenische Polizei, die uns bereits nach wenigen Autobahnkilometern beiseite nahm – bloss um uns mit einem Kamerateam zu interviewen, uns mit gelben Leuchtwesten auszustatten und uns eine gute Weiterreise zu wünschen. Puerto Montt haben wir schliesslich gelb leuchtend und bei Sonnenschein erreicht. ¡Muchas Gracias!

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Autopista nach Temuco, noch ohne Leuchtweste.

Fehlt nur noch die GALERIE: