Chiles Patagonien | Carretera Austral

Februar / März 2015

1’074 Kilometer

14’842 gefahrene Höhenmeter

29 Tage, wovon 10 radfrei, davon 6 auf Fähre wartend

Carretera Austral
Schotter, Kurven, lange Zäune
Regen, Wind und Sommerwetter

Patagonien
erschlossene Wildnis
Fähren, Gletscher, Wasserfälle
Kondore und Puhús

ROUTE | Puerto Montt – Chaíten (Fähre) – Villa Santa Lucia – La Junta – Puyuhuapi – Villa Amengual – Villa Mañihuales – Coihaique – Villa Cerro Castillo (Ende Asphalt, bis hier Teilstücke asphaltiert oder im Bau) – Puerto Tranquilo – Puerto Bertrand – Cochrane – Puerto Yungay – (Fähre) – Rio Bravo – Villa O’Higgins – Puerto Bahamondez (Ende ‚Carretera Austral‘)

[In allen genannten Ortschaften (ausser Puerto Yungay, kein Ort) sind Lebensmittel, wenn auch beschränkt erhältlich]

Puerto Bahamondez – (Fähre via Glaciar O’Higgins) – Candelario Mancillo (Carabineros erledigen Grenzformalitäten CL) – Ripio bis Grenze (15km) 15km – Singletrack bis ‚Lago del Desierto‘ (~6 km, Gendarmeria erledigt Grenzformalitäten ARG) – Überfahrt ‚Lago del Desierto‘ per Fähre – El Chaltén (Beginn Asphalt)

ROUTENOPTIONEN | Fähre: Villa O’Higgins – Candelario Mancillo (regelmässig 3x wöchentlich Dez. – Mitte März, dann nur samstags) |Paso Rio Mayer: (Begehbarkeit hängt vom Wasserstand der zu querenden Flüsse ab, für uns (Ende März) keine Option

Carretera Austral mit Verbindung nach Argentinien

Carretera Austral mit Verbindung nach Argentinien

AUF DER ‚CARRETERA AUSTRAL‘ DURCH CHILES PATAGONIEN

Seit Monaten, ja seit wir vor über einem Jahr in Kolumbien südamerikanischen Boden betreten haben, schwärmten uns nordwärts fahrende Radreisende von einer Strasse vor: Der ‚Carretera Austral‘.

Der Bau dieses strategischen Monsterprojektes wurde unter Diktator General Pinochet im Jahre 1976 lanciert und erst im Jahr 2000 offiziell eröffnet. Grossteils immer noch ungeteert, windet sich die ‚Carretera Austral‘ südwärts durch Chiles Patagonien. Dabei schneidet sie sich ihren Weg durch Regenwälder und Fjorde, durchquert Sümpfe und Flüsse bis sie, nach über tausend Kilometern, irgendwann nicht mehr kann, nicht mehr will und einfach aufhört.

Diese Strasse also schien das Non-plus-Ultra, ja geradezu der heilige Gral und die ‚Tour de France‘ aller südamerikanischen Radreiserouten zu sein. Eine Pflicht ohne Wenn und Aber und ein Muss für jeden Radtourero.

Ripio hin oder her – für uns hatte sie damit jeglichen Reiz verloren. Totzdem standen wir Mitte Februar in Puerto Montt und damit sozusagen vor den Toren zur Carretera Austral. Hatten wir nie wirklich die Absicht gehabt, uns auf diese chilenische ‚Bodenseerundfahrt‘ einzulassen, so waren wir aus Mangel an sinnvollen Alternativrouten südwärts nun trotzdem hier gelandet. Hier, ohne Lust auf Patagonien, ohne Lust auf die ‚Carretera Austral‘.

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Puerto Montt, Hafenstadt und Einstieg zur Carretera Austral…

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…hektisch, dreckig und ganz nach unserem Geschmack.

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Mit Super Brot…

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…und Schnäppchen.

Um die ‚Carretera‘ geniessen zu können würden wir umdenken müssen. Weg von der Suche nach Abenteuer, nach abgelegenen Routen oder fordernden Pässen. Gefragt war Ferienmodus. Schalter umlegen – oder scheitern, zu zwei weiteren verbitterten und freudlosen Reisenden werden. Dies wollten wir nicht, suchten und fanden den Schalter und beschlossen diesen neuen Abschnitt unserer Reise mit einer Schifffahrt von Puerto Montt nach Chaiten einzuläuten. Dadurch mochten wir uns vielleicht 150 Kilometer erspart haben. Viel wichtiger aber war, dass wir die Fähre am nächsten Morgen in Ferienstimmung verliessen. Ferienmodus erfolgreich aktiviert.

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Die Fähre bringt uns über Nacht von Puerto Montt nach Chaiten.

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Nicht mehr weit nach Chaiten. Das Dorf versank vor ein paar Jahren bei einem überraschenden Vulkanausbruch in Asche und Schlamm.

Nach einer Partynacht am Lagerfeuer eines Campingplatzes in Chaíten, erwachten wir mit den ersten Sonnenstrahlen. Diese bildeten den Auftakt zu einer Sonnenwoche wie aus dem Bilderbuch: Ferien! Vögel zwitscherten, Wälder rauschten um uns herum, Gletscher funkelten auf den Bergkuppen und wir freuten uns über jeden weiteren wie Kinder. Einzig die endlosen Zäune beidseits der Strasse gaben der natürlichen Schönheit Patagoniens einen Natur-hinter-Gitter-Zoo-Charakter und erschwerten die nächtliche Campspotsuche.

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Ein harmloses Exemplar der omnipräsenten, patagonischen Zäune. Seine drahtigen Brüder haben Stacheln.

Je weiter südlich wir vorstiessen, umso schöner wurde die Natur. Obwohl nun die kleinen Dörfern teils mehrere hundert Kilometer und damit mehrere Tage voneinander entfernt waren, stellte sich aber kein richtiges Wildnis-Gefühl ein. Wir durften Patagonien von seiner schönen, aber nicht mehr sehr wilden Seite erleben – und auch die allgemein als rauh, holprig und sehr schlecht beschriebene ‚Carretera‘ hinterliess bei uns einen eher zahmen, ja geradezu gepflegten Eindruck. Ferien statt Abenteuer. Wir genossen es trotzdem und liessen uns dies auch von den immer häufiger werdenden Regentagen nicht vermiesen.

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In bester Ferienstimmung gondeln wir durch die Weiten Patagoniens.

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Kaum scheint die Sonne, summt…

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…und schwirrt es überall.

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Auch wenn sie sich manchmal erst zum Ende eines Regentages blicken lässt…

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…und uns dafür ein paar Farben zaubert.

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Nachdem der Asphalt bei Cerro Castillo endgültig aufgibt…

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…holpern wir fortan auf ‚Ripio‘ (Schotter) durch alte Wälder…

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folgen der Strasse in einem endlosen Auf und Ab über Hügel…

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….durch karge Landschaften…

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…vorbei an Gletschern, die scheinbar zum Greifen nahe enden Bergen kleben…

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…und kurven um Seen in den kitschigsten Farben.

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Immer wieder kommen wir durch Dörfchen. Hier die Bucht bei Puyuhapi, Fischerdorf am Meer, wo die Fische leider immer häufiger ausbleiben. Sie werden von Horden hungriger Seelöwen gefressen. Natürliche Überfischung!

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Auf sonnige, warme und unbeschwerte Tage…

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folgen feucht-kalte. Morgens ist nicht nur unser Zelt nass, aussen von Regen und Tau, innen durch Kondenswasser, sondern auch unsere Daunenschlafsäcke werden von Nacht zu Nacht pappiger und verlieren zunehmend ihre isolierenden Eigenschaften.

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Mittagspausen im Regen finden unter improvisiertem Dach statt.

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Wir lassen uns nicht entmutigen. Schöne Lagunen säumen auch bei Regen den Weg…

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…und Kondore kreisen auch im Nebel. Mal ganz nahe über den Wipfeln, dann wieder weit entfernt über den Hängen.

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Patagonien schien aus hunderten von Seen zu bestehen. Allen voran die spiegelnde Fläche des riesigen ‚Lago General Carrera‘ ( in Argentinien ‚Lago Buenos Aires genannt).

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Je weiter südlich wir kommen…

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…umso mehr Wasser umgibt uns.

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Seen spiegeln die hier immer selber werdenden Sonnenstrahlen.

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Patagoniens mächtige Flüsse sind fast ausschliesslich im Besitz grosser (internationaler) Konzerne und sollen rentieren! Wasserkraft ist trump.

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Nicht nur ein Wasserfall…

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…nein, ganze Wasserfall-Familien …

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…plätschern auf die Strasse.

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…oder werden zu reissenden Bächen. Diese Brücke hier bietet uns zwei Nächte und einen Tag Schutz vor dem Regen, während die tosenden Fluten neben uns bedrohlich anschwellen. Wasserkraft macht taub!

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Erst als die Wolken aufreissen….

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…kriechen wir aus unserem Versteck….

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…und kommen dafür in den Genuss frisch gezuckerter Berge!

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Die Fähre vom Ein-Personen-Dorf ‚Puerto Bungay‘ zum Kein-Personen-Dorf ‚Rio Bravo‘ am anderen Ufer verpassen wir trotzdem. Fünf Stunden Wartezeit.

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‚Villa O’Higins, ein abgelegenes Siedlerdorf am ‚Lago O’Higgins‘ und das Ende der ‚Carretera Austral‘ ist erst seit gut fünfzehn Jahren mit einer Strasse erschlossen.

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Von oben…

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…hinterlässt es einen etwas seltsamen Eindruck. Wir sitzen hier eine Woche fest.

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Ein erster Spaziergang nach einer Woche Dauerregen (!)…

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…eröffnet Blicke auf die uns umgebenden Berge und Gletscher.

Entgegen den schlimmsten Befürchtungen hatten wir bisher anstatt der erwarteten Hundertschaften von Radfahrern täglich durchschnittlich höchstens deren vier angetroffen. In Coyhaique, der einzigen Stadt an der ‚Carretera‘, änderte sich dies schlagartig. Zwischen dutzenden anderen ‚Cicloviajeros’campierten wir im rammelvollen Garten des örtlichen ‚Casa de Ciclistas‘. Hier waren sie also! Radreisende aus aller Welt pausierten hier für ein paar Tage, berichteten über Erlebtes und tauschten Infos aus. Einigen davon liefen wir in den folgenden Wochen noch einige Male über den Weg. Man begegnete sich alle paar Tage, teilte Campspots, Lagerfeuer und Wein, flüchtete vor Regen in kleine hölzerne Schutzhütten oder fand ein trockenes Plätzchen unter Brücken. So hatte sich bis zum Ende der ‚Carretera Austral‘ eine bunte, internationale kleine Gruppe gebildet. Gemeinsan auf die nächste Fähre nach Argentinien wartetend, campierten wir mit unseren Isomatten eine ganze Woche lang im Aufenthaltsraum eines ansonsten eher ausgestorbenen Campingplatzes.

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Zeltfeststimmung. Dichtgedrängtes Hausen im Garten des ‚Casa de Ciclistas‘ in Coyhaique.

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Und auch in den wenigen Refugios (Schutzhütten) ist der Platz knapp.

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Unsere zukünftige ‚Villa O’Higgins‘-Crew. Von links nach rechts: Wir, Markus aus Österreich, Adam aus England, Tom aus Australien und Holly aus Schottland.

Schliesslich gelang es uns gar spontan, genügend Interessenten für einen Abstecher zum O’Higgins-Gletscher, am Campo Hielo Sur (ein Eisfeld von der Grösse der Schweiz) zusammen zu trommeln. Dies hielt die Fährgesellschaft für unwahrscheinlich und lenkte schliesslich, als die nötigen 20 Gäste gefunden waren, widerwillig ein. Daraus wurde ein uunvergessliches Erlebnis bei strahlenem Sonnenschein.

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Nach 5 Stunden Überfahrt nähern wir uns dem ‚Glacier O’Higgins‘. Dieser Gletscher gehört zum ‚Campo Hielo Sur‘, der zweitgrössten zusammenhängenden Eisfläche der Südhalbkugel.

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Erste Eisschollen driften vorbei…

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…und der massive Gletscher beeindruckt sowohl aus der Ferne…

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….als auch aus der Nähe!

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Wir nähern uns der 30m hohen Eiswand bis auf ca. 100m.

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Von allen Seiten können wir den Gletscher bestaunen, diesen unbeschreiblich faszinierenden, grossen Haufen Schlumpf-Eis!

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An alles ist gedacht und wir nutzen die Gelegenheit für ein ‚Ciclistas‘-Gruppenfoto. Gefährten auf der Carretera Austral.

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Schliesslich fahren zwei Mitglieder der Crew mit dem Schlauchboot ans Eis…

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…um uns anschliessend einen Whiskey ‚On the Gletscher-Rocks‘ zu servieren.

Die nächste Etappe war berüchtigt: Niemandsland! Schlamm! Räder schieben und Gepäck schleppen! So schlimm war es dann nicht, ganz im Gegenteil. Die zwanzig Kilometer zwischen Candelario Mancillo, wo uns die Fähre nach dem Gletscherausflug mitsammt Rädern abgesetzt hatte, und dem Ufer des ‚Lago del Desierto‘ in Argentinien waren ganz unterhaltsam. Der zu Beginn relativ steile Weg verwandelte sich auf den letzten sechs Kilometern wirklich in einen Pfad, der durch einen schönen Wald führte. Gespickt mit matschigen Passagen und kleinen Bächen bot er eine willkommene Abwechslung zum endlosen Ripio der ‚Carretera Austral‘. Wir hatten unseren Spass und erreichten tags darauf, 29 Tage nachdem wir Puerto Montt verlassen hatten, am Fusse das mächtigen Monte Fitzroy den kleinen argentinischen Touristenort ‚El Chaltén‘ – und damit wieder Asphalt.

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Nachdem wir Chile offiziell verlassen geht es erst einmal aufwärts. Dann, nach 15 km Steigung, kommt er in Sicht: Der majestätische ‚Monte Fitzroy‘.

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Ab hier geht’s abwärts, über Brücken…

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…und wackelige Stege.

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Wir waten durch Matsch (fallen hinein)…

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…und zirkeln durch tiefe Furchen. Dank des schönen Wetters ein riesen Spass.

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Schliesslich lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf ‚Fitze‘ hinter der ‚Laguna del Desierto‘ frei.

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Imposant schimmert der ‚Monte Fitzroy‘ in den letzten Sonnenstrahlen, während wir unser Camp am Ufer des Sees aufschlagen.

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Und weile so schön war, gleich nochmals: ‚Fitzroy‘ und die ‚Laguna del Desierto‘.

ZUM SCHLUSS WIE ÜBLICH DIE GALERIE MIT DIESEN UND ZUSÄTZLICHEN BILDERN: