Georgien | Westlicher Kaukasus

Mai / Juni 2018
22 Tage
986 km, 21’777 Hm

Tiflis – Sattelt die ‘Pferde’!
Kaukasus – Pässe, Schlamm & Schnee
Menschen – harte Blicke, sanfte Seelen
Pläne – Georgien, Armenien, Iran, Aserbaidschan

ROUTE | Tiflis – Gori – Sachkhere – (Track über Pass) – Ambrolauri – Tsageri – Lentheki – Zagari-Pass (2’650 m) – Ushguli – Mestia – Kutaisi – Sairme – Aspindza – Vardzia – Akhalkalaki – Ninotsminda / Bavra (Armenien)

Georgien tickt anders. Dies merkten wir gleich nach unserer Ankunft in Tiflis, als uns der Besitzer des ‘Hostels’ morgens um 5 Uhr als erstes Bier vorsetzen wollte. Er habe soeben seine neue, eigene Wodka-Destille getestet – wie uns schien erfolgreich. Nach über zwölf Stunden Reisezeit mit fünf Stunden Aufenthalt in Istanbul, mussten wir übermüdet ablehnen. Dass dies nicht immer so einfach sein sollte, würden wir in den nächsten Tagen noch feststellen.

So verbrachten wir die ersten beiden Tage in Tiflis damit, die Stadt zu erkunden, unsere Räder zusammenzusetzen und das Gepäck an den Rädern festzumachen. Einmal mehr hatten wir im Vorfeld dieser Reise unser Gepäck optimiert und neue Taschen genäht. Mehr dazu aber im Detail in einem Blogpost zum Ende der Reise, voraussichtlich Ende Juli 2018.

Ausserdem wollte auch noch die im Vorfeld (grob) geplante Route angepasst werden. Denn – wer hätte das gedacht – oberhalb von 2000 m über Meer lag immer noch Schnee und viele Pässe schienen noch unpassierbar. Doch ein neuer Plan war schnell gefasst: Wir wollten erst einmal westwärts fahren und dann, in einem grossen Bogen den ‘Kleinen Kaukasus’ erkundend, wieder nach Osten abdrehen, um schliesslich nach Baku ins benachbarte Azerbaidschan zu gelangen. Von dort wollten wir Mitte Juni nach Duschanbe in Tajikistan fliegen, um die hohen Berge des Pamir zu befahren.

Dieser Plan war gerade einmal zwei Tage alt, als wir im kleinen Städtchen Gori (der Geburtsstadt Stalins, die 2008 im Krieg um Südossetien von der russischen Armee angegriffen und besetzt worden war) der Verlockung der hohen Berge nicht widerstehen konnten. Anstatt weiter westwärts zu fahren, drehten wir nach Norden ab und folgten dem südossetischen Grenzverlauf – unerwartet Checkpoint-frei – nach Norden, wir hielten geradewegs auf die Berge zu.

Tbilisi (Tiflis): Stahlrahmen und dicke Reifen

Wir erkunden die Stadt …

…. während andere im Sonnenschein tanzen.

Stalin, im kleinen Städtchen Gori geboren, lebt in manchen Gärten weiter

Georgien blüht und wir sind mitten drin.

… andere ebenso.

Aber nicht alle stehen gerne im Mittelpunkt.

Doch wie so oft verlaufen die Strassen nicht dort, wo man sie gerne hätte. In Sachkhere versperrte uns eine Bergkette den direkten Weg und versuchte uns zu einem Umweg von etwa drei Tagen zu zwingen. Aber dank Smartphone und digitalen Karten fanden wir schnell eine direkte, wenn auch ungewissere Route von Sachkhere nach Ambrolauri. Bei der örtlichen Feuerwehr in Sachkhere, wo wir um einen Platz zum Campen im Garten gefragt hatten, hielt man die Passierbarkeit des Weges für ungewiss. Gewiss aber sei es dort steil und schlammig. Auch riet man uns – mittels ‘Google Translate’ – von jener Route ab und warnte uns insbesondere davor, die Nacht oberhalb der Baumgrenze zu verbringen. Bären, Wölfe, „Problema!“ Durch solche Aussagen etwas unter Druck, brachen wir frühmorgens auf, um die Passhöhe auf über 2100 m vor Sonnenuntergang erreichen und überqueren zu können.

Und es wurde steil. So steil, dass wir bereits auf den ersten hundert Höhenmetern Aufstieg immer öfter aus den Sätteln gezwungen wurden. Als die steinige Strasse dann in eine schlammige Offroad-Piste überging, war an Fahren nicht mehr zu denken. Stattdessen wuchteten wir unsere beladenen Räder Meter um Meter vorwärts, aufwärts. Nachmittags um 3 Uhr, auf bereits 1600 m Höhe angelangt, warfen wir für einen Moment das Handtuch – beziehungsweise die Räder in den Dreck – und beschlossen umzukehren. Wir hatten bereits 1000 Höhenmeter zurückgelegt, wovon geschätzte 900 Höhenmeter geschoben. Doch zur Passhöhe fehlten uns noch immer 500 Höhenmeter – und jetzt sollte es erst richtig steil werden. Aber es liess uns keine Ruhe.
Zwei Stunden später standen wir auf der Passhöhe – eines Passes, dessen Namen wir nicht einmal kannten. Ziemlich erschöpft schoben wir unsere Räder über ein Schneefeld, bevor wir euphorisch in den Sonnenuntergang holperten. Abwärts, natürlich weiter ohne Asphalt.

Die Feuerwehr in Sachkhere lässt uns nicht im Garten zelten, sondern stellt uns ein leeres Zimmer zur Verfügung.

Wie sagten die Jungs von der Feuerwehr: Steil …

… und schlammig! Der Regen in der Nacht zuvor macht die Sache auch nicht griffiger.

Passhöhe auf 2’100 m. Wir erhaschen erste Blicke auf die weissen Riesen des Hohen Kaukasus … und die bevorstehende Abfahrt.

Doch erst gilt es noch ein kleines Schneefeld zu überqueren. Nachdem wir unsere Räder 1’500 Höhenmeter hochgewuchtet haben, fällt diese kleine Rutschpartie nicht mehr ins Gewicht.

Von den hohen Bergen im Svaneti National Park trennte uns 160 km später ein weiterer Pass (Zagari-Pass, 2’650 m), diesmal allerdings mit wirklicher Strasse – die aber stellenweise noch unter Lawinenkegeln begraben lag und daher für den Verkehr geschlossen war. Ein Glück, dass sich Fahrräder, wenn auch mühsam, tragen lassen.

Wenige Tage später wartet bereits der nächste Pass (Zagari-Pass, 2’650m) und hält statt Schlamm Schnee für uns bereit.

Im faulen Schnee finden wir keine Zeit, uns auf die faule Haut zu legen.

Oben angekommen fallen all die Mühen des zweitägigen Anstiegs von uns ab, es bleibt pure Freude!

Freude, gefolgt von einer Abfahrt nach Ushguli.

Das 2’100 m über dem Meeresspiegel gelegene Dorf Ushguli …

… trumpft mit Wehrtürmen und Ladas auf.

Doch uns interessieren besonders Kaffee, Cola und Kekse.

Der Pass ist bezwungen, doch dauert es noch lange, bis wir einen flachen Fleck für die Nacht finden.

Auch im Kleinem Kaukasus warteten Kurven, wie hier im Borjomi-Kharagauli Nationalpark.

Dort kämpfen wir uns nicht durch den Schnee, lassen aber unsere Entourage davor posieren.

Dank dicken Reifen geht’s auch ohne Federung mit Schwung talwärts.

Wie daheim, mit staunenden Kühen auf satten Wiesen.

In Aspindza kommen wir in den Genuss schwefelhaltiger Bäder mit Soviet-Charme.

Während man im Hohen Kaukasus Wehrtürme baute, versteckte man im Kleinen Kaukasus Klöster in Höhlen und Felswänden.

Das Höhlen-Kloster von Vardzia, vor 1’000 Jahren erbaut, beherbergte einst 50’000 Menschen.

Das Wetter spielt verrückt und fährt täglich dicke Wolken auf.

Wer aufsteigt, kann Ausblicke geniessen.

Da tut jeder Sonnenstrahl wohl. Nicht nur uns.

Wir nehmen uns Zeit, erkunden Wasserfälle am Wegrand …

…. und staunen über wundersame Blumen.

…. in allen Farben.

Obwohl die Natur uns täglich aufs Neue begeisterte und mit ihrer unglaublichen Vielfalt überraschte, waren unsere drei Wochen in Georgien von den Menschen geprägt. Harte Gesichter zerbrachen innert Sekunden in freundliches Lachen. Und war das Eis erst einmal gebrochen, brachten uns die Menschen eine enorme Herzlichkeit – und auch Trinkfreude – entgegen! Immer wieder wurde uns von Wildfremden Brot und Käse gereicht oder wir wurden durch ein verschwörerisches Schnipsen gegen die eigene Kehle zum Trunk geladen.

Eine Familie nahm uns im Regen spontan bei sich auf, verwöhnte uns mit einem herzhaften Abendessen, gefolgt von Gläsern voller Wodka. Auch am nächsten Morgen liess man es sich nicht nehmen, uns gut auf den Tag vorzubereiten: Parallel zum Frühstück wurden Trinksprüche ausgebracht, bevor die Gläser, erst mit rotem und dann mit weissem Wein gefüllt, auf ex gestürzt werden mussten. Was früher bei der Tour de France ging, ging auch hier – dafür setzte dann 40 km später in der prallen Mittagssonne der Kater ein.

Diese Familie lädt uns bei strömendem Regen spontan in ihr Heim ein.

Wir bekommen ein Bett zugeteilt, während Mutter und Tochter in der Küche schlafen.

Unsere Gastgeber. Wladimir und seine Frau.

Die Nächte verbrachten wir nach Möglichkeit im Zelt. Jeweils gegen 19 Uhr begannen wir auf abzweigende Wege oder Pfade zu achten und wurden meist schnell fündig. Wir übernachteten ungestört in Blumenwiesen, zwischen Feldern oder in Wäldern. Einmal aber begingen wir den Fehler, das Zelt zu früh aufzustellen, und dies an einem Samstag. Innert kürzester Zeit statteten uns betrunkene Herren aus der Nachbarschaft einen Besuch ab. Wir wurden begrüsst und umtorkelt, es wurde über die Fahrräder gestürzt, in lauwarmen Kuhfladen ausgerutscht oder darin getanzt und man wollte uns wiederholt in Ladas verfrachten, um irgendwo Wein oder Chacha (Schnaps) zu geniessen. Während alldem wurden im Minutentakt Brüderküsse verteilt – bevor die Show wieder von vorne begann.

In Georgien wird Gastfreundschaft gross geschrieben! Wir werden von schlemmenden Familien mit Brot, Käse und Wein eingedeckt.

Restaurants locken uns mit köstlichen Snacks aus den Sätteln.

Man lässt Arbeit ruhen …

… und zwingt uns, Pausen einzulegen.

Die Prioritäten sind jedoch eindeutig!

In diesen drei Wochen wuchs in uns die Überzeugung, von unserem ursprünglichen Plan abzukommen. Anstatt nach sechs Wochen Georgien und Aserbaidschan von Baku nach Tajikistan in Zentralasien zu fliegen wurde uns klar: Wir waren gekommen, um zu bleiben – jedenfalls in der Region. Eine Runde in der ‘Nachbarschaft’ klang verlockend. Wir beschlossen, nach Armenien zu fahren und mit Glück ein Visum für den Iran zu ergattern. Von dort liesse es sich dann durch Aserbaidschan wieder zurück nach Georgien fahren – und bis dahin sollten auch die letzten Pässe des Grossen Kaukasus schneefrei sein. Mit diesem Plan im Gepäck verliessen wir Georgien und seine herzlichen Menschen und unglaublich schönen Landschaften nach drei Wochen, 986 Kilometern und 21’777 gestiegenen Höhenmetern nach Armenien. Wölfe und Bären hatten wir noch nicht gesehen – sie uns vielleicht schon. Georgia, we’ll be back!

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