Argentinien & Chile | Tierra del Fuego

April 2015
698 Kilometer
9 Tage, wovon 0 radfrei

Gastfreundschaft in karger Wildnis
Küste, Pampa & rollende Hügel
eine weitere gestörte Nacht
angekommen am Ende der Strasse am ‚Ende der Welt‘

ZAHLEN ZUR REISE
22 Monate | 13 Länder | 20 Grenzübertritte
18’394 gefahrene Kilometer
221’409 gefahrene Höhenmeter

ROUTE | Punta Arenas – Fähre – Porvenir – Pingüinera – Camerón – Forestal Russfin – Pampa Guanacos – Paso Bellavista / Paso Radman – Rio Grande – Lago Yehuin – Tolhuin – Lago Escondido (Hosteria Petrel) – Ushuaia – Lapataia – Ushuaia

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Route Punta Arenas – Ushuaia

DURCH FEUERLAND: VON PUNTA ARENAS NACH USHUAIA

3’764 km nachdem wir am 2. Januar Santiago de Chile verlassen hatten, erreichten wir, nach einer ereignisreichen Tankstellenübernachtung in der Pampa, schliesslich Punta Arenas. Was uns als hektische Hafenstadt ohne viel Flair beschrieben worden war, traf genau unseren Geschmack. Die Stadt war lebendig, wies ein angenehmes Mass an Unordnung auf und wir hätten problemlos noch ein paar weitere Tage dort verbringen können, wäre nicht etwas Eile angesagt gewesen. Der patagonische Winter sass uns seit Wochen im Nacken und hatte uns in den letzten Wochen bereits wiederholt seine eisigen Krallen gezeigt.

Immerhin hatten wir aber etwas Zeit gefunden, um die Machbarkeit verschiedener Routen durch Feuerland zu überprüfen. Anstatt die, zwischen Chile und Argentinien geteilte Insel, wie ‚üblich‘ erst im Norden von Osten nach Westen zu durchqueren und dann an der Atlantikküste gemeinsam mit dem ganzen Schwerverkehr südwärts zu fahren, wollten wir lieber im Landesinneren bleiben. Ja, am liebsten wären wir im chilenischen Teil entlang der Grenze nach Puerto Yendegaia am Beagle-Kanal gefahren! …immerhin war auf mindestens einer Karte ein Wanderpfad eingezeichnet. Bloss wohin dann? Würden wir von dort wieder wegkommen, gar nach Puerto Williams, noch südlicher als Ushuaia gelegen, mit einem Schiff übersetzten können? Unter anderem sprachen wir in Punta Arenas bei der, für die Grenzen zuständige, ‚Policia Internacional‘ vor. Wo man uns sehr freundlich und ausführlich über -Strassenverhältnisse und mögliche Grenzübergänge informierte, uns aber wissen liess, dass man uns nicht so weit südwärts reisen lasse. Die Strasse wäre dort nämlich noch im Bau – für uns eigentlich kein Problem, für sie scheinbar schon. Aufgrund dieser Aussagen entschieden wir uns für eine nicht ganz so abenteuerliche, aber trotzdem verlockend klingende, sozusagen ‚diagonale‘ Route durch Feuerland, auf der nur die letzten 100 km geteert sein würden.

So sattelten wir an einem regnerischen Sonntagmorgen in Punta Arenas wieder einmal unsere Räder, und fuhren durch die nassen und noch stillen Strassen der Stadt zum Hafen. Denn noch trennte uns die Magellanstrasse und eine 2 1/2 stündige Überfahrt mit einer Fähre von der – wenigstens dem Namen nach – feurigen Insel.

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Dieses Robust wirkende Fähre begann, kaum hatten wir den Hafen verlassen, zünftig zu schwanken. Aber wir erreichten damit Porvenir

Tierra del Fuego, Feuerland. Ein magischer Name und die letzte Etappe auf unserem Weg an die Südspitze der Amerikas. Ausserdem ein weiterer Teil der Welt, den zu besuchen nie unser Plan gewesen war. Doch Pläne ändern sich glücklicherweise. Jetzt waren wir da und liessen uns von angenehmem Rückenwind die 7 km vom Hafen in die Stadt schieben, wo wir sogleich von einem Hund begrüsst wurden. Er war von uns dermassen begeistert, dass er uns für die nächsten 34 km begleitete! Nun südwärts fahrend, war es vorbei mit windgetriebenem, leichtem Rollen. Während der blonde Fellknäuel freudig vor uns her trabte, kämpften wir vier Stunden lang gegen starke Windböen an. Diese gaben sich alle Mühe, uns von unseren Rädern oder unsere Räder unter uns weg zu blasen, was ihnen teils auch gelang. Da waren sie nun also, die berüchtigten patagonischen Winde!

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Unser blonder Begleiter konnte Wind und Wellen mehr Freude abgewinnen als wir.

An ungeschütztes Zelten war so nicht zu denken. Als der Nachmittag voran schritt, hielten wir nach möglichen Windschutz für die Nacht Ausschau. Nun an der kargen Küste entlang fahrend, passierten wir immer wieder kleine Blech- und Bretterbuden, meist keine 10m vom Meer entfernt und inmitten eines Wirrwarrs von Körben und Netzen – Fischerhäuschen. Vor einem solchen trafen wir Carlos, einen Fischer, der gerade dabei war, seine frischen Kartoffeln zu ernten. Er lud uns ein, die Nacht in seinem kleinen Heim zu verbringen und konstruierte dazu eigens behelfsmässige Betten für uns. Während draussend der kalte Wind pfiff, sassen wir abends am wärmenden (heissen!), von Carlos selbst konstruierten Ofen beisammen, sprachen über Gott und die Welt, das Leben auf Feuerland, die Einflüsse vom Festland und die politischen Verhältnisse in diesem abgelegenen Teil Chiles.

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Carlos – Fischer, Gastgeber, Denker & Leseratte

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Nicht nur dieses Auto hinter Carlos‘ Hütte machte sich gut in der Morgensonne…

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…auch andere wollten posieren.

Beeindruckt von Carlos und seiner Gastfreundschaft verabschiedeten wir uns am nächsten Morgen. Er wollte die restlichen Kartoffeln retten, wir möglichst weit kommen. Zunehmend von Rückenwind getrieben holperten wir entlang der kargen Küste durch die hügelige Landschaft, mal direkt am Strand mit Blick auf spielende Delfine, dann weiter landeinwärts mit Blick auf Schafe und erreichten gegen Abend eine Kolonie von Königspinguinen, der einzigen ausserhalb der Antarktis. Was idyllisch klang, war dann eine etwas ernüchternde Erfahrung. Da sich die kleinen Kerle auf privatem Boden eingenistet hatten, war ein Erdwall um sie herum aufgeschüttet worden. Um den finanziellen Wohlstand der Landbesitzers zu sichern, wurden sie so vor neugierigen Blicken von der nahen Strasse bewahrt. Das Resultat war ein Zoo-Feeling und eine Flut von Verbotsschildern. Die Pinguine in der Ferne waren trotzdem schön.

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Die Königspinguine waren sicherlich ein Highlight, hinterliessen aber einen müden Eindruck…

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…einige schliefen ausgestreckt, andere reckten und streckten sich und manche stritten.

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Aber Tierra del Fuego bot mehr Guanacos als Pinguine. Wir wurden für viele von ihnen zum Inbegriff von Angst und Schrecken.

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Schafe verlockten so manchen auf Feuerland zum Schafsdiebstahl beim Nachbarn. Die Polizei zum Beispiel.

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Schafs-Rush-Hour: Patagonischer Stau.

Obwohl sich das Wetter immer mal wieder etwas regnerisch-verstimmt zeigte, erlebten wir Feuerland von seiner besten und gastfreundlichsten Seite. Da man uns nicht, wie von anderen Radfahrern berichtet und daher geplant, bei der ‚Pinguinera‘ hatte kampieren lassen, hatten wir an jenem Abend etwa um Campier-Erlaubnis nahe einer Finca (Farm) gebeten, was uns von einem Arbeiter erlaubt wurde. Als wir um neun Uhr abends gerade ins Zelt kriechen wollten, näherte sich uns ein Auto aus der Dunkelheit. Lachend und mit einer Zigarette im Mundwinkel sprang der Arbeiter heraus, drückte Robin ein in Alufolie gewickeltes Paket voller dampfender ‚Empanadas‘ (gefüllte Teigtaschen) und selbstgemachte Brote in die Hände. Wir waren verblüfft und gerührt von so viel Herzlichkeit – und machten uns, sobald er davon gebraust war, über die Köstlichkeiten her.

Auch die folgenden Nächte suchten und fanden wir Schutz vor Wind und Wetter. Im ehemaligen Goldschürferort Russfin durften wir eine regnerische Nacht trocken in einem leerstehenden Häuschen am Rande eines industriellen Forstbetriebs verbringen und nachdem wir am kleinen Grenzübergang ‚Bellavista‘ unsere Räder durch einen Fluss über nach Argentinien gewuchtet hatten, bot man uns ein trockenes Plätzchen im Grillpavillon des Zolls an. Beim Checkpoint der Polizei ausserhalb der Stadt Rio Grande wollte man uns allerdings nicht, dafür nahmen uns die Mannen der Nachtschicht im städtischen Wasseraufbereitungsbetrieb, keine drei Kilometer weiter, freundlich auf und liessen uns gleich auch noch in ihrer warmen Küche kochen.

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So stark hat uns der Wind nicht zugesetzt….

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…auch wenn er auch mal salzig vom vorne kam.

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Aber alle 100 km fanden sich mitten im Nichts solche Häuschen. Refugios und Bushaltestellen. Perfekt zum Mittagessen.

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In diesem verlassenen Haus bei Russfin durften wir eine geschützte Nacht verbringen.

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Immer wieder kamen wir an Estancias vorbei. Farmen, mal nahe und mal weit entfernt. Mal schienen sie belebt und dann wieder scheinbar ausgestorben. Manche davon zählen bis zu 1’000’000 Schafe.

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Tierra del Fuego war selten flach.

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Oft waren die letzten Ausläufer der Anden im Süden sichtbar, nach Regentagen verschneit.

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Die Wälder zeigten sich bereits herbstlich. Farbig.

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Dieser Fluss am Grenzübergang Bellavista war kühl und sorgte für Abwechslung. Die Nacht im Pavillon an der Grenze dann dafür warm.

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Bereits in Argentinien, Rio Grande nicht mehr weit.

Nachdem wir uns am nächsten Tag nach nur 8 km wieder einmal gegen Asphalt und für Schotter entschieden hatten, erreichten wir gegen Abend den kleinen, gut versteckten Lago Yehuin. An dessen Ufer fanden wir einen wettersicheren Platz für unser Zelt in den etwas gespenstischen Ruinen einer verlassenen Hotelanlage.

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Immer mit Blick auf die weissen Berge der Cordillera, erreichten wir…

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…den idyllisch erscheinenden Lago Yehuin

Dunkelheit lag über dem See und Daina war eben ins Zelt gekrochen, als Robin keine 30m entfernt im Gebüsch ein Licht aufblitzen sah. Im selben Moment hörten wir auch schon die Reifen eines Autos heran preschen, begleitet von lautem Hupen. Es blieb gerade noch der (nicht sehr vielversprechende) Griff zur Machete, als schon ein Geländewagen mit Volllicht und immer noch hupend auf den Kiesplatz vor uns zu stehen kam. Sekunden vergingen. Das Hupen ging weiter, doch nichts geschah. Die Türen blieben geschlossen und dann gab der hinter dunkeln Scheiben verborgene Fahrer wieder Gas. Zurück blieb Staub und Schrecken. Was war eben passiert? Woher war der hupende Wagen mitten im Nichts aufgetaucht – wir hatten auf den letzten 80 km bloss drei oder vier Estancias passiert!? Würden er zurück kommen oder wollte man uns bloss vertreiben? War es eine Warnung gewesen, eine Drohung oder bloss ein übler Scherz? War noch jemand im Gebüsch oder würde man uns auflauern?

Wir mussten weg, soviel war klar. Hier würden wir so oder so kein Auge mehr zu tun. Möglichst schnell packten wir im Schein unserer Stirnlampen Alles zusammen. Déja Vù! Bevor wir unser Zelt in den Ruinen aufgeschlagen hatten, waren wir keine 10 km entfernt bei einer Estancia mit der Bitte um einen geschützten Nachtplatz abgewiesen worden. Trotzdem entschieden wir uns jetzt, aus Mangel an Alternativen, nochmals dorthin zurück zu fahren. So verliessen wir keine 10min nachdem das Hupen verklungen war, die Ruine. Nervös rollten wir auf verräterisch laut knirschenden Reifen im Dunkeln der Estancia entgegen. Als wir diese eine gefühlte Ewigkeit später auch erreichten, nahm uns der chilenische Knecht, nachdem wir den Vorfall geschildert hatten, diesmal herzlich und ohne Zögern auf. Wir verbrachten den Rest des Abends gemeinsam plaudernd in der warmen Küche bei Kaffee und frischem Gebäck. Der Abend hätte gegensätzlicher nicht sein können!

Mit der ‚Panaderia La Union‘ in Tolhuin, gut 100 km von Ushuaia entfernt, liefen wir am folgenden Abend einen sichereren Hafen an. In der wohl berühmtesten Bäckerei des Kontinents fanden wir Unterschlupf – wie schon Hunderte, wenn nicht Tausende vor uns. Seit Jahren stellt der grosszügige Bäckermeister Reisenden, ob mit Rad, Motorrad oder zu Fuss, in einem kleinen Zimmerchen hinter der Backstube gratis ein Bett zur Verfügung. Die drei Betten waren zwar schon besetzt, wir fand aber am Boden dazwischen gerade noch etwas Platz für uns und unsere Matten. Zu unserem Erstaunen durften wir nicht nur die Dusche neben der Backstube benutzen, sondern auch in einer zweiten, kleineren Backstube kochen – während dort gearbeitet wurde. Als Dank haben wir dann kräftig Gebäck verputzt!

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Die Spuren des Kommen und Gehens vieler, vieler Reisender an den Wänden des kleinen Gästezimmers der Panaderia ‚La Union‘.

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Ushuaia kam näher, daran gab es nichts zu rütteln.

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Erste Blicke auf den Lago Fangnango.

Was blieb waren noch 104 km. Für diese sozusagen letzten Meter unserer Reise wollten wir uns Zeit nehmen um am liebsten nochmals ‚im Dreck zu wühlen‘. Wer sucht der findet, wenn auch nur einen kurzen Abschnitt der ehemaligen Hauptstrasse. Diese gerade mal knapp sieben Kilometer waren ein Genuss. Ohne Verkehr rollten wir, vor Freude euphorisch, über die mit Gras überwachsene Piste, bis wir irgendwann, etwas weniger euphorisch, vor einer unüberwindbaren Brücke (schwimmen wäre möglich gewesen) standen. Ein Bauer auf der anderen Seite teilte uns mit, dass wir die ‚Ausfahrt‘ zurück zur Strasse verpassten hätten. Dank seinen Erklärungen fanden wir dann aber trotz Dickicht und umgestürzten Bäumen zurück zur Strasse. Wir hatten im Laufe des Nachmittags nicht einmal 10 km zurückgelegt.

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Die Erlaubnis zum Betreten hatten wir, zum Campieren scheinbar nicht.

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Als es immer sumpfiger wurde halfen meist Brücken in unterschiedlichen Verfallsstadien…

...aber nicht immer.

…aber nicht immer.

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Jedenfalls überzeugte das Panorama…

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…immer!

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Der Rückweg zur Strasse war nicht immer so einfach. Auch Wurzeln umgestürtzter Bäume stelten sich quer.

Pünktlich mit den letzten Sonnenstrahlen erreichten wir den kleinen Lago Escondido und die zerfallenden Cabañas der ehemaligen ‚Hosteria Petrel‘, einer velassenen Hotelanlage. Im noch wohnlichen Häuschen Nr. 6 trafen wir auf Tom, dem Australier. Ihn hatten wir am Vorabend in der Panaderia wieder getroffen und uns provisorisch hier verabredet. Wie auch wir wollte er Ushuaia nicht in einem Tag erreichen und so die Ankunft in Ushuaia und damit das Ende des Abenteuers, noch etwas hinauszögern. In dieser Nacht wurden wir weder von Locos noch von hupenden Autos gestört.

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Unsere luxuriösen Cabañas am Lago Escondido…

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…welcher am nächsten Tag nach einem kurzen Anstieg zum ‚Paso Garibaldi’…

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…auch von oben einen guten Eindruck hinterliess.

Nach der kalten Nacht war die Strasse über einen kleinen Pass teils noch vereist. Vorsichtig und vor Kälte schlotternd rollten wir nun gemeinsam mit Tom, meist stillschweigend und gedankenversunken,  dahin. Das Ziel war nahe – und damit auch das Ende des Abenteuers. Was dann? Wie würden wir uns fühlen? Das Ende nach 52 km kam dann abrupt hinter einer Kurve. USHUAIA, geschafft! Wir wurden von einer Flut von Gefühlen überschwemmt: Freude über die Ankunft mischte sich mit Stolz über das Erreichte, Traurigkeit über das Ende und Angst vor dem Leben danach. Glück war wenig dabei und wir lenkten uns damit ab, Siegerfotos zu machen.

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Unter sommerlich-verlassenen Sesselliften hindurch…

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..und über ein paar Hügel…

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…erreichten wir Ushuaia.

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USHUAIA!

Nun blieb uns nur noch, uns mit der Realität des Angekommen-Seins anzufreunden, abzufinden und einen Tag später noch die letzten, obligatorischen 25 km bis ans ‚Ende der Strasse‘ an die Bucht von Lapataia am Beagle Kanal zu fahren. Das Tacho zeigte 18’394 km gemessene Kilometer und 221’409 Höhenmeter.

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Während die Sonne über Ushuaia aufging, machten wir uns auf den Weg nach Lapataia…

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…dem Ende der Welt – oder wenigstens der Strasse. Für uns Kilometer 18’394.

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Dann hiess es im Hinterhof des Hostels Räder verpacken…

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…verladefertig, geschützt für den Flug (hier mit Toms Rad bereit zum einchecken)…

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…3’000 km nach Norden, nach BUENOS AIRES.

UND HIER NOCH DIE GALERIE:

Argentinien & Chile | durch Patagonien

März 2015

733 Kilometer

16 Tage, wovon 8 radfrei

Berge, Pampa & ignorierte Ausflugsziele
Guanacos, Nañdus & Kondore
Indoor-Camping & eiskalte Nächte
streikende Knie & gefährdete Pläne
Locos & gestörte Nächte

ROUTE | El Chaltén – ‚Pink House‘ (Parador Luz Divina, km 122) – El Calafate – El Cerrito – Tapi Aike – Cerro Castillo – Puerto Natales – Morro Chico – Villa Tehuelche – Gobernador Philipi – Punta Arenas

Chaltén nach Punta Arenas

Chaltén nach Punta Arenas

DURCH PATAGONIEN: VON EL CHALTÉN NACH PUNTA ARENAS

Unser erster Anlaufpunkt im zwar touristischen aber nicht überlaufenen Nest El Chaltén war das ‚Casa de Flor‘. Ein weiteres ‚Casa de Ciclistas‘ und scheinbar obligatorischer Halt auf dem hier gut gespurten ‚Reiserad-Trail‘. Hunderte von Reisenden campieren jedes Jahr in Flors Garten, so auch wir. Es sollte bei einer Nacht bleiben. Denn wie bereits im Casa de Ciclistas in Coyhaique wurden auch hier nicht nur verdreckte Radfahrer aufgenommen, sondern gleich auch noch junge Katzen aufgezogen. Diese übten sich in, um und unter den vielen Zelten in Krallenkletterei an den zarten Stoffen. Wir wussten die zusätzlichen Belüftungsschlitze weniger zu schätzen und flüchteten am nächsten Morgen auf einen nahegelegenen Zeltplatz, von wo sich das herrliche Panorama und die uns umgebenden schönen Berge bestens ohne den zusätzlichen Aufwand einer Wanderung für ein paar Tage geniessen liess.

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So schön das Fitzroy-Massiv auch war, bald sassen wir wieder im Sattel. Wie immer ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.

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Dank etwas Rückenwind auf den ersten 90 von 120km, erreichten wir trotz eines späten Starts den unter Radreisenden wohl bekanntesten Campspot Patagoniens noch vor Sonnenuntergang.

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Im sogenanten ‚Pink House‘, einem verlassenen ehemaligen Hotel an der Ruta 40 haben schon hunderte Radfahrer vor uns Schutz vor Wind und Kälte gefunden – und an den Wänden ihre Spuren hinterlassen. Darunter auch Freunde.

Irgendwie kamen wir aber nicht so richtig in die Gänge, weder radfahrerisch noch touristisch. Zwar erreichten wir den 220km entfernten Ort El Calafate in nur zwei Tagen, einmal dort ignorierten wir den eigentlichen Grund für einen Besuch dieses vom Tourismus lebenden Städtchens – den viel gepriesenen Gletscher ‚Perito Moreno‘ völlig. Unsere Gletschererfahrung eine Woche zuvor war derart perfekt gewesen, dass wir ihn weder sehen noch hören wollten und so taten, als ob Ausruhen hier die Hauptatraktion wäre. Geht auch ohne Tour. Nicht ohne Tour – oder einflussreiche Kontakte – ging aber unser eigentliches Vorhaben für die Weiterreise nicht. Wir wollten nämlich von Calafate direkt über die Kordillera nach Chile einreisen und uns damit sozusagen von hinten ans beliebte ‚Torres del Paine‘-Massiv anschleichen. Von dieser Art, die grüne Grenze zu überqueren wollte aber die Gendarmeria, deren Erlaubnis und vor allem Ausreisestempel wir benötigt hätten, nichts wissen. Sowieso gäbe es da keine Strasse, sagte man uns. Brauchen wir nicht, antworteten wir. Dazu benötige es politische Kontakte, sagte man uns. Haben wir nicht, sagten wir und mussten uns mit dem ’normalen‘ Weg zufrieden geben. Auch gut.

Von El Calafate ging es erst 30km zurück an die Ruta 40. Pampa.

Von El Calafate ging es erst 30km zurück an die Ruta 40. Dann darauf südwärts. Pampa.

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Die Strasse stieg auf eine Hochebene. Hier war das Wasser gefroren und an schattigen Stellen glitzerte Schnee.

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Der selbe Wind, der uns morgens noch unterstützt hatte, wurde nachmittags nach einem leichten Richtungswechsel zum Feind.

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Dies alles geschah unter den wachsamen Augen von kreisenden Kondoren. Wir zählten an nur einem Tag 40 davon!

Die für Patagonien bekannten, starken Winde hatten sich Ende März bereits etwas beruhigt, windstille Momente gab es aber trotzdem kaum. Teils wurden wir von Rückenwind unterstützt, teils von Gegenwind geplagt und oft von seitlichen Windböen geärgert.

Herbst hielt Einzug und ringsum glitzerte Schnee an den Hängen und auf den Bergen. Diese ersten Vorboten des nahenden Winters waren wunderschön anzusehen, brachten jedoch entsprechende Temperaturen mit sich. Regelmässig erwachten wir nachts zitternd und mit Krämpfen. Dies obwohl wir uns bemühten, wenn möglich windgeschützt zu campieren oder gar einen Unterschlupf zu finden. Nicht ganz so einfach auf einer Strecke praktisch ohne Dörfer, aber möglich. Die ersten beiden Nächte liessen uns die freundlichen Mannen in zwei verschiedenen Lagern der Vialidad (Strassenbaubehörde) in Wohnkontainern campieren, während wir die dritte Nacht auf dem Dorfspielplatz des kleinen Dörfchens Cerro Castillo verbrachten.

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Eine scheue Anfrage um einen windgeschützten Platz für unser Zelt wurde mit einem Platz in diesem Häuschen bei der ‚Vialidad‘ in El Cerrito, einer Kreuzung mitten im Nichts, belohnt.

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Doch Boden-Camping erwies sich trotz Wänden und Notfalldecke als frostige Angelegenheit.

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Umso mehr genossen wir am Morgen die Möglichkeit, unser Frühstück ohne Wind-Frische kochen und geniessen zu können. Gracias!

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Draussen begrüsst uns dann Schotter und eisige Kälte. ‚Live‘ aus den aus den frischverschneiten Bergen.

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Immer wieder stiegen wir mit eingefrorenem Grinsen aus den Sätteln um Fotos zu schiessen…

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… etwa von dem hier.

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Trotz Gegenwind arbeiten wir uns vorwärts. Kurve um Kurve…

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…und Hügel um Hügel…

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…um Hügel. Mal knirscht es weich unter den Pneu…

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…und manchmal mussten wir in losem Kies auf Allrad-Antrieb umschalten.

Auch hier liessen wir die eigentliche Sehenswürdigkeit, den weit über Chiles Grenzen hinaus bekannten Nationalpark ‚Torres del Paine‘, links liegen. Bereits auf der argentinischen Seite der Grenze waren wir  einen Tag lang auf die am Horizont aufragenden gezackten Spitzen der zerklüfteten Berge zugefahren. Dabei hatten wir sie am Horizont sowohl in den ersten Sonnenstrahlen leuchten und mit den letzten Sonnenstrahlen glimmen sehen. Wir genossen dies sehr und wollten sie gar nicht näher sehen. Das Verlangen danach, in Einerreihe zwischen Wandergruppen aus aller Welt über markierte Pfade wandern, war einfach nicht gross genug. Wir ernteten dafür in Puerto Natales, welches vom Wandertourismus lebt, ziemliches Unverständnis für unsere scheinbare Ignoranz dieser geballten Ladung Felsen gegenüber – dies ignorierten wir gekonnt.

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Die Sonne ging unter, bevor wir unser Tagesziel erreicht hatten und die schroffe Kulisse der ‚Torres del Paine‘ versanken am nächtlichen Horizont.

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Doch am nächsten Morgen schimmern sie bereits kurz nach Sonnenaufgang um 8 Uhr hinter dem, scheinbar spontan gewachsenen, Schrottplatz der Vialidad am Horizont in den ersten Strahlen der Morgensonne.

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Anschliessend rollte es dann für 40km besser. Und auch der Wind war weg. Chile, wir kommen!

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Nañdus, diese Jungs hier, rannten normalerweise weg . So schnell sie konnten.

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Während der Herr uns die kalte Schulter zeigte…

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…brachen diese komischen Vögel in lautes Geschnatter aus…

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…und die Herren in Schwarz schauten kurz von ihrer Mahlzeit auf und machten böse Miene zum guten Spiel.

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‚Dulce de Leche‘, unsere Mahlzeit!… eine carameliger Brotaufstrich,

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Auf diesem Spielplatz in Cerro Castillo froren wir nicht so sehr. Dafür dauerte das morgentliche Enteisen in der schwachen Herbstsonne gute zwei Stunden.

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Von Cerro Castillo nach Puerto Natales rollten wir dann auf Asphalt. Der versprochene Rückenwind blieb allerdings aus.

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Die entfernten Berge sorgten für kühle Temperaturen, das Meer dahinter für hohe Luftfeuchtigkeit.

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Auch hier kamen wir immer wieder an kleinen Schreinen am Strassenrand vorbei. Dieser hier für Difunta Correa…

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…und auch dieser, inmitten von Wasserflaschen, zurückgelassen für Durst leidende Reisende.

Tatsächlich kamen aber noch andere Gründe dazu. Auf halbem Weg zwischen Calafate (ARG) und Puerto Natales (CL) entschied Robins rechtes Knie plötzlich, dass ein kleiner Protest gegen die Arbeitsverhältnisse angebracht wäre (dies ist in Argentinien sehr beliebt). Es hatte sich dazu die Symptome ausgesucht, welche Daina zu Beginn unserer Reise wochenlang geplagt hatten. Diese liessen sich zwar auch hier durch gezieltes massieren in Schach halten, zwangen uns aber zu kurzen Tagen und niedrigerem Tempo und gelegentlichen Wander&Schiebe-Einheiten. So erreichten wir Puerto Natales fünf Tage, nachdem wir El Calafate verlassen hatten. Mit zugegebenermassen nicht ganz so viel Schwung, wie wir uns dies vorgestellt hatten. Wir waren aber zuversichtlich, dass 2-3 Tage Ruhe das Problem lösen würden und genossen ‚Natales‘, ein sympatisches kleines Hafenstädtchen.

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Erste Blicke auf Puerto Natales, hoffnungslos abgelegen am ‚Última-Esperanza‘-Fjord gelegen.

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Dieser Eisbrecher begrüsste uns am Eingang zu Puerto Natales und machte schon mal klar, woher hier der Wind wehte.

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Man zeigt sich in Badelaune…

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…ankerte vor der Stadt…

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…oder hing am unglaublichen Skatepark der kleinen Stadt ab.

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Manche posierten auch vor bemalten Wänden ab.

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Ansosnsten herrschte aber hektisches Treiben in den vielen kleinen Geschäften. Ausser von 13 Uhr – 17.30 Uhr ging gar nichts. Siesta.

Frisch ausgeruht und mit Taschen voller Lebensmittel für die bevorstehende Etappe von rund 270 km gerüstet (darunter 18 Brötchen, 2 kg Nudeln, 1,5 kg Haferflocken, 1 Kilo Polenta, 1/2 kg Käse, 6 Äpfel, 8 Karotten, 8 Packungen Keckse und 6 hartgesottene Eier), verliessen wir nach zwei Ruhetagen motiviert die Stadt – bloss um bereits nach 10 min am Stadtrand feststellen zu müssen, dass nun das linke Knie seine Mitarbeit verweigerte. Wir kehrten um und sassen in der Folge fünf weitere Tage fest. Unsere Motivation sank und an unserem Planungshorizont zogen dunkle Wolken auf. Denn die Zeit drängte, der patagonische Winter würde bald anbrechen und uns mit Kälte und Schnee die Möglichkeit verbauen, Ushuaia, und damit die Südspitze Südamerikas, noch zu erreichen.

Dies änderte sich auch nach fünf Tagen nicht und wir beschlossen, es darauf ankommen zu lassen und einen erneuten Anlauf zu nehmen. Mit gemässigtem Tempo verliessen wir Puerto Natales, liessen uns für die Strecke gemütliche vier Tage Zeit und verfolgten mit banger aber wachsender Hoffnung, wie sich das Knie langsam erholte.

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Vorsichtig uns langsam verliessen wir ‚Natales‘.

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Obwohl es reizvolle Alternativrouten gegeben hätte wählten wir ausnahmsweise Asphalt um das Knie zu schonen.

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Wer genau schaut muss feststellen, dass in Chile ein paar hundert Meter relativ kurz sein können!

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Relativ kurz war es aber oft nicht, dafür relativ gerade. Schonungslos gerade.

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Aber auch die schwierigen Geraden wurden irgendwann von rollenden Hügeln abgelöst.

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Aber Patagonien hielt uns bei Laune. Mit Sümpfen…

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…Regenwolkentürmen…

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…und spiegelden Lagunen. Die Freude darüber zauberte uns immer wieder ein breites Strahlen ins Gesicht

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Grosse Vögel musterten uns mit Adleraugen…

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…und scheue Guanacos rannten um ihr Leben.

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Aber die Nächte waren kalt. Ob im gut platzierten Zelt…

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…unter der Brücke…

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…oder im ‚Refugio‘ (Schutzhütte) am Strassenrand. Trotz eines eingebauten Holzofens – mit leider etwas wenig eingebautem Holz. Wenn wir das gewusst hätten!

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Da liess sich manch einer zur Sicherheit einen Pelz wachsen…

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…andere überliessen ihre Federn dem nächtlichen Frost.

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Dieser Señor überraschte uns übrigens gerade, als wir morgens unsere Räder unter der Brücke hervor zerrten. Man begegnete sich aber in Frieden. Er hatte nur Durst, trank am Fluss und verduftete dann wieder.

Am Nachmittag des dritten Tages erreichten wir ‚Gobernador Philipi‘, eine Kreuzung mit Tankstelle und Cafe mitten in der Pampa. Wir setzten uns ins Cafe, von dessen Fenster aus wir kurz darauf Tom, einen befreundeten australischen Radfahrer an der Kreuzung entdeckten. Eines führte zum andern. Orlando, der freundliche Tankwart bekochte uns, erzählte uns, dass an dieser Stelle viele Ufos gesehen würden (!) und liess uns in leerstehenden nahegelegenen Häuschen campieren.

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Unsere wunderbar wärmenden Häuschen hinter der Tankstelle. Hier noch ein friedlicher Ort.

Die wohlig warme Nachtruhe nahm gegen 1 Uhr morgens ein jähes Ende. Heftig klopfend stand Orlando vor der Tür, während im Hintergrund Polizeiautos und Blinklichter vor der Tankstelle zu sehen waren. UFOS? Nein. „Ein Verrückter, bewaffnet mit einem Sturmgewehr und einer Flinte, auf der Flucht vor der Polizei“ wurde in der Nähe vermutet. Er war eine Stunde zuvor keine 5 km entfernt gesehen worden. Zur Sicherheit sollten wir schnellstmöglich alles einpacken und ins Haus kommen. Dort schliefen wir den Rest der Nacht mit einem etwas mulmigen Gefühl auf dem Boden. Glücklicherweise stattete uns der „bewaffnete Loco“ in dieser Nacht keinen Besuch ab – von den Aliens wäre wohl keine Hilfe zu erwarten gewesen.

Zwei Tage später, bereits in Punta Arenas, der letzten grösseren Stadt im Süden Chiles erfuhren wir, dass es sich (laut Fernsehen) bei dem „Loco“ um zwei Drogenschmuggler handelte, die sich mit der Polizei eine Schiesserei geliefert hatten und schliesslich um 4 Uhr morgens nur wenige hundert Meter von uns entfernt überwältigt werden konnten. Einer konnte dann allerdings aus dem Wagen springen und entkommen. Alles tranquilo in der Pampa.

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Tags darauf erreichten wir etwas müde Punta Arenas. Erster Halt Tankstelle. Essen, trinken, Weg erfragen.

Patagonia by Night. Orlando hatte uns nicht nur in der Tankstelle übernachten lassen, sondern zeigte uns in Punta Arenas auch noch das Nachtleben.

Patagonia by Night. Orlando hatte uns nicht nur in der Tankstelle übernachten lassen, sondern zeigte uns in Punta Arenas auch noch das Nachtleben. Peace and out.

Zum Schluss die GALERIE:

Argentinien & Chile | nach Patagonien

1’700 Kilometer

35 Tage, wovon 12 Tage radfrei, davon 7 Tage wartend

17’859 gefahrene Höhenmeter

2’062 m Maximalhöhe, 0 m Minimalhöhe

Ruta 40
staubige Strassen, heisse Winde und trockene Kehlen

Paso Pichachen
Schotter, Wind und Vulkane – mit einer weiteren Andenüberquerung zurück nach Chile

warten auf Reissverschlussschlitten
DHL, der chilenische Zoll und unsere Geduld

Chiles Seenregion
gezuckerte Vulkane, blaue Seen und eine Nation im Ferienfieber

ROUTE: Manzano Historico – Tunuyan – Pareditas – El Sosneado (über die alte RN40, sehr schlecht, viel Sand) – Malargüe – Barda Blanca – Barrancas – Chos Mal – El Cholar – Moncol (Gendarmeria & Aduanas Argentina) – Paso International Pichachen, Grenze ARGENTINIEN / CHILE (4’602 m) – Los Barros (SAG, Aduanas Chile) – Antuco – Santa Barbara (über Qilleco & Puente Duqueco | Ripio) – Ralco – Troyo – Lonquimay – Curacautin – Temuco – Villarrica – Lican Ray – Panguipulli – Rio Bueno (über Los Lagos | Autopista) – Puerto Octay (Autopista bis Osorno) – Puerto Montt (Autopista ab Frutillar)

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Zick-Zack-Route

DER LANGE WEG NACH PATAGONIEN

Nach knapp einem Monat in Argentinien und Chile hatten wir uns Mitte Dezember im Norden Argentiniens entschieden, weiterhin südwärts zu fahren und Patagonien zu unserem Ziel gemacht. Seither hatten wir über tausend Kilometer in der Hitze Nordargentiniens geschmort, waren in Santiago de Chile gewesen, hatten die Anden zweimal überquert und waren nun zurück in Argentinien. Dies nicht nur, weil wir uns die Überquerung des ‚Paso de los Piuquenes‘ in den Kopf gesetzt hatten, sondern auch, weil wir auf dem Weg nach Süden in Chile viele, viele Autobahnkilometer hätten abstrampeln müssen.

Obwohl sich dies trotzdem nicht ganz vermeiden liess, versuchten wir den spannenst möglichen Weg zu suchen. Dass dieser nicht immer der direkteste war, lässt sich beim Betrachten der Karte leicht erkennen. Diese Etappe wurde für uns zu einem Flickenteppich aus Landschaften, Strassenabschnitten in und zwischen Argentinien und Chile.

Nach vier Tagen ‚Rest and Recreation‘ im kleinen Städtchen Tunuyan, keine 100 km südlich von Mendoza, war es an der Zeit weiter zu ziehen. Unsere Körper schienen sich von den Strapazen des ‚Paso de los Piuquenes‘ einigermassen erholt zu haben, die Räder waren gewartet und die Blasen an den Füssen soweit verheilt.

Time to hit the Road, again. Zur Auswahl stand nur eine: Die ‚Ruta 40‘. Sie wand sich entlang des Andenkamms südwärts und bot wenig Ausweichmöglichkeiten. Tage flossen ineinander, auf heisse Morgenstunden folgten heisse Nachmittage mit sich türmenden Gewitterwolken und zuckenden Blitzen. Die Nächte im Zelt hingegen waren kühl, mal schlaflos auf öffentlichen Campingplätzen (wo man in Argentinien hingeht, wenn man nachts singen, schreien oder saufen möchte!) oder selig schlummernd auf Estancias (Farmen) oder in nächtlichen Verstecken am Wegrand.

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Zurück auf der Ruta 40…

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…mit ihren motivierenden Kilometerangaben. Die verbleibenden Kilometer wohlgemerkt.

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Manchmal Ripio, manchmal geteert, immer aber trocken und karg.

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Die alte Ruta 40 folgt der Kordillera immer in Sichtweite. Irgendwo dort oben, nahe des Cerro Sosneado, zerschellte Ende Oktober 1972 Flug 571 der Uruguayischen Luftwaffe. Es folgte ein monatelanges Drama. Die Überlebenden (Mitglieder einer uruguayischen Rugbymannschaft) ernährten sich an den Verstorbenen. Bekannt aus dem Film ‚Alive‘.

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Sieht ja gar nicht tief aus? War es auch nicht, nur gerade weich und tief genug, dass an Fahren nicht zu denken war.

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Morgens war dann jeweils kein Wölkchen weit und breit in Sicht. So spielten wir im heissen Sand.

Jeden Abend aufs Neue wurden wir auch mit unserem ‚Zeltproblem‘ konfrontiert. Sand und Staub hatten den Reissverschlüssen über Monate stark zugesetzt und einer nach dem anderen wurde von Tag zu Tag unbrauchbarer. Es musste eine Lösung her und wir beschlossen, uns Reissverschlussschlitten schicken zu lassen – nochmals! Der erste Anlauf hätte uns bereits vor Weihnachten in Santiago erreichen sollen, war aber in der Weihnachtspost kläglich untergegangen.

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Auf Estancias (Farmen) fanden wir hinter Hecken Zuflucht vor dem nächtlichen Wind…

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…und wurden bewundert und beäugt!

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Wenn Gewitterwolken aufzogen, verzogen wir uns. Hier am Rande eines Flussbettes nahe ‚El Sosneado‘.

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Danach kamen die Nacht. Stille und die Sterne.

Da wir jedoch ohnehin mit einer verlockend klingenden weiteren Andenüberquerung und zwei Routen durch Chiles Wälder geliebäugelt hatten, passte uns dies ganz gut in die Planung. Wir wollten lieber schöne Routen fahren anstatt südwärts zu drängen – hier fanden wir den perfekten Grund für einen weiteren Schlenker.

So tauschten wir kurz nach Chos Malal ein weiteres Mal die Gewissheit der Ruta 40 gegen die Ungewissheit einer abgelegenen, uns unbekannten aber umso vielversprechenderen Strecke quer über die Anden, über den ‚Paso Pichachén‘, und damit das schnelle Surren unter den Reifen gegen ein langsameres Knirschen. Einzig der Gegenwind blieb uns treu und versuchte uns das Leben auch auf dieser wunderschönen Strecke schwer zu machen. Es gelang ihm, und auch dem abschnittweise tiefen Sand, nicht!

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Wie immer wies uns die Karte den Weg.

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Nach Chos Malal wand sich die Strasse langsam in die Berge hoch. Wir wollten hinauf, der Wind wollte herunter – ein stundenlanger Zweikampf.

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Mit den ersten Sonnenstrahlen waren wir auf der Strasse…

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…und warfen langen Schatten.

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Aber sonst war Schatten rar – trotzdem machte es Spass.

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Seltsame Felsformationen liessen uns staunen, ob als Wand…

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…oder als Felskopf.

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Felsen wie von Kinderhand gestapelt, untermalt von Windgeheul.

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Der Kommandant der ‚Gendarmeria Nacional‘ besuchte gerade alle ihm unterstellten Aussenposten – im Lastwagen. Uns liessen sie deshalb im Dörfchen El Cholar nicht in ihrem Hof campieren. Die Polizei nebenan bot uns dafür ein Zimmer an.

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Señor Turista wird informiert, dass die Grenze naht und er dort kontrolliert werden würde.

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Aber erst noch ein paar Kurven.

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Nach einer Nacht im Pferdestall der Gendarmerie Moncol (hier war der hohe Besuch schon überstanden) waren wir früh auf den Beinen – nicht der Pferde wegen, die schliefen im Freien.

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Die Prognose fiel günstig aus: Wetter gut, Wind gemässigt und zur Grenze fehlen bloss 25 km. Aufwärts.

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Mit der (bescheidenen) Höhe verändert sich im Laufe des Morgens die Landschaft um uns herum. Bäume werden rarer und Schafherden suchen die Wärme der Morgensonne.

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Blick zurück, immer dankbar!

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Die Spitze des weissen Kegel des mächtigen ‚Antuco‘ in der Ferne raubt uns kurz vor der Passhöhe den verbleibenden Atem.

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Es herrschen beste Pistenverhältnisse!

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Auf gerade mal 2’000 m fehlt kurz vor der Passhöhe plötzlich jede Vegetation.

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‚Paso Pichachén‘, Passhöhe und Grenze zwischen Argentinien und Chile

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Gletscher und Vulkane. Neue Welten eröffnen sich. Obwohl es ab hier tendenziell abwärts ging, kamen wir immer schlechter vorwärts. Oft war Stossen angesagt.

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Oben Eis, unten Sand.

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Das Panorama hält uns trotz Mühen bei Laune…und lässt uns unsere Snowboards vermissen.

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Dazwischen gibts Kaffee a la bicicleta: Der verlorene Filter wird erfolgreich durch eine Socke ersetzt. Sieht lecker aus? War es auch!

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Dann wird im Schatten einer Brücke…

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…geschlummert.

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Auch im Wald hinter dem ‚Refugio‘ des chilenischen Militär durften wir schlummern. Der Vorgesetzte servierte uns ‚Sopaipillas‘ (frittiertes Gebäck) und die drei Soldaten spielten den ganzen Tag Tischfussball. Argentinien scheint hier keine Bedrohung darzustellen.

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Nicht alle erreichen das Refugio. Am 18. Mai 2005 gerieten drei Kompanien frisch rekrutierter Soldaten auf einem Übungsmarsch zu eben diesem Refugio in einen Schneesturm. 45 von ihnen fanden bei Temperaturen unter -35 Grad den Tod. Entlang des Weges erinnern heute Tafeln an die Verstorbenen. Für jeden Soldaten eine, jeweils dort wo er gefunden wurde.

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In vulkanischem Sand umrundeten wir den Vulkan Antuco…

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…entlang der halbtrockenen ‚Laguna de las Lajas‘. Im Kampf Nationalpark gegen Wasserkraftwerk gewinnt in Chile immer die Energie. Die Lagune verlor, Wasser.

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Der Weg führte durch unwirkliche vulkanische Schutthaufen gigantischen Ausmasses.

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Sommersaison in Chakay, dem Skigebiet auf der Flanke des Vulkans. Leider falsche Saison für uns.

Mit Antuco in Chile waren wir einmal mehr zurück in der Zivilisation, diesmal der chilenischen. Die Reissverschlussschlitten hatten mittlerweile Santiago de Chile erreicht. Um ihnen etwas Zeit für die Reise an ihren Bestimmungsort Temuco zu geben, schlugen wir sogleich einen Haken zurück in die Berge.

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Eine Kombination aus Waldwegen und Brücken brachte uns von Quillaco nach Santa Barbara.

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In den Pausen luden Wälder zum Spielen ein. Hier wird gerade eine Partie ‚Waldboccia‘ gewonnen.

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Der Maestro und seine Bocciakugel.

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Campingplatz-Nachbarn. In Chile ist campieren Familiensache.

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Noch ein Freund, getroffen in Antuco.

Bald holperte es wieder unter unseren Reifen, geschäftige Städtchen wichen kleinen Mapuche-Siedlungen (den Mapuche, Chiles indigener Bevölkerung, ergeht es ähnlich wie ihren nordamerikanischen ‚Schicksalsgenossen‘) und mit den Höhenmetern wurden aus den Hügeln um uns herum wieder Berge und Vulkane. Irgendwann kam was kommen musste: Das Ende der Schotterstrasse. Also taten wir, was wir am besten zu beherrschen schienen: Schieben. Sogar für unseren Geschmack hatten wir aber in letzter Zeit bereits genug geschoben und änderten am nächsten Morgen nach einigen warnenden, im Nachhinein vielleicht etwas übertriebenen Worten eines Bauers („…dort versenken sie Jeeps in Sand“) unsere Pläne und damit unsere Route.

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Wir folgen dem Rio Bio Bio durch rauschende Wälder und rollende Hügel.

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‚Embalse Ralco‘: Auch hier wird gestaut, aber Widerstand regt sich.

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Das Ende der befestigten Strasse haben wir längst hinter uns gelassen. Für diese Art von Pfaden über diese Art von Hügeln sind wir (unsere Räder!) zu schwer. Wir stossen mit Fassung.

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Was im Winter als Schlamm klebt, staubt uns jetzt Knöcheltief um die Füsse, füllt unsere Schuhe und verleiht uns einen neuen Teint.

Wenige Tage darauf waren wir in Temuco. Das Paket hingegen, so mussten wir feststellen, hing immer noch am Flughafen von Santiago im Zoll fest! Dort wartete es darauf, von uns in einem nervenaufreibeden Kampf gegen DHL befreit und durch Lösegeldzahlungen an den chilenischen Zoll freigekauft zu werden. Der Kampf tobte sieben Tage, bevor wir ihn gewinnen konnten. %@#* DHL!

Erleichtert und mit einem (gefühlt) neuen Zelt machten wir uns auf den Weg südwärts, durch die chilenische Seen-Region.

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Villarrica, Sommer-Hochsaison am Fusse des gleichnamigen Vulkans.

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Puerto Octay, zerfallender Charme.

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Deutscher Einfluss ist überall sichtbar…

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…hier bereits etwas chilenisch.

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Vulkan Osorno.

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Früchte, Chiles Exportschlager, halten uns bei Laune.

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Chiles Seenregion: Vulkane, Seen und viele, viele Touristen.

Möglichst schnell, möglichst gradlinig und möglichst verkehrsarm hatten wir uns diesen Weg vorgestellt, dabei aber die Rechnung ohne den starken Reiseverkehr auf sämtlichen Nebenstrassen gemacht. Zum Glück gab es da noch den schützenden Pannenstreifen der ‚Autopista‘ (Autobahn). In dessen Schutz legten wir schliesslich gut die Hälfte der rund 400 km von Temuco nach Puerrto Montt zurück. An dieser Stelle ein Dankeschön an die chilenische Polizei, die uns bereits nach wenigen Autobahnkilometern beiseite nahm – bloss um uns mit einem Kamerateam zu interviewen, uns mit gelben Leuchtwesten auszustatten und uns eine gute Weiterreise zu wünschen. Puerto Montt haben wir schliesslich gelb leuchtend und bei Sonnenschein erreicht. ¡Muchas Gracias!

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Autopista nach Temuco, noch ohne Leuchtweste.

Fehlt nur noch die GALERIE:

Chile & Argentinien | ‚Paso de los Piuquenes‘

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10 Tage, davon 6 Tage stossend & tragend

122 km, davon 36 km unfahrbar

570 m Starthöhe, 4’389 Maximalhöhe

Radreisen ‚hardcore‘
die brutalsten 36 km unserer Radreise-Karriere

500 m pro Stunde, 5 km pro Tag 
Kampf um jeden Meter

Im Land der Kondore, Felswüsten und Gauchos
die Puna

Route:
Santiago de Chile (570 m) – San Gabriel (1’260 m) – Embalse de Yeso (Stausee) – ‚Termas de Plomo‘ (3’000 m) – Passhöhe ‚Portillo de Piuquenes‘ (4’045 m)
– Refugio ‚Real de la Cruz‘ (2’870 m) – ‚Portillo Argentino‘ (4’380 m) – Manzano Historico

Detaillierte Routenotes findest Du hier.

ÜBER DEN ‚PASO DE LOS PIUQUENES‘ VON CHILE NACH ARGENTINIEN

Wenn man tagelang über den schnurgeraden, glühend heissen Asphalt der argentinischen ‚Ruta 40‘ strampelt, wünscht man sich oft nichts sehnlicher als Abwechslung. Wie liesse sich diesen Geraden entfliehen, wo eine spannendere Route finden? Nach dem Studium einer Liste aller Grenzübergänge zwischen Chile und Argentinien stiessen wir auf den kleinen ‚Paso Piuquenes‘. Über ihn kehrte das, von ‚Libertador‘ General José de San Martin angeführte ‚Ejercíto de los Andes‘ (Armee der Anden) nach unzähligen Schlachten gegen die spanischen Kolonialmacht aus Chile nach Argentinien zurück.

Dabei hatten sie es anscheinend versäumt, eine Strasse zu bauen. Auf allen Karten und auch im Internet war keine Spur auch nur eines Weges auffindbar. Ausser Höhenlinien herrschte gähnende Leere. Etwas Recherche ergab jedoch, dass argentinische Anbieter die Überquerung zu Pferd als mehrtägige Tour anboten. ‚Cruze de Los Andes San Martinense‘. Pferdetrecking also. Wo Pferde und Armeen durchkommen, da kommen wir ja wohl auch durch – dachten wir, informierten uns bei der ‚Policia de Investigaciones‘ über die Grenzformalitäten, fanden im Internet eine grobe Karte und Eckdaten der Route und packten Proviant für eine Woche ein.

Für die Statistiker hier eine Auflistung aller Köstlichkeiten:
1,6 kg Spaghetti
1, 5 kg Polenta
2 Portionen Kartoffelstock
15 Instantsaucen / -suppen
6 Instant-Nudelsuppen
10 Brötchen
10 ‚Tortas‘ (harte Brötchen)
8 Packungen Kekse
5 Äpfel
2 Pfirsiche
1 Glas Erdnussbutter
1 Packung ‚Dulce de Leche‘
12 Müsliriegel
6 Schokoriegel
2 Packungen Erdnüsse
1 Packung Mandeln
1 Packung Gummibären

Mit entsprechend vollen Taschen, zwei neuen Felgen und frisch gewarteten Rädern – darüber liesse sich eine eigene Geschichte erzählen – verliessen wir Santiago de Chile am Nachmittag des 2. Januar 2015 mit Blick auf die Kordillera.

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Als wir Santiago de Chile in Richtung der Berge verliessen…

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…waren wir damit nicht alleine. Die halbe Stadt schien im nahen ‚Cajon de Maipo‘ ihre Zelte aufzuschlagen.

Die Berge, in diesem Fall die Anden, riefen und nach einer Stunde im Verkehrsjungel der Grossstadt liessen wir diese hinter uns und begannen den Anstieg, der uns von 570 auf über 4’000 m bringen sollte. Dafür hatten wir drei Tage gerechnet, die Rechnung aber ohne die ‚Carabineros‘ (Polizei) gemacht, welche am nächsten Morgen in San Gabriel, dem letzten ‚Ort‘ vor der Grenze, unsere Ausreisepapiere erledigen und unsere Pässe stempeln mussten. Dies taten sie, mussten aber erst in Santiago abklären, ob wir denn auch wirklich ausreisen durften. Wir durften, aber erst fünf Stunden später.

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Ab San Gabriel war Ripio (Schotter) angesagt.

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Langsam stiegen wir höher und höher.

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Auch die Berge um uns herum wurden höher.

Die Warmwasser-Tümpel ‚Termas de Plomo‘ (3’000 m) im Nationalpark ‚Parque Valle del Yeso‘ erreichten wir mit etwas Trödeln am Nachmittag des 4. Januar. Hier hatten wir ganz offensichtlich das Ende der Strasse erreicht und die Talsohle ging ringsum beängstigend schnell in steile Hänge und mächtige Bergketten über. Mit den Augen die Hänge absuchend versuchten wir erfolglos einen Weg auszumachen. Auf Nachfrage bei einem Parkwächter wurde klar weshalb: Es gab keinen! Diesen müsse man sich selbst suchen, so der gute Mann. Weiter oben würden wir dann aber auf einen alten, breiten Weg treffen, der uns problemlos zum ‚Portillo de Piuquenes‘, dem ersten Pass dieser Andenüberquerung und gleichzeitig der Grenze zu Argentinien, bringen würde. Danach ging es flach weiter und nach einem zweiten kleinen Pass wären wir dann drüben. Mit dem Rad 2 1/2 Tage. Dies klang beinahe zu gut, da wir mit etwa vier Tagen gerechnet hatten.

Der Start ins grosse Abenteuer gelang am nächsten Morgen dann nicht sehr elegant. Es galt nämlich, den Rio Yeso, der die ganze Nacht keine 50 m neben unserem Zelt gerauscht hatte, zu überqueren. Bloss nicht hier, sagte man uns: Zu gefährlich! Weiter unten, so sagte man uns, wäre es besser. Bloss, sagte man uns, könnten wir dann mit den Rädern den Weg weiter oben nicht mehr erreichen. Nach etwas Bedenkzeit durchwateten wir den Oberschenkel-tiefen Fluss erst mit einem Rad, dann mit dem zweiten und dann mit Gepäck. Problemlos, abgesehen von der Temperatur des Wassers. Dieses war so kalt, dass einem bereits nach wenigen Schritten schlecht davon wurde (klingt lustig, war es aber nicht) und wir im Anschluss eine halbe Stunde brauchten, um unsere Füsse auf marschtaugliche Betriebstemperatur zu wärmen. Wir waren noch keine 20 m gekommen! Was folgte war nicht viel ermutigender. Die nächsten sechs Stunden zerrten, schoben und hoben wir unsere schwer bepackten Räder diagonal, erst ‚querfeldein‘ und später auf einem schwach erkennbaren Pfad über eine Bergflanke hoch.

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Wir schoben und zerrten.

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Widersprüche

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Endlich ein Pfad ersichtlich – aber welch einer!

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One more to go!

Gegen vier Uhr erreichten wir den als breit beschriebenen ‚Camino de los Arrieros‘, den Pfad der Maultiertreiber. Bei dessen Anblick wurde klar, dass dieser Aufstieg nicht in ein paar Stunden zu bewältigen war! Wir machten das Beste daraus, stellten unser Zelt auf, genossen bis zum Sonnenuntergang (ca. 21 Uhr) die gewaltigen Kulisse und beobachteten Kondore, wie sie über uns ihre Kreise zogen. Wir hatten knapp drei (!) Kilometer zurückgelegt.

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In den steilen Hängen suchten Kühe nach Grünzeug.

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Robin fand Erholung.

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Und unser herrlicher Campspot mit Blick auf den bevorstehenden Aufstieg – furchteinflössend.

Das steile Zick-Zack des Pfades liess uns am nächsten Morgen keine andere Wahl, als für den Aufstieg zum Pass auf vereinte Kräfte zu setzen. Wir schoben und zerrten erst ein bepacktes Fahrrad zwei bis drei Kehren hoch, nur um dann dieselbe Prozedur mit dem zweiten Rad zu wiederholen. Eine mühsame und zermürbende Angelegenheit. Wir nahmen es mit Humor, genossen die Bergwelt um uns herum und kämpften uns Stunde um Stunde um Stunde höher den steilen Hang hinauf. Diese verlängerte sich dabei jeweils beim Erreichen einer Kuppe um weitere, endlose Kehren. So wurde der Aufstieg länger und länger, wir müder und müder und der Wind immer stärker. Orkanstärke Windböen fegten uns teils fast um und machten uns, je höher wir kamen immer mehr Angst. Obwohl uns die Kräfte ausgingen, kämpften wir wie ferngesteuert weiter. Schliesslich, nach endlosen sechseinhalb Stunden und rekordverdächtigen drei Kilometern standen wir im schmalen Durchgang durch die Bergflanke, ‚Portillo de Piuquenes‘, genannt. Auf 4’045 m, sechshundert Meter höher, als wir am Morgen aus dem Zelt gekrochen waren.

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Blicke zurück motivierten.

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Hier war Teamarbeit gefragt – Juntos podemos: Achtung, fertig, los! Schieben!

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Ganz schön steil zum Radfahren oder -stossen!

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Während wir immer höher steigen ziehen Wolken auf.

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Doch unsere Aufmerksamkeit galt meist dem nächsten Schritt, dem nächsten Meter.

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Immer wartete die selbe Arbeit nochmals auf uns. Also wieder zurück auf Feld eins.

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Wir trotzten dem Sturm.

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Schneespitzen – Zeugen des ewigen Windes.

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Trotz Erschöpfung lachten wir …und hielten die Angst vor einem heftigen Wetterumschwung damit in Schach.

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Passhöhe ‚Portillo de Piuquenes‘, 4’045 m, die Arbeit ruht, der Sturm nicht.

Der Abstieg fiel etwas einfacher aus und nachdem wir die ersten steilen Meter gehend überwunden hatten, konnten wir sogar zwei oder drei Kilometer fahren, beziehungsweise holpern.

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Im Abstieg. Pfad ja, bloss wo?

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Dann aber doch immer wieder fahrbare Meter.

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Manchen machte dies Angst!

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Wir aber genossen die Blicke auf die gewaltigen Berge und Felsformationen.

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Gletscher schienen in der Ferne Berge zu verschlingen….und unsere Kamera begann Schwächen zu zeigen.

Gegen 17 Uhr, auf der Talsohle auf ungefähr 3’400 m angekommen, überquerten wir in einem letzten Kraftakt ein kleines aber steiles Flusstal. Dies unter den aufmerksamen Blicken einer, in der Nähe campierenden Horde Priestern in wallenden schwarzen Gewändern – eine, in dieser endlosen, menschenleeren Wildnis, ziemlich surreal Erfahrung!
Zeit, das Zelt aufzuschlagen – ausser Sichtweite natürlich!

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Nach erfolgreicher Abfahrt vom ‚Portillo de Piuquenes‘, angekommen im Paradies. Jenes liegt in diesem Fall bereits in Argentinien.

Der dritte Tag hielt den versprochenen flachen Teil („dort könnt ihr alles fahren“) für uns bereit und zu Beginn konnten wir tatsächlich fahren – einige hundert Meter. Schon bald aber zwangen uns weicher Sand und grosse Steine wiederum neben die Räder. Den Rest des Tages verbrachten wir zunehmend mutloser damit, unsere Drahtesel durch Meere Fussballgrosser Steine zu hieven, sie durch tiefen Sand zu zerren oder In regelmässigen Abständen durch schmerzhaft kalte Flussläufe zu waten. Spassfaktor: Mässig. Zurückgelegte Kilometer: 12

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Hinaus durch das Tal des ‚Rio Palomares‘. Die Landschaften bleiben spektakulär.

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Der Pfad, obwohl flacher, birgt immer wieder Überraschungen.

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Auch die Kulisse stimmt.

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Flussüberquerungen, auch die Schuhe wollten trocken bleiben.

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Singletrack! …leider versteckten sich im hohen Grass So viele Gesteinsbrocken, dass wir alle paar Meter mit den Pedalen anschlugen. Unfahrbar und tödlich für Material und Moral.

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Colateral Damage – Flaschenhalter an den Gabeln fielen versteckten Steinen zum Opfer.

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Wenn das Gras wich, blieben die Steine – grosse und kleine.

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Hinter jedem Hügel wartete eine neue Herausforderung: Steine, Flüsse, Schluchten,….

Bereits um 15 Uhr erblickten wir unser Tagesziel, das Refugio ‚Real de la Cruz'(2’870 m). Leider trennte uns davon ein Fluss, Rio Tunuyan, vor dessen durchquerung zu Fuss wir bereits mehrmals ausdrücklich gewarnt worden waren. Es blieb uns also nichts anderes übrig als unser Zelt aufzustelllen und zu warten. Hilfe, zu Pferd, war vor dem nächsten Morgen unwahrscheinlich. Dass keine drei Stunden später einige, relativ unfreundliche Arrieros mit einer Gruppe argentinischer Pferdetrekking-Touristen im Schlepptau erschienen und uns gegen ein saftiges Entgelt über den Fluss setzten, war pures Glück.

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Erste Blicke auf das, als kleiner Punkt erkennbare und vorderhand unerreichbare, Refugio ‚Real de la Cruz‘.

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Den Gauchos sei Dank!

Die Mannen des argentinischen Militärs, unter dessen Obhut die Berghütte stand, erlaubten uns, unser Zelt windgeschützt direkt vor dem Refugio aufzustellen. Nach anfänglichem Argwohn Seitens der rund 40 Gästen und Cowboys, gewann die Neugier Überhand. Allgemeine Verblüffung machte sich breit. Hatten es diese zwei ‚Locos‘ wirklich mit diesen schweren Fahrrädern und dem Gepäck über den ersten Pass geschafft? Und wohin wollten sie?! …weiter über den nächsten, noch viel, viel schlimmeren Pass?! Aus Verblüffung wurde Mitleid mit dem uns bevorstehenden Leid und uns wurde dabei entsprechend mulmig. Würde es wirklich so schlimm werden? Über den nötigen Zeitaufwand zur Passhöhe gingen die Meinungen auseinander. Von „vier Stunden zu Fuss“, „höchstens sechs Stunden zu Fuss“ über „drei Stunden zu Pferd oder Maultier“ bis hin zu „abwärts in drei Stunden mit Kühlschrank auf dem Rücken“ war alles dabei. Wir rechneten nach der Erfahrung der letzten Tage vorsichtshalber mit zwei Tagen. Solange würde auch unsere Verpflegung reichen.

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Noch ein letztes Foto, dann ziehen wir ins Verderben. Die Jungs hatten Mitleid. Sie sind jeweils für 20 Tage hier oben eingeteilt. Zu viert.

Nach dem Hissen der argentinischen Fahne und dem gemeinsamen ‚Singen‘ – sprich Murmel und Husten – der Nationalhymne galt es ernst. Wie ernst wurde uns klar, als wir eine Stunde schwerer Schufterei später noch keine 500 m zurückgelegt hatten. Der Pfad war steil, bestand aus einer Mischung aus Sand und Felsbrocken in allen Grössen und wurde zudem täglich durch unzählige Hufe aufgelockert. An Fahren war erst fünf Stunden und zweieinhalb Kilometer später zu denken. Das Vergnügen dauerte gerade mal 300 m. Dann änderte sich die Landschaft und wir tauchten in eine mit Matschpartien gespickte Welt aus noch grösseren Felsbrocken ein.

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Zermürbender Blick zurück. Nach zwei Stunden Arbeit sind wir noch keinen Kilometer Luftlinie vom Refugio (unten im Tal) entfernt.

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Wieder kommt Freude auf: 300 m – Downhill!

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Dafür müssen wir dann mit endlosem Taschen- und Räderschleppen bezahlen.

Dreieinhalb Kilometer weiter und sieben Stunden später (erkennt jemand ein Muster?) kam noch starker Wind dazu und es reichte uns. Hinter einer kleinen Steinmauer (zur Hälfte selbst gebaut) suchten wir Schutz vor den tosenden Luftmassen. Als ob wir nicht schon selbst gemerkt hätten, dass es schwierig war, wurden wir von vier fröhlichen chilenischen Wanderern obendrein mit einem ominösen „Ihr werdet noch mindestens fünf Tage brauchen! Habt ihr soviel Nahrung?!“ motiviert. Nur mit Wanderstöcken bewaffnet hatten sie gut lachen, ihr Gepäck hatte uns bereits Stunden zuvor auf sechs (!) Maultieren passiert.

Dem vielen Gelächter und der fröhlichen Schufterei der letzten Tage zum Trotz hatten sich in uns Zweifel und Ängste breitgemacht. Die Puna war eine harte und potentiell gefährliche Wildnis. Dies hatten wir gewusst, uns im Vorfeld damit beschäftigt und die Konsequenzen abgewogen. Wir mögen zwar abenteuerlustig und risikofreudig sein, aber Narren sind wir nicht. Trotzdem nagten nun Zweifel. Würden wir es schaffen? Was wenn nicht? Wie lange gaben wir uns noch Zeit? Hatten wir wirklich genügend Nahrung? Da uns täglich mindestens eine Gruppe mit Pferden passierte, würden wir wohl kaum hier oben verhungern müssen und könnten diese um Hilfe bitten. Was aber im Falle eines Unfalls? Knochenbrüche? Was, wenn Daina wieder ernsthafte Probleme mit der Höhe bekommen sollte? In diesem Gelände war an einen schnellen Abstieg nicht zu denken. All diese Gedanken kamen mit der Erschöpfung einher und waren oft schwierig in Schach zu halten.

Trotzdem begann jeder Morgen wieder motivierend, voller Gelächter und mit freude über die unglaubliche Natur in der wir uns befanden. Wir freuten uns etwa, wenn wir wieder 200 m zurückgelegt hatten oder sich Blicke auf eine bisher versteckte Bergkette oder einen gewaltigen Gletscher auftaten.

Der Weg aber wurde mit jedem Meter steiniger. Die sich scheinbar endlos erstreckenden Geröllhalden vor uns, machten das Schieben der Räder auch zu zweit unmöglich und zwang uns, unsere Strategie zu ändern. Anstatt zu zweit jeweils ein Fahrrad zu schieben, trugen wir jetzt meist erst das Gepäck voraus, suchten dabei nach dem besten Weg und kehrten dann zurück, um die Räder zu tragen, zu schieben und zu zerren.

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Taschenschleppen wird zur lästigen Gewohnheit.

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Der Pfad windet sich das schmale Tal hinein. Ist er auch vorübergehend steinfrei und relativ flach, so macht ihn der Sand für uns unfahrbar – hätten wir doch ‚fette‘ Reifen.

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fahrbar? Einen Versuch ist’s immer wieder wert! Leider drängen sich nach und nach immer mehr Steine auf den Weg.

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Geröllhalde! Wird es noch schlimmer werden?

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Aber wir zeigen uns unbeeindruckt: Kopf runter und durch.

Gegen Abend des zweiten Tages im Aufstieg zur ‚Portillo Argentino‘ genannten zweiten und letzten Passhöhe wurde klar, dass diese, auch an diesem Tag ausser Reichweite war. Glücklicherweise hatte uns beim Refugio ein Soldat voller Mitleid einige Packungen Keckse und einen Sack voller (Alt-) Brot zugesteckt. Genau diese liessen uns jetzt noch einen Tag länger durchhalten und wir schlugen, zwischen den überall verstreuten Knochen von den Verhältnissen zum Pfer gefallenen Pferden und Maultieten, bereits in Sichtweite des ‚Portillos“ ein weiteres Mal unser Zelt auf. Wir hatten fast sechs Kilometer zurüch gelegt.

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Berge, Steine, Knochen – wer möchte da nicht campieren? Die ganze Nacht donnerten auf der anderen Talseite Felsbrocken zu Tal.

Am nächsten Morgen um acht setzten wir dann nochmals frisch motiviert und mit letzter Hoffnung zum Sturm auf die, so lange herbeigesehnte, Passhöhe an. Nochmals wurden die Steine grösser, der ‚Pfad‘ nicht bloss schwieriger, sondern auch schwieriger zu finden, der Wind kälter uns nach und nach waren wir von immer mehr Schneefeldern umgeben.

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Die letzten Kilometer wateten wir durch ein Geröllmeer mit hohen Wellen und Sturm.

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Geröll in rauen, strengen Mengen!

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Autobahnen dieser Art sorgten beinahe für Freudentaumel, das Panorama sowieso!

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Ein Getaumel anderer Art wurde jedoch immer mehr zur Regel.

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Auch hier wieder, stumme Zeugen der rauhen Winde.

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Liegeräder: Seit Tagen schon blieben unsere Seitenständer unbenutzt.

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Fels-Allee der besseren Art: Aussen grob und innen ‚fein’….so fein, dass man sich an den kleinen ‚Steinchen‘ locker die Knöchel wundschlagen konnte.

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Nicht alle kamen hier heil raus. Dieser Pferdekopf (unten!) trägt immer noch Hautfetzen.

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Auch nach vier Stunden nimmt die Felswüste kein Ende.

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Weit oben ist das Portillo als kleine Kerbe in der Wand bereits erkennbar.

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Auf über 4’000 m, für die Anden nicht sehr hoch, ohne Strasse jedoch schon.

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Beeindruckend!

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Spass gibt Kraft für den Sturm zum Gipfel – Wir spielen Schneefresser!

Schliesslich, gegen zwei Uhr nachmittags, standen wir unterhalb des ‚Portillo Argentinos‘. Es galt nur noch ein paar letzte, steile Zick-Zack-Kehren und dann eine haarstäubend schmale, exponierte Traverse durch eine steile Bergflanke zu bewältigen. Jetzt bloss keine Fehltritte, sagten wir uns, trugen zuerst das Gepäck die verbleibenden knapp 500m hinauf und kehrten dann ein letztes Mal zu unseren Rädern zurück, um diese, von starken Windböen begleitet Schritt für Schritt für Schritt durch den Hang zu führen.

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Bevor wir in die letzte Traverse einbiegen…

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…warten noch fünfzig höhenmeter Zick-Zack!

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Die Ausblicke nach unten schön, der Aufstieg nach oben brutal.

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Daina in der letzten Traverse. Erst mit Gepäck…

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…dann mit Rad.

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Schritt für Schritt für Schritt führen wir unsere Lastesel durch diesen Friedhof der Lasttiere.

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Jetzt bloss nicht abrutschen!

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Falta poco – aber der Weg direkt unter dem Portillo zerfällt mit jedem Meter mehr!

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Letzte, kräfteraubende aber bereits emotionale Meter!

Und dann standen wir im schmalen Felskanal des Portillo Argentino. Siiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!
Wir hatten es geschafft, hatten, allen Widrigkeiten zum Trotz, durchgehalten und dabei nicht nur zwei Pässe und Heerscharen von fiesen Steinen und hinterlistigen Felsbrocken überwunden, sonder auch unsere Ängste, Sorgen und inneren Feiglinge besiegt!

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‚Portillo Argentino‘, 4’380 m

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Gipfelfoto am Portillo Argentino. Glück, Stolz, Erleichterung und Erschöpfung.

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Endlich alle oben! Ab jetzt mussten Gramali & Pequeño wieder arbeiten und Lasten tragen.

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Das Sammelsurium im Schrein auf der Passhöhe erzählen Geschichten.

Wer aber hinaufsteigt muss auch wieder herunterkommen. Der Abstieg auf der Rückseite des Portillos war zwar für etwa einen Kilometer steil und teils exponiert, doch waren wir nicht mehr zu stoppen und erreichten schliesslich, sechs Tage nachdem wir bei den ‚Termas de Plomo‘ in Chile jede Art von Strasse hinter uns gelassen hatten, wieder eine Strasse. Wir hatten in dieser Zeit 2’500 Höhenmeter und mickrige aber brutale 36 km zurückgelegt – mindestens die Hälfte davon dreifach und 99% zu Fuss.

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Hinter dem Portillo: Die lange herbeigesehnte Strasse und die argentinische Pampa.

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Schotter überall. Freeride-Abstieg vom ‚Portillo Argentino‘.

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Nach sechs Tagen Wildnis endlich Strasse!

Das Abenteuer war vorbei – wenigstens fast. Wie in Trance rasselten wir erschöpft und total ausgelaugt über die Schotterstrasse zu Tal, genossen es einfach fahren zu können und wie immer löste sich die ganze Anspannung unmerklich in Luft auf. Übrig blieb eine riesige Erleichterrung, Stolz…und eine merkwürdige Leere. Nochmals stellten wir, kurz vor Erreichen des argentinischen Grenzpostens unser Zelt auf und verbrachten eine weitere Nacht in den Bergen. Als wir am nächsten Morgen im ersten Dorf Manzano Historico, auf nur noch 1’710 m einrollten, war von unseren Vorräten gerade noch ein einziger Getreideriegel übrig. Sonst nichts mehr, kein Zucker, kein Kaffee, kein Salz.

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Alles hat ein Ende.
Manzano Historico: Bienvenidos a la civilización argentina!

….und hier wieder die Galerie:

Argentiniens Ruta 40 | von Hitze, Pisten & Asphalt

1’421 Kilometer

30 Tage, davon 10 Tage nicht im Sattel

4’966 MüM Maximalhöhe

Ups & Downs

Abra del Acay (4’966 MüM) – noch ein Pass
Grido – Eiscreme motiviert
Argentinos – freundliche Menschen
Ruta 40 -brütende Hitze & endlose Geraden
Material – 1 gespaltene, durchgebremste Felgen
die Siesta – ein Land steht still

Route: San Antonio de los Cobres – Abra del Acay (4’966 MüM) – Cachi – Molinos – Angastaco – Cafayate – Cafayate – Santa Maria – Belén – Andolucas – Chilecito – Villa Unión – Huaco – San José de Jáchal – Rodeo – Iglesia – Bella Vista – Tocota – Villa Nueva – Calingasta – Barreal – Uspallata – las Cuevas – Tunel Cristo Redentor – Los Libertadores (Grenze Chile)– Los Andes – Calle Larga – Santiago de Chile (via Autopista 57)

ARGENTINIENS ‚RUTA 40‘

Gerne wären wir auch weiterhin über die Puna geholpert, entschieden uns aber aufgrund der prekären Situation mit unseren (beinahe) durchgebremsten Felgen für die ‚Ruta 40‘ – oder einfach ‚la Cuarenta‘.

Obwohl wir eigentlich einen Bogen um Pässe machen wollten, konnten wir es doch nicht sein lassen. Nach zwei Ruhetagen in San Antonio de los Cobres (3’760 MüM) nahmen wir den ‚Abra del Acay‘, Argentiniens höchsten Pass (offiziell 4’601 MüM, inoffiziell 4’966 MüM), in Angriff und trafen schon wenige Kilometer ausserhalb San Antonios auf die ‚Cuarenta‘, die die nächsten knapp 300 km ungeteert und somit beinahe verkehrsfrei.

erste Meter auf der Ruta 40

Erste Meter auf der Ruta 40, der Aufstieg begann…

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…forderte seine Pausen…

kurvenreicher Weg zum Abra del Acay

…hatte seine Kurven….

letzte Meter, die Luft wird dünner

…und während die Luft dünner und die Wolken dunkler wurden, kamen wir der Passhöhe näher.

Abra de Acay, Argentiniens höchster Pass

…bis es nicht mehr höher ging: Abra del Acay, mit 4’966 MüM Argentiniens höchster Pass

Nach einem Aufstieg über 32 km und 1’200 Höhenmeter wurden wir auf der Passhöhe von einem eiskalten Wind empfangen. Mit einer anfangs sehr steilen, sehr langen und sehr holprigen Abfahrt durch das atemberaubend vielfältige Valle de Calchaquis verloren wir in 169 km über 3’000. Dank unanständig vielen Gegensteigungen kamen wir über diese Distanz aber trotzdem auf fast ebensoviele erfahrene Höhenmeter und durchquerten entsprechend viele Vegetationsstufen. Aus felsig-karg auf der Passhöhe wurde bald felsig-bunt, dann staubig-wildwest und schliesslich sandig-weinbergig. Die wärmeren – sprich heissen – Temperaturen waren nur ein Vorgeschmack auf die nächsten Wochen.

erste holprige Meter in der Abfahrt

Hinter der Passhöhe dann eine andere Welt…

noch hoch über der Baumgrenze

…und immer noch hoch über der Baumgrenze…

Kurve um Kurve um Kurve, dazwischen sind Flüsse zu überqueren

…ging es Kurve um Kurve um Kurve hinab und wir entschieden uns nach einer Stunde, in den Mauern eines verfallenen Hauses Zuflucht zu suchen.

bereits 2'000 m tiefer - langsam wird es grün und heiss

Am nächsten Morgen – bereits 2’000 m tiefer und nachdem wir durch eiskalte Flüsse gewatet waren – wurde es immer grüner und heisser.

spendet uns Schatten

Erste Dörfer mit Kolonial angehauchtem Flair erwarteten uns…

erste Sichtung der berühmten argentinischen Steaks

..und wir konnten die erste Sichtung berühmter argentinischer Steaks verzeichnen.

wildwest al argentino

Wildwest-Atmosphäre

Kampf gegen die Hitze

Und der Kampf gegen die Hitze begann!

Die oft rauen Verhältnisse der ‚Cuarenta‘ und stark schwankenden Temperaturunterschiede setzten unserem ohnehin angeschlagenen Material zu. Robins Hinterradfelge war das erste Opfer und begann sich am zweiten Tag (bei Cachi) in der Mitte zu spalten. So angeschlagen erreichten wir nochmals drei Tage später die Weinregion um Cafayate. Für Wein blieb leider wenig Zeit.

Aufstehen wird mit kühleren Temperaturen belohnt

Aufstehen wurde mit kühleren Temperaturen…

Felsen, Flüsse und die Kordillera

…und guten Aussichten belohnt.

Papageien. Sie fliegen in Schwärmen und machen Radau

Papageien fliegen und lärmen in Schwärmen.

Stunde um Stunde folgt Hügel auf Hügel

Stunde um Stunde folgte Hügel auf Hügel…

...noch eine Felskamm

…Felskamm auf Felskamm…

und noch einer...

…auf Felskamm…

...auf Felskamm.

…auf Felskamm.

Auf der Suche nach passenden Felgen waren wir bereits in Chile von San Pedro mit dem Bus in die 100 Km entfernte Stadt Calama gefahren, bloss um uns relativ unfreundlich sagen zu lassen, dass Felgen dieser Dimensionen (26″ / 32 Loch / V-Brake) hier nicht aufzutreiben wären. Diesmal fuhren wir mit dem Bus in die knapp 200 km entfernte Stadt Salta. fanden wenigstens eine passende Felge und bekamen diese auch ins mitgebrachte Vorderrad eingebaut. Nach unserer Rückkehr nach Cafayate stellten wir aber fest, dass die Felge so schlecht eingespeicht war, dass sie dauernd an der Bremse anstand. Also folgte der erste von vielen Gängen zum freundlichen lokalen Radflicker Elio.

Nach einer geschlagenen Woche verliessen wir Cafayate etwas frustriert mit einem neuen, guten Hinterrad und zwei schnittigen, schlecht passenden Vorderrädern vom Typ ‚Houston 502‘. Aber Houston, we have a Problem! Die Felgen waren instabil und unsere Speichen eigentlich zu lange dafür. So sahen wir von weiteren Umwegen ins raue Gelände (meist) ab und nahmen möglichst schnell die gut 1’300 km nach Santiago de Chile im Angriff.

schönes exemplar einer argentinischen Geraden

Nach Cafayate war die Ruta 40 (hier bei Belén) geteert und die Landschaft weniger spektakulär.

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Die Strasse war oft gerade…

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…stundenlang gerade…

Die 40 war oft gerade, aber selten flach...

…manchmal auch sandig…

...aber selten flach.

…aber selten flach.

Der Weg dorthin war lange und, solange wir der Cuarenta folgten, wenig abwechslungsreich. Eine endlose Gerade löste nach einer Stunde oder drei die nächste ab, auf die irgendwann wieder eine Andere folgte. Gegen 10 Uhr wurde es heiss und mit der Hitze setzte ein Gegenwind ein, der einem spätestens um 13 Uhr bei geöffnetem Mund den Kopf von innen zu rösten drohte. Dies war das Signal, um unter einer der wenigen, schattenspendenden Akazien eine Mittagspause einzulegen, im Anschluss in ein einstündiges Hitzekoma zu fallen und sich anschliessend nochmals ein paar Stunden im Fahrt- und Gegenwind braten zu lassen.

Ruta 40, oft nicht so idyllisch wie ihr Name vermuten lässt

Oft nicht ganz so idyllisch wie ihr, durch Che Guevaras ‚Motorcycle Diaries‘ zu Ruhm gekommener, Name vermuten lässt…

...dafür umso heisser!

…wurde die Ruta 40 Mittags zum Ofen.

...aber ob diese Messung wirklich stimmt?!

…die oft unerträglich drückend war. Aber ob das Thermometer hier nach der Mittagspause nicht etwas übertrieb?

auch andere suchen Schattenplätze

Aber auch abgesehen von Zahlen: Es war heiss!

So fielen wir in einen Rhythmus von durchschnittlich 110 Tageskilometern. Genau richtig, um Nachmittags in einem kleinen Nest anzukommen und bei ‚Grido‘, der weitverbreiteten Eiscremekette unseres Vertrauens, etwas abzukühlen.

Siesta aber Durst? ...manchmal hat man Glück und findet einen geöffneten 'Kiosko'

Siesta aber Durst? …manchmal hat man Glück und findet einen geöffneten ‚Kiosko‘

Grido rettet Leben

Oder sogar eine Filiale von ‚Grido Helados‘. Diese können vielleicht keine Leben retten, sicher aber den Tag.

macht keine Siesta, wie die Kleinstadt Chilecito zu seinen Füssen

Bloss einer machte keine Siesta, während die Kleinstadt Chilecito zu seinen Füssen ruhte.

Auch andere beschützen in kleinen Altaren am Strassenrand den Reisenden. Allen voran 'Gauchito Antonio Gil'

Aber auch andere beschützen in kleinen Altaren am Strassenrand den Reisenden…

...allen voran Argentiniens Robin Hood, 'Gauchito Gil'...

…allen voran Argentiniens Robin Hood, ‚Gauchito Gil’…

...dicht gefolgt vom Schutzheiligen der Reisenden, 'San Expedito', und 'Correa Difunta', einer Sagengestalt, zu deren Ehre Wasserflaschen deponiert werden.

…dicht gefolgt vom Schutzheiligen der Reisenden, ‚San Expedito‘, und ‚Difunta Correa‘, einer Sagengestalt, zu deren Ehre Wasserflaschen für durstige Reisende hinterlassen werden.

Diese Beschützer braucht es auch, denn es lauert Gefahr!

Diese Beschützer braucht es auch…

...denn es lauert Gefahr!

…denn es lauerten Gefahren!

Etwas anderes wäre uns auch nicht übrig geblieben, da in diesem Teil Argentiniens die Siesta sehr ernst genommen wird. Von 13 Uhr bis 18 Uhr (oft aber auch 19 oder 20 Uhr!) geht gar nichts. Alle Geschäfte schliessen (ausser Helado Grido) und es kommt zum Stillstand….aus dem sich manche im Laufe des Abends wieder hochrappeln, um etwa nach Mitternacht auf öffentlichen Campingplätzen zu Grillen, saufen, Fussball zu spielen, oder einfach nur im eigenen Auto zu sitzen und bis morgens um drei in Clublautstärke Musik zu hören. Unsere Dankbarkeit für diese Form der Freiheit hielt sich in Grenzen.

Camping Municipal, Angastaco, wo gerade die Weihnachtsfeier des Gemeindewerkhofs stattfand

Bei San José de Jachal verliessen wir die Ruta 40. Parallel verlaufende Strassen zwischen der Cordilliera und der Pre-Cordillera versprachen Ripio (Schotter) und weniger Verkehr, besonders aber auch kühlere Temperaturen und mehr Abwechslung.

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Endlich Abwechslung…

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…Wasser…

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Wir wurden wiederholt gewarnt, dass dort grausige Aufstiege und Endloses Leiden auf uns warten würden. Die Aufstiege waren meist knapp steiler als Flach, belohnten dafür aber mit kurvigen Strassen und einem abwechslungsreich-bergigen Panorama. So etwas abgelenkt erreichten wir Uspallata und damit die Haupttransitstrecke zwischen Argentinien und Chile.