Iran | Im Norden

_1340887

Juni 2018
9 Tage, davon 4 in Tabriz
468 km, 7’782 hm
2 Pässe, 100% geteert

«Welcome to Iran!» – Empfang mit offenen Armen
Dresscode – Jeans, Kopftuch & lange Ärmel
Menschen – im Land der Gastfreundschaft
Strasse – auf Asphalt über 1000 Hügel
Hitze – Nachmittage im Schatten

ROUTE | Agarak (Grenze Armenien) – Kharvana – Arzil – (Pass, ~2’450 m) – Ammnad – Täbris (Tabriz) – Heeris – (Pass, ~2’500m) – Meshginshahr – Kangarlu – Moradlu – Germi – Bilasuvar (Grenze Azerbaijan) Zu Karte und GPX-Datei

route iran

ROUTE | Agarak (Grenze Armenien) – Täbris (Tabriz) – Bilasuvar (Grenze Azerbaijan) Zu Karte und GPX-Datei

Iran | Im Norden

Lange Zeit war bei einer Reise in den Iran das nötige Visum die grosse Hürde. 2004 hatte uns etwa die iranische Botschaft in Bischkek, Kirgisien, geschlagene zwei Wochen warten lassen. Diese Hürde hatten wir mit dem Erhalt des Visums in Jerewan bereits erfolgreich gemeistert. Die zweite Herausforderung war anderer Natur. Im Iran herrschen strikte Kleidervorschriften, besonders für Frauen. Das Tragen eines Kopftuchs ist – ausser in den eigenen vier Wänden – Pflicht. Ärmel und Hosenbeine müssen jeweils bis zu den Knöcheln reichen und dürfen nicht zu eng anliegen. Zwingend aber muss das Oberteil auch den Hintern bedecken. In der Praxis sind diese Regeln zwar verbindlich, werden aber für Touristinnen in den meisten Gegenden mit Nachsicht ausgelegt. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass auch Radfahren für Frauen im Iran eigentlich verboten wäre.

Ausserdem – und keinesfalls zu vernachlässigen! – lässt sich an iranischen Geldautomaten mit ausländischen Karten kein Bargeld beziehen. Die Reisekasse sollte in US Dollar oder Euro mitgeführt werden und kann vor Ort ‘schwarz’ (und zum doppelten des schlechten, offiziellen Wechselkurses) in iranische ‘Rial’ gewechselt werden. Dass die Preise im Iran jedoch nicht in ‘Rial’, sondern in ‘Toman’ (10’000 Rial = 1 Toman) angegeben werden, macht es nicht eben einfacher und scheint selbst die Iraner regelmässig zu verwirren. Die Nacht in einem Hotel in Täbris kam uns auf 600’000 Rial (60 Toman oder 8 USD) zu stehen, 1 Mal Duschen pro Person inbegriffen.

DSC01748

‚Mashad Hotel‘ in Tabriz. Durch dunkle Vorhänge vor Blicken geschützt.

Mit einem Kopftuch und einer regelkonformen Über-den-Hintern-Bluse für Daina im Gepäck waren wir in Jerewan aufgebrochen und hatten uns weiter keine Gedanken mehr gemacht. Als uns aber an der iranischen Grenze plötzlich ein heisser Wind entgegenschlug, wurde es Daina mulmig. Würde sie bei dieser Hitze in Jeans und ‘Vollvermummung’ Radfahren können? Sie bekam es plötzlich mit der Angst zu tun, doch führte kein Weg daran vorbei. So schüttelte sie auf der Grenzbrücke zum Iran ein letztes Mal ihr Haar im Wind, legte das Kopftuch über und rollte die hochgekrempelten Ärmel lang.

_1340948

Iran, ab jetzt mit Kopftuch – immer.

Unser Plan für den Iran war simpel. Möglichst direkt wollten wir von der armenischen Grenze in Agarak die 160 km südlich gelegene Stadt Täbris (Tabriz) erreichen, um dann in nordwestlicher Richtung zur aserbaidschanischen Grenze zu fahren.

Die Reise durch den dünn besiedelten, bergigen und oft wüstenartigen Norden begann, keine 20 km nach unserer Einreise in den Iran, mit einer eigenartigen Begegnung. Ein Motorradfahrer hielt an und zeigte uns, nachdem er uns vor Schlangen gewarnt, mehrmals in sein Funkgerät gesprochen und ungeduldig neugierige Autofahrer durchgewunken hatte, ein Bild. Darauf war (wahrscheinlich) er selbst zu sehen, dem eine Pistole an den Kopf gedrückt wurde. Angesichts seines nicht eben glücklichen Gesichtsausdrucks auf dem Bild und der Tatsache, dass wir bei gefühlten 45 Grad mitten in einer ausgetrockneten Mondlandschaft standen, mutete dies etwas seltsam an.

_1340878

Über Hügel und Pässe windet sich die Strasse südwärts nach Tabriz …

DSC01741

… und verschafft uns unerwartete Fernsicht.

_1340870

Dazwischen passieren wir einzelne Dörfer.

20180626_130417

‚Parvaz‘ passiert uns nach wenigen Kilometern im Iran. Er stellt Fragen, warnt uns vor Schlangen und zeigt uns merkwürdige Fotos.

Doch in den Stunden und Tagen darauf tauchten wir ein in ein Land der Gastfreundschaft. Einen ersten Geschmack davon erhielten wir, als wir gegen Abend dieses ersten Tages einen Platz für die Nacht suchten. Waren wir morgens durch menschenleere Gebiete mit scheinbar endlosen Camp-Möglichkeiten gefahren, war das Tal um uns herum nun dichter besiedelt und bis an die aufragenden Steilhänge heran mit Feldern überzogen. Schliesslich liess uns ein freundlicher Bauer neben seinem Feld campieren. Als wir gerade die letzten Nudeln aus der Pfanne kratzten, kam der Mann auf einem kleinen Esel geritten. In rührender Besorgtheit drückte er uns ein in Tuch gewickeltes Paket in die Hand: Ein Abendessen aus frischem Brot, Käse und Waben voller Bienenhonig, dazu einen Kanister voller Trinkwasser. Bevor er auf seinem Esel wieder in die Dunkelheit verschwand, hebelte er gleich auch noch das bewährte Bewässerungssystem aus Gräben, welches die Felder verband, für uns aus. Im Schein des eben aufgehenden Mondes genossen wir einen ‘Nachtisch’, der uns ob so viel Gastfreundschaft dankbar und nachdenklich stimmte.

_1340855

Nachtessen für die Reisenden. Ein Bauer überrascht uns mit einem Paket: Trinkwasser, Brot, Käse und triefende Honigwaben. Welch ein Empfang im Iran!

20180627_121113

Gegen Mittag sind wir für Leckereien immer gerne zu haben. Dieses Essen in einem Teehaus lässt uns noch lange davon träumen. Fast Food – nachhaltig.

DSC01885

Brot kommt im Iran in vielen Formen daher. Wie oben, hauchdünn wie Papier, oder so wie hier. Was nach Skateboard aussieht, ist ein Brot. Morgens frisch beim Bäcker gekauft, wird es oft noch vor Ort verputzt.

DSC01959

Wir gewöhnen uns gerne an direkt auf dem Gehsteig zubereitete Lammspiesse.

DSC01889

An manchen Tagen aber ist Schatten rar und das Essen mitgebracht.

40 km vor Täbris wurde der Verkehr zusehends dichter. Die Dörfer schienen zu verschmelzen und schon bald fanden wir uns auf dem Pannenstreifen der Autobahn wieder. Nach zwei Monaten auf ruhigen Strassen, Pisten und Pfaden kam dies einem Kulturschock gleich und war ein Erlebnis für sich. Je näher wir der Stadt kamen, umso dichter wurde der Verkehr und umso mehr Spuren gesellten sich dazu. Zwischen diesen konnte man scheinbar spontan und ohne Vorwarnung wechseln! Auch schien es die Möglichkeit zu geben, ein überholendes Fahrzeug zu überholen, den Pannenstreifen für diesen Zweck zu nutzen oder darauf, falls nötig, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Auch Einbahnstrassen schienen in ihrer Fahrtrichtung nur bedingt verbindlich zu sein. In einem Land, in dem der Staat die Regeln sprichwörtlich diktiert und Kontrolle allgegenwärtig ist, schien es uns oft so, als ob der Verkehr eine der wenigen Möglichkeiten für die Menschen biete, sich frei ‘auszudrücken’. Dass dies via Gaspedal geschieht, ist natürlich unglücklich.

_1340886

Eine Kreuzung mitten im Nirgendwo. Die Strasse wird breiter, der Verkehr bald dichter. Wir biegen links ab.

20180627_135218

Auf der Autobahn nach Tabriz – Immersion pur.

«Welcome to Tabriz!», «Welcome to Iran!», «Welcome to my country!» Immer wieder hörten wir solche Rufe von Passanten, ob alt oder jung, in der Stadt oder auf einem Feld. Menschen winkten uns im Vorbeigehen zu oder hupten hinter, vor und oft direkt neben uns. Man sprach uns an, wollte Englisch sprechen, Zeit verbringen oder uns einfach nur helfen. Beim Schlendern durch einen beliebten Park am Stadtrand von Täbris sprach uns etwa eine junge Frau an und wir verbrachten den Rest des Nachmittags bei Eiscrème und Gesprächen über das Leben, Familie, die Liebe und die Regeln hier und dort, bevor sie uns im Wagen ihrer Eltern zurück ins Zentrum fuhr.

DSC01811

Tabriz mischt Tradition mit Moderne und trumpft gar mit einer westlich anmutenden Einkaufsmeile auf.

20180628_205719

Ein Kiosk im Zentrum von Tabriz.

DSC01822

Der riesige Bazar von Tabriz, einer der grössten im Iran: Ein endloses Labyrinth von Gängen und Hallen.

DSC01833

Tee oder Gewürze vielleicht?

DSC01841

Nüsse in allen Formen und Grössen werden angeboten: Getrocknete Energie für lange Tage auf heissem Asphalt oder einfach handliche Snacks. Wir stocken auf.

DSC01848

… und auch beim Käse greifen wir zu. Die arabischen Zahlen geben den Preis statt in der offiziellen Währung Rial in ‚Toman‘ an. Bezahlt wird trotzdem in Rial!

DSC01753

Freitags ist der Bazar ausgestorben…

DSC01779

Wir fahren zum beliebtesten Park der Stadt. Wir sind dort nicht die einzigen.

DSC01764

Ein Nachmittag im Park. Eiscreme mit Fatima, die wir dort kennenlernen.

Anderswo wieder drückte man uns Brote in die Hand und immer wieder steckte uns jemand Früchte oder Süssigkeiten zu. Eins ums andere Mal wurden wir zum Tee eingeladen – so oft, dass wir nicht jedes Mal annehmen konnten – und während der Fahrt oder in Pausen am Strassenrand hielten Passanten an, um uns Wasser oder Getränke anzubieten oder uns wortlos kleine Geschenke in die Hände zu drücken.

DSC01867

Im Bazar von Tabriz. Wir verhandeln hart, um bezahlen zu dürfen, ohne Erfolg.

DSC01787

Selfie hier, Selfie da – Alltag im Iran.

Bizarr wurde es, als wir an einem heissen Nachmittag nordöstlich von Täbris von Ali in sein Haus zum Tee eingeladen wurden. Ali war mehrmals an uns vorbeigefahren und hatte schliesslich den Mut aufgebracht, uns anzusprechen und einzuladen. Wir versprachen ihm, ihn in seinem Haus im nächsten Ort zu besuchen, und tauschten Telefonnummern aus. Ali war noch keine Minute weg, da hielt das nächste Auto. Ein freundlicher Mann mit einem Rasenmäher auf der Ladefläche seines Pick-ups wollte uns zu sich nach Hause zu Tee und Essen einladen – ein Déjà-vu, was wir jedoch freundlich aber bestimmt ablehnen mussten.

Kurz darauf hielt ein weiterer Wagen. Ein junger Soldat drückte uns je eine Flasche Eistee und je eine Vanille-Eis in die Hand. Da er Dienst habe, könne er uns nicht einladen, entschuldigte er sich! Er brauste davon und schon wenige hundert Meter später, direkt am Ortseingang, wartete ein kleines Empfangskomitee von örtlichen Radfahrern auf uns zu, zusammen mit dem ‘Rasenmähermann’. Und auch Ali war da! Es wurden Fotos gemacht, Hände wurden geschüttelt und es wurde viel gelacht – am meisten lachte jedoch der sympathische Ali. Er hatte uns zuerst entdeckt, wir waren seine (wenn auch ob der gewöhnungsbedürftigen Aufmerksamkeit etwas verwirrten) Gäste.

20180701_151831

Wir werden erwartet – Empfang am Ortseingang.

Ali (auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin posten wir hier keine Bilder von Ali oder seiner Familie) führte uns zu seinem Haus, wo er uns seine liebe Frau Leila, seine Tochter und ihren kleinen Sohn vorstellte. Wir assen, tranken Tee, versuchten Sprachbarrieren zu überwinden und hatten eine gute Zeit. Aufgrund der Hitze mit Höchsttemperaturen weit über 40 Grad hatten wir vor, den Anstieg des bevorstehenden Passes noch am selben Abend in Angriff zu nehmen. So konnten wir zum einen im Sattel von den etwas kühleren Abendtemperaturen profitieren, zum anderen würden wir aber in der Höhe auch besser schlafen. Und dies, ohne dabei im eigenen Saft zu schmoren. Ali liess uns etwas widerwillig ziehen, bestand aber resolut darauf, mit seiner Familie im Auto voraus zu fahren und nach einigen Kilometern mit einem kleinen Snack auf uns zu warten. So jagten wir Kilometer um Kilometer den Pass hinauf, getrieben von der Angst, Ali zu enttäuschen. Doch als nach 25 km und über 1000 Höhenmetern immer noch kein Ali in Sicht war, begannen wir an Alis Plan zu zweifeln.

Schliesslich, wir hatten bereits einen Nachtplatz in der Nähe der Passhöhe ausgespäht, kamen sie zurück. Wie sich herausstellte, hatten sie an einem schönen See, nochmals 20 km weiter und bereits weit auf der anderen Seite des Passes, auf uns gewartet! Doch damit nicht genug. Mittlerweile etwas genervt, bestand Ali darauf, uns in sein Auto zu verladen. Auf Alis Drängen liessen wir unsere Räder (wenn auch sehr widerwillig) im Kuhstall von Leilas Verwandten zurück. So kam es, dass wir einen wundervollen Abend mit Ali und seiner Familie verbrachten. Die Frauen (auch seine Schwestern und sein Vater waren gekommen) tanzend im Haus, die Männer Tee trinkend auf einem Teppich im Garten, der Samowar ständig heisses Wasser für frischen Tee liefernd. Am nächsten Morgen setzte uns Ali wie versprochen wieder an derselben Stelle oben am Pass ab, wo unsere Räder von grossen, übel hustenden Hunden bewacht worden waren.

_1340916

In den Bergen leben im Sommer halbnomadische Hirten in Jurten und Zelten.

_1340905

Freundlicher Hirte. Die Rinder, Schafe und Ziegen der Nomaden grasen an den Hängen. Ihre Hunde sind gefürchtet und wollen uns ans Fleisch.

Auf unserem Weg durch den Iran änderte sich die Landschaft um uns herum ständig. Von kargen Wüsten und trockenen Flussläufen über grüne Oasen und wogende Weizenfelder bis hin zum schneebedeckten Vulkan und zu endlosen Hügeln war alles dabei. Was blieb, waren die Hitze und der von ihr diktierte Tagesablauf. Wir versuchten, so früh wie möglich auf der Strasse zu sein. In den morgendlich ‘kühlen’ Temperaturen liessen sich bereits 50 bis 70 Kilometer zurücklegen, bevor es spätestens nach 13 Uhr zu heiss zum Radfahren wurde und die Sonne uns in den Schatten zwang. Diesen suchten wir bevorzugt in Parks in Dörfern oder Städtchen. Aber auch Autobahn-Raststätten mit schattigen Rasenflächen oder bepflanzte Verkehrskreisel kamen uns gelegen – nein, wir waren nicht die Einzigen, die dort Schatten suchten. Als wir eines Mittags auf einer solchen Raststätte den Eis-Lieferanten bei seiner Arbeit beobachteten, malten wir uns aus, wie wir ihn überfallen und an seine süsse, kühle Fracht kommen würden. Dies erübrigte sich, als 20 km später eben dieser Lastwagen vor uns auf dem Pannenstreifen der Autobahn hielt und der Lieferant uns breit grinsend zwei exotische Eis in die Hände drückte. Kurz darauf war er nochmals da – er hatte vergessen, ein Selfie für Instagram mit uns zu schiessen!

_1340927

Nachmittags sind die guten Plätze im Schatten bereits besetzt. Dieser Verkäufer war in Plauderlaune.

DSC01951

Diese Wanderarbeiter ziehen mit ihren Mähdreschern durchs Land. Sie drücken uns Gläser mit heissem Tee in die Hände. Und dann Selfie.

DSC01962

Eiscreme, selten so gut! Bei Gegenwind und sengender Hitze drückt uns ein Eis-Lieferant auf der Autobahn je eine kühles Eis in die Hand!

20180701_203818

Über der Baumgrenze wird es stachlig und karg.

So freundlich die Menschen auch waren, immer wieder wurden wir mit den Regeln und Gesetzen der islamischen Republik konfrontiert, auch jenseits der Kleiderordnung. In Restaurants wurde uns ein Platz ‘bei den Familien’ zugewiesen und Teehäuser waren für Frauen tabu. Alkohol war es sowieso, obwohl wir den nach Georgien nicht wirklich vermissten. Männer sprachen erst mit mir, Frauen erst mit Daina. Als wir in einem kleinen Dorf im einzigen Laden etwas zu trinken kaufen wollten, war dort leider gerade nichts verfügbar. Kurzerhand führte uns der junge Besitzer zum nahen Teehaus, dem einzigen im Dorf. Dieses war geschlossen, wurde aber für uns aufgesperrt und es wurde Tee aufgesetzt. Während Robin im kühlen Inneren mit den Männern Tee schlürfen durfte, wurde Daina draussen in der Sonne von den Frauen des Dorfes herzlich aufgenommen und ausgefragt. Frau war unter sich. Selfies inklusive.

DSC02002

Zu Teehäusern haben Frauen keinen Zutritt. Dieser freundliche Herr serviert Daina ihren Tee im Freien.

DSC01992

Draussen gibt es keinen Schatten, doch viel muntere Gesellschaft!

_1340966

Die nächste Moschee ist meist nicht weit und der Rufe des Muezzin hallt weit in die Hügel hinaus.

_1350008

Regelkonform mit langer Bluse und Jeans. Unsere selbstgenähten Taschen halten, doch der Rücken von Dainas Bluse hält der täglichen Dosis Salz und Sonne nicht stand und verbleicht.

20180703_230241

Tee, im Iran immer und überall – getrunken mit viel Zucker.

_1350014

Auch überall: Propaganda.

Unsere Zeit im Iran war kurz. Wir hatten eigentlich nur einen Weg gesucht, von Armenien nach Azerbaijan zu fahren. Da die beiden Länder immer noch miteinander im Krieg um Berg-Karabach (Nagorno-Karabach) stehen, sind die direkten Grenzen geschlossen. Und hier kam der Iran ins Spiel. Wir wussten, dass es ein neues Kapitel dieser Reise werden würde, weg von den geliebten, staubigen Pisten und holprigen Pfaden, zurück auf die Strassen – damit zur traditionelleren Art des Radreisens – und nahmen es in Kauf.

_1340941

Glück trotz Asphalt.

_1340995

Abseits der Städte sind Irans Strassen zu fast 100% asphaltiert, aber über weite Strecken beinahe verkehrsfrei.

Hatten wir bei unserem letzten Besuch des Landes (2005, damals mit dem Rucksack von Asien her) den Iran der Städte, der gekachelten Moscheen und der historischen Stätten besucht, so wurde diese neue Reise durch den Iran der Menschen, geprägt von Freundschaft und Begegnungen. Eine Reise, die jeden Meter heissen Asphalts wert war! Aber es machte uns auch nachdenklich und zeigte uns auf, was Freiheit wirklich bedeutet und wie ein Leben ohne sie sein kann.

DSC01963

Doch im Sattel sind wir frei, auch bei erbarmungslosem Gegenwind.

Nichtsdestotrotz waren wir froh, als wir am Grenzübergang in Bilasuvar nach einer letzten freundlichen Passkontrolle ins Niemandsland zu Azerbaijan entlassen wurden – und Dainas Haare wieder frei im Winde wehen durften.

_1350016

Die Mullahs wachen über dem Grenzübergang nach Azerbaijan in Bilasuvar und wollen nicht geknipst werden. Fotografiert durchs Moskitonetz aus der Dunkelheit unseres Hotelzimmers.

 

 

 

 

Galerie:

 

Advertisements

Armenien | Berge & Klöster

Juni 2018
21 Tage, davon 7 Ruhetage
727 km, 15’966 hm
6 Pässe, davon 3 ungeteert

Frühling – im Land der Aprikosen
Berge – Pässe & endlose Blumenwiesen
Hirtenhunde – Bestien im XXL-Format

ROUTE | Grenze Georgien (Bavra) – Trchkan Wasserfall – Shirakamut – Spitak – Vanadzor – Margahovit – Meghradzor (via H27, GPX Tracks zum Download) – Hrazdan – Arzakan – Saralanj – Yeghvard – Yerevan – Geghard – Geghamagebirge (GPX Tracks zum Download) – Nshkark – Selim Pass – Shatin – Karmrashen – Sisian – Vorotnavank Kloster – Shenantagh – Tatev (GPX Tracks Shenantagh – Tatev hier) – Karpan – Meghri (via M17) – Agarak (Grenze Iran)

ARMENIEN

Bereits die letzten Dörfer in Grenznähe zu Armenien haben sich nicht mehr georgisch angefühlt. Die Menschen sahen anders aus, sprachen armenisch und die Autos waren (noch) klappriger. Aprikosen, so hatte man uns bereits gesagt, wären in Armenien am besten. Und unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Sie waren süss, fruchtig, saftig und vor allem omnipräsent! Waren wir nicht gerade abseits jeglicher Zivilisation in den Bergen, so verging selten ein Tag, an dem uns nicht jemand frische Aprikosen in die Hände drückte. Mehr als einmal sprangen Aprikosenhändler vor uns aus ihren überfüllten kleinen Ladas, um uns mit den süssen Früchten zu überhäufen. Manchmal gab es dazu gleich auch noch anderes Gemüse.

Von den Aprikosen abgesehen, haben wir an Armenien keine Erwartungen gehabt. Umso schöner war es, ein Land voller offener, freundlicher und herzlicher Menschen bereisen zu dürfen. Passanten und Hirten kamen auf uns zu, löcherten uns mit Fragen und gaben uns Tips. Autofahrer hielten, boten uns Wasser an. Und bereits im ersten Dorf nach der Grenze drückte uns ein Soldat je ein Glacé in die Hände: „Welcome to Armenia!“

Selbst genäht für diese Reise: Satteltaschen am Sattel/Hinterradträger sowie an Lenker/Vorderradträger vermitteln ein komplett neues Fahrgefühl. Das Gewicht ist da, doch wirkt es sich (anders als die Seitentaschen) kaum auf die Fahreigenschaften des Rades aus.

Armenien blüht und strahlt in allen Farben!

Weniger freundlich begrüsst wurden wir, besonders in abgelegenen Gegenden, von den armenischen Hirtenhunden. Diese Bestien im XXL-Format drehten bei unserem Anblick teils völlig durch und wurden zu Löwen. Altbewährte Hunde-Deeskalations-Taktiken wie Brüllen, Drohen oder Gegenangriff halfen nur begrenzt. Die Hunde drehten kurz ab, nur um Sekunden später, noch wütender, wieder zum Angriff überzugehen. Es blieb uns nur, auf Hilfe zu warten und zu hoffen, dass diese eintraf, bevor die Hunde zubissen. Hilfe kam dann meist in Gestalt eines Hirten aus einem nahen Zelt geschlurft. Teils waren die Viecher aber so in Rage, dass sie die Kommandos ignorierten und von den Hirten nur durch rabiates (sprich brutales) Zerren an den Hinterbeinen von uns abgebracht werden konnten. In einem Fall machte dies einen der Hunde – sein Kopf fauchte und triefte auf Ellbogenhöhe! – so wütend, dass er den Kopf seines Kameraden keine zwei Meter neben uns zu zerfleischen begann.

Wo Hirten sind, warten oft Hunde auf uns.

Wenigstens mit den Menschen klappte die Kommunikation meist problemlos, trotz unserer rudimentären Russisch-Kenntnisse. Englisch war hier viel weiter verbreitet als im benachbarten Georgien.

Wie in der ganzen Kaukasus-Region war der Frühling 2018 sehr nass ausgefallen. Unsere erste Woche in Armenien war dann auch von Gewittern geprägt. Der Staub der Nebenstrassen verwandelte sich in klebrigen Schlamm, kleine Bäche wurden zu Flüssen und eine Passstrasse glich einer Wasserrutsche. So war statt Fahren immer wieder Schieben angesagt, und die Crocs an unseren Füssen zeigten hier ihr wahres Können.

Leicht gepackt ist gut getragen – könnte man denken.

Bei Margahovit steigen wir hoch und folgen einer alten Strasse südwärts über die Berge.

Dunkle Wolken drohen, doch meistens sind wir schneller.

In Afrika, genauer in Gabun, hatte man uns vor einigen Jahren befohlen, vor dem Besuch der Hauptstadt aus Respekt gefälligst (!) unsern alten Jeep zu waschen. In Erinnerung daran – und um unsere Chancen bei der Hotelsuche zu erhöhen – gönnten wir unseren Fahrrädern am Stadtrand von Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, eine ordentliche Reinigung, die an ein Schaumbad grenzte.

Schaumbad for hard working bikes.

Jerewan wir kommen!

Als erstes galt es dann in Jerewan auf der iranischen Botschaft ein Visum zu ergattern. Den nötigen Antrag hatten wir bereits zwei Wochen zuvor online gestellt. Dies ist aber kein Garant dafür, das Visum auch wirklich zu bekommen. Doch die Botschaftsmitarbeiter waren freundlich und zuvorkommend. Sie hakten beim Ministerium in Teheran nach – und drei Tage später hatten wir beide ein gültiges Visum im Pass! Wir konnten es kaum glauben, hatten wir doch mit dem Schlimmsten gerechnet: Beim letzten Mal, 2004 in Bishkek, Kirgisien, hatte man uns nämlich geschlagene zwei Wochen täglich antraben und warten lassen!

Die fünf Tage in Jerewan, einer schönen, grünen und überraschend westlichen Stadt mit 1 Mio. Einwohnern, nutzten wir auch zur Planung der Weiterreise. In stunden-, wenn nicht tagelangem Studium vom Onlinekarten (Openstreetmaps, OpenHikeHD) entstand eine Route durch die Berge.

Der Plan ging auf. Unsere Route führte uns von Jerewan nach Osten durchs das Geghamagebirge (Geghama Lerrnashght’a) zum Selim-Pass – ein grosser Umweg, aber ein schöner! Nach gut 30 km ging der Asphalt in Schotter über und nochmals 15 km später war von der Strasse nichts mehr übrig. Es blieben sanfte Spuren im Gras, dort wo einmal Autos gefahren waren. Dann verschwanden auch diese. Aber Smartphone- und Offline-Navigation sei Dank, wir hatten unseren Lotsen namens Samsung in der Tasche! Vorbei an den letzten Zelten der halbnomadischen Bauern, welche jetzt hier oben ihre Sommercamps errichteten, schoben wir die Räder immer höher, bis wir auch die letzten Kühe und Schafe hinter uns gelassen hatten.

Gesucht, gefunden. Schnell sind wir abseits jeder Zivilisation.

Der nasskalte Frühling hatte seine Spuren hinterlassen, an vielen Flanken und in schattigen Passagen lag noch meterdick Schnee. Nach einer Nacht im Zelt, zwischen hunderten Felsbrocken vor dem beissenden Wind geschützt, kamen auf der Weiterfahrt unsere breiten Reifen hier so richtig in Fahrt und zauberten uns ein breites Grinsen in die Gesichter. Umgeben von schneegekrönten Bergen rollten wir über saftige Wiesen, durchquerten sumpfige Senken im Sattel und ‚cruisten‘ über grosse Schneefelder. Wir waren im Bikepack-Paradise – und es sollte noch besser kommen.

Oberhalb vom 2500 m ist der Boden noch sumpfig von der Schneeschmelze.

Vorbei am ‚Geghasar‘ mit seinen 3’443 m. Viel fehlt nicht zum Gipfel.

Oberhalb von 3’000 m liegt teils noch Schnee. Wir haben unseren Spass, für alle anderen Fahrzeuge ist die Strecke unpassierbar.

Mit der (namenlosen?) Passhöhe auf 3‘199 m erreichten wir den höchsten Punkt dieser Route. Weit unten, auf 2‘000 m, glitzerte der Sewan-See in der Sonne, direkt dahinter ‚Bergkarabach‘ (‚Nagarno Karabach‘) und die Waffenstillstandslinie zu Aserbeidschan, mit welchem Armenien seit 1991 offiziell im Krieg steht. Doch ‚Nagorno Karabach‘ war für uns ‚off limits‘. Obwohl es ruhig ist und ein Besuch problemlos möglich gewesen wäre, wollten wir nicht riskieren, deswegen dann an der iranisch-aserbeidschanischen Grenze zurückgewiesen zu werden.

Vor uns lag jetzt eine der bisher unvergesslichsten Abfahrten hinunter in die Ebene, von wo uns nur noch ein kurzer Aufstieg zum Selim-Pass (2‘410 m) trennte, der früher auch als Vardenyats Pass bekannt war. In Ermangelung eines Pfades holperten und kurvten wir an die 1000 Höhenmeter hinunter – auf einem scheinbar endlosen Teppich von farbige Blumen.

Ein Traum in bunt. Blumenwiesen soweit das Auge reicht!

Eine unvergessliche Abfahrt: 1000 Höhenmeter Blumenwiesen!

… … Blumen!

Dieser freundliche Hirte reitet verdutzt auf uns zu, als wir von hoch oben herabkommen. Seine Tipps zum Umgang mit Wölfen sind aufschlussreich … wie auch die Warnungen vor seinen Hunden!

Hier oben hatte um diese Jahreszeit niemand mit uns gerechnet! Auf der Passhöhe schlug unsere Erscheinung zwei Füchse in die Flucht, wenig später suchten zwei Wölfe das Weite. Diese wären für Menschen keine Bedrohung, erklärte uns später ein freundlicher Hirte in einer Mischung aus Russisch und Zeichensprache – man müsse sie bloss erschiessen, bevor sie beissen. Zum Abschied warnte er uns dann noch vor seinen eigenen Hunden!

Ausblick vom Selim-Pass: Armenien scheint aus Bergen zu bestehen … und die Osttürkei in der Ferne ebenso.

So schön es auch wäre, Schotterstrassen und Blumenwiesen stehen nicht täglich auf dem Programm. An manchen Tagen ist Asphalt Trumpf.

Unsere Route durch Armenien bestand aus einer einzigen Abfolge von Tälern und Pässen. Generell begannen wir nach 19 Uhr nach einem Campspot Ausschau zu halten. Einmal, nach Sisian, es begann bereits einzudunkeln und Gewitterwolken zeigten gewaltige Drohgebärden, hatten wir immer noch keinen Nachtplatz gefunden. Und dann öffnete sich unverhofft das Tal vor uns. Und gab den Blick auf ein altes Kloster frei. Das Kloster ‚Vorotnavank’ sass auf einem Felsvorsprung und bot uns, im Schein der letzten Sonnenstrahlen, seinen Schutz an – den wir dankend annahmen! Das Kloster aus dem 11. Jh. war verlassen, es war durch ein Erdbeben im Jahre 1913 teils beschädigt, aber wunderschön. So hatten wir es in all seiner Pracht für uns alleine! Mit Blick auf den alten Friedhof und den klostereigenen Aprikosengarten platzierten wir das Zelt windgeschützt im Hof und kochten, während sich rundherum das Gewitter austobte, ein bescheidenes Abendessen. Göttlich!

Und göttlich ging es dann auch gleich weiter, mit einem Besuch beim (viel bekannteren) Kloster von Tatev.

Das verlassene Kloster Vorotnavank bei Sisian bietet Schutz. Wir nehmen dankend an und campieren neben den dicken Mauern.

Wir erkunden die Kapelle, die Gemächer und alle möglichen nasskalten Kammern…

… und staunen ob der alten Steine und Inschriften.

… dieser hat jedoch seine Tücken. Er führt über einem Pass, ist teils überwachsen und die letzten zweihundert Höhenmeter sind nicht fahrbar.

Der Besuch des Klosters von Tatev will verdient sein. Wir suchen und finden einen Weg abseits von Asphalt und Verkehr …

Der Weg sei das Ziel, doch auch das Kloster ist schön.

Der Grenze zu Nagorno Karabach folgend hielten wir südwärts und erreichten schliesslich, keine 20 km von der Grenze zu Iran, den Meghri Pass. Und damit traten wir ein in eine völlig andere Welt. Das üppige Grün, das wir in Armenien so geliebt und genossen hatten, wich einer schroffen, kargen Wüstenlandschaft. Gegen Böen in Backofentemperatur fuhren wir hinab in die Hölle, die hier in trocken-staubigem Braun gehalten war.

Entlang der Grenze zu Nagorno Karabach finden sich stumme Zeugen sinnlosen Blutvergiessens, verlassen am Strassenrand. Der Helm hat mehrere Löcher …

Zwischen Mohn und Bergen: Ausblick vom Meghri-Pass (2’254 m) und zugleich nach vorne.

Doch Armenien hatte noch eine letzte Überraschung für uns bereit. Am Grenzfluss zum Iran, weniger als 20 km vor der Grenze in Agarak, wurden wir an einem Checkpoint angehalten. Zu unserem Erstaunen wurden hier unsere Pässe (und auch unsere Fotos auf Robins Telefon!) von Soldaten kontrolliert. Auf Nachfrage stellten wir erstaunt fest, dass es sich bei ihnen nicht etwa um armenische, sondern von russische Soldaten handelte. Man traute uns anscheinend nicht! Waren wir Fahrradspione? Wollten wir vielleicht heimlich den Grenzfluss durchschwimmen? Zur Sicherheit setzte man danach zwei Russen in Zivil in einem schwarzen Lada mit getönten Scheiben auf uns an. Ihren Auftrag, uns auffällig zu beschatten, unfreundlich zu kontrollieren und bedrohlich zu blicken, haben sie über eine gewisse Strecke perfekt ausgeführt.

Am Ende der Serpentinen wartet ein russischer Checkpoint auf uns. Und dahinter ein neuer Abschnitt dieser Reise: Der Iran.

Nach genau drei Wochen in Armenien war es an der Zeit weiterzuziehen. Land und Leute hatten uns begeistert, Aprikosen täglich unser Leben versüsst, und die Berge hatten sich von ihrer besten Seite gezeigt – wir wären am liebsten geblieben. Merci Armenien! Շնորհակալություն Հայաստան!

Georgien | Westlicher Kaukasus

Mai / Juni 2018
22 Tage
986 km, 21’777 Hm

Tiflis – Sattelt die ‘Pferde’!
Kaukasus – Pässe, Schlamm & Schnee
Menschen – harte Blicke, sanfte Seelen
Pläne – Georgien, Armenien, Iran, Aserbaidschan

ROUTE | Tiflis – Gori – Sachkhere – (Track über Pass) – Ambrolauri – Tsageri – Lentheki – Zagari-Pass (2’650 m) – Ushguli – Mestia – Kutaisi – Sairme – Aspindza – Vardzia – Akhalkalaki – Ninotsminda / Bavra (Armenien)

Georgien tickt anders. Dies merkten wir gleich nach unserer Ankunft in Tiflis, als uns der Besitzer des ‘Hostels’ morgens um 5 Uhr als erstes Bier vorsetzen wollte. Er habe soeben seine neue, eigene Wodka-Destille getestet – wie uns schien erfolgreich. Nach über zwölf Stunden Reisezeit mit fünf Stunden Aufenthalt in Istanbul, mussten wir übermüdet ablehnen. Dass dies nicht immer so einfach sein sollte, würden wir in den nächsten Tagen noch feststellen.

So verbrachten wir die ersten beiden Tage in Tiflis damit, die Stadt zu erkunden, unsere Räder zusammenzusetzen und das Gepäck an den Rädern festzumachen. Einmal mehr hatten wir im Vorfeld dieser Reise unser Gepäck optimiert und neue Taschen genäht. Mehr dazu aber im Detail in einem Blogpost zum Ende der Reise, voraussichtlich Ende Juli 2018.

Ausserdem wollte auch noch die im Vorfeld (grob) geplante Route angepasst werden. Denn – wer hätte das gedacht – oberhalb von 2000 m über Meer lag immer noch Schnee und viele Pässe schienen noch unpassierbar. Doch ein neuer Plan war schnell gefasst: Wir wollten erst einmal westwärts fahren und dann, in einem grossen Bogen den ‘Kleinen Kaukasus’ erkundend, wieder nach Osten abdrehen, um schliesslich nach Baku ins benachbarte Azerbaidschan zu gelangen. Von dort wollten wir Mitte Juni nach Duschanbe in Tajikistan fliegen, um die hohen Berge des Pamir zu befahren.

Dieser Plan war gerade einmal zwei Tage alt, als wir im kleinen Städtchen Gori (der Geburtsstadt Stalins, die 2008 im Krieg um Südossetien von der russischen Armee angegriffen und besetzt worden war) der Verlockung der hohen Berge nicht widerstehen konnten. Anstatt weiter westwärts zu fahren, drehten wir nach Norden ab und folgten dem südossetischen Grenzverlauf – unerwartet Checkpoint-frei – nach Norden, wir hielten geradewegs auf die Berge zu.

Tbilisi (Tiflis): Stahlrahmen und dicke Reifen

Wir erkunden die Stadt …

…. während andere im Sonnenschein tanzen.

Stalin, im kleinen Städtchen Gori geboren, lebt in manchen Gärten weiter

Georgien blüht und wir sind mitten drin.

… andere ebenso.

Aber nicht alle stehen gerne im Mittelpunkt.

Doch wie so oft verlaufen die Strassen nicht dort, wo man sie gerne hätte. In Sachkhere versperrte uns eine Bergkette den direkten Weg und versuchte uns zu einem Umweg von etwa drei Tagen zu zwingen. Aber dank Smartphone und digitalen Karten fanden wir schnell eine direkte, wenn auch ungewissere Route von Sachkhere nach Ambrolauri. Bei der örtlichen Feuerwehr in Sachkhere, wo wir um einen Platz zum Campen im Garten gefragt hatten, hielt man die Passierbarkeit des Weges für ungewiss. Gewiss aber sei es dort steil und schlammig. Auch riet man uns – mittels ‘Google Translate’ – von jener Route ab und warnte uns insbesondere davor, die Nacht oberhalb der Baumgrenze zu verbringen. Bären, Wölfe, „Problema!“ Durch solche Aussagen etwas unter Druck, brachen wir frühmorgens auf, um die Passhöhe auf über 2100 m vor Sonnenuntergang erreichen und überqueren zu können.

Und es wurde steil. So steil, dass wir bereits auf den ersten hundert Höhenmetern Aufstieg immer öfter aus den Sätteln gezwungen wurden. Als die steinige Strasse dann in eine schlammige Offroad-Piste überging, war an Fahren nicht mehr zu denken. Stattdessen wuchteten wir unsere beladenen Räder Meter um Meter vorwärts, aufwärts. Nachmittags um 3 Uhr, auf bereits 1600 m Höhe angelangt, warfen wir für einen Moment das Handtuch – beziehungsweise die Räder in den Dreck – und beschlossen umzukehren. Wir hatten bereits 1000 Höhenmeter zurückgelegt, wovon geschätzte 900 Höhenmeter geschoben. Doch zur Passhöhe fehlten uns noch immer 500 Höhenmeter – und jetzt sollte es erst richtig steil werden. Aber es liess uns keine Ruhe.
Zwei Stunden später standen wir auf der Passhöhe – eines Passes, dessen Namen wir nicht einmal kannten. Ziemlich erschöpft schoben wir unsere Räder über ein Schneefeld, bevor wir euphorisch in den Sonnenuntergang holperten. Abwärts, natürlich weiter ohne Asphalt.

Die Feuerwehr in Sachkhere lässt uns nicht im Garten zelten, sondern stellt uns ein leeres Zimmer zur Verfügung.

Wie sagten die Jungs von der Feuerwehr: Steil …

… und schlammig! Der Regen in der Nacht zuvor macht die Sache auch nicht griffiger.

Passhöhe auf 2’100 m. Wir erhaschen erste Blicke auf die weissen Riesen des Hohen Kaukasus … und die bevorstehende Abfahrt.

Doch erst gilt es noch ein kleines Schneefeld zu überqueren. Nachdem wir unsere Räder 1’500 Höhenmeter hochgewuchtet haben, fällt diese kleine Rutschpartie nicht mehr ins Gewicht.

Von den hohen Bergen im Svaneti National Park trennte uns 160 km später ein weiterer Pass (Zagari-Pass, 2’650 m), diesmal allerdings mit wirklicher Strasse – die aber stellenweise noch unter Lawinenkegeln begraben lag und daher für den Verkehr geschlossen war. Ein Glück, dass sich Fahrräder, wenn auch mühsam, tragen lassen.

Wenige Tage später wartet bereits der nächste Pass (Zagari-Pass, 2’650m) und hält statt Schlamm Schnee für uns bereit.

Im faulen Schnee finden wir keine Zeit, uns auf die faule Haut zu legen.

Oben angekommen fallen all die Mühen des zweitägigen Anstiegs von uns ab, es bleibt pure Freude!

Freude, gefolgt von einer Abfahrt nach Ushguli.

Das 2’100 m über dem Meeresspiegel gelegene Dorf Ushguli …

… trumpft mit Wehrtürmen und Ladas auf.

Doch uns interessieren besonders Kaffee, Cola und Kekse.

Der Pass ist bezwungen, doch dauert es noch lange, bis wir einen flachen Fleck für die Nacht finden.

Auch im Kleinem Kaukasus warteten Kurven, wie hier im Borjomi-Kharagauli Nationalpark.

Dort kämpfen wir uns nicht durch den Schnee, lassen aber unsere Entourage davor posieren.

Dank dicken Reifen geht’s auch ohne Federung mit Schwung talwärts.

Wie daheim, mit staunenden Kühen auf satten Wiesen.

In Aspindza kommen wir in den Genuss schwefelhaltiger Bäder mit Soviet-Charme.

Während man im Hohen Kaukasus Wehrtürme baute, versteckte man im Kleinen Kaukasus Klöster in Höhlen und Felswänden.

Das Höhlen-Kloster von Vardzia, vor 1’000 Jahren erbaut, beherbergte einst 50’000 Menschen.

Das Wetter spielt verrückt und fährt täglich dicke Wolken auf.

Wer aufsteigt, kann Ausblicke geniessen.

Da tut jeder Sonnenstrahl wohl. Nicht nur uns.

Wir nehmen uns Zeit, erkunden Wasserfälle am Wegrand …

…. und staunen über wundersame Blumen.

…. in allen Farben.

Obwohl die Natur uns täglich aufs Neue begeisterte und mit ihrer unglaublichen Vielfalt überraschte, waren unsere drei Wochen in Georgien von den Menschen geprägt. Harte Gesichter zerbrachen innert Sekunden in freundliches Lachen. Und war das Eis erst einmal gebrochen, brachten uns die Menschen eine enorme Herzlichkeit – und auch Trinkfreude – entgegen! Immer wieder wurde uns von Wildfremden Brot und Käse gereicht oder wir wurden durch ein verschwörerisches Schnipsen gegen die eigene Kehle zum Trunk geladen.

Eine Familie nahm uns im Regen spontan bei sich auf, verwöhnte uns mit einem herzhaften Abendessen, gefolgt von Gläsern voller Wodka. Auch am nächsten Morgen liess man es sich nicht nehmen, uns gut auf den Tag vorzubereiten: Parallel zum Frühstück wurden Trinksprüche ausgebracht, bevor die Gläser, erst mit rotem und dann mit weissem Wein gefüllt, auf ex gestürzt werden mussten. Was früher bei der Tour de France ging, ging auch hier – dafür setzte dann 40 km später in der prallen Mittagssonne der Kater ein.

Diese Familie lädt uns bei strömendem Regen spontan in ihr Heim ein.

Wir bekommen ein Bett zugeteilt, während Mutter und Tochter in der Küche schlafen.

Unsere Gastgeber. Wladimir und seine Frau.

Die Nächte verbrachten wir nach Möglichkeit im Zelt. Jeweils gegen 19 Uhr begannen wir auf abzweigende Wege oder Pfade zu achten und wurden meist schnell fündig. Wir übernachteten ungestört in Blumenwiesen, zwischen Feldern oder in Wäldern. Einmal aber begingen wir den Fehler, das Zelt zu früh aufzustellen, und dies an einem Samstag. Innert kürzester Zeit statteten uns betrunkene Herren aus der Nachbarschaft einen Besuch ab. Wir wurden begrüsst und umtorkelt, es wurde über die Fahrräder gestürzt, in lauwarmen Kuhfladen ausgerutscht oder darin getanzt und man wollte uns wiederholt in Ladas verfrachten, um irgendwo Wein oder Chacha (Schnaps) zu geniessen. Während alldem wurden im Minutentakt Brüderküsse verteilt – bevor die Show wieder von vorne begann.

In Georgien wird Gastfreundschaft gross geschrieben! Wir werden von schlemmenden Familien mit Brot, Käse und Wein eingedeckt.

Restaurants locken uns mit köstlichen Snacks aus den Sätteln.

Man lässt Arbeit ruhen …

… und zwingt uns, Pausen einzulegen.

Die Prioritäten sind jedoch eindeutig!

In diesen drei Wochen wuchs in uns die Überzeugung, von unserem ursprünglichen Plan abzukommen. Anstatt nach sechs Wochen Georgien und Aserbaidschan von Baku nach Tajikistan in Zentralasien zu fliegen wurde uns klar: Wir waren gekommen, um zu bleiben – jedenfalls in der Region. Eine Runde in der ‘Nachbarschaft’ klang verlockend. Wir beschlossen, nach Armenien zu fahren und mit Glück ein Visum für den Iran zu ergattern. Von dort liesse es sich dann durch Aserbaidschan wieder zurück nach Georgien fahren – und bis dahin sollten auch die letzten Pässe des Grossen Kaukasus schneefrei sein. Mit diesem Plan im Gepäck verliessen wir Georgien und seine herzlichen Menschen und unglaublich schönen Landschaften nach drei Wochen, 986 Kilometern und 21’777 gestiegenen Höhenmetern nach Armenien. Wölfe und Bären hatten wir noch nicht gesehen – sie uns vielleicht schon. Georgia, we’ll be back!

Südkorea | Küsten und Strände

_1320897

November 2017
8 Radtage, 4 Ruhetage in Busan
533 km, 100 % asphaltiert

Gangneung – endlich am Meer!
Häfen – Fischerdörfer & Industriestädte
Südkoreas Ostküste – Klippen, Strände, Fischerdörfer
Nächte – Strände, Parks & selten Motels
Busan – ein neuer Plan: Japan!

ROUTE GANGNEUNG – BUSAN | 533 km

Route Seoul - Busan

ROUTE Gangneung – Busan | Gangneung – Donghae – Samcheok – Uljin – Pyeonghae – Ulsan – Busan (mehr oder weniger dem ‚Ostküsten-Radweg‘ folgend) GPX-Datei und zoombare Detailkarte

GANZE ROUTE SÜDKOREA | SEOUL – GANGNEUNG – BUSAN (1113 km)

Route Gangneung - Busan

ROUTE SÜDKOREA | Seoul – Gangneung – Busan (1113 km) GPX-Datei und zoombare Detailkarte

Der ‚Ostküsten-Radweg‘ von Gangneung nach Busan

Nach zwei Wochen in den schönen, aber kalten koreanischen Bergen freuten wir uns auf etwas wärmere Temperaturen. Trotzdem wollten wir nach einem Nachmittag im Olympischen Dorf unser Zelt ein letztes Mal in den Bergen aufschlagen. Nach wenigen Kilometern erreichten wir die Passhöhe und konnten erste Blicke auf das „Japanische Meer“, das die Koreaner „Ostmeer“ oder „Koreanisches Meer“ nennen, geniessen. Die ausufernde Hafenstadt Gangneung erstreckte ihre Tentakel bis weit herauf in die Berge. Ehe wir uns versahen, waren wir in immer dichter besiedeltem Gebiet. Mehrere Versuche, einen geeigneten Campspot zu finden, schlugen fehl, plötzlich drängte die Zeit. Die Sonne verschwand am Horizont und kurz darauf war es stockdunkel – während wir immer noch einen Nachtplatz suchten. Schliesslich liess man uns im Garten einer ‘Golf-Driving Range’ campieren. Erleichtert stellten wir uns im nahen Restaurant mit Schweinekopfsuppe und -würsten einer letzten Herausforderung, bevor wir uns ins Zelt verkrochen.

Gangneung machte es uns nicht leicht. Bevor wir das Zentrum erreichten, verirrten wir uns auf eine Autobahn – im morgendlichen Berufsverkehr eine nicht eben entspannende Erfahrung. Doch nun waren wir wieder auf Stadt eingestellt und landeten vollbepackt im erwachenden Markt der Stadt. Auch unsere Neugierde erwachte. Während wir fasziniert die für uns doch recht ungewöhnliche Auswahl an Trockenfischen bestaunten, beguckten die Marktfrauen uns. Ein Geben und Nehmen also. Nach über einer Woche ohne feste Unterkunft befürchteten wir allerdings, in Sachen Duft mehr zu geben als zu nehmen. Wir gönnten uns ein Zimmer mit Meerblick und taten, was getan werden musste – wir duschten und schliefen.

_1320533

Auf dem Markt von Gangneung herrscht buntes Treiben. Fische warten, Frauen schauen und man verständigt sich mit Hand und Fuss.

_1320540

Grosse Fische hängen wie Drachen aufgespannt von der Decke …

_1320546

…. und kleinere Fische tragen Stützkorsette.

_1320622

Nach all den Fischen ist uns nach Strand. Gangneung hat ihn.

Ab Gangneung folgten wir dem Verlauf der Küste südwärts, mal direkt am Meer, dann wieder über tausendundeinen Hügel weiter landeinwärts. Durch ein mehr oder weniger zusammenhängendes Netz von Radwegen, nennen wir es den ‘Ostküsten-Radweg’, wurde uns die Navigation leicht gemacht. Wir brauchten bloss bunten Plaketten am Strassenrand oder einer gelben Linie am Boden zu folgen. Aber wehe dem, der ein Schild übersah! Täglich verfuhren wir uns und standen meist plötzlich vor für Radfahrer gesperrten Autobahnabschnitten oder -tunnels. Auch an den Toren eines Atomkraftwerks wurden wir zurückgewiesen.

Dasselbe geschah, als wir, wiederum unabsichtlich, am Tor eines Endlagers für radioaktive Abfälle bei Wolsong auftauchten. Unser eigener Abfall war zwar nicht radioaktiv, doch haben wollte ihn trotzdem keiner. Öffentliche Mülleimer waren in ganz Korea rar. Es blieb uns nichts anderes übrig, als bei Besuchen in ‘Convenience Stores’ nicht nur einzukaufen, sondern gleich auch noch unseren Müll zu entsorgen – in deren Abfalleimern, nicht zwischen den Regalen wohlgemerkt.

_1320926

Supermarktbesuche dauern oft lange und grenzen an Überforderung.

Die gut 500 Küstenkilometer zwischen den beiden Städten Gangneung und Busan waren geprägt von kleinen Fischerdörfern direkt am Meer. Nachts flackerte der Schein der Fischerboote vor der Küste. Und während wir tagsüber die oft unglaublich steilen (aber meist nur einige hundert Meter langen) Steigungen hochkeuchten, winkten uns tausende am Strassenrand zum Trocknen aufgehängte Fische und Tintenfische zu. Auch Senioren, die in kleinen Gruppen die Strassen und Plätze der Dörfer fegten, hatten ihren Spass an uns – oder genehmigten sich in den Pausen ein paar Schnäpschen. Die Nächte verbrachten wir, abgesehen von einer Nacht bei einem ‘Warmshowers’-Host, im Zelt. Wir fanden schöne Campspots direkt am Strand: Ob im Schutze eines Wäldchens, in kleinen Parks, neben der Wache der örtlichen Rettungsschwimmer oder am Fuss eines Leuchtturms. Die nächtlichen Temperaturen waren ein paar Grad wärmer als wenige Tage zuvor in den Bergen, doch der Wind trieb uns meist schnell ins Zelt.

_1320937

Selbst bei der Ankunft im Dunkeln erkennen wir die Exklusivität dieses Campspots sofort und gestalten ihn zum Schlafplatz um.

_1320777

Während wir unsere Tage im Sattel verbringen, hängen andere am Strand ab.

_1320695

Strandcamping zwischen Hafenbecken und Küstenstrasse, mit den örtlichen Rettungsschwimmern als Nachbarn.

P1060974

Künstlich angelegte Wellenbrecher, vor Ort aus Beton gegossen, sind bei Fischern sehr beliebt.

_1320834

Während nachts die Lichter der Fischerboote vor der Küste schaukeln, bietet uns das Wäldchen direkt am Strand Schutz vor Wind, Kälte und neugierigen Blicken.

_1320792

Fischereihäfen zieren die Küste. In manchen geht es gemächlich zu …

P1070059

… andere erfreuen sich grösster Beliebtheit.

Im Gegensatz zur Mongolei schienen wir nicht vom Fleck zu kommen, Tagesleistungen über 80 km waren selten. Denn es war nicht einfach. Direkt am Wegrand wollten eindrückliche Tempel besucht und deren farbenprächtige Malereien erkundet sein. Strandpromenaden luden zum Flanieren mit Sack und Pack. Überall riefen uns nun öffentliche Toiletten zur täglichen Katzenwäsche. Dies waren wir unserem Gastland schuldig! Darüber hinaus lockten ‘Convenience Stores’ ganztags mit Tischen in der Sonne, Kaffee, süssen ‘Mooncakes’ und mittags leckeren Fertigmenüs. Bei dieser Gelegenheit gönnten wir jeweils Zelt und Schlafsäcken eine trocknende Dosis Sonnenstrahlen gegen das temperaturbedingte nächtliche Kondenswasser.

_1320467

Sonnenstund hat Gold im Mund – und trocknet unsere Schlafsäcke vor einem ‘CU’ Convenience Store. Wir schlürfen genüsslich Kaffee und üben uns in Geduld.

P1060928

Mikrowellen-Menüs à la Koreana – Not the real thing, aber lecker, schnell und überall zu haben. Vorteil im Vergleich zu anderen Restaurants: Man weiss, was man bekommt.

P1070076

Unverhofft locken uns Tempel aus den Sätteln. Hier der berühmte buddhistische ‚Haedong Younggungsa‘ Tempel, der sich bei Busan an die Klippen klammert. Seine Anfänge reichen ins Jahr 1376 zurück.

_1320647

Wir verlieren uns in den Details, ob in Tempeln ….

P1060998

… oder auf Fahrradbrücken.

20171114_102546

Katzenwäsche: Morgens um 10 Uhr erwarten uns an der Hafenpromenade von Pohang frisch geputzte Toiletten.

P1070050

Doch Pohang hat weit mehr zu bieten als saubere öffentliche Toiletten!

_1320867

Kunst im Hafen zum Beispiel.

_1320950

Pausenplätze versuchen sich gegenseitig zu überbieten.

Je weiter südlich wir entlang der koreanischen Küste kamen, umso öfter durchquerten wir Hafenstädte. Industriegebiete zogen sich endlos hin. Hyundai produziert dort Schiffe, und am Strassenrand bewerben Poster die Umweltfreundlichkeit der hier allgegenwärtigen Stahlindustrie. Stadtgrenzen waren plötzlich fliessend, nur der Verkehr nicht immer. Dass dies auch auf Radwegen vorkommt, erfuhren wir vor Ulsan. Unverhofft – und völlig unvorbereitet – fanden wir uns von einem Moment auf den anderen in einem dichten Strom von Radfahrern, der uns das Fürchten lehrte. Schichtwechsel im nahen Hyundai-Werk, Fahrrad-Rushhour!

_1320914

Viele kleine Hyundais, bereit die Welt zu erobern.

_1320844

Industrie ist Trumpf und vielerorts nicht zu übersehen.

Nach 8 Tagen erreichten wir schliesslich Busan, unser Ziel am südöstlichen Ende der Koreanischen Halbinsel. Die mit über 3 Mio. Einwohnern zweitgrösste Stadt Südkoreas erstreckt sich über mehrere Buchten und krönt sich selbst mit einer grandiosen Skyline. Tagsüber glich sie einem geschäftigen Meer aus Hochhäusern, Brücken und Strassenschluchten direkt am Meer. Doch nachts verwandelte sie sich in einen pulsierenden Brei aus grellbunten LED- Lichtern, Märkten und Fischrestaurants. Pulsierend war dann auch die Deko des (Stunden-) Hotels, in welchem wir in Hafennähe Unterschlupf fanden. Diese in Südkorea ‘Motel’ genannten Herbergen trumpfen teils mit Themenzimmern auf und schlagen mit umgerechnet 25 bis 55 USD pro Nacht und Zimmer zu Buche. Die Stundentarife dürften billiger sein. Nach zwei Nächten im fluoreszierend bemalten und mit Ultraviolett-Licht ausgeleuchteten ‘Strand-Zimmer’ wechselten wir für zwei weitere Nächte samt Räder ins ‘Büro-Zimmer’. Dort räkelte sich die gemalte Sekretärin bereits an der Wand.

20171117_104923

Busan, Gross- und Hafenstadt, bietet Strände, Strassenschluchten und eine grandiose Skyline.

20171117_170635

Im Hafen von Busan treffen wir auf ‚Hulk‘ und kommen ungeschoren davon.

_1330032

Nächtlicher Blick über den Hafen von Busan.

Neben dem täglichen Stillen des für Pausentage üblichen Heisshungers beschäftigte uns etwas anderes. Wir hatten Busan an der Südostspitze Koreas erreicht. Und nun lag, nur 200 km oder 6 Fähr-Stunden entfernt, plötzlich Japan in Reichweite. Welch ein Zufall, dass im nahen internationalen Passagierhafen beinahe täglich Fähren eben dorthin in See stachen! Ursprünglich wollten wir die Küste und die Halbinseln südlich von Busan weiter erkunden und dann irgendwie den Bogen zurück nach Seoul schlagen. Doch Japan war zu nah, die Verlockung zu gross – ehe wir uns versahen, hatten wir Tickets nach Fukuoka gebucht. Zwei Mal mit der Fähre nach Japan und zurück, Holz- oder in diesem Fall Futon-Klasse.

Next Blogpost: Japan!

_1330048

Nicht nur Schall und Rauch. Busans Buchten und Häfen sind durch eine Vielzahl von bunt beleuchteten Brücken verbunden.

20171120_192344

Mit bereits ausgestempelten Pässen und geröntgtem Gepäck an den Rädern irren wir durch die endlosen Gänge des Fährterminals im internationalen Hafen von Busan. Auf nach Japan!

Zum Schluss die Galerie:

Südkorea | Kimchi und die DMZ

Header-1

Oktober / November 2017
11 Radtage, 4 Ruhetage
580 km, 99,5 % asphaltiert

Seoul — von der Steppe in die Stadt
DMZ — Besuch an der Grenze
‚Urban Camping‘ — Parks, Parkplätze und Gedenkstätten
Pyeong Chang — Vorbereitungen auf Olympia 2018

img_3427

Korea und unsere Route von Seoul nach Gangneung im Überblick. GPX Datei und Detailkarte finden sich hier.

ROUTE | Seoul — Chuncheon — Yanggu — Haean Myeon — ‚Eulji Observatory‘ (DMZ) — Buk Myeon — Soeroksan National Park — Pillye — Garin — Odaesan Nationalpark (Eintritt mit Rad verweigert) — Jinbu — Daegwanryong (Pyeong Chang Olympic Stadium) — Gangneung

Der zweistündige Flug von der Mongolei nach Südkorea war ein Flug in eine andere Welt. In eine Welt voller Menschen, Hektik, Verkehr und Sauberkeit. Auf Fussgängerstreifen und rote Ampeln war Verlass und überall leuchteten LED in allen Farben. So hatten wir uns eigentlich Japan vorgestellt, nicht Südkorea. Die ersten Tage in Seoul kamen wir in den Genuss der Gastfreundschaft unserer weit gereisten ‚Warmshower‘-Hosts Ji-Hyun und Jung Song. Sie nahmen uns in ihrem gemütlichen, als Treibhaus getarnten Heim am Rande der riesigen Metropole Seoul auf. Von dort erkundeten wir die Stadt — sie hatte so einiges zu bieten — und machten uns mit den Eigenheiten einer ’neuen‘ Kultur vertraut. Dazu gehörten neben Sightseeing auch Streifzüge durch verschiedene ‚Convenience Stores‘ und Supermärkte zur Erkundung des Angebots und um herauszufinden, womit wir wohl unsere ‚Framebags‘ für unterwegs füllen könnten.

P1060581

Grünes Seoul – auch im Zentrum gibt es grüne Oasen.

DSC02158

Bei unseren Warmshower-Gastgebern Ji Hyun und Song Jong wohnen wir etwas ausserhalb in einem ‚green belt‘, einer Landwirtschaftszone, und erkunden gemeinsam die Stadt.

P1060679

Seoul by night – scheint die Stadt tagsüber gemächlich, pulsiert sie bei Nacht.

P1060555

In Seouls engen Gassen herrscht Touristen-Stau.

P1060668

Verkehrsregeln sind hier, im Gegensatz zur Mongolei, zu beachten – auch nachts.

P1060694

Die Beschriftung im ganzen Land ist gut – freilich koreanisch.

P1060708

Seoul Traffic – wir nehmen die U-Bahn.

Mit einem Kilo Reis und ein paar Packungen Nudelsuppen im Gepäck verabschiedeten wir uns nach einigen Tagen von Ji-Hyun und Sung Jong. Siebzig Kilometer auf (Süd-)Koreas grosszügigen Radwegen später waren wir immer noch in Seoul. Jetzt war es an der Zeit, unser neues Camping-Konzept zu testen. Während koreanische Familien ihre (Sonnen-)Zelte abbauten und sich auf den Heimweg machten, stellen wir unser kleines Zelt mitten in einem Park auf. Um uns herum führten Menschen ihre Hunde und Katzen aus, statteten dem nahen öffentlichen und mit klassischer Musik berieselten Klo einen Besuch ab oder drehten bloss eine Runde auf dem Rennrad. Wir krochen ins Zelt und hatten eine unruhige Nacht — so viel nächtliche Aktivität um uns herum waren wir nach der Mongolei nicht mehr gewohnt. Der Trick am Park-Camping lag schliesslich darin, das Zelt spät aufzustellen und vor Sonnenaufgang wieder abzubauen. Es sollte sich bewähren und wir verbrachten den Grossteil unserer Nächte in Korea im Zelt in städtischen Parks, auf Parkplätzen, an Stränden, neben einer Driving Range und neben öffentlichen Toiletten. Einmal pro Woche gönnten wir uns ein ‚Motel‘ — der Dusche wegen.

_1310967

Einen Tag lang fahren wir durch Seouls Strassen-Dschungel….

_1310959

….und legen uns in Parks ins Gras.

_1320042

Seouls Radwege sind erstklassig, winden sich durch die Stadt und laden zum Verweilen ein.

_1320028

Auch nachts. Campieren in Parks ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig.

Auf dem ‚Bukhangang‘ Radweg, dem gleichnamigen Fluss nach Nordosten folgend, liessen wir Seoul hinter uns und kamen die nächsten Tage ob der unglaublichen Radweg-Infrastruktur nicht mehr aus dem Staunen heraus. Mindestens alle paar Kilometer gab es speziell für uns (Radfahrer) aufgestellte öffentliche Toiletten, fest montierte Luftpumpen, erholsame Parks und schattenspendende Pavillons. So gondelten wir in gemächlichem Tempo durch die malerischen Berge des südkoreanischen Nordens und machten ‚Ferien‘. Wir hielten an jeder Ecke, kurvten durch kleine Dörfer, machten Fotos und legten Kaffeepausen ein.

_1320091

Bicycle Highways made in Korea – wir glauben unsern Augen kaum.

P1060802

Mit Brücken wird hier nicht gegeizt.

_1320507

Auch Toiletten sind nie weit entfernt.

_1320085

Tunnel-Erlebnis mit musikalischer Untermalung: Radweg in höchster Perfektion.

P1060827

Auch der Kunst wird genüge getan. Ob im See wie hier bei Chuncheon…

_1320118

…oder an Ausstellungen von Filmplakaten.

P1060867

Ziemlich Science-Fiction sind diese Kerle hier – oder was sie zurückliessen. Die Bewohner der kleinen Larven-Monster sind bereits ausgeflogen.

_1320154

Dann doch lieber Frühstück mit Aussicht.

Nach einigen Tagen erreichten wir die kleine Stadt Yanggu an der berühmt-berüchtigten und hochaktuellen ‚DMZ‘, der seit dem Ende des Koreakriegs 1953 entmilitarisierten Zone an der Grenze zu Nordkorea. Dort gab es im ‚Eulji Observatory‘ die Möglichkeit, einen Blick über das Niemandsland zu erhaschen, wo sich nord- und südkoreanische Truppen, am 38. Breitengrad durch einen 4 km breiten Streifen getrennt, seit Jahren in höchster Bereitschaft gegenüber stehen. Je näher wir der Grenze kamen, umso spürbarer wurde die Militärpräsenz. Panzersperren, Lastwagen und Truppen gehörten bald zum Strassenbild und Helikopter oder Jets dröhnten regelmässig über unseren Köpfen. Passend dazu hielt um uns herum der Winter Einzug. Die letzten farbigen Blätter verschwanden und die Temperaturen sanken tagsüber unter 10° Grad und nachts zum Gefrierpunkt.

_1320074

Wir ‚cruisen‘ durch Täler und bunte Wälder.

_1320061

Farbige Ginkgo Blätter lassen uns nicht vergessen, wo wir sind.

_1320157

Ein Aufstieg jagt den nächsten.

_1320428

Die Belohnung erfolgt in Form gewundener Abfahrten, oft ohne Verkehr.

P1060859

Und natürlich schöne Ausblicke!

Ein Besuch der DMZ auf eigene Faust wollte geplant sein. Vor dem Besuch der Grenze mussten wir in Yanggu das nötige ‚Permit‘ besorgen. Dieses hatten wir nach ein paar Stunden im Irrgarten eines koreanischen Verwaltungsgebäudes in unseren Händen und konnten die verbleibenden 40 km zur Grenze in Angriff zu nehmen. Dort warteten am nächsten Tag die nötigen Dokumente bereits auf uns und gegen eine Eintrittsgebühr von 7’000 Südkoreanischen Won, umgerechnet 6.- CHF, bekamen wir die endgültige Erlaubnis zum Besuch der Grenze. Doch es galten Vorschriften. Sie besagten, dass eine Annäherung an die DMZ auf dem Fahrrad nicht erlaubt sei. Doch eine Lösung war schnell gefunden: Unsere Räder wurden unter einer der allgegenwärtigen Überwachungskameras abgestellt, und wenig später sassen wir bereits in einem Bus voller koreanischer Senioren und bekamen Früchte und Getränke zugesteckt. Unter den fürsorglichen Fittichen der Reisegruppe aus Busan besuchten wir zuerst den mehrere Kilometer langen ‚4th Infiltration Tunnel‘. Der Tunnel war von der nordkoreanischen Armee in feindlicher Absicht in über 400 m Tiefe in den Fels unter der südkoreanischen Grenze getrieben worden. Der Besuch des Tunnels war eindrücklich und mit einem strikten Fotoverbot belegt. Von freundlichen jungen Soldaten geführt marschierte die ganze Gruppe in Zweierreihe durch den (nach der Entdeckung gegrabenen) südkoreanischen Zugangsstollen in den Berg hinein. Nach einigen hundert Metern im Berg trafen wir auf den nordkoreanischen Tunnel. Dort erwartete uns eine kleine Eisenbahn, welche uns in kleinen Gruppen einige Meter in den 1,7 m hohen und ebenso breiten, in den rohen Fels getriebenen Tunnel hinein und wieder zurück chauffierte.

_1320208

Bevor es zur Grenze geht, besorgen wir uns in Yanggu die nötigen Dokumente und verbringen die Nacht auf unserer eigenen kleinen Insel, mitten im See, zwischen Pavillons und Flugzeug-Oldtimern.

_1320232

Nicht nur beim Militär herrscht strenge Ordnung. Rettichstängel hängen zum Trocknen in Reih und Glied.

_1320218

Nahe der DMZ, der entmilitarisierten Zone, stehen Strassensperren bereit. Diese werden notfalls zum Einsturz gebracht und machen die Strasse unpassierbar. Zudem vernehmen wir bereits leise, schräge Musik.

P1060888

Unsere Reisegruppe für einen Vormittag.

Um den strikten Zeitplan unserer Reisegruppe einzuhalten, sassen wir kurz darauf wieder im Bus. Nun ging es an die DMZ, die wir bisher ja nur von ‚unten‘ erlebt hatten. Vom Innern einer spiegelverglasten Aussichtsplattform aus blickte man auf das 4 km breite Niemandsland. Dahinter lagen die Grenzposten und Befestigungsanlagen Nordkoreas. Das Observatorium war ein eigentümlicher Ort, an dem zwar der Verkauf von Popcorn durchaus nicht fehl am Platz gewesen wäre, der einen aber trotzdem erschaudern liess.

_1320229

Blick vom Eulji Observatorium – jedoch in die erlaubte (falsche) Richtung.

_1320234

Wir campieren diese Nacht hinter dem Monument bei der Unification Hall an der DMZ. Musik dröhnt die ganze Nacht und plärrt Propaganda aus Nordkorea über die Grenze.

_1320249

Neben einem sehr guten Museum erwarten dort die Besucher auch bizarre Attraktionen.

Und das Schaudern ging weiter. Zurück beim ‚Unification Center‘ und bei unseren Rädern, immerhin 7 km von der Grenze entfernt, erhielten wir die Erlaubnis, direkt auf dem Gelände des Koreakriegs- Denkmals zu campieren. Bereits am Morgen hatten wir in Grenznähe von irgendwo her relativ laute Musik vernommen. Da hatten wir den Musikgeschmack der unbekannten Person ernsthaft angezweifelt, uns aber nichts weiter gedacht. Doch mit Anbruch der Dunkelheit drehte der Wind. Die Musik dröhnte nun plötzlich um ein Mehrfaches lauter. Was uns in dieser Nacht keine Ruhe gönnte, entpuppte sich am Morgen darauf als nordkoreanische Propagandamusik von jenseits der Grenze.

Mit der DMZ waren wir am nördlichsten Punkt unserer Reise in Korea angekommen. Wir drehten nach Süden ab. Von unserem Ziel Busan, der Hafenstadt im Südosten Koreas, trennten uns noch etwa 1000 km und ebensoviele Berge. So wand sich unser Weg in den folgenden Tagen durch die wunderbar schroffen Berge Gangwons, Südkoreas nordöstlichster Provinz. Versuche, den geteerten Strassen den Rücken zu kehren, hatten gemischten Erfolg. Während wir am Eingang zum ‚Soeroksan Nationalpark‘ sämtliche koreanischen Hinweistafeln nicht lesen und eine geschlossene Schranke ungehindert passieren konnten, wurden wir mit unseren Rädern am Tor zum ‚Odaesan Nationalpark‘ bestimmt (und leicht misstrauisch) abgewiesen.

_1320446

Obwohl die Verständigung oft zäh ist, sind die Menschen überaus freundlich und hilfsbereit! Sie verkaufen teils riesige, fantastisch süsse Äpfel. Wir Fremdlinge bekamen sie geschenkt.

_1320326

Am Eingang zum ‚Soeroksan Nationalpark‘, inmitten unlesbarer Hinweise. Wir machen uns schlau, verstehen nichts und winken uns selbst durch…

_1320334

Endlich haben wir wieder Dreck unter den Reifen.

_1320353

Camping im Nationalpark. Natur pur.

_1320435

Sieht es aber nach Regen aus, suchen wir ein Dach für die Nacht. Etwa auf dem Parkplatz eines Museums.

_1320348

Doch auch hier sind die Nächte im Zelt oft kalt.

Immer noch in den Bergen erreichten wir schliesslich die Region Pyeong Chang. Hier liefen die Vorbereitungen auf die im Februar 2018 bevorstehenden Olympischen Winterspiele auf Hochtouren — es war kaum zu übersehen. Im Umkreis von 100 km wurden Strassen aufgerissen, Stadtzentren gepflastert und öffentliche Toiletten saniert. Hotels wurden eröffnet, Autobahnen gebaut. Uns schien, es gebe noch einiges zu tun. Durch den ganzen Trubel neugierig gemacht, beschlossen wir, der Sache auf den Grund zu gehen, und statteten dem künftigen Olympiastadion einen Besuch ab. Es war nicht abgeschlossen.

P1060955

Nur die wenigsten fahren im November schon Ski, dazu fehlt der Schnee. Doch im Januar soll es hier eisig kalt werden.

_1320476

Wir parkieren exklusiv am Olympiastadion von Pyeong Chang.

20171108_125240

Das Tor steht offen, es zieht uns hinein. Wir nehmen Augenschein und befinden den Ausbau für angemessen.

_1320554

Pyeong Chang ist bereit – lasset die Spiele beginnen!

Nach dem Olympia-Augenschein trennte uns ein letzter kleiner Pass von der Hafenstadt Gangnueng an Koreas Ostküste. Dort wartete der Pazifische Ozean, wärmere Temperaturen versprechend.

 

 

 

Zum Schluss die Galerie:

 

Mongolei | die letzten Meter

Oktober 2017
2 Tage im Sattel
150 km, 50 % asphaltiert
1 gebrochene Zeltstange

Motivation — der fehlende rote Faden & ein neues Ziel
Lost — verloren in der Routenwahl
Kälte — Zeltstangen brechen, Knie schlottern
Stimmen im Dunkeln — Schlaflos in der Mongolei

ROUTE | Sükhbaatar (Grenze Russland) — Shaamar — Zuunburen — Shaamar — Darchan — Ulaanbaatar (Wir sind nur den roten Teil der Strecke mit dem Rad gefahren)

Nach einem erlebnisreichen Monat im herbstlichen Sibirien hat uns die Transsibirische Eisenbahn am 14. Oktober im mongolischen Grenzbahnhof Sükhbaatar ausgespuckt. Jenem Ort, an dem wir wenige Wochen zuvor unsere Räder für die letzten Kilometer zur russischen Grenze bei Altanbulag gesattelt hatten.

Der mongolische Grenzbahnhof Sükhbaatar in der Abenddämmerung.

 

Doch beginnen wir von vorne. Bereits Wochen zuvor waren unsere ursprünglichen Reisepläne durch ein zermahlenes Radtretlager und einen geschlossenen Grenzübergang nach Russland bei Murun komplett über den Haufen geworfen worden.

Mit Visabestimmungen und vorgegebenen Ein- und Ausreisedaten jonglierend, hatten wir unsere Reiseroute seitdem laufend improvisiert und angepasst. Wir hatten das Beste aus jeder Situation gemacht und die Reise genossen. Es war uns gelungen, eine sinnvolle, spannende und in grossen Teilen fantastische Route zusammen zu knüpfen.

Trotzdem hatte sich seither immer wieder — und öfter — ein Gefühl des Herumirrens breitgemacht. Nein, unsere Reiselust war nicht etwa gesättigt und unsere Neugier nicht erloschen. Ganz im Gegenteil! Doch plötzlich war aus der grossen Runde durch die Mongolei und Sibirien eine ‚Sternwanderung‘ geworden — mit Ulaanbaatar als deren Mittelpunkt. So schlitterten wir nach und nach in eine gewisse Sinnkrise: Uns fehlte der rote Faden einer zusammenhängenden Route.

Je näher wir Irkutsk gekommen waren, umso mehr nahmen diese Gefühle überhand. Die Distanzen in diesem Teil der Welt waren weit, schienen oft endlos und verleiteten zum Grübeln. Und natürlich begannen die Gedanken bei täglich bis zu zehn Stunden im Sattel Kreise zu ziehen. Doch eine Rückkehr nach Ulaanbaatar war unumgänglich. Die russische Visa-Uhr tickte und visafreie Nachbarländer lagen fern. Ausserdem hatten wir einige Habseligkeiten in der Mongolei deponiert.

Nun waren wir also zurück auf Feld eins, zurück in der Mongolei. Zu unserem Entsetzen mussten wir uns eingestehen, dass hier die Luft wie raus, der Zauber verflogen schien. Die farbigen Blätter waren verschwunden. Der erste Schnee hatte die sandigen Pisten in schlammige Gräben verwandelt, war aber nicht liegen geblieben. Die Nomaden trugen plötzlich gefütterte Hosen und dicke Stiefel — und wir immer noch ‚Beinlinge‘ und Sneakers.

Auf den Märkten sind warme Stiefel um diese Jahreszeit gefragt.

 

Da standen wir also an diesem 14. Oktober in Sükhbaatar. Eigentlich wollten wir mit der Eisenbahn bis nach Ulaanbaatar fahren. Doch unserer Räder wegen wollte dies die mongolische Bahn nicht. So lag nun eine Strecke vor uns, die zu radeln wir keinerlei Lust verspürten. Doch in einem plötzlichen Anflug von Abenteuerlust und in der Hoffnung, den mongolischen Funken erneut zu entzünden, beschlossen wir, Ulaanbaatar in einem weiten Bogen nach Westen anzusteuern. Weitere 500 bis 700 Radkilometer auf einer Route, von der wir nicht wussten, ob sie realistisch war.

Nach einem ersten Tag im Sattel fanden wir in einem Wäldchen am Ufer des Selenge einen Lagerplatz. Obwohl die Temperaturen nicht unter -10° fallen sollten, war mit einer bitter kalten Nacht zu rechnen. Bereits beim Aufbau des Zeltes fiel eine Zeltstange der Kälte zum Opfer — sie brach so leicht, als wäre sie eine Salzstange. Die erste Euphorie war dahin, und kurz darauf lagen wir missmutig im Zelt.

Doch die Nacht war noch jung und kam erst richtig in Schwung. Obwohl die Gegend menschenleer erschien, liess im Laufe der Nacht nicht allein die Kälte unseren Atem stocken. Immer wieder erklangen einzelne Stimmen in der Dunkelheit! Mal waren sie nah, mal fern, mal flüsterten, mal schrien sie! Als Krönung begann mitten in der Nacht jemand aus vollem Hals wenige Meter neben unserem Zelt laut zu singen. Er schritt im dichten Gestrüpp an uns vorbei und verstummte kurz darauf so plötzlich, wie er erschienen war.

Die Nacht war kalt. Der kluge Camper sorgt vor und giesst das Wasser bereits abends in den Topf — aus jeder Flasche etwas. So lässt sich am Morgen ein wärmender Kaffee damit kochen. Schluckweise in gefrorene Wasserflaschen gegossen, verwandelt sich auch dort das Eis schneller wieder zu Trinkwasser.

Doch diese eine Nacht lässt uns alt aussehen, auch mit Kaffee am Morgen danach. Desillusioniert enteisen wir das Innere unseres Zeltes, packen unsere Sachen und ändern unsere Pläne.

Doch die 50 km zurück zur Hauptstrasse sind wir bereits in beide Richtung gefahren. Wir wollen sie nicht noch ein drittes Mal abstrampeln und halten einen Lastwagen an.

 

Am Morgen sass uns die Kälte in den Knochen. Auch machten uns Zelt und Wetter Sorgen. Vor allem aber hatte die unheimliche Nacht den letzten Funken Motivation erstickt. Wir kehrten auf die Hauptstrasse zurück und legten die verbleibende Strecke nach Ulaanbaatar zu je einem Drittel im Sattel, per Anhalter im Lastwagen und in der Wärme eines lärmigen Busses zurück.

Zwischen den endlosen Geraden windet sich die Strasse immer wieder über zahllose kleine Pässe.

Die Strecke in die Hauptstadt ist schön und lässt unvermittelt kleine Seen neben uns erscheinen.

Doch im Gegensatz zu den einsamen mongolischen Nebenstrassen braust uns hier Schwerverkehr um die Ohren. Mongolische, russische, aber auch europäische Lastwagen lassen uns in ihrem Nebel husten.

In der nordmongolischen Industriestadt Darchan starten wir einen zweiten und letzten Versuch, die mittlerweile sehr stark befahrene Haupstrasse zu verlassen.

Wir werden jedoch bereits wenige Kilometer ausserhalb der Stadt von Schnee und Schlamm ausgebremst. Enttäuscht kehren wir um und nehmen den Bus nach Ulaanbaatar.

In Ulaanbaatar herrscht Regen statt Schnee. Wir buchen einen Flug nach Seoul und erkunden die Stadt mit ihrem riesigen Markt…

…während im Zentrum der Stadt ein buntes Hochzeitsfieber grassiert, bietet sich uns ein Kontrast aus Tradition und Moderne, wie er grösser kaum sein könnte.

Unbeeindruck von dem Trubel halten die mongolischen Krieger auf dem Hauptplatz ihre Stellung. Im Wissen, dass sie dies auch weiterhin tun werden, können wir getrost nach Südkorea fliegen.

Wir hatten für diesen Teil aufgegeben, doch es war aufgrund der Umstände richtig so. Es war an der Zeit, die Mongolei zu verlassen. Auch um das unvergleichliche Land und die freundlichen Menschen in guter Erinnerung behalten zu können. Bayarlalaa, Mongolia! Danke!

Next Stop Südkorea. Die Reise geht weiter!