Argentinien & Chile | nach Patagonien

1’700 Kilometer

35 Tage, wovon 12 Tage radfrei, davon 7 Tage wartend

17’859 gefahrene Höhenmeter

2’062 m Maximalhöhe, 0 m Minimalhöhe

Ruta 40
staubige Strassen, heisse Winde und trockene Kehlen

Paso Pichachen
Schotter, Wind und Vulkane – mit einer weiteren Andenüberquerung zurück nach Chile

warten auf Reissverschlussschlitten
DHL, der chilenische Zoll und unsere Geduld

Chiles Seenregion
gezuckerte Vulkane, blaue Seen und eine Nation im Ferienfieber

ROUTE: Manzano Historico – Tunuyan – Pareditas – El Sosneado (über die alte RN40, sehr schlecht, viel Sand) – Malargüe – Barda Blanca – Barrancas – Chos Mal – El Cholar – Moncol (Gendarmeria & Aduanas Argentina) – Paso International Pichachen, Grenze ARGENTINIEN / CHILE (4’602 m) – Los Barros (SAG, Aduanas Chile) – Antuco – Santa Barbara (über Qilleco & Puente Duqueco | Ripio) – Ralco – Troyo – Lonquimay – Curacautin – Temuco – Villarrica – Lican Ray – Panguipulli – Rio Bueno (über Los Lagos | Autopista) – Puerto Octay (Autopista bis Osorno) – Puerto Montt (Autopista ab Frutillar)

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Zick-Zack-Route

DER LANGE WEG NACH PATAGONIEN

Nach knapp einem Monat in Argentinien und Chile hatten wir uns Mitte Dezember im Norden Argentiniens entschieden, weiterhin südwärts zu fahren und Patagonien zu unserem Ziel gemacht. Seither hatten wir über tausend Kilometer in der Hitze Nordargentiniens geschmort, waren in Santiago de Chile gewesen, hatten die Anden zweimal überquert und waren nun zurück in Argentinien. Dies nicht nur, weil wir uns die Überquerung des ‚Paso de los Piuquenes‘ in den Kopf gesetzt hatten, sondern auch, weil wir auf dem Weg nach Süden in Chile viele, viele Autobahnkilometer hätten abstrampeln müssen.

Obwohl sich dies trotzdem nicht ganz vermeiden liess, versuchten wir den spannenst möglichen Weg zu suchen. Dass dieser nicht immer der direkteste war, lässt sich beim Betrachten der Karte leicht erkennen. Diese Etappe wurde für uns zu einem Flickenteppich aus Landschaften, Strassenabschnitten in und zwischen Argentinien und Chile.

Nach vier Tagen ‚Rest and Recreation‘ im kleinen Städtchen Tunuyan, keine 100 km südlich von Mendoza, war es an der Zeit weiter zu ziehen. Unsere Körper schienen sich von den Strapazen des ‚Paso de los Piuquenes‘ einigermassen erholt zu haben, die Räder waren gewartet und die Blasen an den Füssen soweit verheilt.

Time to hit the Road, again. Zur Auswahl stand nur eine: Die ‚Ruta 40‘. Sie wand sich entlang des Andenkamms südwärts und bot wenig Ausweichmöglichkeiten. Tage flossen ineinander, auf heisse Morgenstunden folgten heisse Nachmittage mit sich türmenden Gewitterwolken und zuckenden Blitzen. Die Nächte im Zelt hingegen waren kühl, mal schlaflos auf öffentlichen Campingplätzen (wo man in Argentinien hingeht, wenn man nachts singen, schreien oder saufen möchte!) oder selig schlummernd auf Estancias (Farmen) oder in nächtlichen Verstecken am Wegrand.

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Zurück auf der Ruta 40…

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…mit ihren motivierenden Kilometerangaben. Die verbleibenden Kilometer wohlgemerkt.

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Manchmal Ripio, manchmal geteert, immer aber trocken und karg.

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Die alte Ruta 40 folgt der Kordillera immer in Sichtweite. Irgendwo dort oben, nahe des Cerro Sosneado, zerschellte Ende Oktober 1972 Flug 571 der Uruguayischen Luftwaffe. Es folgte ein monatelanges Drama. Die Überlebenden (Mitglieder einer uruguayischen Rugbymannschaft) ernährten sich an den Verstorbenen. Bekannt aus dem Film ‚Alive‘.

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Sieht ja gar nicht tief aus? War es auch nicht, nur gerade weich und tief genug, dass an Fahren nicht zu denken war.

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Morgens war dann jeweils kein Wölkchen weit und breit in Sicht. So spielten wir im heissen Sand.

Jeden Abend aufs Neue wurden wir auch mit unserem ‚Zeltproblem‘ konfrontiert. Sand und Staub hatten den Reissverschlüssen über Monate stark zugesetzt und einer nach dem anderen wurde von Tag zu Tag unbrauchbarer. Es musste eine Lösung her und wir beschlossen, uns Reissverschlussschlitten schicken zu lassen – nochmals! Der erste Anlauf hätte uns bereits vor Weihnachten in Santiago erreichen sollen, war aber in der Weihnachtspost kläglich untergegangen.

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Auf Estancias (Farmen) fanden wir hinter Hecken Zuflucht vor dem nächtlichen Wind…

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…und wurden bewundert und beäugt!

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Wenn Gewitterwolken aufzogen, verzogen wir uns. Hier am Rande eines Flussbettes nahe ‚El Sosneado‘.

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Danach kamen die Nacht. Stille und die Sterne.

Da wir jedoch ohnehin mit einer verlockend klingenden weiteren Andenüberquerung und zwei Routen durch Chiles Wälder geliebäugelt hatten, passte uns dies ganz gut in die Planung. Wir wollten lieber schöne Routen fahren anstatt südwärts zu drängen – hier fanden wir den perfekten Grund für einen weiteren Schlenker.

So tauschten wir kurz nach Chos Malal ein weiteres Mal die Gewissheit der Ruta 40 gegen die Ungewissheit einer abgelegenen, uns unbekannten aber umso vielversprechenderen Strecke quer über die Anden, über den ‚Paso Pichachén‘, und damit das schnelle Surren unter den Reifen gegen ein langsameres Knirschen. Einzig der Gegenwind blieb uns treu und versuchte uns das Leben auch auf dieser wunderschönen Strecke schwer zu machen. Es gelang ihm, und auch dem abschnittweise tiefen Sand, nicht!

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Wie immer wies uns die Karte den Weg.

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Nach Chos Malal wand sich die Strasse langsam in die Berge hoch. Wir wollten hinauf, der Wind wollte herunter – ein stundenlanger Zweikampf.

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Mit den ersten Sonnenstrahlen waren wir auf der Strasse…

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…und warfen langen Schatten.

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Aber sonst war Schatten rar – trotzdem machte es Spass.

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Seltsame Felsformationen liessen uns staunen, ob als Wand…

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…oder als Felskopf.

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Felsen wie von Kinderhand gestapelt, untermalt von Windgeheul.

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Der Kommandant der ‚Gendarmeria Nacional‘ besuchte gerade alle ihm unterstellten Aussenposten – im Lastwagen. Uns liessen sie deshalb im Dörfchen El Cholar nicht in ihrem Hof campieren. Die Polizei nebenan bot uns dafür ein Zimmer an.

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Señor Turista wird informiert, dass die Grenze naht und er dort kontrolliert werden würde.

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Aber erst noch ein paar Kurven.

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Nach einer Nacht im Pferdestall der Gendarmerie Moncol (hier war der hohe Besuch schon überstanden) waren wir früh auf den Beinen – nicht der Pferde wegen, die schliefen im Freien.

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Die Prognose fiel günstig aus: Wetter gut, Wind gemässigt und zur Grenze fehlen bloss 25 km. Aufwärts.

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Mit der (bescheidenen) Höhe verändert sich im Laufe des Morgens die Landschaft um uns herum. Bäume werden rarer und Schafherden suchen die Wärme der Morgensonne.

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Blick zurück, immer dankbar!

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Die Spitze des weissen Kegel des mächtigen ‚Antuco‘ in der Ferne raubt uns kurz vor der Passhöhe den verbleibenden Atem.

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Es herrschen beste Pistenverhältnisse!

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Auf gerade mal 2’000 m fehlt kurz vor der Passhöhe plötzlich jede Vegetation.

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‚Paso Pichachén‘, Passhöhe und Grenze zwischen Argentinien und Chile

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Gletscher und Vulkane. Neue Welten eröffnen sich. Obwohl es ab hier tendenziell abwärts ging, kamen wir immer schlechter vorwärts. Oft war Stossen angesagt.

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Oben Eis, unten Sand.

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Das Panorama hält uns trotz Mühen bei Laune…und lässt uns unsere Snowboards vermissen.

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Dazwischen gibts Kaffee a la bicicleta: Der verlorene Filter wird erfolgreich durch eine Socke ersetzt. Sieht lecker aus? War es auch!

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Dann wird im Schatten einer Brücke…

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…geschlummert.

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Auch im Wald hinter dem ‚Refugio‘ des chilenischen Militär durften wir schlummern. Der Vorgesetzte servierte uns ‚Sopaipillas‘ (frittiertes Gebäck) und die drei Soldaten spielten den ganzen Tag Tischfussball. Argentinien scheint hier keine Bedrohung darzustellen.

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Nicht alle erreichen das Refugio. Am 18. Mai 2005 gerieten drei Kompanien frisch rekrutierter Soldaten auf einem Übungsmarsch zu eben diesem Refugio in einen Schneesturm. 45 von ihnen fanden bei Temperaturen unter -35 Grad den Tod. Entlang des Weges erinnern heute Tafeln an die Verstorbenen. Für jeden Soldaten eine, jeweils dort wo er gefunden wurde.

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In vulkanischem Sand umrundeten wir den Vulkan Antuco…

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…entlang der halbtrockenen ‚Laguna de las Lajas‘. Im Kampf Nationalpark gegen Wasserkraftwerk gewinnt in Chile immer die Energie. Die Lagune verlor, Wasser.

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Der Weg führte durch unwirkliche vulkanische Schutthaufen gigantischen Ausmasses.

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Sommersaison in Chakay, dem Skigebiet auf der Flanke des Vulkans. Leider falsche Saison für uns.

Mit Antuco in Chile waren wir einmal mehr zurück in der Zivilisation, diesmal der chilenischen. Die Reissverschlussschlitten hatten mittlerweile Santiago de Chile erreicht. Um ihnen etwas Zeit für die Reise an ihren Bestimmungsort Temuco zu geben, schlugen wir sogleich einen Haken zurück in die Berge.

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Eine Kombination aus Waldwegen und Brücken brachte uns von Quillaco nach Santa Barbara.

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In den Pausen luden Wälder zum Spielen ein. Hier wird gerade eine Partie ‚Waldboccia‘ gewonnen.

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Der Maestro und seine Bocciakugel.

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Campingplatz-Nachbarn. In Chile ist campieren Familiensache.

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Noch ein Freund, getroffen in Antuco.

Bald holperte es wieder unter unseren Reifen, geschäftige Städtchen wichen kleinen Mapuche-Siedlungen (den Mapuche, Chiles indigener Bevölkerung, ergeht es ähnlich wie ihren nordamerikanischen ‚Schicksalsgenossen‘) und mit den Höhenmetern wurden aus den Hügeln um uns herum wieder Berge und Vulkane. Irgendwann kam was kommen musste: Das Ende der Schotterstrasse. Also taten wir, was wir am besten zu beherrschen schienen: Schieben. Sogar für unseren Geschmack hatten wir aber in letzter Zeit bereits genug geschoben und änderten am nächsten Morgen nach einigen warnenden, im Nachhinein vielleicht etwas übertriebenen Worten eines Bauers („…dort versenken sie Jeeps in Sand“) unsere Pläne und damit unsere Route.

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Wir folgen dem Rio Bio Bio durch rauschende Wälder und rollende Hügel.

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‚Embalse Ralco‘: Auch hier wird gestaut, aber Widerstand regt sich.

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Das Ende der befestigten Strasse haben wir längst hinter uns gelassen. Für diese Art von Pfaden über diese Art von Hügeln sind wir (unsere Räder!) zu schwer. Wir stossen mit Fassung.

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Was im Winter als Schlamm klebt, staubt uns jetzt Knöcheltief um die Füsse, füllt unsere Schuhe und verleiht uns einen neuen Teint.

Wenige Tage darauf waren wir in Temuco. Das Paket hingegen, so mussten wir feststellen, hing immer noch am Flughafen von Santiago im Zoll fest! Dort wartete es darauf, von uns in einem nervenaufreibeden Kampf gegen DHL befreit und durch Lösegeldzahlungen an den chilenischen Zoll freigekauft zu werden. Der Kampf tobte sieben Tage, bevor wir ihn gewinnen konnten. %@#* DHL!

Erleichtert und mit einem (gefühlt) neuen Zelt machten wir uns auf den Weg südwärts, durch die chilenische Seen-Region.

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Villarrica, Sommer-Hochsaison am Fusse des gleichnamigen Vulkans.

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Puerto Octay, zerfallender Charme.

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Deutscher Einfluss ist überall sichtbar…

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…hier bereits etwas chilenisch.

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Vulkan Osorno.

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Früchte, Chiles Exportschlager, halten uns bei Laune.

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Chiles Seenregion: Vulkane, Seen und viele, viele Touristen.

Möglichst schnell, möglichst gradlinig und möglichst verkehrsarm hatten wir uns diesen Weg vorgestellt, dabei aber die Rechnung ohne den starken Reiseverkehr auf sämtlichen Nebenstrassen gemacht. Zum Glück gab es da noch den schützenden Pannenstreifen der ‚Autopista‘ (Autobahn). In dessen Schutz legten wir schliesslich gut die Hälfte der rund 400 km von Temuco nach Puerrto Montt zurück. An dieser Stelle ein Dankeschön an die chilenische Polizei, die uns bereits nach wenigen Autobahnkilometern beiseite nahm – bloss um uns mit einem Kamerateam zu interviewen, uns mit gelben Leuchtwesten auszustatten und uns eine gute Weiterreise zu wünschen. Puerto Montt haben wir schliesslich gelb leuchtend und bei Sonnenschein erreicht. ¡Muchas Gracias!

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Autopista nach Temuco, noch ohne Leuchtweste.

Fehlt nur noch die GALERIE:

Chile & Argentinien | ‚Paso de los Piuquenes‘

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10 Tage, davon 6 Tage stossend & tragend

122 km, davon 36 km unfahrbar

570 m Starthöhe, 4’389 Maximalhöhe

Radreisen ‚hardcore‘
die brutalsten 36 km unserer Radreise-Karriere

500 m pro Stunde, 5 km pro Tag 
Kampf um jeden Meter

Im Land der Kondore, Felswüsten und Gauchos
die Puna

Route:
Santiago de Chile (570 m) – San Gabriel (1’260 m) – Embalse de Yeso (Stausee) – ‚Termas de Plomo‘ (3’000 m) – Passhöhe ‚Portillo de Piuquenes‘ (4’045 m)
– Refugio ‚Real de la Cruz‘ (2’870 m) – ‚Portillo Argentino‘ (4’380 m) – Manzano Historico

Detaillierte Routenotes findest Du hier.

ÜBER DEN ‚PASO DE LOS PIUQUENES‘ VON CHILE NACH ARGENTINIEN

Wenn man tagelang über den schnurgeraden, glühend heissen Asphalt der argentinischen ‚Ruta 40‘ strampelt, wünscht man sich oft nichts sehnlicher als Abwechslung. Wie liesse sich diesen Geraden entfliehen, wo eine spannendere Route finden? Nach dem Studium einer Liste aller Grenzübergänge zwischen Chile und Argentinien stiessen wir auf den kleinen ‚Paso Piuquenes‘. Über ihn kehrte das, von ‚Libertador‘ General José de San Martin angeführte ‚Ejercíto de los Andes‘ (Armee der Anden) nach unzähligen Schlachten gegen die spanischen Kolonialmacht aus Chile nach Argentinien zurück.

Dabei hatten sie es anscheinend versäumt, eine Strasse zu bauen. Auf allen Karten und auch im Internet war keine Spur auch nur eines Weges auffindbar. Ausser Höhenlinien herrschte gähnende Leere. Etwas Recherche ergab jedoch, dass argentinische Anbieter die Überquerung zu Pferd als mehrtägige Tour anboten. ‚Cruze de Los Andes San Martinense‘. Pferdetrecking also. Wo Pferde und Armeen durchkommen, da kommen wir ja wohl auch durch – dachten wir, informierten uns bei der ‚Policia de Investigaciones‘ über die Grenzformalitäten, fanden im Internet eine grobe Karte und Eckdaten der Route und packten Proviant für eine Woche ein.

Für die Statistiker hier eine Auflistung aller Köstlichkeiten:
1,6 kg Spaghetti
1, 5 kg Polenta
2 Portionen Kartoffelstock
15 Instantsaucen / -suppen
6 Instant-Nudelsuppen
10 Brötchen
10 ‚Tortas‘ (harte Brötchen)
8 Packungen Kekse
5 Äpfel
2 Pfirsiche
1 Glas Erdnussbutter
1 Packung ‚Dulce de Leche‘
12 Müsliriegel
6 Schokoriegel
2 Packungen Erdnüsse
1 Packung Mandeln
1 Packung Gummibären

Mit entsprechend vollen Taschen, zwei neuen Felgen und frisch gewarteten Rädern – darüber liesse sich eine eigene Geschichte erzählen – verliessen wir Santiago de Chile am Nachmittag des 2. Januar 2015 mit Blick auf die Kordillera.

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Als wir Santiago de Chile in Richtung der Berge verliessen…

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…waren wir damit nicht alleine. Die halbe Stadt schien im nahen ‚Cajon de Maipo‘ ihre Zelte aufzuschlagen.

Die Berge, in diesem Fall die Anden, riefen und nach einer Stunde im Verkehrsjungel der Grossstadt liessen wir diese hinter uns und begannen den Anstieg, der uns von 570 auf über 4’000 m bringen sollte. Dafür hatten wir drei Tage gerechnet, die Rechnung aber ohne die ‚Carabineros‘ (Polizei) gemacht, welche am nächsten Morgen in San Gabriel, dem letzten ‚Ort‘ vor der Grenze, unsere Ausreisepapiere erledigen und unsere Pässe stempeln mussten. Dies taten sie, mussten aber erst in Santiago abklären, ob wir denn auch wirklich ausreisen durften. Wir durften, aber erst fünf Stunden später.

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Ab San Gabriel war Ripio (Schotter) angesagt.

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Langsam stiegen wir höher und höher.

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Auch die Berge um uns herum wurden höher.

Die Warmwasser-Tümpel ‚Termas de Plomo‘ (3’000 m) im Nationalpark ‚Parque Valle del Yeso‘ erreichten wir mit etwas Trödeln am Nachmittag des 4. Januar. Hier hatten wir ganz offensichtlich das Ende der Strasse erreicht und die Talsohle ging ringsum beängstigend schnell in steile Hänge und mächtige Bergketten über. Mit den Augen die Hänge absuchend versuchten wir erfolglos einen Weg auszumachen. Auf Nachfrage bei einem Parkwächter wurde klar weshalb: Es gab keinen! Diesen müsse man sich selbst suchen, so der gute Mann. Weiter oben würden wir dann aber auf einen alten, breiten Weg treffen, der uns problemlos zum ‚Portillo de Piuquenes‘, dem ersten Pass dieser Andenüberquerung und gleichzeitig der Grenze zu Argentinien, bringen würde. Danach ging es flach weiter und nach einem zweiten kleinen Pass wären wir dann drüben. Mit dem Rad 2 1/2 Tage. Dies klang beinahe zu gut, da wir mit etwa vier Tagen gerechnet hatten.

Der Start ins grosse Abenteuer gelang am nächsten Morgen dann nicht sehr elegant. Es galt nämlich, den Rio Yeso, der die ganze Nacht keine 50 m neben unserem Zelt gerauscht hatte, zu überqueren. Bloss nicht hier, sagte man uns: Zu gefährlich! Weiter unten, so sagte man uns, wäre es besser. Bloss, sagte man uns, könnten wir dann mit den Rädern den Weg weiter oben nicht mehr erreichen. Nach etwas Bedenkzeit durchwateten wir den Oberschenkel-tiefen Fluss erst mit einem Rad, dann mit dem zweiten und dann mit Gepäck. Problemlos, abgesehen von der Temperatur des Wassers. Dieses war so kalt, dass einem bereits nach wenigen Schritten schlecht davon wurde (klingt lustig, war es aber nicht) und wir im Anschluss eine halbe Stunde brauchten, um unsere Füsse auf marschtaugliche Betriebstemperatur zu wärmen. Wir waren noch keine 20 m gekommen! Was folgte war nicht viel ermutigender. Die nächsten sechs Stunden zerrten, schoben und hoben wir unsere schwer bepackten Räder diagonal, erst ‚querfeldein‘ und später auf einem schwach erkennbaren Pfad über eine Bergflanke hoch.

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Wir schoben und zerrten.

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Widersprüche

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Endlich ein Pfad ersichtlich – aber welch einer!

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One more to go!

Gegen vier Uhr erreichten wir den als breit beschriebenen ‚Camino de los Arrieros‘, den Pfad der Maultiertreiber. Bei dessen Anblick wurde klar, dass dieser Aufstieg nicht in ein paar Stunden zu bewältigen war! Wir machten das Beste daraus, stellten unser Zelt auf, genossen bis zum Sonnenuntergang (ca. 21 Uhr) die gewaltigen Kulisse und beobachteten Kondore, wie sie über uns ihre Kreise zogen. Wir hatten knapp drei (!) Kilometer zurückgelegt.

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In den steilen Hängen suchten Kühe nach Grünzeug.

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Robin fand Erholung.

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Und unser herrlicher Campspot mit Blick auf den bevorstehenden Aufstieg – furchteinflössend.

Das steile Zick-Zack des Pfades liess uns am nächsten Morgen keine andere Wahl, als für den Aufstieg zum Pass auf vereinte Kräfte zu setzen. Wir schoben und zerrten erst ein bepacktes Fahrrad zwei bis drei Kehren hoch, nur um dann dieselbe Prozedur mit dem zweiten Rad zu wiederholen. Eine mühsame und zermürbende Angelegenheit. Wir nahmen es mit Humor, genossen die Bergwelt um uns herum und kämpften uns Stunde um Stunde um Stunde höher den steilen Hang hinauf. Diese verlängerte sich dabei jeweils beim Erreichen einer Kuppe um weitere, endlose Kehren. So wurde der Aufstieg länger und länger, wir müder und müder und der Wind immer stärker. Orkanstärke Windböen fegten uns teils fast um und machten uns, je höher wir kamen immer mehr Angst. Obwohl uns die Kräfte ausgingen, kämpften wir wie ferngesteuert weiter. Schliesslich, nach endlosen sechseinhalb Stunden und rekordverdächtigen drei Kilometern standen wir im schmalen Durchgang durch die Bergflanke, ‚Portillo de Piuquenes‘, genannt. Auf 4’045 m, sechshundert Meter höher, als wir am Morgen aus dem Zelt gekrochen waren.

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Blicke zurück motivierten.

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Hier war Teamarbeit gefragt – Juntos podemos: Achtung, fertig, los! Schieben!

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Ganz schön steil zum Radfahren oder -stossen!

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Während wir immer höher steigen ziehen Wolken auf.

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Doch unsere Aufmerksamkeit galt meist dem nächsten Schritt, dem nächsten Meter.

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Immer wartete die selbe Arbeit nochmals auf uns. Also wieder zurück auf Feld eins.

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Wir trotzten dem Sturm.

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Schneespitzen – Zeugen des ewigen Windes.

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Trotz Erschöpfung lachten wir …und hielten die Angst vor einem heftigen Wetterumschwung damit in Schach.

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Passhöhe ‚Portillo de Piuquenes‘, 4’045 m, die Arbeit ruht, der Sturm nicht.

Der Abstieg fiel etwas einfacher aus und nachdem wir die ersten steilen Meter gehend überwunden hatten, konnten wir sogar zwei oder drei Kilometer fahren, beziehungsweise holpern.

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Im Abstieg. Pfad ja, bloss wo?

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Dann aber doch immer wieder fahrbare Meter.

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Manchen machte dies Angst!

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Wir aber genossen die Blicke auf die gewaltigen Berge und Felsformationen.

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Gletscher schienen in der Ferne Berge zu verschlingen….und unsere Kamera begann Schwächen zu zeigen.

Gegen 17 Uhr, auf der Talsohle auf ungefähr 3’400 m angekommen, überquerten wir in einem letzten Kraftakt ein kleines aber steiles Flusstal. Dies unter den aufmerksamen Blicken einer, in der Nähe campierenden Horde Priestern in wallenden schwarzen Gewändern – eine, in dieser endlosen, menschenleeren Wildnis, ziemlich surreal Erfahrung!
Zeit, das Zelt aufzuschlagen – ausser Sichtweite natürlich!

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Nach erfolgreicher Abfahrt vom ‚Portillo de Piuquenes‘, angekommen im Paradies. Jenes liegt in diesem Fall bereits in Argentinien.

Der dritte Tag hielt den versprochenen flachen Teil („dort könnt ihr alles fahren“) für uns bereit und zu Beginn konnten wir tatsächlich fahren – einige hundert Meter. Schon bald aber zwangen uns weicher Sand und grosse Steine wiederum neben die Räder. Den Rest des Tages verbrachten wir zunehmend mutloser damit, unsere Drahtesel durch Meere Fussballgrosser Steine zu hieven, sie durch tiefen Sand zu zerren oder In regelmässigen Abständen durch schmerzhaft kalte Flussläufe zu waten. Spassfaktor: Mässig. Zurückgelegte Kilometer: 12

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Hinaus durch das Tal des ‚Rio Palomares‘. Die Landschaften bleiben spektakulär.

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Der Pfad, obwohl flacher, birgt immer wieder Überraschungen.

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Auch die Kulisse stimmt.

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Flussüberquerungen, auch die Schuhe wollten trocken bleiben.

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Singletrack! …leider versteckten sich im hohen Grass So viele Gesteinsbrocken, dass wir alle paar Meter mit den Pedalen anschlugen. Unfahrbar und tödlich für Material und Moral.

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Colateral Damage – Flaschenhalter an den Gabeln fielen versteckten Steinen zum Opfer.

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Wenn das Gras wich, blieben die Steine – grosse und kleine.

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Hinter jedem Hügel wartete eine neue Herausforderung: Steine, Flüsse, Schluchten,….

Bereits um 15 Uhr erblickten wir unser Tagesziel, das Refugio ‚Real de la Cruz'(2’870 m). Leider trennte uns davon ein Fluss, Rio Tunuyan, vor dessen durchquerung zu Fuss wir bereits mehrmals ausdrücklich gewarnt worden waren. Es blieb uns also nichts anderes übrig als unser Zelt aufzustelllen und zu warten. Hilfe, zu Pferd, war vor dem nächsten Morgen unwahrscheinlich. Dass keine drei Stunden später einige, relativ unfreundliche Arrieros mit einer Gruppe argentinischer Pferdetrekking-Touristen im Schlepptau erschienen und uns gegen ein saftiges Entgelt über den Fluss setzten, war pures Glück.

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Erste Blicke auf das, als kleiner Punkt erkennbare und vorderhand unerreichbare, Refugio ‚Real de la Cruz‘.

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Den Gauchos sei Dank!

Die Mannen des argentinischen Militärs, unter dessen Obhut die Berghütte stand, erlaubten uns, unser Zelt windgeschützt direkt vor dem Refugio aufzustellen. Nach anfänglichem Argwohn Seitens der rund 40 Gästen und Cowboys, gewann die Neugier Überhand. Allgemeine Verblüffung machte sich breit. Hatten es diese zwei ‚Locos‘ wirklich mit diesen schweren Fahrrädern und dem Gepäck über den ersten Pass geschafft? Und wohin wollten sie?! …weiter über den nächsten, noch viel, viel schlimmeren Pass?! Aus Verblüffung wurde Mitleid mit dem uns bevorstehenden Leid und uns wurde dabei entsprechend mulmig. Würde es wirklich so schlimm werden? Über den nötigen Zeitaufwand zur Passhöhe gingen die Meinungen auseinander. Von „vier Stunden zu Fuss“, „höchstens sechs Stunden zu Fuss“ über „drei Stunden zu Pferd oder Maultier“ bis hin zu „abwärts in drei Stunden mit Kühlschrank auf dem Rücken“ war alles dabei. Wir rechneten nach der Erfahrung der letzten Tage vorsichtshalber mit zwei Tagen. Solange würde auch unsere Verpflegung reichen.

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Noch ein letztes Foto, dann ziehen wir ins Verderben. Die Jungs hatten Mitleid. Sie sind jeweils für 20 Tage hier oben eingeteilt. Zu viert.

Nach dem Hissen der argentinischen Fahne und dem gemeinsamen ‚Singen‘ – sprich Murmel und Husten – der Nationalhymne galt es ernst. Wie ernst wurde uns klar, als wir eine Stunde schwerer Schufterei später noch keine 500 m zurückgelegt hatten. Der Pfad war steil, bestand aus einer Mischung aus Sand und Felsbrocken in allen Grössen und wurde zudem täglich durch unzählige Hufe aufgelockert. An Fahren war erst fünf Stunden und zweieinhalb Kilometer später zu denken. Das Vergnügen dauerte gerade mal 300 m. Dann änderte sich die Landschaft und wir tauchten in eine mit Matschpartien gespickte Welt aus noch grösseren Felsbrocken ein.

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Zermürbender Blick zurück. Nach zwei Stunden Arbeit sind wir noch keinen Kilometer Luftlinie vom Refugio (unten im Tal) entfernt.

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Wieder kommt Freude auf: 300 m – Downhill!

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Dafür müssen wir dann mit endlosem Taschen- und Räderschleppen bezahlen.

Dreieinhalb Kilometer weiter und sieben Stunden später (erkennt jemand ein Muster?) kam noch starker Wind dazu und es reichte uns. Hinter einer kleinen Steinmauer (zur Hälfte selbst gebaut) suchten wir Schutz vor den tosenden Luftmassen. Als ob wir nicht schon selbst gemerkt hätten, dass es schwierig war, wurden wir von vier fröhlichen chilenischen Wanderern obendrein mit einem ominösen „Ihr werdet noch mindestens fünf Tage brauchen! Habt ihr soviel Nahrung?!“ motiviert. Nur mit Wanderstöcken bewaffnet hatten sie gut lachen, ihr Gepäck hatte uns bereits Stunden zuvor auf sechs (!) Maultieren passiert.

Dem vielen Gelächter und der fröhlichen Schufterei der letzten Tage zum Trotz hatten sich in uns Zweifel und Ängste breitgemacht. Die Puna war eine harte und potentiell gefährliche Wildnis. Dies hatten wir gewusst, uns im Vorfeld damit beschäftigt und die Konsequenzen abgewogen. Wir mögen zwar abenteuerlustig und risikofreudig sein, aber Narren sind wir nicht. Trotzdem nagten nun Zweifel. Würden wir es schaffen? Was wenn nicht? Wie lange gaben wir uns noch Zeit? Hatten wir wirklich genügend Nahrung? Da uns täglich mindestens eine Gruppe mit Pferden passierte, würden wir wohl kaum hier oben verhungern müssen und könnten diese um Hilfe bitten. Was aber im Falle eines Unfalls? Knochenbrüche? Was, wenn Daina wieder ernsthafte Probleme mit der Höhe bekommen sollte? In diesem Gelände war an einen schnellen Abstieg nicht zu denken. All diese Gedanken kamen mit der Erschöpfung einher und waren oft schwierig in Schach zu halten.

Trotzdem begann jeder Morgen wieder motivierend, voller Gelächter und mit freude über die unglaubliche Natur in der wir uns befanden. Wir freuten uns etwa, wenn wir wieder 200 m zurückgelegt hatten oder sich Blicke auf eine bisher versteckte Bergkette oder einen gewaltigen Gletscher auftaten.

Der Weg aber wurde mit jedem Meter steiniger. Die sich scheinbar endlos erstreckenden Geröllhalden vor uns, machten das Schieben der Räder auch zu zweit unmöglich und zwang uns, unsere Strategie zu ändern. Anstatt zu zweit jeweils ein Fahrrad zu schieben, trugen wir jetzt meist erst das Gepäck voraus, suchten dabei nach dem besten Weg und kehrten dann zurück, um die Räder zu tragen, zu schieben und zu zerren.

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Taschenschleppen wird zur lästigen Gewohnheit.

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Der Pfad windet sich das schmale Tal hinein. Ist er auch vorübergehend steinfrei und relativ flach, so macht ihn der Sand für uns unfahrbar – hätten wir doch ‚fette‘ Reifen.

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fahrbar? Einen Versuch ist’s immer wieder wert! Leider drängen sich nach und nach immer mehr Steine auf den Weg.

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Geröllhalde! Wird es noch schlimmer werden?

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Aber wir zeigen uns unbeeindruckt: Kopf runter und durch.

Gegen Abend des zweiten Tages im Aufstieg zur ‚Portillo Argentino‘ genannten zweiten und letzten Passhöhe wurde klar, dass diese, auch an diesem Tag ausser Reichweite war. Glücklicherweise hatte uns beim Refugio ein Soldat voller Mitleid einige Packungen Keckse und einen Sack voller (Alt-) Brot zugesteckt. Genau diese liessen uns jetzt noch einen Tag länger durchhalten und wir schlugen, zwischen den überall verstreuten Knochen von den Verhältnissen zum Pfer gefallenen Pferden und Maultieten, bereits in Sichtweite des ‚Portillos“ ein weiteres Mal unser Zelt auf. Wir hatten fast sechs Kilometer zurüch gelegt.

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Berge, Steine, Knochen – wer möchte da nicht campieren? Die ganze Nacht donnerten auf der anderen Talseite Felsbrocken zu Tal.

Am nächsten Morgen um acht setzten wir dann nochmals frisch motiviert und mit letzter Hoffnung zum Sturm auf die, so lange herbeigesehnte, Passhöhe an. Nochmals wurden die Steine grösser, der ‚Pfad‘ nicht bloss schwieriger, sondern auch schwieriger zu finden, der Wind kälter uns nach und nach waren wir von immer mehr Schneefeldern umgeben.

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Die letzten Kilometer wateten wir durch ein Geröllmeer mit hohen Wellen und Sturm.

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Geröll in rauen, strengen Mengen!

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Autobahnen dieser Art sorgten beinahe für Freudentaumel, das Panorama sowieso!

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Ein Getaumel anderer Art wurde jedoch immer mehr zur Regel.

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Auch hier wieder, stumme Zeugen der rauhen Winde.

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Liegeräder: Seit Tagen schon blieben unsere Seitenständer unbenutzt.

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Fels-Allee der besseren Art: Aussen grob und innen ‚fein’….so fein, dass man sich an den kleinen ‚Steinchen‘ locker die Knöchel wundschlagen konnte.

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Nicht alle kamen hier heil raus. Dieser Pferdekopf (unten!) trägt immer noch Hautfetzen.

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Auch nach vier Stunden nimmt die Felswüste kein Ende.

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Weit oben ist das Portillo als kleine Kerbe in der Wand bereits erkennbar.

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Auf über 4’000 m, für die Anden nicht sehr hoch, ohne Strasse jedoch schon.

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Beeindruckend!

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Spass gibt Kraft für den Sturm zum Gipfel – Wir spielen Schneefresser!

Schliesslich, gegen zwei Uhr nachmittags, standen wir unterhalb des ‚Portillo Argentinos‘. Es galt nur noch ein paar letzte, steile Zick-Zack-Kehren und dann eine haarstäubend schmale, exponierte Traverse durch eine steile Bergflanke zu bewältigen. Jetzt bloss keine Fehltritte, sagten wir uns, trugen zuerst das Gepäck die verbleibenden knapp 500m hinauf und kehrten dann ein letztes Mal zu unseren Rädern zurück, um diese, von starken Windböen begleitet Schritt für Schritt für Schritt durch den Hang zu führen.

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Bevor wir in die letzte Traverse einbiegen…

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…warten noch fünfzig höhenmeter Zick-Zack!

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Die Ausblicke nach unten schön, der Aufstieg nach oben brutal.

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Daina in der letzten Traverse. Erst mit Gepäck…

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…dann mit Rad.

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Schritt für Schritt für Schritt führen wir unsere Lastesel durch diesen Friedhof der Lasttiere.

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Jetzt bloss nicht abrutschen!

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Falta poco – aber der Weg direkt unter dem Portillo zerfällt mit jedem Meter mehr!

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Letzte, kräfteraubende aber bereits emotionale Meter!

Und dann standen wir im schmalen Felskanal des Portillo Argentino. Siiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!
Wir hatten es geschafft, hatten, allen Widrigkeiten zum Trotz, durchgehalten und dabei nicht nur zwei Pässe und Heerscharen von fiesen Steinen und hinterlistigen Felsbrocken überwunden, sonder auch unsere Ängste, Sorgen und inneren Feiglinge besiegt!

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‚Portillo Argentino‘, 4’380 m

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Gipfelfoto am Portillo Argentino. Glück, Stolz, Erleichterung und Erschöpfung.

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Endlich alle oben! Ab jetzt mussten Gramali & Pequeño wieder arbeiten und Lasten tragen.

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Das Sammelsurium im Schrein auf der Passhöhe erzählen Geschichten.

Wer aber hinaufsteigt muss auch wieder herunterkommen. Der Abstieg auf der Rückseite des Portillos war zwar für etwa einen Kilometer steil und teils exponiert, doch waren wir nicht mehr zu stoppen und erreichten schliesslich, sechs Tage nachdem wir bei den ‚Termas de Plomo‘ in Chile jede Art von Strasse hinter uns gelassen hatten, wieder eine Strasse. Wir hatten in dieser Zeit 2’500 Höhenmeter und mickrige aber brutale 36 km zurückgelegt – mindestens die Hälfte davon dreifach und 99% zu Fuss.

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Hinter dem Portillo: Die lange herbeigesehnte Strasse und die argentinische Pampa.

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Schotter überall. Freeride-Abstieg vom ‚Portillo Argentino‘.

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Nach sechs Tagen Wildnis endlich Strasse!

Das Abenteuer war vorbei – wenigstens fast. Wie in Trance rasselten wir erschöpft und total ausgelaugt über die Schotterstrasse zu Tal, genossen es einfach fahren zu können und wie immer löste sich die ganze Anspannung unmerklich in Luft auf. Übrig blieb eine riesige Erleichterrung, Stolz…und eine merkwürdige Leere. Nochmals stellten wir, kurz vor Erreichen des argentinischen Grenzpostens unser Zelt auf und verbrachten eine weitere Nacht in den Bergen. Als wir am nächsten Morgen im ersten Dorf Manzano Historico, auf nur noch 1’710 m einrollten, war von unseren Vorräten gerade noch ein einziger Getreideriegel übrig. Sonst nichts mehr, kein Zucker, kein Kaffee, kein Salz.

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Alles hat ein Ende.
Manzano Historico: Bienvenidos a la civilización argentina!

….und hier wieder die Galerie:

Argentiniens Ruta 40 | von Hitze, Pisten & Asphalt

1’421 Kilometer

30 Tage, davon 10 Tage nicht im Sattel

4’966 MüM Maximalhöhe

Ups & Downs

Abra del Acay (4’966 MüM) – noch ein Pass
Grido – Eiscreme motiviert
Argentinos – freundliche Menschen
Ruta 40 -brütende Hitze & endlose Geraden
Material – 1 gespaltene, durchgebremste Felgen
die Siesta – ein Land steht still

Route: San Antonio de los Cobres – Abra del Acay (4’966 MüM) – Cachi – Molinos – Angastaco – Cafayate – Cafayate – Santa Maria – Belén – Andolucas – Chilecito – Villa Unión – Huaco – San José de Jáchal – Rodeo – Iglesia – Bella Vista – Tocota – Villa Nueva – Calingasta – Barreal – Uspallata – las Cuevas – Tunel Cristo Redentor – Los Libertadores (Grenze Chile)– Los Andes – Calle Larga – Santiago de Chile (via Autopista 57)

ARGENTINIENS ‚RUTA 40‘

Gerne wären wir auch weiterhin über die Puna geholpert, entschieden uns aber aufgrund der prekären Situation mit unseren (beinahe) durchgebremsten Felgen für die ‚Ruta 40‘ – oder einfach ‚la Cuarenta‘.

Obwohl wir eigentlich einen Bogen um Pässe machen wollten, konnten wir es doch nicht sein lassen. Nach zwei Ruhetagen in San Antonio de los Cobres (3’760 MüM) nahmen wir den ‚Abra del Acay‘, Argentiniens höchsten Pass (offiziell 4’601 MüM, inoffiziell 4’966 MüM), in Angriff und trafen schon wenige Kilometer ausserhalb San Antonios auf die ‚Cuarenta‘, die die nächsten knapp 300 km ungeteert und somit beinahe verkehrsfrei.

erste Meter auf der Ruta 40

Erste Meter auf der Ruta 40, der Aufstieg begann…

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…forderte seine Pausen…

kurvenreicher Weg zum Abra del Acay

…hatte seine Kurven….

letzte Meter, die Luft wird dünner

…und während die Luft dünner und die Wolken dunkler wurden, kamen wir der Passhöhe näher.

Abra de Acay, Argentiniens höchster Pass

…bis es nicht mehr höher ging: Abra del Acay, mit 4’966 MüM Argentiniens höchster Pass

Nach einem Aufstieg über 32 km und 1’200 Höhenmeter wurden wir auf der Passhöhe von einem eiskalten Wind empfangen. Mit einer anfangs sehr steilen, sehr langen und sehr holprigen Abfahrt durch das atemberaubend vielfältige Valle de Calchaquis verloren wir in 169 km über 3’000. Dank unanständig vielen Gegensteigungen kamen wir über diese Distanz aber trotzdem auf fast ebensoviele erfahrene Höhenmeter und durchquerten entsprechend viele Vegetationsstufen. Aus felsig-karg auf der Passhöhe wurde bald felsig-bunt, dann staubig-wildwest und schliesslich sandig-weinbergig. Die wärmeren – sprich heissen – Temperaturen waren nur ein Vorgeschmack auf die nächsten Wochen.

erste holprige Meter in der Abfahrt

Hinter der Passhöhe dann eine andere Welt…

noch hoch über der Baumgrenze

…und immer noch hoch über der Baumgrenze…

Kurve um Kurve um Kurve, dazwischen sind Flüsse zu überqueren

…ging es Kurve um Kurve um Kurve hinab und wir entschieden uns nach einer Stunde, in den Mauern eines verfallenen Hauses Zuflucht zu suchen.

bereits 2'000 m tiefer - langsam wird es grün und heiss

Am nächsten Morgen – bereits 2’000 m tiefer und nachdem wir durch eiskalte Flüsse gewatet waren – wurde es immer grüner und heisser.

spendet uns Schatten

Erste Dörfer mit Kolonial angehauchtem Flair erwarteten uns…

erste Sichtung der berühmten argentinischen Steaks

..und wir konnten die erste Sichtung berühmter argentinischer Steaks verzeichnen.

wildwest al argentino

Wildwest-Atmosphäre

Kampf gegen die Hitze

Und der Kampf gegen die Hitze begann!

Die oft rauen Verhältnisse der ‚Cuarenta‘ und stark schwankenden Temperaturunterschiede setzten unserem ohnehin angeschlagenen Material zu. Robins Hinterradfelge war das erste Opfer und begann sich am zweiten Tag (bei Cachi) in der Mitte zu spalten. So angeschlagen erreichten wir nochmals drei Tage später die Weinregion um Cafayate. Für Wein blieb leider wenig Zeit.

Aufstehen wird mit kühleren Temperaturen belohnt

Aufstehen wurde mit kühleren Temperaturen…

Felsen, Flüsse und die Kordillera

…und guten Aussichten belohnt.

Papageien. Sie fliegen in Schwärmen und machen Radau

Papageien fliegen und lärmen in Schwärmen.

Stunde um Stunde folgt Hügel auf Hügel

Stunde um Stunde folgte Hügel auf Hügel…

...noch eine Felskamm

…Felskamm auf Felskamm…

und noch einer...

…auf Felskamm…

...auf Felskamm.

…auf Felskamm.

Auf der Suche nach passenden Felgen waren wir bereits in Chile von San Pedro mit dem Bus in die 100 Km entfernte Stadt Calama gefahren, bloss um uns relativ unfreundlich sagen zu lassen, dass Felgen dieser Dimensionen (26″ / 32 Loch / V-Brake) hier nicht aufzutreiben wären. Diesmal fuhren wir mit dem Bus in die knapp 200 km entfernte Stadt Salta. fanden wenigstens eine passende Felge und bekamen diese auch ins mitgebrachte Vorderrad eingebaut. Nach unserer Rückkehr nach Cafayate stellten wir aber fest, dass die Felge so schlecht eingespeicht war, dass sie dauernd an der Bremse anstand. Also folgte der erste von vielen Gängen zum freundlichen lokalen Radflicker Elio.

Nach einer geschlagenen Woche verliessen wir Cafayate etwas frustriert mit einem neuen, guten Hinterrad und zwei schnittigen, schlecht passenden Vorderrädern vom Typ ‚Houston 502‘. Aber Houston, we have a Problem! Die Felgen waren instabil und unsere Speichen eigentlich zu lange dafür. So sahen wir von weiteren Umwegen ins raue Gelände (meist) ab und nahmen möglichst schnell die gut 1’300 km nach Santiago de Chile im Angriff.

schönes exemplar einer argentinischen Geraden

Nach Cafayate war die Ruta 40 (hier bei Belén) geteert und die Landschaft weniger spektakulär.

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Die Strasse war oft gerade…

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…stundenlang gerade…

Die 40 war oft gerade, aber selten flach...

…manchmal auch sandig…

...aber selten flach.

…aber selten flach.

Der Weg dorthin war lange und, solange wir der Cuarenta folgten, wenig abwechslungsreich. Eine endlose Gerade löste nach einer Stunde oder drei die nächste ab, auf die irgendwann wieder eine Andere folgte. Gegen 10 Uhr wurde es heiss und mit der Hitze setzte ein Gegenwind ein, der einem spätestens um 13 Uhr bei geöffnetem Mund den Kopf von innen zu rösten drohte. Dies war das Signal, um unter einer der wenigen, schattenspendenden Akazien eine Mittagspause einzulegen, im Anschluss in ein einstündiges Hitzekoma zu fallen und sich anschliessend nochmals ein paar Stunden im Fahrt- und Gegenwind braten zu lassen.

Ruta 40, oft nicht so idyllisch wie ihr Name vermuten lässt

Oft nicht ganz so idyllisch wie ihr, durch Che Guevaras ‚Motorcycle Diaries‘ zu Ruhm gekommener, Name vermuten lässt…

...dafür umso heisser!

…wurde die Ruta 40 Mittags zum Ofen.

...aber ob diese Messung wirklich stimmt?!

…die oft unerträglich drückend war. Aber ob das Thermometer hier nach der Mittagspause nicht etwas übertrieb?

auch andere suchen Schattenplätze

Aber auch abgesehen von Zahlen: Es war heiss!

So fielen wir in einen Rhythmus von durchschnittlich 110 Tageskilometern. Genau richtig, um Nachmittags in einem kleinen Nest anzukommen und bei ‚Grido‘, der weitverbreiteten Eiscremekette unseres Vertrauens, etwas abzukühlen.

Siesta aber Durst? ...manchmal hat man Glück und findet einen geöffneten 'Kiosko'

Siesta aber Durst? …manchmal hat man Glück und findet einen geöffneten ‚Kiosko‘

Grido rettet Leben

Oder sogar eine Filiale von ‚Grido Helados‘. Diese können vielleicht keine Leben retten, sicher aber den Tag.

macht keine Siesta, wie die Kleinstadt Chilecito zu seinen Füssen

Bloss einer machte keine Siesta, während die Kleinstadt Chilecito zu seinen Füssen ruhte.

Auch andere beschützen in kleinen Altaren am Strassenrand den Reisenden. Allen voran 'Gauchito Antonio Gil'

Aber auch andere beschützen in kleinen Altaren am Strassenrand den Reisenden…

...allen voran Argentiniens Robin Hood, 'Gauchito Gil'...

…allen voran Argentiniens Robin Hood, ‚Gauchito Gil’…

...dicht gefolgt vom Schutzheiligen der Reisenden, 'San Expedito', und 'Correa Difunta', einer Sagengestalt, zu deren Ehre Wasserflaschen deponiert werden.

…dicht gefolgt vom Schutzheiligen der Reisenden, ‚San Expedito‘, und ‚Difunta Correa‘, einer Sagengestalt, zu deren Ehre Wasserflaschen für durstige Reisende hinterlassen werden.

Diese Beschützer braucht es auch, denn es lauert Gefahr!

Diese Beschützer braucht es auch…

...denn es lauert Gefahr!

…denn es lauerten Gefahren!

Etwas anderes wäre uns auch nicht übrig geblieben, da in diesem Teil Argentiniens die Siesta sehr ernst genommen wird. Von 13 Uhr bis 18 Uhr (oft aber auch 19 oder 20 Uhr!) geht gar nichts. Alle Geschäfte schliessen (ausser Helado Grido) und es kommt zum Stillstand….aus dem sich manche im Laufe des Abends wieder hochrappeln, um etwa nach Mitternacht auf öffentlichen Campingplätzen zu Grillen, saufen, Fussball zu spielen, oder einfach nur im eigenen Auto zu sitzen und bis morgens um drei in Clublautstärke Musik zu hören. Unsere Dankbarkeit für diese Form der Freiheit hielt sich in Grenzen.

Camping Municipal, Angastaco, wo gerade die Weihnachtsfeier des Gemeindewerkhofs stattfand

Bei San José de Jachal verliessen wir die Ruta 40. Parallel verlaufende Strassen zwischen der Cordilliera und der Pre-Cordillera versprachen Ripio (Schotter) und weniger Verkehr, besonders aber auch kühlere Temperaturen und mehr Abwechslung.

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Endlich Abwechslung…

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…Wasser…

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Wir wurden wiederholt gewarnt, dass dort grausige Aufstiege und Endloses Leiden auf uns warten würden. Die Aufstiege waren meist knapp steiler als Flach, belohnten dafür aber mit kurvigen Strassen und einem abwechslungsreich-bergigen Panorama. So etwas abgelenkt erreichten wir Uspallata und damit die Haupttransitstrecke zwischen Argentinien und Chile.

Sobald wir die Ruta 40 verlassen haben warten Stauseen...

Abseits der Ruta 40 warteten Stauseen…

...weite Täler...

…weite Täler…

...Blick auf die Cordillera...

…dunkle Wolken…

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…Blicke auf die Cordillera…

...und viel 'Ripio' (Schotter) auf uns.

…und viel ‚Ripio‘ (Schotter) auf uns.

Aber weiterhin folgt Gerade...

Aber weiterhin folgte Gerade…

...auf Gerade...

…auf Gerade…

....auf Gerade.

….auf Gerade.

Blumen...

Blumen…

...seltsame Tiere...

…seltsame Tiere…

...blühende Kakteen...

…blühende Kakteen, gross…

...und klein...

…und klein…

...Glücksbringer...

…Glücksbringer…

...und sogar das Croc-Muster unserer Füsse hielten uns bei Laune.

…und sogar das Croc-Muster unserer Füsse hielten uns bei Laune.

Wir sind jedoch nicht immer die einzigen Radfahrer

Und manchmal hatten wir auch Gesellschaft.

Der Verkehr war allerdings weniger stark als erwartet und die Lastwagen meist einigermassen rücksichtsvoll. Besonders aber waren die 90 km etwas über 1’000 Höhenmeter bis zum Tunnel eine Augenweide. Die Strasse schlängelte sich durch ein felsiges Tal, durch sommerlich verlassene Skigebiete und schliesslich vorbei am mächtigen Aconcagua, damit wenig unter 7’000 m der höchste Berg ausserhalb des Himalayas. Aber nicht nur die Schönheit der Natur, sondern vor allem der nachmittags aufkommende Gegenwind trieb uns fast die Tränen in die Augen. Letzterer wurde so stark, dass an fahren nicht mehr zu denken war und wir nur sechs Kilometer vor Erreichen des Tunnelportals bei einer Mine um ‚Windschatten-Asyl‘ ansuchen mussten. Dieses gewährte man uns freundlicherweise und liess uns hinter einem Container unser Zelt aufstellen. Die sechs Kilometer waren am nächsten Morgen im Nu bewältigt – am Vortag hätte dies noch zwei Stunden gedauert. Durch den Tunnel chauffierte uns wegen, mangelndem Seitenstreifen, ein Lieferwagen der Strassenbehörde.

sanfter Aufstieg in die Cordillera

Der Anstieg begann früh und sanft…

vorbei an Skiliften

…doch bereits um 11 Uhr schwankten die Sessel dieses Skilifts im starken Wind.

und dem mächtigen Aconcagua

Vorbei am mächtigen Aconcagua (6’962m)…

oft parallel zur ehemaligen Eisenbahnlinie über den Paso Bermejo

…oft parallel zur ehemaligen Eisenbahnlinie über den Paso Bermejo…

...erreichten wir den 'Tunel del Cristo Redentor'...

…erreichten wir den ‚Tunel del Cristo Redentor’…

...damit Chile...

…damit Chile…

...und passierten elegant die Lange Warteschlange vor dem Zoll.

…und passierten elegant die Lange Warteschlange vor dem Zoll.

Bei der Einreise nach Chile wurde unser Gepäck auf der Suche nach Fleisch, Früchten, Gemüse oder Kokain weder durchsucht, noch geröngt. Dafür fand ein Spürhund gefallen an Robins Vorderreifen…auf welchem noch der Morgenurin einer seiner Artgenossen trocknete. Problemlos liess man uns aber einreisen. Die 40 km lange Abfahrt nach Los Andes, der nächsten grösseren Stadt, versuchte uns ein zügiger Gegenwind zu vermiesen, was ihm aber nicht gelang.

In endlosen Kurven schlängelten wir uns talwärts...

In endlosen Kurven schlängelten wir uns talwärts…

...während sich andere noch aufwärts kämpften.

…während sich andere noch aufwärts kämpften.

Nach einer Nacht in einem Stundenhotel in Calle Larga (wir entschieden uns für den 12-Stunden Tarif), trennten uns noch … Kilometer von Santiago. Diese hatten es aber in sich, da sie aus Mangel an Alternativen, auf der Autobahn gefahren werden mussten. Nicht unsere erste Fahrt auf Autobahnen, aber trotzdem nicht angenehm. Als nach zehn Kilometern in einem kurvenreichen Aufstieg der Seitenstreifen immer schmaler wurde und schliesslich verschwand, wurde aus unangenehm sehr unangenehm. Der Berufsverkehr donnerte zweispurig an uns vorbei und uns wurde Angst und Bange. Deshalb beschlossen wir wenige Kilometer später, lieber gegen unsere Prinzipien zu verstossen und einen Bus zu nehmen, als stur zu bleiben und dann mit der Ambulanz zu reisen. Dies erwies sich jedoch als alles andere als einfach. In den drei Stunden Wartezeit an einer Bushaltestelle hielt ein Bus nach dem anderen – mitnehmen wollte uns jedoch keiner. Schliesslich beschlossen wir, der Autobahn noch eine Chance zu geben. Zum Glück, denn ab sofort fuhren wir auf einem breitem Pannenstreifen, wurden nochmals durch einen Tunnel chauffiert und der Verkehr war nun merklich schwächer. Auf unseren persönlichen Radstreifen, vorbei an unzähligen Radverbotsschildern, erreichten wir so bequem Chiles Hauptstadt Santiago.

Gratistransport durch einen Autobahntunnel durch die 'Vialidad' - trotz Radverbotsschildern

Gratistransport durch einen Autobahntunnel durch die ‚Vialidad‘ – trotz Radverbotsschildern

Und zum Schluss die GALERIE:

Chile & Argentinien | ‚Paso Sico‘

349 Kilometer, davon 100 km asphaltiert

5 Tage

4’244 Höhenmeter

4’458 MüM Maximalhöhe

Highlights:
die Puna, farbig und weit
Vulkane und Salare
fantastische Campspots
wenige Autos

Route: San Pedro de Atacama – Toconao – Socaire – Salar de Aguas Calientes – Abra El Laco (4’478 MüM) – Abra Sico (4’458 MüM) – Paso Sico (Grenze Argentinien) – Catua – Abra de Arizaro (4’330 MüM) – Salar de Cauchari – Olacapato – Alto Chorillos (4’555 MüM) – San Antonio de los Cobres

PASO SICO – VON CHILE NACH ARGENTINIEN

Trotz leichtem Kulturschock und Unmengen von anderen Touristen genossen wir San Pedro de Atacama, die kleine Aussteiger-Oase inmitten der Atacama-Wüste. Wir hatten wie immer einiges zu tun, ignorierten die angebotenen Tours zu Lagunen und Wüsten und campierten ganze zehn Tage im Schatten hinter dem Hotel ‚El Anexo‘. Zugleich Hotel, Wohngemeinschaft und Treffpunkt war das Anexo mit einem schattigen Garten der perfekte Ort, um sich den Sand aus den Ohren und Zelt zu putzen, die Dauerübermüdung auszuschlafen und unser Material instand zu halten.

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El Anexo, San Pedro de Atacama

Für die Weiterfahrt hatten wir uns gegen hunderte schnurgerader, asphaltierter Wüstenkilometer durch Chile und für die Überquerung der Anden nach Argentinien entschieden. Auch hier standen zwei Optionen zur Auswahl: Der als Hauptverbindungsachse zwischen Nordargentinien und Chile mittlerweile asphaltierte ‚Paso Jama‘ oder der, etwas weiter südlich gelegene, weitgehend nicht asphaltierte und entsprechend wenig befahrene ‚Paso Sico‘ – wobei das Wort ‚Paso‘ nicht für einen Pass, sondern für einen Grenzübergang steht. Die Aussicht der Puna (eine von weiten Ebenen zwischen 4’000 und 4’600 MüM geprägte Hochebene) auf einsamem ‚Ripio‘ (Schotterstrassen) zu überqueren, gab den Ausschlag und ‚Paso Sico‘ bekam den Zuschlag.

So verliessen wir San Pedro de Atacama (2’440 MüM) nach zehntägiger Radabstinenz mehr oder weniger ausgeruht, ohne dringend benötigte neue Felgen, dafür aber mit Nahrungsmittelvorräten für sechs Tage.

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Aufbruch, San Pedro de Atacama

Nach 80 asphaltierten brütend heissen Kilometern am Rande der Atacama begann die Strasse zu steigen, war aber für weitere 20 Kilometer geteert. Dies und eine sich ständig verändernde Landschaft und Felsformationen machten uns den Aufstieg leicht. Im 20-Häuser-Dorf Socaire (Km 88) bot sich 122 Kilometer vor der Grenze die letzte Möglichkeit einzukaufen und wir füllten nochmals unsere Wasservorräte auf. Das Wissen, spätestens nach 100 Kilometern wieder Wasser finden zu können erlaubte es uns, unsere Wasserfüllkapazität von je 13 Litern mit je ~8 Litern nicht voll auszuschöpfen und dadurch Gewicht – wie wir in der Schule gelernt haben bei 5 Litern immerhin 5 Kilo pro Kopf – einzusparen.

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Auf Asphalt rollen wir hoch in die Puna…

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…noch rollt es leicht.

Zwölf Kilometer später machte die glatte Strasse einer Schotterstrasse platz, die aber weiterhin anstieg. Abenteuerwind wehte uns um die Ohren und wir genossen den Aufstieg zwischen die farbigen Vulkane. Nach erreichen der ersten Passhöhe knapp über 4’100 MüM wurde aus dem Abenteuerwind bissiger Gegenwind. Ein alter Bekannter, der sich über die kommenden vier Tage immer wieder mit dem wesentlich freundlicheren Amigo Rückenwind abwechselte.

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Nach 100 km knisterte es wieder unter den Reifen

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Wir genossen die frische Bergluft und das grandiose Panorama

Wir kamen zurück in den alten Rhythmus der Wildnis. Ab 16 Uhr hielten wir jeweils Ausschau nach einem geeigneten, windgeschützten Campspot, kochten und krochen möglichst mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages ins Zelt. 19 Uhr. Dann kam die Kälte! Kaum war die Sonne weg wurde es mit jeder Minute kälter. „Eisfachkälte“ verwandelte Wasserflaschen ausserhalb des Zeltes in Eisflaschen und uns in eingepackte Schlafsackmumien. Erst die ersten wärmenden Strahlen der Sonne konnten uns dann morgens um sechs aus unserer warmen Höhle locken. Frühstück aus Müesli und Kaffee bereitete uns auf den Tag vor, Camp einpacken folgte und ein weiterer Tag in den endlosen Weiten der Puna nahm seinen Anfang.

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Die Suche nach einem Zeltplatz beginnt jeweils gegen 16 Uhr. Hier fanden wir Logenplätze in einem Felsband.

Die Puna enttäuschte uns nicht: Vulkane trohnten in der Ferne, Salare glitzerten für uns, die Hocheben blühte und Felsformationen schienen vom Himmel gefallen zu sein – was sie wohl auch waren.

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Die Wüste täuscht: was aussieht wie ein Teppich sind Grasbüschel im Abstand von 1 Meter

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Der ‚Salar de Aguas Calientes’…

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…lockte auch scheue Vicuñas an…

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…die Puna überraschte uns mit ihrer Farbenpracht…

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…und im salzigen Lago Tuyaito (4’050 MüM) spiegelten sich die Berge

All dies war jedoch nicht umsonst zu haben. Gutes Ripio wechselte sich mit tiefem Schotter ab, sandigen Pisten wurden zu noch sandigeren Flussbetten (glücklicherweise ohne Wasser), Wellblechpisten schüttelten uns durch und die Hochebene war eine Hürdenlauf kleiner Pässe. Mindestens jeden Tag einen.

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Noch lange glitzerte der Lago Tuyaito hinter uns…

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…immer neue Berge erhoben sich in der Ferne

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Nach einem stundenlangen Aufstieg…

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..erreichten wir den SAG Kontrollposten, den letzten Posten der Carabineros de Chile. Wir wurden registriert und mit Wasser versorgt.

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21 Km und einen Pass später (Abra Sico, 4’458 MüM) den Grenzübergang (Paso Sico). Ausser Tafeln gab es dort jedoch nichts. Die Zollformalitäten wurden nochmals 12 Km später am argentinischen Grenzposten erledigt. Dort liess man uns in einem Zimmer campieren und die Gästeküche (!!) benutzen.

Langeweile kam also keine auf. Wir kamen trotz allem überraschend gut voran, blieben selten stecken und erreichten das verschlafene, etwas heruntergekommene Bergbaustädtchen San Antonio de los Cobres im Nordosten Argentiniens bereits im Laufe des fünften Tages – bei strömendem Regen rollendem Donner.

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Catua, das erste Dorf in Argentinien. Wir wurden scheu bestaunt und konnten im Dorfladen gegen eine Handvoll Dollar einige Brote ergattern.

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Endlich Brot – Daina war überglücklich!

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Von San Antonio de los Cobres trennten uns jetzt immer noch 100 hüglige…

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…teils sandige Kilometer…

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…und zwei kleine Pässe.

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Diese ungewöhnlichen Herrschaften Weisen uns den Weg…

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Auf der Passhöhe des ‚Alto Chorillos‘ (4’555MüM), stand uns dann eine 26 km lange Abfahrt nach San Antonio de los Cobres bevor

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Wo diese (hier noch zahmen) Wolken eine Stunde später mit Blitz und Donner unsere Ankunft untermalten.

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San Antonio de los Cobres, erreichten wir nach 5 Tagen – schneller als erwartet.

….und zum Schluss wie immer die GALERIE mit diesen und weiteren Bildern.

Perus Süden | Inkaruinen & Abra Salkantay

1’490 Kilometer

47 Tage, davon 25 „radfrei“ (9 Ayacucho, 8 Cusco)

nur 4’600 MüM Maximalhöhe

19’055 gemessene Höhenmeter

800 gestossene /getragene Höhenmeter

Bezwungene Pässe:
Abra Saracchocha (4’210 m)
Abra Sorllaca (3’970m)
Abra Salkantay (4’600m)
zwei uns unbekannte Pässe à 4’545m und 4’580m

Highlights:
Radwandern über Salkantay Pass
Sprachverlust durch Höhenkrankheit
Peru im Dunkeln: Radfahren bei Nacht und Nebel
Mit dem Rad zum Machu Picchu
Freund oder Feind: Gib mir ein Heiligenbild oder verzieh dich!

Route: Ayacucho – Tambillo – Uripa – Chincheros – Talavera – Andahuaylas – Laguna Pacucha – Ruinas Sondor – Quillabamba – Ruinas Curama – Huancarama – Abancay – Abra Sorllaca (3’970m) – Curahuasi – Mollepata – Soraypampa (Gepäck ab hier auf Pferd bis Chaullay) – Abra Salkantay (4’650m) – Chaullay – Sahuayaco (bei Lucmabamba über Brücke, nicht nach Santa Teresa) – Hidroelectrica – Aguas Calientes (via Bahndamm, nur nachts möglich!) – Ollantaytambo (Zug) – Huarocondo – Cusco – Urcos – Combapata – Yanaoca – Langui – Layo – Macarí – Ayavirí – Pucará – Juliaca – Peninsula Capachica (Capachica – Llanchon – Capachica) – Taraco – Huancané – Moho – Tilali – Puerto Acosta (Grenze Bolivien) – Escoma – Achacachi – La Paz

PERUS SÜDEN

Ayacucho, eine gemütliche und schöne Stadt, kam uns nach Wochen in den Bergen gerade gelegen. Wir suchten uns ein Hotel mit einem sonnigen Zimmer und Strassenlärm und spannten eine Woche aus. Nachdem der ‚dia de la patria‘ (Staatsfeiertag) am 28. Juli mit einer grossen Parade und viel Tamtam zelebriert worden war, kam für uns die Zeit, dem Ruf der Strasse zu folgen. Zwischen uns und Cusco lagen knapp fünfhundert Kilometer, fünf Pässe über 4’000m und dazwischen einige fiese Täler gut 2’000 Höhenmeter tiefer. Hügelig also.

in Ayacucho

in Ayacucho

in der Stimmung für Fussball

in der Stimmung für Fussball

Klatsch im Schatten

Klatsch im Schatten

Patriot

Patriot (Ayacucho)

Leckereien

Leckereien

Wir hatten in den vergangenen Wochen und Monaten die Vorzüge kleiner Nebenstrasse kennen und schätzen gelernt und auch fand sich eine solche. Damit schlugen wir den ersten beiden Pässen ein Schnippchen, dachten wir. Zwar stieg die Strasse gut hundert Meter weniger hoch, doch sorgten viele Täler dafür, dass wir trotzdem auf genügend Höhenmeter kamen. Nach achtzig, meist ansteigenden Kilometern und einer Nacht im Schopf einer freundlichen Ladenbesitzerin, spuckte uns unser Strässchen auf 4’100m zurück auf die Hauptstrasse. Was nun folgte war eine zünftige Abfahrt von vierzig Kilometern hinunter auf 2’000m. Dort galt es nämlich eine Brücke zu überqueren, sich in nun tropischen Bedingungen von ein paar Mücken stechen zu lassen, mit einer Meute betrunkener Frauen Bier zu trinken (man müsse trinken solange man könne!) und dann den langen Aufstieg zum nächsten Pass (Abra Saracchocha, 4’210 m) in Angriff zu nehmen. Dessen wie immer unmarkierte Passhöhe erreichten wir dann im Laufe des nächsten Nachmittags. Wiederum wurden wir mit dreissig Kilometern Abfahrt belohnt, worauf wir die beiden nur fünf Kilometer voneinander entfernt gelegenen Nachbarstädte Talavera und Andahuaylas erreichten. Nach einem Tag Pause entschieden wir uns für die Weiterfahrt und wiederum gegen die Hauptstrasse. Wieder liessen wir damit einen Pass aus und wieder durften wir dafür mit vielen zusätzlichen Höhenmetern bezahlen. Dafür wurden wir jedoch mit einer blauen Lagune und traumhafen Aussichten über steile Andentälern belohnt und lernte freundlichen Menschen in kleinen Dörfern kennen. Eine Nacht verbrachten wir auf dem Fussballplatz einer kleinen Dorfschule, eine andere in einem Klassenzimmer eines Internats, wo wir gleich noch von den Nachbarn bekocht wurden. Abgerundet wurde das Ganze mit den Ruinen von Sondor und Curama, beide sozusagen am Wegrand und völlig ohne Rummel.

auch auf 4'000m sind wir nicht alleine

bei Matara, am zweiten Morgen nach Ayacucho

Spurt zur Passhöhe

Spurt zur Passhöhe

Ruinas de Curama

Ruinas de Curama – keiner da!

wer baut wo was an?

Panorama kurz nach den Sondor Ruinen

brachten uns Käse, Kartoffeln und Unterhaltung

Flor und ihre Freundin brachten uns Käse, Kartoffeln und Unterhaltung

müde, hungrig, durstig

müde, hungrig, durstig

...mal in der Schule

Schulzimmercamping

ziert Hausdächer, schützt bewohner (bei Curahuasi)

ziert Hausdächer und schützt deren Bewohner (bei Curahuasi)

Knapp eine Woche nachdem wir Ayacucho verlassen hatten, erreichten wir Abancay, eine untouristische kleine Stadt. Es wurde höchste Zeit, unsere Pläne für den Besuch der hochgelobten Ruinen von Machu Picchu zu konkretisieren. Wir waren mitten in der touristische Hochsaison und ein kurzer Besuch auf der offiziellen Website machte klar, dass im ganzen August nur noch wenige ‚Plätze‘ frei waren. So reservierten wir unsere Tickets unerwartet reibungslos online (reservieren, in der Bank bezahlen, ausdrucken). Das Timing schien uns perfekt und liess uns mit fünf Tagen genügend Zeit zur Anreise. Aguas Calientes der Ausgangspunkt für Machu Picchu ist nur per Bahn (für Ausländer massiv überteuert) oder zu Fuss zu erreichen. Beides sprach uns nicht so an. So suchten und fanden wir eine Alternative: Per Rad zum Machu Picchu. Der Countdown lief.

Dabei hatten wir die Rechnung aber ohne den weit verbreiteten, relativ entspannten Umgang mit Hygiene gemacht. Dessen Folgen verwandelten Robin über Nacht in einen übelriechenden, eierrülpsenden Haufen. An weiterkommen war nicht zu denken und wir mussten einen Tag länger bleiben. Noch vier Tage zum Machu Picchu.

Tags darauf waren die dichtesten Gaswolken im Hotelzimmer abgezogen und eine Weiterfahrt war möglich. Der Aufstieg zum Pass ‚Abra Sorllaca‘ begann direkt vor unserer Haustüre und endete erst 37 km später mit dessen Passhöhe auf 3’970m. Wie üblich folgte auf einen Aufstieg eine Abfahrt, diesmal hinunter auf 2’200m. Im sympathischen Städtchen Curahuasi sanken wir erschöpft in weiche Hotelbetten. Noch drei Tage zum Machu Picchu.

Schon um sieben sausten wir die 30km hinunter zur Brücke über den Rio Apurimac auf gerade noch 1’900m. Sogleich wurden wir von Mücken und stechenden kleinen Fliegen besaugt, was uns beschwingt in den Aufstieg starten liess. Nach wenigen Kilometern bogen wir von der Hauptstrasse auf ein steil ansteigendes Bergsträsschen ab. Darauf stiegen wir im Laufe des Tages höher und höher. Entsprechend ausgelaugt erreichten wir 45 km später und insgesamt 2’111 Höhenmeter höher bei Einbruch der Dunkelheit (und gleichzeitig Anbruch einer Regennacht) das Fünf-Häuser-und-fünfzig-Esel-Dorf Soraypampa. Hier fanden wir ein überdachtes Plätzchen für unser Zelt. Wir hatten uns für unseren Sturm auf Machu Picchu die Route des ‚Salkantay-Santa Teresa-Trek‘ ausgesuch, eine bei Touristen sehr beliebte, fünftägige Alternative zum berühmten Incatrail. Noch zwei Tage zum Machu Picchu.

Ruhetag am Fusse des Salkantay

Luft schnuppern nach einer Fiebernacht (Soraypampa, am Fusse des Salkantay)

Das Fieberteufelchen hatte andere Pläne und ergriff in der Nacht die Herrschaft über Robins Körper. Damit zwang es uns, ohnehin schon in Verzug, zu einem weiteren Ruhetag, diesmal im feuchtkalten Zelt auf 3’800m. Noch ein Tag zum Machu Picchu.

Die Ruhe tat seine Wirkung und nach einer weiteren Nacht war Robin wieder munter und bereit zum Gipfelsturm – die letzte Chance Aguas Calientes noch rechtzeitig zu erreichen. Es wäre uns sowieso das Benzin (zum Kochen, nicht Fahren) ausgegangen. Hier wurde es komplizierter. Mit Soraypampa hatten wir auch das Ende der Strasse erreicht. Ab hier wurde das Tal enger, links und rechts türmten sich riesige Gletschermassen und der Pfad wies ganz klare ‚für-Pferde-Esel-und-Wanderer‘-Eigenschaften auf. Sprich steil und felsig.

In weiser Voraussicht suchten und fanden wir morgens um sieben einen Ariero (Pferde- oder Eseltreiber), der unsere Satteltaschen auf einem Pferd bis auf die Passhöhe bringen sollte. Somit blieben uns ’nur‘ noch die Räder zu schleppen – was wir etwas unterschätzt hatten. Die drei Stunden und teils steilen sechs Kilometer und 800 Höhenmeter zur Passhöhe auf 4’600m verbrachten wir damit, pustend und schnaufend unsere Räder zu schieben, sie über Steine und Bäche zu heben, eins nach dem anderen über Felsen zu hieven oder damit Geröll zu pflügen. Hier und da liessen sich auch mal ein paar Meter fahren.

fahrbar, noch

erste Meter, noch fahrbar

weit und felsig

Wo ist Daina?

Geröll-Rad-Wandern

Robin beim Geröll-Rad-Wandern

Daina, der Lastesel

Daina muss kämpfen

mighty Salkantay

Mighty Salkantay

Wenige hundert Meter unter der Passhöhe machten sich bei Daina plötzlich erste Anzeichen eines Migräneschubs bemerkbar – oder war es die Höhe? Es war die Höhe. Sie sah helle Flecken, klagte über Kopfschmerzen und konnte einen Arm nicht mehr fühlen, wollte aber weitergehen. Je höher wir kamen, umso stärker wurden diese Symptome. Auf der Passhöhe konnte sie fast nichts mehr sehen. Beunruhigender war nur noch, dass sie auch nicht mehr sprechen konnte! Nach einigen Minuten auf der Passhöhe begannen wir deshalb möglichst schnell den Abstieg. Hier kam uns zu gute, dass unser Ariero unter Zeitdruck stand und mit unserem Gepäck zusammen mit seiner übrigen Fracht bereits weiter abgestiegen war. Die nächsten sechs Kilometer führten und hievten wir unsere Räder über den holprigen, felsigen und oft ausgewaschenen Pfad abwärts. Daina funktionierte einfach, stolperte vor sich hin und wollte auch nicht auf ein Pferd aufgeladen werden. Sie konnte zwar sprechen, leider aber nur in einer unverständlichen Geheimsprache. Klingt lustig, war es aber nicht, und je länger dieser Zustand anhielt, umso verzweifelter wurde sie! So wurde ihr automatisches Stolpern bald zu einem panisch-weinenden und schluchzenden Stolpern. Nach knapp zwei Stunden und bereits sechs Kilometern im Abstieg, begann sich ihr Zustand zu bessern. Plötzlich konnte sie auf einfache Fragen mit ‚hola‘ oder ‚jo‘ antworten und auch wieder kurze Sätze sprechen. Auch ihr eigener Name fiel ihr wieder ein. Dies machte uns beiden Mut und nach einer kurzen Pause und einigen Kraftriegel, konnten wir, mit einer mittlerweile sprechenden und wieder lächelnden Daina, unseren Abstieg fortsetzen. Wir hatten ohnehin keine Wahl. Mit unserem Gepäck waren auch unsere Nahrungsmittel, unser Wasser, sowie das Zelt und damit die Möglichkeit frühzeitig zu campieren, vorübergehend ausser Reichweite.

nicht mehr gut

nicht mehr gut, aber funktionierend

nach über drei Stunden im Abstieg, wieder sprachfähig

3 Stunden im Abstieg, wieder sprechend

alta selva, kurz vor Chaullay

alta selva, kurz vor Chaullay

fahrbar?

fahrbar?

Die nächsten zwei Stunden ging es weiter bergab, doch waren mit etwas Mut an die siebzig Prozent der Strecke fahrbar. Um uns herum war der Schnee und die eisige Kälte des Passes längst einem nebeligen, feuchtkalten Dschungelklima gewichen. Gegen fünf Uhr nachmittags erreichten wir das Dorf Chaullay, bereits wieder unter 3’000m gelegen. Hier fanden wir Lorenzo, unseren ‚Ariero‘, mit unserem Gepäck. Er hatte sich Sorgen um uns gemacht und organisierte uns erst einmal eine wärmende Tasse Kaffee. Zwölf Stunden bis Machu Picchu.

Lorenzo

Ariero Lorenzo

Da es Daina wieder besser ging, entschlossen wir uns, noch ein paar Kilometer hinter uns zu bringen. Zwei Stunden holperten wir auf einer Kiesstrasse durch das, in der Dunkelheit scheinbar menschenleere Tal des Rio Teresa. Gegen acht erreichten wir erschöpft das kleine Dorf Sahuayaco. Wir konnten nicht mehr und fanden schnell ein Restaurant, in dem wir erst essen und anschliessend unser Zelt aufstellen konnten. Um neun sanken wir erschöpft in unsere Schlafsäcke. Noch neun Stunden bis Machu Picchu.

Ein letzter Funken Hoffnung, Aguas Calientes, und damit Machu Picchu, doch noch am kommenden Tag und mit gültigen Eintrittskarten zu erreichen, glimmte noch in uns. Zusätzlich zur Distanz (geschätzte fünfzig Kilometer) galt es noch eine weitere Hürde zu bewältigen: Die letzten neun Kilometer mussten in Ermangelung einer Strasse auf oder entlang den Bahnschienen gefahren werden. Dies ist nicht erwünscht und Wachposten in Hidroelectrica (dem Beginn der Bahnstrecke) sollten uns an diesem Vorhaben hindern. Erwischten sie uns, würden wir auf den Zug nach Aguas Calientes (am nächsten Nachmittag um 15.20 Uhr) warten müssen – und bis dann wären unsere Tickets verfallen. Die Chancen, in den folgenden Tagen neue kaufen zu können standen ungewiss.

Daher klingelten uns um 1.00 Uhr morgens, nach nur vier Stunden Schlaf, unsere Wecker (sicherheitshalber zwei) aus unseren Träumen. Noch fünf Stunden bis Machu Picchu. Wollten wir es schaffen, mussten wir Hidroelectrica, die Checkpoints und den Bahnhof frühstmöglich passieren…in der Hoffnung auf dösende, unachtsame oder nachlässige Wachen. Nun bei Vollmond holperten wir durch die dunkle Nacht. Im Gegensatz zum Vorabend war die Strasse nun von Häusern und Bananenplantagen gesäumt. Wo Menschen wohnen, wachen Hunde. Diese belästigten uns aus dem Schutze der Dunkelheit heraus und liessen zugleich alle anderen Hunde wissen, dass es hier zwei bleiche Nachtradler zu vertreiben galt.

Nach zwei Stunden folgten wir bei Lucmabamba einem Wegweiser und überquerten eine Brücke. Plötzlich begann die Strasse (immer noch Kies und Lehm) anzusteigen und je länger wir stiegen umso klarer wurde uns, dass wir uns im nächtlichen Peru verfahren hatten. Noch zweieinhalb Stunden bis Machu Picchu.

Nach einiger Zeit kamen wir an die hell erleuchteten Anlagen eines Wasserkraftwerks. Auf Nachfrage am Tor erfuhren wir, dass wir zwar nicht dort waren wo wir gedacht hatten, doch der Weg nach Hidroelectrica nicht mehr weit sei: „Mit dem Motorrad vierzig Minuten.“ Unsere Hoffnung sank, doch trampelten wir weiter, kontinuierlich bergauf, durch die mittlerweile mondlose Nacht. Nach einer weiteren Stunde durch ein dunkles, menschenleeres Tal – das letzte Dorf hatten wir schon vor langer Zeit hinter uns gelassen – kam plötzlich leben auf. Immer wieder überholten uns Pickups mit Blinklicht. Wenig später passierten wir mitten im scheinbaren Nichts einen (ausgeschilderten) Heliport und kurz darauf sahen wir weiter vorne Licht. Eine Mine? Ein paar Häuser? Ein Dorf? …Hidroelectrica? Irgendwo krähte ein Hahn in der Dunkelheit. Wir wurden nervös.

Kaum hatten wir unsere Lichter ausgemacht und vorsichtshalber noch eine Socke darüber gestülpt, kam auch schon ein hell erleuchteter Kontrollposten in Sicht. Ohne Licht fuhren wir auf möglichst leisen Sohlen darauf zu und, ohne die vielen Stoppschilder zu beachten, daran vorbei. Viel Licht, aber kein Mensch in Sicht. Keine fünfzig Meter weiter begannen die Bahnschienen und uns wurde klar, dass wir wirklich Hidro-Electrica und damit den Endspurt erreicht hatten. Ab jetzt mussten wir den Schienen folgen und es bestand immer noch Gefahr entdeckt zu werden. Kaum hatten wir begonnen, die Räder auf dem groben Schotter der Geleise zu schieben, tauchte vor uns auf den Gleisen eine Gestalt auf. Neben uns begann ein Hund zu jaulen. Perfekt. Ohne Hoffnung duckten wir uns an die Böschung und sahen zu, wir der Mann auf den Schienen näher kam und schliesslich, ohne uns zu beachten, an uns vorbei ging! Sofort stellten wir unsere Räder wieder auf und ’schlichen‘ weiter. Auf Eisenbahnschotter ist schlecht schleichen, schiebt man aber dazu ein schwer beladenes Fahrrad neben sich her, ist es vorbei mit der schützenden Ruhe. Mit einem von Hundegebell untermalten Höllenlärm schoben wir unsere Räder durch einen hell erleuchteten aber menschenleeren Bahnhof und danach noch hundert Meter weiter. Dann mussten wir unsere Räder über eine Böschung und einige steile Stufen hinaufschleppen. Dies ging nur gemeinsam, ein Rad nach dem anderen. Wir waren gerade dabei, das zweite Rad in den Schutz der Dunkelheit zu zerren, als sich am Bahnhof ein Schatten löste und auf den Schienen direkt auf uns zu kam. Wieder verharrten wir, wieder ging der selbe Mann an uns vorbei, wieder schenkte er uns keine Beachtung. Sogleich zerrten wir auch das zweite Rad in den Schutz der Dunkelheit. Weiter ging es den Schienen entlang, wieder ’schlichen‘ wir an hell beleuchteten Häuschen vorbei und noch einmal durften wir unsere Räder über dunkle, rutschige Stufen schleppen, stossen und ziehen. Schliesslich erreichten wir die Schienen, die uns nach Aguas Calientes bringen würden. Mit jedem Schritt liessen wir die Lichter und damit Hidro-Electrica weiter hinter uns und nachdem wir einige Zeit später eine Eisenbahnbrücke überquert hatten war klar, dass man uns nicht mehr entdecken würde. Waren wir wirklich gerade unbemerkt an den Wachposten vorbei und durch den Bahnhof hindurch geschlichen, bei dem Lärm!? Und warum hatten wir den Hund immer noch dabei? Wir konnten es selbst kaum glauben. Vor uns lagen noch neun Kilometer. Oft konnten wir auf einem schmalen Trampelpfad links oder rechts der Geleise fahren, mussten unsere Räder aber in regelmässigen Abständen über die Schienen, über kleine Kanäle und über Brücken tragen. Verbotsschilder konnten wir keine lesen. Unsere verräterischer neuer Hundefreund begleitete uns ungefragt aber ruhig.

Als an diesem Morgen um sechs Uhr die Tore zu Machu Picchu öffneten, waren wir nicht mehr weit davon entfernt. Bei einem Frühstück auf den Geleisen sahen wir die Sterne auf der Rückseite der Ruinen von Machu Picchu funkeln.

Bahndammdämmerung

Bahndammdämmerung (zwischen Hidroelectrica und Aguas Calientes)

Kurz vor sieben rollten wir, in der Touristenhölle namens Aguas Calientes ein und hatten das Rennen gegen die Zeit gewonnen – der Countdown war zu Ende. Trotz unglaublich vielen Hindernissen und einer widerspenstigen Routenwahl hatten wir es geschafft. Wir waren per Rad zum Machu Picchu gefahren – wenigstens fast, nämlich nach Aguas Calientes.

Nach zwei Stunden Hotelsuche (Hochsaison) konnten wir schliesslich am frühen Nachmittag die Ruinen mit unserer verschwitzten Anwesenheit beehren. Zusammen mit Horden von Touristen schlichen wir durch die Ruinen, staunten über die unglaubliche Anlage, machten ein paar Fotos und – für uns beinahe noch schöner – erkannten einzelne Etappen unseres nächtlichen Weges tief in den Tälern unter uns wieder. Der Weg hatte das Ziel in den Schatten gestellt. Wir waren glücklich und völlig übermüdet.

ein Hindernis der vergangenen Nacht

ein Hindernis der vergangenen Nacht

unten der Weg, oben das Ziel

unten der Weg, oben das Ziel

Legoland

Legoland

Freude herrscht!

Freude herrscht!

Um Aguas Calientes zu verlassen gab es zwei Möglichkeiten: Entweder heimlich mit dem Rad (30+ km auf Bahnschotter) oder mit dem teuren Zug. In Sorge um unsere Reifen, entschieden wir uns für den Zug am nächsten Morgen. Um die Räder richtig verstauen zu können wies man uns an, eine Stunde früher anzutraben. Dies taten wir brav und durften eine Stunde der Verwirrung und Ratlosigkeit miterleben. Unsere Räder wären länger als gewohnt und hätten in Einzelteilen gebracht werden sollen, sagte man uns. Ausserdem wäre eine Kiste nötig. Ein Gepäckwagon wäre optimal, doch gebe es keinen. Und sowieso warte man auf Autorisierung. Schliesslich konnten wir unsere Velos dank einigen äusserst hilfsbereiten Bahnarbeitern mit demontiertem Vorderrad einfach im Gepäckabteil des beinahe leeren Abteils unterbringen.

Handgepäck- geht ja

Handgepäck- geht ja!

Konkurenten

Konkurenten

Es folgten drei Stunden himmlischer Zugfahrt: Wir mussten nicht treten, konnten entspannen und kamen doch vorwärts. Ein Genuss erster Güte! Im kleinen, malerisch zwischen Inca Ruinen gelegenen Ort Ollantaytambo begann die Strasse und wir brauchten den Zug nicht mehr. Ab dort nahmen wir den kürzest möglichen Weg nach Cusco. Die erste Hälfte davon auf einer neuen, wegen Steinschlag und Bauarbeiten noch gesperrten und nicht asphaltierten Strasse. Obwohl die Strecke über gut zwanzig Kilometer noch im Bau und nicht immer befahrbar war, fand sich immer ein Weg, Hindernisse zu überwinden.

Hindernisse werden für uns beseitigt...

Hindernisse werden beseitigt…

...oder überwunden

…oder überwunden

Gut zwei Wochen, nachdem wir Ayacucho verlassen hatten, erreichten wir Cusco. In der schönen ehemaligen Hauptstadt des Inkareiches gönnten wir uns eine Woche Ruhe und unseren Rädern neue Kabel, etwas Wasser, Seife, Fett und Luft. Und natürlich musste kaputt gegangenes repariert oder (im Falle von Dainas ‚Exped‘-Matte) ersetzt werden. Davon abgesehen verbrachten wir ein Grossteil unserer Zeit mit Essen kaufen, Essen kochen und Essen essen. Wie wir in unserer Unterkunft (Hospedaje Estrellita, einer Art Treffpunkt für Radreisende) beruhigt feststellten, scheint dies die Hauptbeschäftigung der meisten Tourenradler zu sein. Dazwischen genossen wir zwischen tausenden anderen Touristen die schöne Stadt, erforschten die Märkte und froren Abends vor uns hin.

Cusco, wir kommen!

Cusco, wir kommen!

An der Kirche vorbei...

An der Kirche vorbei…

...und über die Plaza de Armas.

…und über die Plaza de Armas.

Für die verbleibende Strecke an die Grenze zu Bolivien suchten wir uns eine Mischung aus speditiver aber langweiligerer Hauptstrasse und strengen, abwechslungsreichen Nebenstrassen. Keine hundert Kilometer ausserhalb Cuscos hatte Dainas hintere Felge plötzlich beidseitig eine gewaltige Delle. Wir machten dafür ein ausgeprägtes Schlagloch vom Vortag verantwortlich, konnten aber den Schaden mit etwas „finetunig“ an den Speichen und Bremsklötzen in Zaum halten. Motiviert tauschten wir darauf den Asphalt für die nächsten Tage gegen holprige Pisten und sandige Pfade ein, versuchten mit Hilfe von vagen Aussagen den richtigen Weg zu finden und verfuhren uns stundenlang auf über 4’500m in den Weiten Perus. Leider wurde unsere Reisefreude hier immer wieder getrübt – nicht nur durch die lädierte Felge. Anders als bisher waren die Menschen zunehmend abweisend, unfreundlich und teils sogar feindlich. Dies reichte von Ignorieren in Läden und Restaurants, über feindliche Gesten, bis hin zur Erklärung, dass Fremde nur erwünscht sind, wenn sie Rosenkränze, Heiligenbilder oder andere Dinge verschenkten. Ansonsten wolle man solche wie uns, die sicherlich bewaffnet seien und Überfälle verüben würden, nicht! Etwas desillusioniert, aber immer noch unbewaffnet, suchten wir uns einen Weg zurück auf die asphaltierte Hauptstrasse, wo wir möglichst schnell – und ohne Überfälle zu verüben – nach Süden rasten.

Sind wir hier richtig?

Sind wir hier richtig?

Wolle, Wolle...

Wolle, Wolle…

...noch mehr Wolle!

…noch mehr Wolle!

Kurz vor Langui, wo uns die Polizei ein Zimmer zum Campen überliess

Fahrerflucht, kurz vor Langui

...wo uns die Polizei ein Zimmer zum zelten überliess.

…wo uns die Polizei ein Zimmer zum zelten überliess.

der Engel von Langui

der Engel von Langui

Strasse ins Nichts

Strasse nach Macari

falsch abgebogen

…leider falsch abgebogen!

zum Durchdrehen!

Zum Durchdrehen!

nach Juliaca hinein...

nach Juliaca hinein…

Da wir das Problem mit der Felge soweit im Griff zu haben glaubten, entschieden wir uns, den Titicacasee auf der abgelegenen, weniger befahrenen und in Teilen noch unasphaltierten Ostseite zu umfahren. Um am Ostufer aus Peru ausreisen zu können, mussten wir zuerst dem peruanischen Zoll in Puno einen Besuch abstatten. Dort durften wir erst eine Busse wegen unseren Überzogenen Visa bezahlen und wurden anschliessen anstandslos ausgestempelt. Nun hatten wir sechs Tage Zeit um auszureisen. Dies bescherte uns viele schöne Kilometer auf ruhigen Pisten und Strassen entlang des riesigen Titicacasees mit oft fast keinem Verkehr, dafür täglichen Regen- und Gewitterstürmen und regelmässigem, saumässigem Gegenwind. Bereits nach drei Tagen erreichten wir die Grenze zu Bolivien bei Tilali.