Nicaragua | im wilden Westen

563 Kilometer / 38 Tage / 1 Platten

Route: Somotillo (Grenze Honduras) – Chinandega – León – Nagarote – Managua – Masaya – Granada – San Jorge – Ometepe – Rivas – San Juan del Sur – Playa Maderas – San Juan del Sur – Peñas Blancas (Grenze Costa Rica)

Montagmorgen, Kilometer 644 und die dritte Grenze unserer Reise am Rio Gausaule. Wir alten Füchse passierten die Grenze mit wehenden Fahnen (lächeln und plappern hilft auch hier) und schossen natürlich gleich auch das, von den honduranischen Grenzbeamten bewilligte, Foto auf der Grenzbrücke.

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Da hatten wir aber die Rechnung ohne die Soldaten auf der anderen Seite der Brücke gemacht. Und so wurden wir kurz darauf von Nicaraguas Grenzsoldaten ziemlich unfreundlich dazu aufgefordert, die Kamera herauszurücken. Wir sahen unsere Fotos schon verloren, doch den Nicas ging es nicht um Spionage oder ähnliches, sonderen einfach darum, dass sie persönlich nicht auf den Bildern zu sehen sein wollten – was sie waren. Wir zeigten ihnen aber nur das erste Bild (auf welchen sie nicht zu sehen waren) und schnell wurden die grimmigen Gesichter freundlich ¡Bienvenidos a Nicaragua!

Nicaragua begrüsste uns mit brandneuem Asphalt, in starkem Kontrast zu Honduras‘ löchrigen Strassen und wir rollten bereits nach wenigen Kilometern im Grenzstädtchen Somotillo ein, dem ersten Ort nach der Grenze. Dort wechselten wir erst einmal ein paar Dollar bei den „Coyotes“, den Geldwechslern auf der Strasse, machten den Markt unsicher und sogen die ersten Eindrücke von Nicaragua auf. Und siehe da, im gleichen Hotel (eines von zwei in Somotillo) trafen wir auf einen anderen Radreisenden.

in Somotillo

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Ciclistas

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Unser Weg durch Nicaragua war von Vulkanen gesäumt, manche rauchend, die meisten jedoch – es war Regenzeit – in eine dicke Wolkenmütze gehüllt. Nicaragua war Cowboy-Land, besonderes im Norden. Überall Rinderherden, Cowboys auf Pferden und natürlich, da wir ja immer noch auf der Panamericana fuhren, der eine oder andere Lastwagen unterwegs nach Costa Rica, Honduras, El Salvador oder Guatemala. Je näher wir Managua kamen, umso stärker wurde der Verkehr und umso schmaler wurde der Seitenstreifen auf welchem wir normalerweise fuhren…bis er schliesslich nur noch aus Kies und einzelnen bröseligen Flecken Asphalt bestand und uns zwang, auf der Strasse zu fahren und den Lastwagen ihre Spur streitig zu machen. Eine nervenaufreibende Angelegenheit.

Erfrischungsstopps

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unterwegs auf der „Carretera Interamericana“

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Von Somotillo aus pedalten wir via Chinandega, der heissesten Stadt Nicaraguas, nach León. Die Strecke von Chinandega nach León war mit etwa 40 km zwar kurz, war aber für einige Überraschungen gut. Es war der 15. September, Nationalfeiertag in Nicaragua, Honduras, El Salvador und Guatemala. Wir hatten im Vorfeld an verschiedenen Orten Proben beobachten können. Heute galt es aber ernst und so hielten wir neugierig an, als in einem Dorf gerade ein Umzug im Gange war. Sofort kamen wir mit Jenny und Haniel, zwei aufgeschlossenen Mädchen ins Gespräch, die uns dann gleich mit zum Festakt mit Tanz und Ansprachen in die örtliche Schule schleppten.

15. Septemer, Unabhängigkeitstag in Nicaragua

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Da sich aber ein Sturm anbahnte riet man uns, uns schleunigst auf denn Weg zu machen – wir kamen 200 m bis es in Strömen schüttete. Unter einem Baum fanden wir Zuflucht (wurden aber trotzdem tropfnass) und als der Regen nach einer halben Stunde immer noch nicht nachliess, entschlossen wir uns zur Weiterfahrt im Regen. Dainas Reifen hatte aber bereits eigene Pläne gemacht und seiner Luft die Freiheit geschenkt. Zwei freundliche Jungs auf der anderen Strassenseite winkten uns zum Glück unter das Vordach ihrer Hütte und gemeinsam flickten wir den Schlauch im Trockenen. Aber viele Köche verderben den Brei und wir mussten das Ganze nach wenigen Kilometern wiederholen. Diesmal kamen wir mit dem freundlichen Wachmann Miguel ins Gespräch, der sich danach mehrmals telefonisch meldete und rührend besorgt darum war, dass wir Nicaragua von seiner besten Seite kennenlernen.

Reifen flicken

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In León, 1524 von den Spaniern gegründet und nach Managua die zweitgrösste Stadt in Nicaragua, gönnten wir uns ein paar Tage Rast. Wir schlenderten durch die breiten Strassen mit ihrem etwas verlotterten, kolonialen Charme, schlugen uns die hungrigen Bäuche voll und besuchten das Revolutionsmuseum. Dort erhielten wir eine eindrückliche Führung durch einen verschmitzten ehemaligen Revolutionär, Kampfname „Comandante Hugo“, der in einer um Jahre jüngeren Version auf einem Teil der Fotos posierend und triumphierend zu sehen war. Er führte uns durch die düsteren Räume des Museums und spickte die geschichtlichen Ereignisse mit seinen eigenen Erlebnissen.

León und seine Kirchen

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im Revolutionsmuseum mit „Comandante Hugo“

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ehemalige Kämpfer warten auf ihren Einsatz als Museumsführer

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Graffiti in León

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Doch bereits nach wenigen Tagen juckte es uns wieder in den Beinen und so fuhren wir weiter, entlang der Cordelliere, flüchteten eine Nacht vor heftigem Regen ins kleinen Städtchen Nagarote. Kurz vor Managua machten wir am nächsten Tag die Bekanntschaft eines einheimischen Radfahrers. Orlando (ohne Gepäck dafür, auf einem klapprigen alten Renner) schloss kurz zu uns auf und so kam man tretend ins Gespräch über Gott und die Welt – mit einem Ohr immer auf die heranbrausenden Lastwagen gerichtet. Orlando wartete auch geduldig, als wir am Stadtrand von Managua in einem trockenen Wassergraben einen Platten flicken mussten. Nach getaner Arbeit trotzten wir gemeinsam dem hektischen Verkehr Managuas. Als dann des Verkehrsgewusel etwas nachliess und wir die vierspurige Ausfallstrasse nach Masaya, unserem eigentlichen Ziel an diesem Tag, erreicht hatten, verabschieden wir uns. Radfahren verbindet!

Reifenpanne vor Managua

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Doch wir sollten Masaya an diesem Tag nicht erreichen. Aber nicht etwa wegen widrigen Verhältnissen oder einem Unfall, sondern weil wir etwa 15 km nach Managua den „Parque Nacional Volcán Masaya“ passierten. Nach einem kurzen Schwatz mit der freundlichen Parkwächterin am Eingang liessen wir von unserem ursprünglichen Plan ab und beschlossen, die Nacht im Park zu campieren. Man liess uns freundlicherweise neben dem Besucherzentrum / Museum campieren. Nachdem der Park um 17 Uhr seine Tore schloss waren wir dann alleine im Park, jedenfalls fast, abgesehen von einem herumschleichenden Parkwächter, der uns einschärfte, ja nicht im Dunkeln die Vulkane erklimmen zu wollen! Wir waren brav, befolgten seine Anordnung, genossen die fantastische Aussicht über die Laguna de Masaya und wurden mit einem spektakulären Sonnenuntergang belohnt.

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Am nächsten Morgen waren wir bereit für den steilen, ohne Gepäck federleichten, Aufstieg an den Kraterrand. Es waren heisse und steile 4 km durch bizarre Lavafelder und schweflige Nebelschwaden. Und wieder wurden wir mit einer wahnsinns Aussicht belohnt.

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Am Kraterrand

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Masaya war nach dem Park eine gute, lebendige Abwechslung. Gerade an diesem Wochenende fand die alljährliche „Desfile Hipico de Masaya“ statt, ein dreistündiger Umzug zu Pferd durch die Stadt. Dabei versuchte jeder Pferdebesitzer, sich und sein Pferd von der besten Seite zu präsentieren- was oft gelang. Kurz ein Cowboy-Umzug erster Güte. Für einige standen die Pferde im Mittelpunkt, für die meisten schien es jedoch mehr um Speis und vorallem Trank zu gehen. Alles in allem also ein wilder Mix aus betrunkenen Reitern im Sonntagsgewand, Familien-Saufgelagen im Stadtpark, Jahrmarktstimmung für die Kinder und ein Transvestitentanzwettbewerb zum Schluss. Alles sehr unterhaltsam, wir sind aber nicht sicher, ob es die Pferde auch geniessen konnten.

Hipico de Masaya

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Nach Masaya statteten wir Granada am Lago Cocibola (Lake Nicaragua) einen Besuch ab. Die Stadt scheint Kirchen im Überfluss zu haben und etwa ähnlich viele Touristen. Wir hatten ein paar schöne Tage und fuhren dann 70 km nach Süden um von San Jorge mit der Fähre noch Ometepe, einer Insel im Lago Cocibola, überzusetzen. Aber soo einfach ging das dann doch nicht! Da musste zuerst Hafensteuer für Personen und am Fenster für Fahrzeuge dann noch eine Fahrrad-in-den-Hafen-Steuer bezahlt werden. Schliesslich durften wir unsere Räder über eine Planke aufs Schiff schieben. …und wie fast immer wenn wir uns aufs Wasser begeben fing es kurz darauf an zu regnen.

Granada

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Die kleine Insel Ometepe könnte mit ihren zwei Vulkanen Jim Knopfs Lummerland sein, gäbe es bloss eine Eisenbahn und einen König. Da es aber keine Eisenbahn gab, umrundeten wir Ometepe auf seinen holprigen und teils steilen Strassen zu Rad und zu fuss, schliefen im Zelt, bestaunten die Schönheit der Natur, beobachteten Brüllaffen, bewunderten bunte Vögel, wurden von Papageienlärm geweckt, plauderten mit Bauern und Fischern, futterten grosse Fische, kayakten im Sonnenuntergang auf dem See herum und traffen Reisende aus aller Welt, So verbrachten wir lustige Tage mit Shane (IRL) und Abby (USA). Und nebenbei ernährten wir ganze Moskitofamilien mit unserem reichhaltigen Blut. Kurz, das gemächliche Inselleben zog uns rasch in seinen Bann – und unsere Hängematten erledigten den Rest.

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Moyagalpa mit Blick auf Vulkan „Concepción“

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„Congos“ – Brüllaffen

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holprige Wege um Ometepe

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Vulkan Concepción

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Mit Abby und Shane auf dem Fluss

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Prozession in Altagracia

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Verschnaufpause

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wie überall in Nicaragua: Werbung für die Partei FSLN am Strassenrand

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Camping

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Lago Cocibola

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Als wir das nächste Mal auf die Uhr sahen, waren zwei Wochen um und es war an der Zeit, aufs Festland zurückzukehren.

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Rivas – Festland

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Damit wir jederzeit Kokosnüsse öffnen können sahen wir es als dringend notwendig an, eine Machete zu kaufen. Dieses Vorhaben setzten wir zurück an Land gleich in die Tat um, bevor wir die verbleibenden 30 km von dunklen Sturm- und Regenwolken gejagt an den Pazific preschten. Sie haben uns natürlich nicht einholen können! So erreichten wir verschwitzt aber mit neuer Machete San Juan del Sur, einem Surferstädtchen am Pazifik. Wo wir gleich auf mehrere bekannte Gesichter stiessen, Brendan (IRL) hatten wir schon in Antigua kennen gelernt, Abby und Shane wie auch Loz (ENG) und Jed (USA) in Ometepe. Dazu kamen noch Joanne und Neil aus Australien, die Shane schon in Südamerika und Panama getroffen hatte. Wir verbrachten dort ein paar unterhaltsame Tage und Nächte und campierten dazwischen ein paar Nächte am abgelegnen Traumstrand „Maderas“. Der Weg dorthin und wieder zurück war excellentes offroad Training und wir konnten an unseren Schlammfahrkünsten feilen, bis sich die Räder vor lauter Schlamm fast nicht mehr drehen liessen.

vom Regen gejagt

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Strand – schön streng!

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…mit „Radleibchen“

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San Juan del Sur

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„Piraten“ am Strand

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Und dann hiess es wieder einmal Abschied nehmen und auf in den Sattel, für die verbleibenden 48 km nach Peñas Blancas, der Grenze zu Costa Rica.

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Galerie in gross: