Mongolei | die letzten Meter

Oktober 2017
2 Tage im Sattel
150 km, 50 % asphaltiert
1 gebrochene Zeltstange
 

Motivation — der fehlende rote Faden & ein neues Ziel
Lost — verloren in der Routenwahl
Kälte — Zeltstangen brechen, Knie schlottern
Stimmen im Dunkeln — Schlaflos in der Mongolei
 

ROUTE | Sükhbaatar (Grenze Russland) — Shaamar — Zuunburen — Shaamar — Darchan — Ulaanbaatar (Wir sind nur den roten Teil der Strecke mit dem Rad gefahren)

 
Nach einem erlebnisreichen Monat im herbstlichen Sibirien hat uns die Transsibirische Eisenbahn am 14. Oktober im mongolischen Grenzbahnhof Sükhbaatar ausgespuckt. Jenem Ort, an dem wir wenige Wochen zuvor unsere Räder für die letzten Kilometer zur russischen Grenze bei Altanbulag gesattelt hatten. 

Der mongolische Grenzbahnhof Sükhbaatar in der Abenddämmerung.

Doch beginnen wir von vorne. Bereits Wochen zuvor waren unsere ursprünglichen Reisepläne durch ein zermahlenes Radtretlager und einen geschlossenen Grenzübergang nach Russland bei Murun komplett über den Haufen geworfen worden.

Mit Visabestimmungen und vorgegebenen Ein- und Ausreisedaten jonglierend, hatten wir unsere Reiseroute seitdem laufend improvisiert und angepasst. Wir hatten das Beste aus jeder Situation gemacht und die Reise genossen. Es war uns gelungen, eine sinnvolle, spannende und in grossen Teilen fantastische Route zusammen zu knüpfen.

Trotzdem hatte sich seither immer wieder — und öfter — ein Gefühl des Herumirrens breitgemacht. Nein, unsere Reiselust war nicht etwa gesättigt und unsere Neugier nicht erloschen. Ganz im Gegenteil! Doch plötzlich war aus der grossen Runde durch die Mongolei und Sibirien eine ‚Sternwanderung‘ geworden — mit Ulaanbaatar als deren Mittelpunkt. So schlitterten wir nach und nach in eine gewisse Sinnkrise: Uns fehlte der rote Faden einer zusammenhängenden Route.

Je näher wir Irkutsk gekommen waren, umso mehr nahmen diese Gefühle überhand. Die Distanzen in diesem Teil der Welt waren weit, schienen oft endlos und verleiteten zum Grübeln. Und natürlich begannen die Gedanken bei täglich bis zu zehn Stunden im Sattel Kreise zu ziehen. Doch eine Rückkehr nach Ulaanbaatar war unumgänglich. Die russische Visa-Uhr tickte und visafreie Nachbarländer lagen fern. Ausserdem hatten wir einige Habseligkeiten in der Mongolei deponiert.

Nun waren wir also zurück auf Feld eins, zurück in der Mongolei. Zu unserem Entsetzen mussten wir uns eingestehen, dass hier die Luft wie raus, der Zauber verflogen schien. Die farbigen Blätter waren verschwunden. Der erste Schnee hatte die sandigen Pisten in schlammige Gräben verwandelt, war aber nicht liegen geblieben. Die Nomaden trugen plötzlich gefütterte Hosen und dicke Stiefel — und wir immer noch ‚Beinlinge‘ und Sneakers. 

Auf den Märkten sind warme Stiefel um diese Jahreszeit gefragt.

Da standen wir also an diesem 14. Oktober in Sükhbaatar. Eigentlich wollten wir mit der Eisenbahn bis nach Ulaanbaatar fahren. Doch unserer Räder wegen wollte dies die mongolische Bahn nicht. So lag nun eine Strecke vor uns, die zu radeln wir keinerlei Lust verspürten. Doch in einem plötzlichen Anflug von Abenteuerlust und in der Hoffnung, den mongolischen Funken erneut zu entzünden, beschlossen wir, Ulaanbaatar in einem weiten Bogen nach Westen anzusteuern. Weitere 500 bis 700 Radkilometer auf einer Route, von der wir nicht wussten, ob sie realistisch war.

Nach einem ersten Tag im Sattel fanden wir in einem Wäldchen am Ufer des Selenge einen Lagerplatz. Obwohl die Temperaturen nicht unter -10° fallen sollten, war mit einer bitter kalten Nacht zu rechnen. Bereits beim Aufbau des Zeltes fiel eine Zeltstange der Kälte zum Opfer — sie brach so leicht, als wäre sie eine Salzstange. Die erste Euphorie war dahin, und kurz darauf lagen wir missmutig im Zelt.

Doch die Nacht war noch jung und kam erst richtig in Schwung. Obwohl die Gegend menschenleer erschien, liess im Laufe der Nacht nicht allein die Kälte unseren Atem stocken. Immer wieder erklangen einzelne Stimmen in der Dunkelheit! Mal waren sie nah, mal fern, mal flüsterten, mal schrien sie! Als Krönung begann mitten in der Nacht jemand aus vollem Hals wenige Meter neben unserem Zelt laut zu singen. Er schritt im dichten Gestrüpp an uns vorbei und verstummte kurz darauf so plötzlich, wie er erschienen war. 

Die Nacht war kalt. Der kluge Camper sorgt vor und giesst das Wasser bereits abends in den Topf — aus jeder Flasche etwas. So lässt sich am Morgen ein wärmender Kaffee damit kochen. Schluckweise in gefrorene Wasserflaschen gegossen, verwandelt sich auch dort das Eis schneller wieder zu Trinkwasser.

Doch diese eine Nacht lässt uns alt aussehen, auch mit Kaffee am Morgen danach. Desillusioniert enteisen wir das Innere unseres Zeltes, packen unsere Sachen und ändern unsere Pläne.

Doch die 50 km zurück zur Hauptstrasse sind wir bereits in beide Richtung gefahren. Wir wollen sie nicht noch ein drittes Mal abstrampeln und halten einen Lastwagen an.

 

Am Morgen sass uns die Kälte in den Knochen. Auch machten uns Zelt und Wetter Sorgen. Vor allem aber hatte die unheimliche Nacht den letzten Funken Motivation erstickt. Wir kehrten auf die Hauptstrasse zurück und legten die verbleibende Strecke nach Ulaanbaatar zu je einem Drittel im Sattel, per Anhalter im Lastwagen und in der Wärme eines lärmigen Busses zurück.

Zwischen den endlosen Geraden windet sich die Strasse immer wieder über zahllose kleine Pässe.

Die Strecke in die Hauptstadt ist schön und lässt unvermittelt kleine Seen neben uns erscheinen.

Doch im Gegensatz zu den einsamen mongolischen Nebenstrassen braust uns hier Schwerverkehr um die Ohren. Mongolische, russische, aber auch europäische Lastwagen lassen uns in ihrem Nebel husten.

In der nordmongolischen Industriestadt Darchan starten wir einen zweiten und letzten Versuch, die mittlerweile sehr stark befahrene Haupstrasse zu verlassen.

Wir werden jedoch bereits wenige Kilometer ausserhalb der Stadt von Schnee und Schlamm ausgebremst. Enttäuscht kehren wir um und nehmen den Bus nach Ulaanbaatar.

In Ulaanbaatar herrscht Regen statt Schnee. Wir buchen einen Flug nach Seoul und erkunden die Stadt mit ihrem riesigen Markt…

…während im Zentrum der Stadt ein buntes Hochzeitsfieber grassiert, bietet sich uns ein Kontrast aus Tradition und Moderne, wie er grösser kaum sein könnte.

Unbeeindruck von dem Trubel halten die mongolischen Krieger auf dem Hauptplatz ihre Stellung. Im Wissen, dass sie dies auch weiterhin tun werden, können wir getrost nach Südkorea fliegen.

Wir hatten für diesen Teil aufgegeben, doch es war aufgrund der Umstände richtig so. Es war an der Zeit, die Mongolei zu verlassen. Auch um das unvergleichliche Land und die freundlichen Menschen in guter Erinnerung behalten zu können. Bayarlalaa, Mongolia! Danke!

Next Stop Südkorea. Die Reise geht weiter!

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Sibirien — Odyssee zum Baikalsee

September / Oktober 2017
13 Tage im Sattel / 9 Ruhetage
1019 km, 95 % asphaltiert

Schnee — ein Wintereinbruch bremst uns aus
Asphalt — Hauptstrassen und ihre Vorteile
Sibirien — an den Ufern des Baikalsees 

ROUTE (nur gefahrene Strecke auf Karte markiert | Kjachta (Grenze Mongolei) — Novoselinginsk — Gussinoosjorsk — Ulan-Ude— Tarbagatai — Podlopatki (ca. 30 km Umweg zu Brücke) — Novoselinginsk — Selenduma — Tsaydam — Gussinoosjorsk — (Minibus nach Ulan-Ude) — Ulan-Ude — Babushkin — Baikalsk — Sludjanka — Irkutsk — (Minibus nach Ulan-Ude, Zug nach Naushki, Grenze Mongolei) GPS Tracks & Detailkarte hier

Sibirien — Taiga, Bären, Wölfe und endlose Wälder! In freudiger Aufregung rollten wir auf den mongolischen Grenzposten zu, wo wir prompt abgewiesen und zu einem anderen Tor umgeleitet wurden. Dort empfing man uns noch eine Spur unfreundlicher und liess uns wissen, dass Fahrräder nicht erwünscht wären — alles auf Mongolisch wohlgemerkt und leider ohne Untertitel.  Nach längerer Beratung stellte sich heraus, dass das Überqueren der Grenze auf Fahrrädern verboten ist. So wurden unsere Räder auf die leeren Lastwagen zweier hilfsbereiter mongolischer Trucker verladen und wir wurden ausgestempelt. Die Reise ins 500 m entfernte Russland konnte beginnen. Sie würde insgesamt fünf Stunden dauern. Drüben wurden unsere Räder ausgeladen (von uns) und kontrolliert (von Zöllnern und Hunden). Unsere Dokumente wurden geprüft, wir wurden über Sinn und Zweck unserer Reise befragt, fotografiert und schliesslich eingestempelt. Auch auf der russischen Seite war — wie könnte es auch anders sein — Radfahren verboten! Nochmals hievten wir die Räder auf die Ladeflächen und legten auch die verbleibenden 50 m bis zum Tor regelkonform auf mehr als zwei Rädern zurück.

Erste Kilometer in Sibirien. Wo sind die Jurten geblieben?

Ausserhalb der Städte ist die Infrastruktur einfach gehalten.

Die wenigen Dörfer sind oft mehr Schein als Sein.

Weiterhin folgt Hügel auf Hügel auf Hügel und nachts finden wir in den Wäldern gute Campspots.

Nach drei Tagen im Sattel erreichen wir die Stadt Ulan-Ude.

Wie immer in einem neuen Land waren die ersten Tage spannend. So bescherte uns der erste Besuch in einem Supermarkt im kleinen Städtchen Kjachta, direkt an der Grenze, einen zünftigen (!) Kulturschock und ein Déjà-vu — dasselbe ‚Wow, wie zuhause!‘-Gefühl hatten seinerzeit auch ein ‚Spar‘ in Namibia und ein ‚Carrefour‘ in Vorkriegs-Syrien bei uns ausgelöst. Die erste grössere russische Stadt, das knapp 300 km vom Grenzübergang entfernt gelegene Ulan-Ude mit immerhin 400’000 Einwohnern, erreichten wir in drei Tagen gegen den Wind. 

Ulan-Ude, 400’000 Einwohner

Auf dem Markt wird klar, wir sind in Russland…

…sonst spätestens hier: Lenins Kopf — mit asiatischen Gesichtszügen wohlgemerkt! — prangt 8 m hoch und 22 t schwer im Zentrum von Ulan-Ude.

Zum ersten Mal auf dieser Reise legten wir in Sibirien nun längere Distanzen auf einer asphaltierten Hauptstrasse zurück. Wir genossen das Gefühl des Vorwärtskommens und machten von der Möglichkeit, zwischendurch in einem Café ‚Borscht‘ (Suppe mit Roter Beete, ein Klassiker!), ‚Lagman‘ (Suppe mit Nudeln und Gemüse) und ‚Piroschkis‘ (gefüllte Teigtaschen) zu verputzen, regen Gebrauch! Um diese hier schon späte Jahreszeit war der Schiffsverkehr auf dem Baikalsee bereits eingestellt. Ein Abstecher weiter nordwärts blieb uns somit verwehrt. Denn auch eine Umrundung des 600 km langen und an einigen Stellen über 1600 m tiefen ostsibirischen Sees — hier gibt es übrigens Robben! — ist entlang der Küste nicht möglich. 

Beim Studium der Karte auf der Suche nach Alternativen drängte sich eine südlich zum Baikalsee verlaufende Bergkette samt Überquerung derselben geradezu auf! So war eine aussichtsreiche Route schnell gefunden. Ein Stück davon war früher Teil der ‚Great Tea Road‘, einer Handelsstrasse, über die vom 17. bis ins 19. Jahrhundert Tee von China nach Russland und weiter westwärts transportiert wurde. Einmal mehr studierten wir Landkarten und stellten mittels ‚GoogleMaps‘ sicher, dass zu überquerende Flüsse auch wirklich mit Brücken versehen waren oder aber Fährverbindungen bestanden.

Beim Verlassen von Ulan-Ude ist der Verkehr teils dicht und die Strasse im Bau.

Die Menschen auf dem Land sind meist freundlich und bei näherem Kontakt ausserordentlich hilfsbereit. Auch dieser kleine Kerl fühlt sich sichtlich wohl bei uns. Noch lange hören wir ihn hinter uns winseln.

Doch wir müssen weiter, die Strasse ruft.

Fähren machen glücklich, denn Brücken sind spärlich gesät. Wir müssen dafür stundenlange Umwege in Kauf nehmen.

Gerade Umwege.

Gussinoosjoersk, Kohlestadt. Das nahe Bergwerk haben wir ungewollt durchquert.

Womit wir jedoch nicht gerechnet hatten, war ein plötzlicher Wintereinbruch. Dieser bremste uns nach vier ebenso kalten wie erlebnisreichen Tagen — zwar ohne Bären, dafür mit nächtlichem Wolfsgeheul! — komplett aus. Als wir am Morgen des vierten Tages an einer Tankstelle nahe Selenduma nach Wasser und dem Weg fragten, wurde schnell klar, dass dieser für uns hier nicht weitergehen würde. In den Bergen vor uns war über Nacht knietief Schnee gefallen. Dies bestätigte uns auch ein Passant in tarnfarbener, dicker Winterkleidung. Er komme gerade von dort oben. Wir verstanden nur die russischen Wörter ‚Schnee‘ und ‚Bären‘, doch allein der Anblick seiner arktistauglichen Winterstiefel erstickte auch noch den letzten Funken Hoffnung im Keim. Inzwischen hatte die freundliche Tankstellenbetreiberin ihren Vater, den Nachfahren von teebewachenden Kosaken, angerufen. Auch er riet uns dringend davon ab, in die Berge zu fahren, und empfahl uns gleich noch eine mögliche Alternative für den unvermeidlichen Rückweg nach Ulan-Ude. Dabei gerieten wir, nachdem wir zwei strassenversperrende Erdwälle überquert hatten (Because we can!), gleich noch mitten in ein grosses Kohlebergwerk — wo wir vom Wachpersonal auf eine Tasse Tee eingeladen wurden! Diese und weitere Begegnungen mit, trotz Sprachbarrieren, unglaublich hilfsbereiten und freundlichen Menschen entlöhnten uns reichlich für die 300 umsonst gefahrenen Kilometer. 

Da wir dann jedoch keine Lust hatten, die Strecke zurück nach Ulan-Ude nochmals zu fahren, nahmen wir schliesslich ab Gussinoojoersk ein ‚Marshrutki‘, einen Minibus. Damit waren wir sozusagen wieder zurück auf Feld eins und vor uns lagen immer noch die 450 offenbar unumgänglichen Kilometer auf der Hauptstrasse nach Irkutsk und gleichzeitig der einzigen Verbindung von Moskau nach Vladivostok.

Wir kommen durch Dörfer….

…und wir schneuzen uns hinter bunten Wartehäuschen den Wind aus den Nasen.

Wir machen Abstecher ans Ufer des Baikalsees…

…und wir machen ‚russische‘ Gruppenfotos auf sibirischen Rastplätzen.

Und selbstverständlich besuchen wir sibirische Cafés!

Wir ergaben uns also ins Schicksal und bissen in den sauren Hauptstrassen-Apfel, der sich als süsser entpuppte, als wir vermutet hatten. Trotz des nasskalten Wetters kamen wir gut voran, gönnten uns aber den Luxus, in Truckstops und einfachen ‚Motels‘ zu übernachten und Energie in stark beheizten Cafés zu tanken. Solche fanden sich mindestens alle 50 km und dort fanden wir auch Zuflucht vor unverhofftem Regen oder Schnee. 

Die Strecke lädt zum Verweilen ein.

Wir fahren auf jene Berge zu, welche wir von der anderen Seite zu überqueren gedachten. Es liegt Schnee.

Dunkle Nadelwälder weichen unvermittelt feurigen Birkenwäldern…

…und alles verwandelt sich nach und nach in eine schimmernde Märchenlandschaft.

Auch hinter Leitplanken findet sich schönes.

Schliesslich dreht die Strasse ab und wir erhaschen letzte Blicke auf den kalten Baikalsee. Wo sind die Robben?

Plötzlich tanzen uns Flocken um die Ohren.

Schnee statt See.

Die Ausblicke sind atemberaubend und Temperaturen um den Gefrierpunkt treiben uns Tränen in die Augen.

Auch der Gegenverkehr tut das Seine.

Nach fünf Tagen und den erwähnten 450 km erreichten wir Irkutsk bei dichtem Schneegestöber. Auch während unseren vier Tagen in der schönen Stadt wechselten sich Sonnenschein und Schneeflocken teils im Zehnminutentakt ab. Irkutsk liegt malerisch an der Angara, dem einzigen Abfluss des Baikalsees. Mit über 600’000 Einwohnern ist sie eine der grössten Städte Sibiriens. Die westlich anmutende Stadt war uns mit ihren vielen Bäumen auf Anhieb sympathisch. Auch Lenin und Gagarin schienen sich hier heimisch zu fühlen, wenn auch nur in Form von Statuen. Trotz Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt lud Irkutsk mit vielen kleine Parks und verschiedenen Vierteln zum Schlendern ein. 

Ankunft in Irkutsk. Das letzte Schneegestöber haben wir vor 10 min hinter uns gelassen, die nächsten Flocken lassen noch 4 min auf sich warten.

Der Verkehr in Irkutsk hält für Fussgänger. Konsequent

Traditionelle sibirische Häuser gehören immer noch zum Stadtbild von Irkutsk und Ulan-Ude.

Irkutsk lädt zum Schlendern ein, ob bei Schneefall oder Sonnenschein.

Die Stadt gefällt uns. Hier unser Vorschlag für eine weitere Statue in Irkutsks Strassen.

Wir wären länger geblieben, doch das  Ablaufdatum unseres russischen Visums erlaubte kein weiteres Trödeln. Den Rückweg in die Mongolei wollten wir per Bahn antreten und so die Strecke entlang des Baikalsees, die wir eben im Sattel erlebt hatten und die oft als schönes Teilstück der transsibirischen Eisenbahn bezeichnet wird, nochmals erleben. Doch dies sahen die untermotivierten Angestellten der Russischen Bahn anders und nach langem Hin und Her rückte ein Fahrradtransport mit der Bahn in weite Ferne. Frustriert nahmen wir schliesslich für die erste Hälfte der Strecke einen Minibus bis Ulan-Ude. Aber es liess uns keine Ruhe. Morgens um 4 Uhr fuhren wir in Ulan-Ude zum Bahnhof. Wir hatten dazugelernt. Diesmal erwähnten wir die Räder bei der Buchung erst, als unsere Tickets zur Grenze schon ausgestellt waren. Und siehe da, es funkionierte. Zwar hiess es auf dem Bahnsteig dann grimmig ‚NJET!‘, doch mit etwas ruhiger Beharrlichkeit sassen wir trotzdem kurz darauf im Zug nach Naushki, dem russischen Grenzbahnhof zur Mongolei. Dort angekommen mussten wir mit Sack und (Rad-)Pack aussteigen und am Schalter Tickets für die Weiterfahrt nach Sükhbaaatar kaufen, dem mongolischen Grenzbahnhof. Nach vier Stunden Wartezeit und einem weiteren gekonnt ignorierten ‚NJET‘ durften wir wieder einsteigen und sassen —  Hurra! — wieder im Zug. Dieser lieferte uns, weitere drei Stunden später und keine 20 km weiter südlich, in der Mongolei ab. Doswidanja, schönes Sibirien! Sain bainuu, Mongolia!

Die Transsibirische Eisenbahn bei Selenduma, wir kennen sie jetzt auch von innen.

Mongolei | der Weg nach Sibirien


September 2017
6,5 Tage im Sattel / 10 ‚Ruhetage‘
522 km, 20 % asphaltiert

Planänderung — geschlossene Grenzen & zermahlene Tretlager
Offroad nach Sibirien — über Dünen, Pässe & durch bunte Wälder
Amarbayasgalant — ein Kloster & kein Weg nach Norden
Tracks & Trails — wer sucht, der findet!

Route | Ulaanbaatar – Batsumber – Zuunkharaa – Bayangol – Khutul – Amarbayasgalant – Zuunburen – Sükhbaatar – Altanbulag
(Hier geht’s zu Detailkarte & gpx-Dateien)

Zwei Tage Erholung hatten wir uns in Murun (Mörön) gönnen wollen, doch wieder einmal kam alles anders als geplant. Denn Nachfragen ergaben, dass der nächste Grenzübergang nach Russland für Nicht-Mongolen und Nicht-Russen weiterhin gesperrt blieb. Damit hatten wir zwar insgeheim bereits gerechnet, mussten nun aber einen Umweg von 700 km zur russischen Grenze in Altanbulag in Kauf nehmen.

Letzte Blicke zurück nach Murun. Uns ist noch nicht bewusst, wie bald wir dorthin zurückkehren werden.

Alle Versuche, ein Tretlager aufzutreiben schlagen fehl. So kommen unsere übergrossen Räder zu Logenplätzen im Bus nach Ulaanbaatar.

Frischen Mutes und mit einer notdürftig zurechtgelegten Alternativroute zum nächstgelegenen, für alle Nationalitäten geöffneten Grenzübergang im Gepäck, rollten wir vier Tage später auf der Hauptstrasse aus Murun hinaus. Wir kamen sechs Kilometer weit — bevor wir mit Verdacht auf ein kaputtes Tretlager an Robins Rad umkehren mussten. Ein Verdacht, der sich bestätigte. Damit waren wir mit einem Problem konfrontiert. Die nächste Möglichkeit zur Beschaffung von Ersatzteilen war gut 800 km entfernt in der Hauptstadt. Versuche, uns ein Tretlager senden zu lassen, scheiterten am Fehlen des nötigen Spezialschlüssel zum Ausbau des Lagers. Einen solchen Schlüssel selbst herzustellen, beziehungsweise einen ähnlichen Spezialschlüssel für ein altes russisches Motorrad anzupassen, misslang ebenfalls. So blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Räder in einen Bus nach Ulaanbaatar zu packen, wo das Problem nach fünfzehnstündiger Fahrt im Handumdrehen gelöst werden konnte. Bei dieser Gelegenheit gönnten wir unseren Rädern auch neue Ketten — auch Ketten verschleissen — und der herzliche und kompetente Besitzer der ‚Giant‘-Mongolia-Vertretung stattete uns gleich noch mit einem Tretlager-Schlüssel für alle Fälle aus.

Wir waren bereit für die nächste Etappe, diese bedurfte jedoch etwas Planungsarbeit. Um die Hauptverkehrsachse zur russischen Grenze in Altanbulag zu meiden und möglichst nur ungeteerte Strassen zu befahren — es soll auch Spass machen! —, arbeiteten wir unter Zuhilfenahme dreier (!) verschiedener Landkarten sowie der Onlinekarten von ‚Openstreetmaps‘, ‚Google Maps‘ und ‚Google Earth‘ eine Route heraus, welche unwegsame, durch Flüsse abgetrennte Regionen verband. Sie stellte sich dann als abwechslungsreicher heraus, als wir zu hoffen gewagt hatten. 

Ulaanbaatar verliessen wir auf geradem Weg nach Norden. Schon bald hatten wir Sand unter den Reifen und suchten unseren Weg quer durch die Berge. Den Anweisungen von Bauern folgend fuhren wir eine Route, die noch direkter war als jene, die wir im Vorfeld mittels Karten festgelegt hatten. Doch nicht alle Wege führten ans Ziel und wir standen eines Morgens vor verschlossenen Toren einer mongolischen Goldmine. Die Männer am Tor waren freundlich und hilfsbereit, doch Einlass wollte man uns nicht gewähren — und Goldbarren konnten wir aus der Ferne keine schimmern sehen. Schade eigentlich! Ein andermal fand unser Zelt aus Mangel an windgeschützten Alternativen seinen Platz zwischen Mähdreschern und Traktoren eines Camps von Feldarbeitern. Die offerierte Suppe war bei den kalten Temperaturen sehr willkommen.

Nördlich von Ulaanbaatar folgen wir immer wieder der Eisenbahnlinie.

Was wir in Südamerika und Australien gelernt haben gilt auch hier: Wo Telefonmasten sind, da ist meist auch ein Weg.

Wir kommen durch Dörfer, treffen Menschen und sorgen für Druck in den Reifen der Kleinsten.

Die Natur hält uns bei Laune, überrascht uns und lässt in dieser Gegend so manchen nach Gold suchen. Wir suchen das Glück und finden es, immer und immer wieder.

Wir fallen aus allen Wolken, als wir westlich von Bayangol plötzlich auf mächtige Dünen stossen. Umso grösser ist die Freude!

Die Pfade sind sandig. Wir feuen und verfahren uns, kommen aber trotzdem ans Ziel.

…und jagen dabei an manch einem bunten Ovoo vorbei…

…der Abendsonne entgegen.

Weiterhin zieren Jurten die Täler. Wir fragen aus Respekt um Erlaubnis zum Campen. Die Familien leben oft unter einfachsten Bedingungen und nehmen uns trotzdem mit offenen Armen auf. Schöne Momente, die uns nachdenklich stimmen.

Der Weg zum Kloster von Amarbayasgalant ist schön, abgelegen und unglaublich abwechslungsreich.

Nach zwei langen, kalten Regentagen geniessen wir die Sonne!

Eine willkommene Abwechslung auf halber Strecke nach Norden bot das buddhistische Kloster von Amarbayasgalant. Es war, dank seiner Abgeschiedenheit in den Bergen, relativ gut erhalten geblieben und lud zum Verweilen und Aufwärmen im kleinen Dorf mit dem selben Namen ein. Dass so ein Ort allerdings nur über zwei holprige Jeep-Tracks von Süden her erreichbar sein soll, konnten und wollten wir nicht glauben. Wir bohrten nach, suchten auf Google Earth nach Spuren und bekamen schliesslich Hinweise auf einen Track, welcher uns nach Norden — oder vielleicht nach Osten? — führen mochte. Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen und brachen schliesslich auf. Zwei Tage lang fragten wir uns durch und kamen dabei durch leuchtend gelbe Wälder, wir stiegen über Pässe in Täler, die über weitere Pässe in andere Täler führten. Wir unterbrachen Nomaden beim Ausnehmen einer Ziege, bekamen aus blutigen Händen Käse geschenkt, wurden vor Wölfen gewarnt und hofften dabei immer, unser Ziel auch wirklich auf dem eingeschlagenen Weg erreichen zu können. Was wir nicht ganz ohne Erleichterung auch taten. Unter tosendem Beifall eines strahlenden Regenbogens überquerten wir, sieben erlebnisreiche Tage und 490 holprige, aber vielfältige Kilometer nach unserer Abfahrt aus Ulaanbaatar, den Fluss Orkhon nahe der kleinen Stadt Sükhbaatar — und hatten damit wieder Asphalt unter den Pneus. Es trennten uns nur noch 30 km bis zum kleinen Grenzort Altanbulag. Dahinter lag Sibirien.

Das Kloster von Amarbayasgalant, von Bergen beschützt, scheint es uns voller Teenager-Mönche zu sein.

Wir verlieren uns in den Details und Malereien des Klosters.

Sonnenstrahlen lassen das Gold für uns leuchten und wir fühlen uns nach Tibet zurückversetzt.

Amarbayasgalant, weniger ein Dorf als ein Tal voller Jurten.

Während die Menschen im Dorf ihrem Alltag nachgehen….

…wacht Buddha über dem Dorf, in Stein gemeisselt…

…und mit Gold überzogen.

Beim Kloster von Amarbayasgalant sind wir laut Karten in einer Sackgasse. Dies können und wollen wir nicht glauben. Vagen Hinweisen von Einheimischen folgend erfragen wir uns die folgenden zwei Tage unseren Weg nordwärs. Dieser führt uns über Pässe, durch leuchtend gelbe Wälder…

…und über tausend rollende Hügel. Felder soweit das Auge reicht, in der Mongolei ein seltsames Bild.

Hier werden Jurten von Mähdreschern verdrängt. John Deere is here!

Schliesslich werden wir von den Windungen des Selenge in unsere Schranken gewiesen. Dieser mächtige Fluss, er mündet später in den Baikalsee, zertrennt den Norden der Mongolei und ist auch für uns ein unüberwindbares Hindernis.

Gewitterwolken treiben uns 30 km vor sich her — und ziehen dann in Sekunden über uns hinweg.

Was bleibt ist ein fantastischer Regenbogen über dem Orkhon.

Mongolei | über Stock und Stein nach Mörön


August 2017
4,5 Tage im Sattel / 4,5 ‚Ruhetage‘
280 km, davon nichts asphaltiert

Durch Flüsse, über Pässe & gegen den Wind
Umzug ins Wintercamp — mit Sack, Pack & Herden
Verblüffende Vielfalt — Taiga, Tibet, Alpentäler

Route | Tariat – Jargalant – Shine Ider – Mörön (Murun)
Hier geht’s zu Karte, GPX- & KML-Dateien.

Mörön, Moron, Murun, Muruun — der Name unserer nächsten, knapp 300 km entfernten, Destination war unaussprechlich. Und jetzt pfiff uns auch noch der Wind mit freudig unangenehmer Stärke von genau dort ins Gesicht. Darauf hatten wir bereits klägliche
15 km hinter Tariat keine Lust mehr. Da kam das einladende Winken des freundlichen Besitzers eines touristischen ‚Ger‘-Camps am Nordufer des malerischen Tsaagaan Nuur gerade recht. Wir schoben unsere Räder in Jurte Nr. 2, heizten den kleinen Holzofen kräftig ein und verbrachten den Nachmittag lesend in der Wärme, während draussen der kalte Wind pfiff.

Der Holzofen, Kochherd und Wärmespender zugleich, bildet den Mittelpunkt jeder Jurte.


Das Nordufer des grossen ‚Tsaagan Nuur‘ windet sich vor uns in der Morgensonne.

Manchmal macht Aufgeben Spass — und auch Sinn. Als wir nämlich am nächsten Morgen unsere Räder aus der warmen ‚Ger‘ schoben, hatte sich der Wind beinahe gelegt.

Bereits auf den ersten 40 km entlang des Seeufers durften wir Dutzende kleine Flussläufe und Bäche durchqueren. Also Schuhe ausgezogen (ja, dank der frischen Temperaturen fuhren wir in Schuhen), Tiefe ausgelotet und dann munter durchgewatet. Wir kamen gut voran und verschwanden schon bald landeinwärts in den Bergen. Die Strecke war auf ihrer gesamten Länge abwechslungsreich und bot von tibetisch anmutenden Hochtälern, alpinen Flussläufen und Taiga-Wäldern bis zu bizarren Felsformationen, als wären sie  direkt aus dem Norden Argentiniens oder dem marokkanischen Atlas importiert jede Menge Abwechslung. Vor allem aber stellte sie uns täglich mindestens einen Pass bereit. Diese Pässe waren zwar nicht hoch, hatten es aber dank der ausgefeilten, nämlich  schnurgeraden mongolischen Routenführung — man denke an ‚Hillclimbing‘ — oft in sich. Und sollte zwischen Pässen und Flüssen doch einmal Langeweile aufkommen, wurden die staubigen Reisenden durch zweckmässig eingestreute Abschnitte knochenverschiebender Wellblechpiste wachgeschüttelt.

Für uns hält die Küste kleine und grosse Hügel bereit….


….und Flussmündungen halten unsere Reifen und Füsse sauber.


Flussebenen können sumpfig sein. Wer trocken bleiben will macht Höhenmeter.


Radlerfreundlich sind kleine Dörfer im Abstand von jeweils etwa 70 km eingestreut.


Brücken trifft man selten an und oft sind sie in desolatem Zustand. Nicht so unsere Räder.


Jeder scheint sich seinen Weg zu suchen.

Auch von tierischer Seite war für Abwechslung gesorgt! Die nächste Yak-, Schaf- oder Ziegenherde war nie weit und die Tiere tummelten sich in allen erdenklichen Hanglagen. Die besten Plätze befanden sich aber offensichtlich meist auf der Strasse! So wurde uns dann die zweifelhafte Ehre zuteil, regelrechte Massenpaniken auszulösen.

Nicht alle Tiere flüchten mit der Herde.


Andere lassen sich auch durch uns nicht von ihrem Aussichtspunkt vertreiben.

Der Verkehr hielt sich in Grenzen, war aber mit zwischen 20 und 30 Fahrzeugen pro Tag reger als auf vorangegangenen Etappen. Immer wieder begegneten uns einzelne mit Hab und Gut, Kind und Kegel und Motorrad be- und überladene, kleine chinesische Transporter oder grosse russische Lastwagen. Der mongolische Winter ist kalt und lang und der Countdown läuft. So machen sich schon einzelne Familien oder ganze Sippen auf, um sich in ihrem Winterlager auf den harten Winter vorzubereiten und Brennholzvorräte anzulegen. Im Sattel ihrer Pferde und Motorräder sitzend, trieben ganze Hirtenfamilien johlend und hupend ihre manchmal bis zu tausend Tiere zählenden Herden durch die Täler. Das Beobachten dieses Treibens lehrte uns Verständnis für das ausgedehnte mongolische Zeitgefühl und die oft stoische Geduld der Mongolen. Denn die Tiere, allen voran die Ziegen, waren ein kaum zu bändigendes Pack und hatten häufig ihre eigenen Vorstellungen betreffend Richtung und Bewegungsgeschwindigkeit!

Umzug mit Kamelen und Wagen war einmal…


…heute muss grosses Gerät aus russischer Produktion her!

Weiterhin campierten wir in der Nähe von Nomaden, wo wir wunderschöne Campspots fanden und man sich rührend um uns kümmerte. Wir wurden mit selbst gemachtem, gezuckertem Yak-Joghurt verwöhnt oder bekamen die Erlaubnis, unser Zelt am schönsten Platz am Fluss aufzustellen — diesen Platz dann auch wirklich mit all seiner natürlichen Schönheit und Ruhe zu geniessen, war jedoch schwierig. Die uns geschenkte Aufmerksamkeit der gastgebenden Familien — oder einfach unser scheinbar immenser Unterhaltungswert? — war so gross, dass wir erst zur Ruhe kamen, wenn wir kurz vor Sonnenuntergang ins Zelt krochen. Bis dahin sass man um uns herum, bestaunte uns, sprach über uns, verhandelte uns, begutachtete unsere Sachen und war einfach fasziniert. Der Abend an dem die zwei Radfahrer da waren, wird wohl allen in Erinnerung bleiben, auch dem Nachbarn, zu dessen Ehren man uns morgens um sieben wieder aus dem Zelt klopfte. Erst als wir in die Pedale stiegen, kehrte der Alltag ein. Yaks wollten gemolken werden, Motorräder wurden gestartet, Herden in die Hänge getrieben, und aus den Kaminenrohren der Jurten stieg Rauch.

Flussläufe und Campspots zum verlieben…


…serviert mit Yak-Joghurt aus der ‚Ger‘ (Jurte‘) nebenan.


Gross und klein, alle sind sie da! Auch von dieser Hirtenfamilie werden wir mit offenen Armen empfangen.


Manch eine Flusswindung ist so einladend, dass wir um eine Pause einfach nicht herumkommen.

Manchmal spielte alles mit. Dunkle Regenwolken zogen tatenlos vorüber, Regen fiel neben und nicht über uns, der Wind schob uns an, und die Flüsse waren glasklar und genau dann zur Stelle, wenn sich die Flaschen zu leeren drohten. 

Doch die Freude sollte nicht lange währen. Im Laufe des dritten Tages, keine 80 km vor Murun, wurde Daina flau im Magen. Trotzdem kämpfte sie eine Steigung nach der anderen hoch und ertrug das Durchschütteln der Gedärme in den anschliessenden Abfahrten tapfer. Je weiter der Tag voranschritt, um so schlechter ging es ihr. Eine ungeschriebene Regel scheint zu besagen, dass dies nicht an Orten geschieht, an denen man sich einfach unter den nächsten Baum, ins Gras oder gar in ein Hotelzimmer legen kann. Nein, es ereilt einem in unwirtlichen Gegenden mit einem Ende-der-Welt-Flair. So schleppte sich Daina gegen Abend, nach einem kurzen Powernap im Staub und einer anschliessenden spontanen Magenentleerung, einen weiteren steilen Hügel hinauf. Als sich dann, oben angekommen, hinter einem Regenschleier und unter einem unglaublich leuchtenden Regenbogen, eine Ebene abzeichnete, war sie gerettet. Wir schlugen unser Zelt auf, krochen sogleich hinein und verbrachten eine Nacht in kollektiver fiebriger Übelkeit. Diese, wohl von einer Lebensmittelvergiftung stammenden, Übelkeit, hatte mittlerweile auch Robin im Griff. Vielleicht Lust auf Yakbutter aus dem Eimer?

Die Pfade in der Mongolei sind endlos und verworren.


Manch eine Abfahrt ist mit grossen Steinen gespickt und mit Schlaglöchern gewürzt.


Wir würzen unseren Mittag teils mit einem Nickerchen am Wegrand.


Oder lassen es auf der Abfahrt krachen.

Am nächsten Morgen ging es uns bereits etwas besser und weiteres Erbrechen half, wieder halbwegs munter zu werden. Doch da wir am Vorabend nichts mehr hatten essen können, fehlte beiden Kraft und Saft. Der 10 km lange Anstieg zur Passhöhe, keine 500 Höhenmeter höher gelegen und eigentlich ein Klacks, war ernüchternd qualvoll und wir kämpften um jeden Meter. Kurz nach der Passhöhe plötzlich ein kleines Restaurant vorzufinden war für die Mongolei äusserst ungewöhnlich — und in diesem Moment ein Segen. Im Regal strahlte uns dort eine grosse Flasche Coca Cola an, die uns wieder zu Kräften bringen wollte — was sie auch tat! Die Welt wurde langsam wieder bunt, die Sonne zeigte sich, die Strasse neigte sich und wider Erwarten konnten wir die noch verbleibenden 30 km nach Murun tatsächlich geniessen. 

Mit der rettenden Flasche Coca Cola sitzen wir in der Sonne…


….und verputzen dann im Restaurant eine Portion ‚Guilasch‘.


So blühen die Blumen bald wieder für uns und wir erreichen Mörön (Murun) bei bester Laune, wenn auch nicht ganz gesund.

Mongolei | die Berge von Khangai

August 2017
7 Tage im Sattel / 4 ‚Ruhetage‘ 
480 km, davon 72 km asphaltiert
3’335 Höhenmeter

endlose Hügel und steinige Tracks
nomadische Gastfreundschaft
Vodka, Feldstecher & Hirtenhunde
Kälte, Pässe, Schneegestöber

Route | Tsetserleg – Jargalant – Zag – Changai – Tariat (Um die Strecke auf der Folgeetappe nicht doppelt zu fahren, folgten wir die letzten 43 Km der Strasse entlang der Südseite des Sees)

Tsetserleg, die kleine Provinzhauptstadt, hielt uns zwei Tage auf Trab. Anstatt unseren müden Knochen etwas Ruhe gönnen zu können, galt es, einiges zu erledigen. Wir hatten uns vor unserer Abreise selbst ein Ei gelegt, welches wir nun dringend ausbrüten mussten. Zur Trinkwasseraufbereitung verwendeten wir ein kleines Gerät von der Grösse einer mittleren Karotte, ‚MSR-MIOX‘ genannt. Damit lassen sich mit Strom, einer Prise Salz und ein paar Millilitern Wasser, innert weniger Sekunden, ein paar Tropfen einer Chlorlösung erzeugen. Ins Wasser gemischt wird damit, nach entsprechender Wartezeit, aus Yakdunglastigen Gebirgsbächen und verunreinigten Flüssen, sauberes Trinkwasser — wenn auch mit leichtem Freibadgeschmack. Dies klappt aber nur mit den nötigen Batterien, kleine dicke Dinger vom Typ CR123a, wie sie früher in jeder Kamera Platz fanden. Solche Ersatzbatterien aufzutreiben, hatten wir im Abreisestress vergessen und dies stellte sich nun in Tsetserleg als unmöglich heraus, ebenso wie bereits zuvor in Ulaanbaatar und Kharkhorin. Die Suche danach nahm aber einen Grossteil unserer Zeit in Anspruch.

Generell bevorzugen wir es, uns unsere Wege selbst zu suchen, und hatten dies auch in den beiden vorangegangenen Etappen so gehandhabt. Dazu werden Karten studiert, mit Onlinekarten abgeglichen, Distanzen abgeschätzt und, da viele Wege weder hier noch da aufscheinen, auch ‚GoogleEarth‘ nach sandigen Jeepspuren durchforstet. Es gilt mögliche Verpflegungspunkte in Form von Ortschaften zu finden, die nötigen Vorräte zu berechnen und — nicht ganz unwichtig — Wasserquellen, meist Flüsse, zu definieren. Für die nächste Etappe durch die Khangai-Berge bot sich aber eine, von Cass Gilbert gemünzte, Route geradezu an. Sie versprach abgelegene, wilde Natur, schöne Pässe und schön-schlechte Pisten. Die asphaltierte Alternative nach Norden stand dagegen von Beginn weg auf verlorenem Posten. Wir sollten nicht enttäuscht werden.

Die Pfade sind verspielt, fordern uns….

…und sie sind oft mit grossen Steinen übersät.

Auf der Passhöhe wartet jeweils der Ovoo mit seinen Geistern, teils in dunkle Wolken gekleidet.

Wie Kamele ziehen wir, oft in Einerreihe, dahin.

Während andere ihrer Arbeit nachgehen oder sich der Menge unterordnen.

So verliessen wir Tsetserleg schliesslich ohne die gewünschten Batterien, dafür mit einigen Tabletten zur Desinfektion von Schwimmbädern (Poolwasser gleich Trinkwasser, wenn richtig dosiert) und den wichtigsten Informationen zur bevorstehenden Route im Gepäck. Auch weil Murray Benn, der hilfreiche, australische Besitzer des ‚Fairfield Guesthouse‘ in Tsetserleg, sein fundiertes Wissen um Strassenzustand und örtliche Gegebenheiten bereitwillig mit uns geteilt hatte.

Wie immer waren die ersten Meter ‚On the Road‘ befreiend — ein Gefühl von Freiheit so intensiv, dass es sich nur schwer beschreiben lässt! Wir füllten an der Quelle am Ortsausgang unsere Trinkwasservorräte und verschwanden kurz darauf wieder in den endlosen Hügeln der Mongolei, wo Pferdeherden freudig galoppieren und abgetrennte Ziegen- und Schafhufe (kein Witz), Motorradteile und Vodkaflaschen die Pfade säumen. Eben diese Vodkaflaschen liessen uns unsere Camping-Strategie neu überdenken. In den ersten beiden Wochen hatten wir meist nach fünf Uhr damit begonnen, ein möglichst abgeschiedenes Plätzchen für die Nacht zu suchen, und waren in 3 von 4 Fällen trotzdem kurz vor Sonnenuntergang von Hirten gesehen worden — das jeder Hirte einen Feldstecher oder ein Fernglas unter seinem Mantel verborgen am Gurt trägt, fanden wir erst nach einiger Zeit heraus. Dies war bisher nie ein Problem gewesen, doch hatten wir durch Andeutungen oder Blicke das ein oder andere Mal zu spüren bekommen, dass die Wahrnehmung westlicher Frauen bei manchen mongolischen Männern nicht eben der Realität entsprach. Diese Einstellung, in Kombination mit rauen Mengen Vodka und Abgeschiedenheit, war nicht etwas, wovon wir nachts, schlafend im Zelt, überrascht werden wollten. Anstatt uns zu verstecken, hielten wir von nun an zu gegebener Zeit bei Jurten, möglichst solche mit Frauen oder Kindern in Sichtweite, und baten darum, in ihrer Nähe, und damit unter ihrem Schutz, unser Nachtlager aufschlagen zu dürfen.

Von nun an campieren wir in der Nähe von Jurten. Auch dort finden sich schönste Aussichten und…

…die Nomaden sind oft unglaublich freundlich, aber scheu.

Doch auch sie mögen dicke Reifen.

Obwohl die Nomaden anfangs oft skeptisch waren, gewährten sie uns unseren Wunsch, erst in Zeichensprache und später durch ‚GoogleTranslate‘ übermittelt, meist. Die daraus resultierenden Begegnungen werden unvergessen bleiben. Manche Familien kümmerten sich anschliessend nicht gross um uns und überliessen uns müde Stinker uns selbst. Dies war uns, nach einem strengen Tag im Sattel, oft ganz recht. Wir kochten unser Abendessen und legten uns früh schlafen. Am nächsten Morgen aber, nachdem wir unser Zelt abgebaut hatten und klar wurde, dass wir weder Randale machen noch ihre Hunde töten und ihre Rinder rauben wollten, war man plötzlich freundlich. Unser Lächeln wurde erwidert und oft lud man uns sogar, mit überraschender Herzlichkeit, in die ofenbeheizte Jurte zu salzigem Milchtee und Gebäck ein, während gleichzeitig Babies gewickelt oder Plätzchen gebacken wurden.

An anderen Abenden aber waren wir zugleich Zirkus als auch Ehrengäste. Nachdem man uns abwägend den optimalen Platz für Zelt und Wohlbefinden zugewiesen hatte, half man uns beim Aufstellen unseres Zeltes, was für diese Berufscamper in der hundertsten Generation natürlich ein Leichtes war! Die Art, wie uns diese unter einfachsten Umständen lebenden Menschen mit offenen Armen empfingen, sich unser annahmen und alles mit uns teilen wollten, berührte uns tief — einmal bot man uns sogar den zuvor unter Jubel gefangenen Fisch an.

Man lädt uns in die gute Stube ein…

….und verwöhnt uns mit Milchtee oder Yakbutter.

Und manche würden uns sogar den eben gefangenen Fisch schenken!

Während uns die wachenden Hirtenhunde oft nachts im Tiefschlaf behüteten, konnten sie auch anders. Denn nicht immer war allen Hunden klar, dass wir geduldete Gäste in ihrem Revier hätten sein sollen. Einem besonders grossen Exemplar, nennen wir es ‚Cujo‘, passten wir ganz und gar nicht in den Kram. Dies deutete er bereits bei Tageslicht durch Markieren von Robins Fahrrad und durch ständiges, unfreundliches Knurren an. So richtig in Fahrt kam er dann aber, als wir gerade friedlich in die Tiefschlaf-Phase eintauchen wollten. Dann nämlich läutete er die erste Angriffswelle ein. Was auch immer ihn dazu bewogen hatte, er war fuchsteufelswild und kläffte, knurrte und tobte direkt neben unserem Zelt, immer gefühlte zwanzig Zentimeter und fünf Sekunden von einem Biss in Robins Schädelplatte entfernt. Nur die Imprägnierung unseres Zeltes verhinderte wohl, dass wir seinen mit Sicherheit fauligen Atem nicht riechen konnten. Dieses haarsträubende Prozedere wiederholte sich im Laufe der Nacht noch weitere zwei Mal und liess uns am Morgen mit dunklen, schwarzen Ringen unter den Augen aus dem Zelt kriechen. Da hütete die Bestie bereits friedlich Schafe.

Kamelherde am Wegrand: Ausgeglichener als die meisten Hirtenhunde.

Aber nicht nur Hunde hielten uns bei Laune. Auch das Wetter zog alle Register. Regenwolken ärgerten uns, Gewittertürme drohten uns und immer wieder machten wir uns auf Unwetter gefasst, blieben jedoch meist verschont. Bald aber wurde es zu kalt für Gewitter, denn täglich sanken die Temperaturen tiefer und ein beissender Wind pfiff uns tagelang ins Gesicht. Mit besagten, dunklen Ringen unter den Augen kam dann, was kommen musste. Schnee, oder besser gesagt Graupel, fiel aus dichten schwarzen Wolken, und kurz vor einer Passhöhe auf etwa 2’700 MüM winkten uns zwei junge Nomadenfamilien zu ihren Jurten. Den Pass könnten wir bei diesem Wetter nicht passieren, gaben sie uns zu verstehen. Stattdessen luden sie uns in ihre Ger zu Yakbutter-Brot und Yakbutter-Tee ein, erzählten uns von der Murmeltierjagd, zeigten uns ihr Satellitentelefon und die Murmeltöter-Flinte und versorgten uns schliesslich mit einer dampfenden Flasche Tee für die Weiterfahrt, die noch den einen oder anderen Schneesturm im Hochgeschwindigkeits-Hagelformat für uns bereit hielt.

Erwischen uns Gewitter im Sattel, so schaltet Robin unweigerlich in den Notfallmodus, die Beine legen plötzlich ein dopingverdächtiges Tempo vor und hören erst auf, wenn er sich ausser Reichweite der Blitze wähnt. Jedem seine Ängste.

Dunkle Wolken künden Unheil an…

…und wenig später zieht der erste Schneesturm heran. An Flucht ist hier nicht mehr zu denken.

Meistens aber ist der endlose Augusthimmel über den Bergen mit Wolken überzogen.

Nach sieben schönen, strengen und ereignisreichen Tagen erreichten wir das kleine Dorf Tariat am See Tsaagaan Nuur, wo wir uns — nach sieben Tagen weder unverdient noch unnötig — erst eine heisse Dusche in der öffentlichen Dorfdusche (!) gönnten und dann, im ersten ‚Minimarkt‘ in einem Regal, einen Haufen eben jener von uns so dringend zum baldigen Ersatz gesuchten Batterien entdeckten! CR123a, alles wird gut.

Glaubt man diesem Steinkreis aus der Bronzezeit direkt am Wegrand, sind wir nicht die Ersten, die hier durchkommen.

Und zum Schluss die Galerie:

Mongolei | hinaus in die Wildnis

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Juli / August 2017
14 Tage, davon 3 Ruhetage
605 km, davon 175 asphaltiert

Ulaanbaatar— Ankunft ohne Gepäck
Im Sattel — Jurten, Sand & Wodkaflaschen
Natur pur — Pferde, Stiere, Wolfsgeheul
Camping — Gewitter, Stürme & eine Sturzflut

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Route von Ulaanbaatar nach Tsetserleg | Ulaan Baatar — Altanbulag — Undurshireet — Erdenesant — Rashant — Kharkhorin — ‚Orkhon Valley‘ — Tsetserleg

Der Blick auf endlos rollende und von sandigen Jeepspuren durchschnittene Hügel beim Anflug auf Ulaanbaatar, der Haupstadt der Mongolei, löste in uns Nervosität und Vorfreude zugleich aus. Mit einem Upgrade unseres Fluges von Zürich nach Moskau, und einem zum Frühstück (!) servierten Becher Eiscrème kurz vor der Landung in der Mongolei hatte uns Aeroflot eigentlich gut unterhalten. Dabei blieb aber unser Gepäck – wie auch das der meisten Passagiere – auf der Strecke und kam in den unverhofften Genuss eines verlängerten, visafreien Stopovers in Russland.

Bereits einen Tag später durften wir aber Räder und Ausrüstung glücklich in die Arme schliessen. Nach einigen Tagen ‚Rekalibrierung‘ im relativ westlich anmutenden Ulaanbaatar, ritten wir in die mongolische Steppe hinaus beziehungsweise pedalten über eine neue Strasse am Flughafen vorbei westwärts, vorbei an Jurten, Pferden und neuen Plattenbauten.

Letzte Blicke auf Ulaanbaatar.

Keine 40 km später endete der Asphalt und wir fanden uns in genau jenen Hügeln wieder, welche wir wenige Tage zuvor bereits von oben gesehen hatten. ‚Mission Mongolia‘ konnte beginnen! Unsere Routenwahl schien vielversprechend, unsere Reifen spielten im Sand, und abgesehen von einem gelegentlichen Auto oder Lastwagen teilten wir die mongolische Steppe nur mit Pferdeherden, leeren Wodkaflaschen und deren hunderttausend Scherben.

Pferdeherden, so hatten wir uns die Mongolei vorgestellt!

Der erste Tag im Sattel war sonnig. Am frühen Nachmittag passierten wir das letzte Dorf, eine Ansammlung von Jurten und Zäunen. Auf der Suche nach einem geeigneten Nachtplatz stiessen wir gegen Abend auf eine leichte Vertiefung in der sandigen Weite: Schutz vor neugierigen Blicken, nächtlichen Windböen und, vor allem, vor Blitzen. Die Freude über den gefundenen Lagerplatz war gross, ebenso der Hunger. So hatten wir, als sich wie aus dem Nichts über uns eine Gewitterwolke formte und sogleich zum Angriff bliess, bereits gegessen und flüchteten in die trockene Sicherheit unseres Zeltes. Der darauf folgende Hagel und die Windböen hätten einen beinahe gemütlichen Abend einläuten können.

Doch ein kurzer Blick nach draussen bereitete der Gemütlichkeit ein Ende. Bereits sassen wir mitten in einem Bach, der mit jeder Sekunde stärker wurde! Nur in Unterwäsche bekleidet, und binnen Sekunden völlig durchnässt, konnten wir erst Gepäck und dann unser Zelt gerade noch an eine nur wenige Meter entfernte, höher gelegene Stelle retten, während die Fluten — nein, ich übertreibe nicht! Fluten — um uns herum anstiegen. Kaum waren Zelt und Ausrüstung einigermassen in Sicherheit, merkten wir, dass wir von unseren Rädern mittlerweile durch diesen neuen Fluss getrennt worden waren — und sie darin zu versinken drohten! Im Halbdunkel und bei natürlichem Blitzlichtgewitter überquerten wir die schlammige, mittlerweile oberschenkeltiefe und bedrohlich reissende Flut. Daina wäre um ein Haar mitgerissen worden! Doch darüber nachzudenken, hatten wir mitten im Sturm keine Zeit. Wir legten die Räder einige Meter vom Fluss entfernt nieder und durchquerten die Sturzflut nochmals, nur um zu entdecken, dass unser Zelt, in der Hitze des Gefechts mit unseren Drybags und den verbleibenden Häringen notdürftig gesichert, vom Wind komplett niedergedrückt wurde, aber immerhin standhielt. Doch schon begann das Wasser die Wände des neu geschaffenen Flussbetts einzureissen. Mit dumpfem Dröhnen brachen die Flanken gleich meterweise ein und auch uns unter den Füssen weg. Plötzlich war unser Zelt erneut in Gefahr. Es drohte in die tosend-braune Suppe zu stürzen. Wieder war Handeln angesagt.

Der mit voller Wucht tobende Sturm wollte sich noch nicht geschlagen geben und das Gewitter wütete weiter. Mittlerweile in Regenbekleidung, aber immer noch durchnässt — denn nein, zum Abtrocknen und Föhnen war beim Umziehen keine Zeit geblieben — kauerten wir uns an einen schützenden Abhang, hofften, nicht vom Blitz erledigt zu werden, und begannen erbärmlich zu schlottern! Es kam also keine Langeweile auf und dies sollte auch bis nach Mitternacht so bleiben. Erst dann konnten wir in unser zwar komplett durchnässtes, aber unversehrtes Zelt kriechen und uns, wie Kinder, über die trockengebliebenen Schlafsäcke freuen.

Der Morgen danach: Das ’neue‘ Flussbett trocknet in der Sonne. Unsere Räder (links) und das Zelt (rechts) sind stumme Zeugen der nächtlichen Turbulenzen.

Am nächsten Morgen bot sich ringsum ein Bild der Zerstörung. Zu unserer grossen Freude liess sich jedoch bald die Sonne blicken und bereits am Mittag waren unsere Sachen wieder getrocknet. So nah können Freude und Leid beieinander liegen. Wir schwangen uns, erschüttert durch die Ereignisse der vergangenen Nacht, in die Sättel unserer frisch gefluteten Räder und strampelten durch eine über weite Strecke vom Wasser verwüstete und zerfurchte Landschaft.

Die folgenden zwei Tage führten uns durch ein breites, aber ausgetrocknetes, sandiges Tal. Dessen Unfruchtbarkeit spiegelte sich in den immer grösser werdenden Abständen der Jurten (in der Mongolei ‚Ger‘ genannt). Zierten sie anfangs das Tal wie weisse Perlen im Abstand von wenigen Kilometern, so wurden es nun, keine 100 km später, immer weniger. Wasser war knapp, dies bekamen auch wir zu spüren. Die Regennacht hatte uns einiges an Wasserreserven gekostet und so schöpften wir schon bald Wasser aus den letzten trüben Pfützen, bevor auch diese austrockneten. Weniger ausgetrocknet waren die beiden Herren, welche uns am zweiten Morgen in traditioneller Tracht mehrfach überholten und dabei, sturzbetrunken wie sie waren, mindestens einmal vom Motorrad purzelten. Dasselbe Schicksal ereilte wenige Tage später einen Reiter im kleinen Ort Undurshireet. Don’t drink and ride.

Heiss, sandig und trocken. Gab es hier wirklich Gewitterstürme?!


Die Nomaden ziehen etwa alle drei Monate um, sie tun dies mit Sack und Pack und Ger, jedoch nicht mehr auf Pferden oder Kamelen, sondern mit chinesischen Kleinlastern oder dem in der Mongolei unglaublich beliebten Toyota Prius.

In der zweiten Nacht blieben wir von Unwetter verschont, uns sass der Schreck in Form von Erschöpfung aber immer noch in den Knochen. Nachdem wir der Einladung einer Nomadenfamilie zu Tee, Buuz (Teigtaschen mit Fleischfüllung) und mongolischem Nachmittagsfernsehen in ihrer ‚Ger‘ gefolgt waren, beschlossen wir am dritten Tag beim Anblick eines kleinen Flusslaufes mit Schatten spontan, bereits um drei Uhr die Segel zu streichen und uns in den Schatten einiger Bäumchen zu legen. Wir hatten ein bisschen Erholung verdient.

Doch so einfach sollte es dann doch nicht sein! Wie nach solch entspannten Nachmittagen üblich, lauerte die Überraschung in der Dämmerung. Kaum lagen wir im Zelt, begannen in der Ferne Hirtenhunde zu heulen. Erst links, dann rechts, mal nah, dann in der Ferne. Damit konnten wir leben. Weniger angenehm waren die Stiere, welche sich gegen neun um uns herum gruppierten. Anscheinend, und wir hätten es anhand der abgebrochenen Äste wissen müssen, hatten wir ihren bevorzugten Hörnerwetz-Platz besetzt, und so schnaubten, trampelten und randalierten sie in den Büschen rings um unser Zelt herum, bis sie irgendwann in ein tiefes Schnarchen verfielen. Wir taten es ihnen gleich — und wurden morgens um fünf durch eindringliches, erschreckend nahes Geheul und Geschnüffel direkt um unser Zelt aufgeschreckt. Dies dauerte eine Weile an, kam näher, entfernte sich und ging dazwischen in ein fieses, hyänenartiges Gekicher über. Wölfe….Wölfe? Wölfe! Wir sahen uns an und legten uns schlafen, zugegebenermassen etwas nervös. Wir würden wohl hoffentlich nicht in deren Beuteschema passen. Der freundliche Hirte, der uns am nächsten Morgen zum Tee in seine ‚Ger‘ einlud, bestätigte unseren Verdacht. Wir hatten Wolfsbesuch bekommen, auch seine Hunde hatten in der Nacht zuvor Witterung aufgenommen. Wir wollten Natur, wir hatten Natur.

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Im Gegenzug kann die Abfahrt ‚buttrweich‘ und der Wind zahm sein.


Es finden sich Felsformationen mit Weitsicht…


…und Campspots mit Ausblick.


Mit den letzten Sonnenstrahlen sinkt die Chance entdeckt zu werden und damit auf unliebsame Begegnungen mit Vodkagetränkten Zeitgenossen.

Weiterhin hielt das Wetter immer wieder Überraschungen für uns bereit. Dazu kam, dass Robins Knie unserem Vorhaben nicht durchwegs positiv gesonnen war und wir uns zu Beginn auf kürzere Tage im Sattel beschränken mussten. Eines Morgens, wir hatten die Nacht keine 300 m von der Hauptstrasse entfernt hinter einer wunderbaren Felsformation verbracht, gab sich das besagte Knie schon beim Aufstehen widerwillig. So beschlossen wir, nach fünf Tagen im Sattel, einen Ruhetag einzulegen und, auch aus Mangel an Wasser für einen weiteren Tag, für einen Tag und eine Nacht in einem nahegelegenen Ger-Camp, einem Jurtenhotel, einzuziehen. Hier konnten wir dem gegen Abend aufziehenden Sturm getrost entgegensehen. Doch die Wucht, mit welchem dieser schliesslich zuschlug, war trotz unserer Erfahrung in der ersten Nacht überraschend. Wieder begann es mit Sturmböen und starkem Regen, welcher bald in Hagel überging. Bald hagelte es auch im Innern der Jurte durch die wenigen Ritzen in der Dachöffnung und der Sturm wurde so stark, dass die ganze ‚Ger‘ zu vibrieren begann und es sich anfühlte, als ob das ganze Jurten-Raumschiff gleich abheben würde! Tat es aber nicht. Doch plötzlich entstandene kleine Bäche verwüsteten einige der Jurten um uns herum und spülten deren chinesische Tourgruppen-Bewohner beinahe mitsamt Möbel ins Freie. Diesmal blieben wir verschont.

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Jurten haben oft schöne Türen, die immer nach Süden ausgerichtet sind…


…und ein ‚Dachfenster‘ für den Kamin…


….und glühen im Dunkeln. Die Konstruktion aus Latten, Filz und Stoff hält dicht – einigermassen. Dafür lässt sich’s damit locker alle 3 Monate umziehen.

Unsere erste Zwischenstation, Kharkhorin (Karakorum), entpuppte sich als kleines Nest mit einem schönen, buddhistischen Tempel. Nach drei Knie-Ruhetagen verliessen wir die einstige Hauptstadt der gefürchteten Mongolen. Für die Weiterfahrt hatten wir uns eine schöne Route nach Tsetserleg herausgesucht, einer Provinzhauptstadt am Rande der Khangai-Berge. Diese führte uns, auf nicht eben direktem Weg und erst dem Fluss ‚Orkhon‘ folgend, durch eine Bilderbuchlandschaft von oft saftig grünen Hügeln, vorbei an weidenden Herden von Yaks, Schafen, Ziegen, Kühen und Pferden. Während die struppigen Yaks, sie schienen uns kleiner als ihre tibetischen Freunde, sich meist nicht aus der Ruhe bringen liessen, flüchteten Hundertschaften von Ziegen und Schafen, sobald wir in ihre Nähe kamen. Ganze Herden von galoppierenden, wiehernden Pferden vergnügten sich hingegen auch ohne unser Zutun.

Das Kloster in Kharkhorin wurde unter sovietischer Herrschaft zu grossen Teilen zerstört, doch einiges blieb bestehen. Schönes.


Die enge Verwebung des mongolischen und tibetischen Buddhismus sticht ins Auge….


…Gebetsmühlen beten tausend Gebete für den armen Sünder…


…denn, viel hilft viel!


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Das kleine Städtchen Tsetserleg entpuppt sich als geschäftiges kleines Nest.

Immer wieder trafen wir Hirten. Diese trieben, mal auf dem Motorrad, mal zu Pferd, ihre Tiere zusammen. Wir wurden zu Tee, Fleischgebäck (Buuz) oder ein paar Happen luftgetrocknetem, beinhartem Käse in Jurten eingeladen, oder man setzte sich einfach nur neben uns, wenn wir Passanten während einer Pause ein Stück Brot oder ein paar Kekse anboten. Die Kommunikation allerdings gestaltete sich oft schwierig und verlief, trotz ‚Phrasebook‘, nach kurzer Zeit meist im Sand. Denn Mongolisch scheint uns eine Sprache zu sein, die es eigentlich nicht geben kann, geschweige denn, dass jemand sie versteht. Unsere Versuche jedenfalls ernteten oft bereits ob unserer Aussprache des Wortes ‚Danke‘ verständnislose Blicke — wir werden es trotzdem weiterhin versuchen.

Auch hier gibt es Fleisch: Restaurant an der Landstrasse. Man versteht uns oft nicht und hofft, dass das Problem (wir!) schnell wieder geht. Versteht man uns doch ist das Essen lecker und der Milchtee salzig.


Die Menschen auf dem Land leben ein hartes, einfaches Leben….


…zu Pferd oder auf chinesischen Motorrädern hüten sie Herden von Pferden, Yaks, Ziegen und Schafen.


Sie sind meist freundlich und nach etwas Aufwärmzeit sehr herzlich! Hier geht es zur Feier des Tages gerade einem Schaf ans Eingemachte, denn…


…man isst Fleisch! Willkommen in der Mongolei!

…und zum Schluss die Galerie: