Perus Norden | in die Anden

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1’374 Kilometer 37 Tage / davon 14 „radfrei“

4’767 MüM Maximalhöhe

24’000 gefahrene Höhenmeter

gefahrene Pässe:
Abra Barro Negro (3’600m)
Abra el Indio (3’050)
Abra Gran Chimú (3’700m)
Portachuelo de Llanganuco (4’767m)
Punta Olimpica (4’738m)

Sonst noch vorgefallen:
5 Stürze (1 x im Fluss, 1 x auf Schotter, 2 x auf Laterit)
im Schlamm festgesteckt
1 Flussüberquerung mit Boot
1 Frontalangriff durch Kuh
gefühlte 1001 Hundeattacken (sämtliche Rassen)
3 Vogelspinnen gesehen

Route: la Balsa (Grenze Ecuador) – Namballe – San Ignacio – Jaén – Bague Grande – Pedro Ruiz – Tingo Nuevo/Tingo Viejo – Leymebamba – Balsas – Celendin – Cajamarca – San Marcos – Cajabamba – Huamachuco – Mina San Simon – Mollepata – Pallasca – Sayacucha – Chuquicara – Yuramarca – Caraz – Yungay – Yanamá – Chacas – Carhuaz – Huaraz

PERUS NORDEN

Nachdem wir vor dem letzten kleinen Laden auf der ecuadorianischen Seite der Grenzbrücke von zwei jungen Peruanern anständig ausgefragt worden waren – „Warum trinken Europäer so viel Kaffee? Bitte sagt allen, sie sollen noch mehr trinken! Warum wohnen in Peru viele Amerikaner? Warum kommt ihr nicht mit dem Motorrad? Was kostet Bier in Europa? Warum bleibt ihr nicht zuhause? Fahrt ihr durch Brasilien heim? – holperten wir über die kleine Grenzbrücke nach Peru. Dort war der zuständige Zollbeamte gerade nicht auffindbar. Er schien etwas müde gewesen zu sein und hatte eine verlängertes Mittagsschläfchen eingelegt. Mit zwei Stunden Verspätung öffnete er dann um drei Uhr sein Büro, verständlicherweise etwas verärgert über die Störung und die anstehende Arbeit. Trotzdem liess er uns einreisen, wozu dann leider auch der Kollege von der Polizei aufstehen und sich die Hose zuknöpfen musste, was auch ihn nicht zu grosser Fröhlichkeit veranlasste. So waren wir schliesslich in Peru. Seit Monaten schien es ein Land in weiter Ferne – und jetzt waren wir da. Hier fing der Asphalt wieder an und wir rollten die sechs Kilometer zum ersten Dorf wie von selbst. Dort fanden wir auch gleich ein Doppelzimmer in einer „Hospedaje“. Die gute Frau wollte dafür 15 Soles (5.-Fr.). Daina, in Gedanken immer noch bei den Dollars, fand dies doch etwas viel… nach etwas rechnen konnten wir das Angebot aber doch nicht auszuschlagen! Bereits jetzt entstand bei uns aber der Eindruck, dass Peru in Sachen Entwicklung mindestens zehn Jahre hinter Ecuador und Kolumbien liegt. Dieser sollte sich bestätigen.

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Verschnaufpause

Der Regen aus Ecuador war auch schon da und wir wurden die nächsten Tage regelmässig nass. Schlimmer aber setzte der, schon seit Monaten anhaltende Regen, der bereits aufgeweichten Hügellandschaft zu. Das Resultat waren Erdrutsche ohne Ende. Mal waren Teile der Strasse weggebrochen, dann wieder war die Strasse von Teilen des Hanges verschüttet oder von Schlammmassen bedeckt. Wir kamen immer durch, aber es war weiterhin Dreckspass angesagt.

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Derrumbes – Erdrutsche über die Strasse

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und plötzlich wie in Asien

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Kaffee „strassentrocken“

Dieser erreichte wenige Tage darauf seinen Höhepunkt, als wir kurz vor Jaén, der ersten grösseren Stadt, eine „Abkürzung“ nahmen. Die „Fähre“ über den Rio Marañon (der später übrigens zum Amazonas wird) ersparte uns einen Umweg von etwa 30 Kilometern und somit eineinhalb bis zwei Stunden. Da es am Morgen geregnet hatte, wurde der schmale Weg zum Fluss zusehends weicher und matschiger und als uns nur noch wenige Kilometer vom Fluss trennten war es dann soweit: Wir klebten fest wie Fliegen am Fliegenfänger! Alles war vom Schlamm verklebt: Reifen, Schutzbleche, Bremsen, Füsse und Schuhe. Letztere liessen sich nur noch mit grösster Mühe vom Boden lösen – mit Schneeschuhgrossen Schlammtellern an den Sohlen. An Vorwärtskommen war nicht mehr zu denken! Also hiess es Räder an den Strassenrand tragen, absatteln, vom Schlamm befreien und zwar solange, bis sich sowohl Vorder- als auch Hinterrad wieder drehen liessen. Also wieder alles beladen….nur um bereits nach einem Meter und einer Reifenumdrehung wieder von vorne zu beginnen – hoffnungslos! Während wir uns abmühten und zu nichts kamen, kam uns die Sonne zu Hilfe: Der Schlamm tocknete langsam immer mehr ein. So ermuntert, versuchten wir es mit einer neuen Taktik. Diesmal barfuss hoben wir beide Fahrräder vom Rand in die Mitte der Strasse und stellten sie genau in eine frische Motorradspur. Einmal in der Spur, schoben wir vorsichtig….und siehe da, es klappte, wir kamen voran! So tappten wir nun Meter um Meter durch den Schlamm, immer auf der Hut, ja nicht aus der schmalen Spur zu kommen und erreichten nach zwei langen Kilometern wieder „festen“ Boden und wenig später das Ufer des Flusses. Die ganze Aktion hatte über zwei Stunden gedauert. Das Verladen der Räder auf das kleine Boot war dann reine Erholung.

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Fahren unmöglich

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verklebt!

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Arbeit

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„Radwandern“ – einzige Lösung

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Radverlad

Nun begann die Strasse langsam anzusteigen und brachte uns in den nächsten drei Tagen sanft von 400 auf eine Höhe von gut 2000 MüM (Meter über Meer). Im kleinen Dorf „Tingo Nuevo“, eigentlich mehr ein paar Häuser am Strassenrand, bezogen wir ein äusserst verdrecktes Zimmer in der einzig offenen Hospedaje (billige Unterkunft) des Ortes und dann hiess es für einmal wandern statt fahren. Begleitet von Rex, dem Schäferhund der Hospedaje, stiegen wir in zweieinhalb Stunden auf Zick-Zack-Pfaden zur auf 3000 MüM gelegenen Ruinenstadt Kuelap auf. Der Besuch dieser immensen, spektakulär auf einer Bergspitze gelegenen Ruinenstadt der Chachapoya-Inkas war mit ein Grund für unsere Routenwahl durch Perus Norden gewesen. Sie gilt als ruhigere (~50 Besucher pro Tag), weil relativ abgelegene Alternative zum überlaufenen Machu Picchu (2500 Besucher täglich!). Der Pfad führte uns an die Rückseite der Ruinen heran. Dies hatte den Vorteil, dass wir wohl Eintritt bezahlen mussten, aber nicht dazu gezwungen wurden einen obligatorischen Guide zum Besuch der Ruinen zu nehmen. So konnten wir die grossflächige, zu grossen Teilen noch überwachsene Anlage auf eigene Faust und nur begleitet von unserem vierbeinigen Guide Rex erkunden und in aller Ruhe die fantastischen Ausblicke auf die Umliegenden Berge und Täler geniessen.

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Regenwolken über Kuélap

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vom Regen gejagt: Ankunft in Tingo nuevo

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Ruinen von Kuélap

Nur einen verregneten Radtag weiter erreichten wir den kleinen, malerischen Ort Leymebamba. In dessen Nähe wurden 1996 über zweihundert Inka- und Chachapoya-Mumien unterschiedlichten Alters gefunden. Diese können in einem kleinen Museeum ausserhalb des Dorfes bewundert werden. Eine eindrückliche Sache! Nach Leymebamba stieg die Strasse merklich steiler an. Von gut 2200 MüM kämpften wir uns einen Morgen und dreissig Kilometer lang bis zur Passhöhe der „Abra Barro Negro“ auf 3600 MüM …. und wurden mit einer für uns ebenso überraschenden wie atemberaubenden Aussicht belohnt! Spätestens jetzt war klar: Wir waren nun wirklich in den Anden angekommen!

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in den Anden angekommen

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Zick Zack

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Kulisse: der Aufstieg des nächsten Tages

Auf die Mühe und den Schweiss des Morgens folgte dann eine spektakulären, sechzig Kilometer lange Abfahrt. Auf einer asphaltierten, einspurigen und meist extrem exponierten Strasse sausten wir durch steile Bergflanken hinunter ins Tal des Rio Marañon (ja, der mit dem Schlamm). Drei Stunden später und 2800 Höhenmeter tiefer erreichten wir das kleine Dorf Balsas, den Fluss und damit die Talsohle auf nurmehr 800 MüM. Dort campierten wir auf Anraten der Polizei im kleinen Park, mitten in der einzigen Kreuzung des Dorfes und zugleich direkt vor der Polizeistation. Es wäre hier absolut ruhig und friedlich und kein Problem, tranquilo…einzig sollen wir bitte nicht zu nahe vor ihrer Station campieren, damit sie die Angreifer im Falle eines Angriffs auf ihre Station sehen könnten. Sehr beruhigend! Wir hatten aber eine einigermassen ruhige Nacht im Park. Umso erstaunter waren wir am nächsten Morgen, als wir beim Benutzen der Polizei-Toilette sahen, dass die ganze Station blutverschmiert war – doch nicht ganz so tranquilo?!

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…nach fünf Stunden Aufstieg

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…nach sechs Stunden: Mittagsapause am Strassenrand

nach knapp neun Stunden

Panorama nach knapp neun Stunden

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unterwegs angetroffen

Am folgenden Tag stand ein Aufstieg von knapp 45 Kilometern und 2300 Höhenmetern an. Der Berg türmte sich als Koloss von einer Wand vor uns auf, der uns den ganzen Tag auf Trab halten sollte. Bei bereits brütender Hitze verliessen wir Balsas um acht Uhr morgens, erreichten die Passhöhe auf 3100 MüM erst um fünf Uhr nachmittags – neun Stunden, 7 Liter Wasser, unzählige vernichtete Schokoriegel und drei angetroffene Vogelspinnen nach unserer Abfahrt. Erschöpfungsgrad: Verlust der spanischen Sprache. Nochmals fünfzehn Kilometer später und bereits wieder 500 Höhenmeter tiefer, suchten und fanden wir im ruhigen Städtchen Celendin ein Zimmer. Dort gönnten wir uns erstmal einen Tag Auszeit, um dann die 109 Kilometer und die beiden Pässe Abra del Inca, 3050m, und Abra Gran Chimú, 3’700m, (wobei der eine im Aufstieg zum andern liegt), die uns noch von der Provinzhauptstadt Cajamarca trennten, in einem Tag zu meistern. In Cajamarca, der Stadt der irrsinnig grossen Hüte, spannten wir beinahe eine Woche aus und trafen (bereits zum vierten Mal auf dieser Reise!) auf Roman. Der war zufällig zur selben Zeit am selben Ort und gleich noch im selben Hotel untergekommen.

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Jetzt hat er wieder Luft im Pneu – und er hat sich unsere Pumpe genau angesehen, um sie nachzubauen

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Mercado de Huamachuco

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Gemüsekauf

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scharf und würzig

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Umzug in Cajamarca

Unser nächstes Etappenziel war die Cordillera Blanca. In dieser 180 Kilometern langen, mit gewaltigen Gletschern gekrönten und imensen Schneeriesen gespickten Bergkette in den nördlichen Anden Perus, tummeln sich die höchsten Berge des Landes – viele davon höher als 6000 Meter. Da bot es sich ja irgendwie an durchzufahren! Bis dorthin lagen aber noch einige Tage „Arbeit“ vor uns. Nach drei Tagen Asphalt legten wir in dem kleine Städtchen Huamachuco einen Tag Pause ein und verliessen danach die Hauptstrasse. Ab jetzt war unsere Karte zu ungenau und wir mussten uns in regelmässigen Abständen durchfragen. Immer schön aufwärts wurden die Wege zusehends holpriger und wir kamen in immer abgelegenere Gebiete wo nur noch hie und da schmutzige Gestalten aus privaten Kohleminen (Löchern im Berg) herausjohlten. Je höher wir kamen, umso steiler wurde die Schotterpiste und eine darüberliegende Schicht aus knöcheltiefem, feinstem Staub machte das Vorwärtskommen immer schwieriger und zwang uns immer öfter zum absteigen. Um fünf Uhr nachmittags hatten wir so gerade einmal vierzig Kilometer zurückgelgt. Erschöpft fanden wir auf knapp viertausend Meter Höhe einen fantastischen, einsamen Platz für unser Zelt, mit einem Meer an Bergen zu unseren Füssen.

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Kohlelaster

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Kohleschürfer – Leben mitten im Nichts

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immer höher, immer holpriger

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über den Wolken

Höhenlager

Höhenlager

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Blick bis fast ans Meer

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Reisende

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Minenlandschaft

Nach einem weiteren Tag holprigster Pisten erreichten wir am Nachmittag ein Dorf und wurden beim Verlassen von einem Mann gefragt, was wir hier eigentlich täten. Solche wie wir würden hier umgebracht und ihnen die Organe entnommen. Was für ein Spassmacher, dachten wir uns. Abends im nächsten Dorf wurden wir von verschiedenen Leuten besorgt gefragt, ob uns niemand etwas getan hätte. Wie sich herausstellte, kursierten Gerüchte über „Gringos“, die Kinder töteten um ihnen die Organe zu entnehmen. Besorgte Bürger hätten bereits Bürgerwehren gebildet und würden vielleicht etwas überstürzt handeln…aus unserer Sicht doppelt beunruhigend. Dies erklärte aber den vermeintlichen Witzbold und die bei unserem Anblick panisch in die Wälder flüchtenden Kinder. Eine rührend freundliche Hotelbesitzerin stellte uns dann für eine sichere Weiterreise ein Referenzschreiben aus – wir wurden nie danach gefragt.

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Erst hinab…

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…..

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…und auf der anderen Seite wieder hinauf!

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eine Coral zu Füssen

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Felder

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Pallasca

Drei wreitere, lange Tage standen uns noch bevor, ehe wir die weissen Gipfel der Cordillera Blanca zu Gesicht bekamen. Bergauf, bergab, von morgens früh bis zum Einbruch der Dunkelheit flitzten und holperten wir durch Schluchten und Täler, die in jedem „StarWars“-Film eine gute Figur gemacht hätten. Die Nächte verbrachten wir im Zelt: Eine davon im Hof einer netten Familie, da weiter vorne die Strasse (genauer gesagt die ganze Bergflanke) über rund hundert Meter weggerutscht war. Nachteil: schwierig zu passieren. Vorteil: Kein Verkehr weil nur für Fahrräder passierbar!

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Znacht bei Isabel, Franklin und Segundo

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sausen auf Teer

80 Kilometer Abfahrt...

80 Kilometer Abfahrt

...mit Hindernissen.

Felswand statt Strasse

Am dritten Tag, nach holprigen, staubigen siebzig Kilometern, 36 klaustrophibisch schmalen Felstunnels und über 1500 Höhenmeter durch den oft nur ein paar Meter breiten „Cañon del Pato“ (die Entenschlucht) war es dann soweit: Wir waren am Fusse der Cordillera Blanca angekommen.

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Wüste

Kaktusgesicht

Kaktusgesicht

In der Schlucht

„Cañon del Pato“

Tunnel um Tunnel um Tunnel

Tunnel um Tunnel um Tunnel

Zur Feier des Tages wurden verschiedene Panaderias (Bäckereien) im kleinen Ort Caraz heimgesucht und deren Torten getestet. Nach einem Ruhetag zu Ehren unserer Gesässknochen entschieden wir uns, uns eine längere Pause in der nur noch siebzig Kilometer entfernten Stadt Huaraz erst noch zu verdienen. Dazu schien uns eine kleine Runde durch die Berge, genauer gesagt um den mit 6’768m höchsten Berg Perus, den „Nevado Huascaran“, gerade richtig. So rollten wir für einmal gemütlich ins nur 14 Kilometer entfernte Dörfchen Yungay, um von dort am nächsten Morgen zu unserer kleinen Expedition aufbrechen zu können. Nach einem Frühstück aus Spiegelei-Sandwiches und Kaffee (in Peru das Frühstück unserer Wahl) und Proviantshopping im Markt waren wit unterwegs. Wie gewöhlich war kaum aus dem Dorf der Aspalt zuende – wir sollten ihn erst drei Tage und 120 Kilometer später wiedersehen. Den ganzen Morgen fuhren wir kontinuierlich steigend auf den riesigen, weissen Riesen „Huascaran“ zu.

Gletschersicht

Gletschersicht

Angsthasen

Angsthasen

Morgenpanorama

Morgenpanorama

Laguna Llanganuco...weiter unten

Laguna Llanganuco…weiter unten

erste Schritte

morgens, frisch aus den Büschen

Am Nachmittag wand sich die Strasse schliesslich durch eine schattige, steil ansteigende Schlucht an ihm vorbei und wir erreichten die beiden türkisglitzernden Llangauco Lagunen. Zeit, ein ruhiges Plätzchen für die Nacht zu suchen, welches wir schliesslich auf gut 3800 MüM nahe eines plätschernden Gletscherbaches fanden. Unsere nächste Tagesetappe überraschte etwas, weil auf der Karte nicht ersichtlich, mit einem Pass. Ganze fünfeinhalb Stunden benötigten wir für die 17 Kilometer und 900 Höhenmeter zum, auf stolzen 4767MüM gelegenen, Pass „Portachuelo de Llanganuco“. Dabei wurde das Panorama bei jeder der gefühlten 30 Kehren noch grandioser, der lose Schotter noch tiefer und das Anfahren noch schwieriger wurde. Dann, wenige Kehren von der Passhöhe entfernt, ein Schreckensmoment! Dem plötzlichen Frontalangriff einer Kuh mit gesenkten Hörnern, konnte Robin durch lautes Brüllen gerade noch im letzten Moment entkommen (und vor allem auf den letzten Metern). Waren die Lenkerhörnchen etwas gar provokativ montiert?

Alpamayo über der Laguna Llanganuco

Nevado Alpamayo (5947m) über der Laguna Llanganuco

Laguna Llanganuco

Laguna Llanganuco

erkämpfte Höhenmeter

erkämpfte Höhenmeter, Werk eines Morgens

Passhöhe!

Passhöhe!

vertausendsiebenhundertsiebenundsechzig!

viertausendsiebenhundertsiebenundsechzig!

Abfahrt vom Portachuelo

Abfahrt vom Portachuelo

Nach euphorischen Momenten auf der Passhöhe, freuten wir uns auf die erhoffte Abfahrt ins 30 Kilometer entfernte Dorf Yanamá….die Freude wich dann jedoch ziemlich schnell ziemlicher Frustration! Die „Strasse“ war ebenso holprig wie der Aufstieg – genau, darum hatten wir 5 1/2 Stunden für bloss 17 Km gebraucht! Bei dermassen vielen Steinbrocken in allen Grössen und Formen kamen wir abwärts kaum schneller voran als aufwärts, dies auch aus Rücksicht (oder Weitsicht?) auf unsere schwer bepackten Räder und Angst vor Speichenbrüchen. Dieser Strassenzustand sollte uns über die nächsten zwei Tage be(un)glücken und an den Rand der Verzweiflung treiben.

Schafe statt Lamas

Schafe statt Lamas

scheue Aufmerksamkeit

scheue Aufmerksamkeit

in eisigen Höhen

in eisigen Höhen

Chacas

Chacas

Der vierte und letzte Tag unserer „Tour de Cordiellera Blanca“ forderte uns nochmals mit einem Pass. Diesmal wieder auf Asphalt, flitzten wir die 30 Kilometer und 1378m Höhendifferenz zur „Punta Olimpica“ auf 4738 MüM in vier Stunden hinauf. Die fünfzig Kilometer lange Abfahrt auf der anderen Seite war wie Balsam für unsere durchgeschüttelten Seelen und wir erreichten das, auf rund 2500 MüM gelegene Städtchen Carhuaz (und damit die Talsohle des Tales, aus dem wir gestartet waren) bereits um vier Uhr Nachmittags.

Blick nach vorne

noch mehr Gletscher

Eismassen in Sicht

Eismassen in Sicht

Bereit für 50 Km Abfahrt!

Bereit für 50 Km Abfahrt!

Abfahrt von der Punta Olimpica, 4736 Meter

Abfahrt von der Punta Olimpica, 4736 Meter

Blick zurück nach oben - Huaraz wir kommen

Blick zurück nach oben – Huaraz wir kommen

Jetzt trennten uns noch 34 Kilometer Hauptstrasse, die wir am folgenden Tag noch hinter uns brachten, von Huaraz und damit von ein paar Tagen Pause. Unsere Hintern werden es uns danken!

….jetzt fehlt noch die Galerie mit obigen Fotos und noch mehr:

Ecuador | Anden und Amazonas

1’269 Kilometer, davon flach: ca. 80 Kilometer

51 Tage / davon 25 radfrei Tage

Maximalhöhe: 4078 MüM

2 Platten, 1 Sturz durch Hundeattacke,  1 Spitalbesuch, 1 Stuhl- und Blutanalyse

Route: Tulcan (Grenze Kolumbien) – El Angel – Ibarra – Otavalo – El Quinche – Tumbaco (Quito) – Papallacta – Baeza – Tena – Puyo – Palora – Macas – Bella Union – Límon – Comunidad „Shuar“ Sharup – Gualaquiza – Yantzaza – Zamora – Loja – Cuenca (Bus hin und zurück) – Loja – Vilcabamba – Yangana – Palanda – Zumba – La Balsa (Grenze Peru)

Nach über drei Monaten in Kolumbien reisten wir am Morgen des 24. März 2014, von Ipiales nach Tulcan in Ecuador ein. Der Grenzübergang war noch im Halbschlaf und die Einreiseformalitäten dermassen fordernd, dass sich die ecuadorianische Zolllbeamtin zwischen lesen und stempeln von Robins Pass glatt im Nebenraum ein Glas Pepsi gönnen musste (dank Fenster in Sichtweite aller Wartenden). So frisch gestärkt wurde dann noch ermahnt, dass die drei Monate Aufenthalt im Land auf keinen Fall überzogen werden dürfen! Dann sauste auch schon der Stempel nieder und wir durften einreisen. An diesem Punkt schafften wir es unabsichtlich, die Gepäckkontrolle ausserhalb des Gebäudes zu umgehen, beziehungsweise -fahren….und schon waren wir zurück auf der Strasse. Wie immer waren wir gespannt, was sich mit dem Grenzübertritt so alles ändern würde. Entgegen unseren Erwartungen, fanden wir Ecuador jedoch nicht ärmer als Kolumbien, die Strassen waren nicht schlechter, die Läden nicht leerer (im Gegenteil) und die Zimmer nicht billiger. Auch war das Essen nicht (wie man uns in Kolumbien wiederholt versichert hatte!) scheusslich, sondern bestens! Alles funktionierte, wie immer in einem neuen Land, einfach ein Bisschen anders und es galt erst herauszufinden wie. 

Willkommen in Ecuador

Blick zurück auf Kolumbien

Bereits nach wenigen Kilometern und nachdem wir erst einmal eine Handvoll Dollar am Bancomaten abgehoben hatten (in Ecuador regiert der Dollar), bogen wir von der Panamericana (sprich Schwerverkehr) auf eine ungeteerte Nebenstrasse (sprich Feldweg) ab. Dies verhiess weniger Verkehr (1 Motorrad, drei Autos), kein Asphalt und eine schöne Route über den „Páramo“ von El Angel, einem Naturschutzgebiet. Wir stiegen die nächsten Stunden höher und höher und höher und überquerten so etwa die vierzig Kilometer des Páramo, der sich ständig veränderte und hinter jeder Kurve nochmals schöner wurde. Und auch weiter anstieg…

Gräser bis zum Horizont

Paramo

Wasser und Schlamm

…so weit das Auge reicht

Aber nicht nur schöner, sondern auch immer nasser wurde es – erst die Wiesen, dann die „Strasse“, dann auch wir. In dichtem Nebel und strömendem Regen erreichten am frühen Nachmittag den auf 3700 Metern über Meer gelegenen höchsten Punkt und hatten eine lange, nasskalte und rutschige Abfahrt bis ins wieder 700 Höhenmeter tiefer gelegene Dorf El Angel vor uns. Dort nahmen uns die Bomberos (Feuerwehr) herzlichst auf und richteten uns in ihrer (mit anderen Ämtern gemeinsam genutzten) Wartehalle ein Nachtlager eine ….eine erste Gelegenheit, sich ein Bild über die sprachlichen Auswirkungen des Grenzübertritts zu machen.

Bombero-Wartesaal-Camping

Weiter ging es munter, nun wieder auf Asphalt, erst lange hinab (von 3000m auf 1400) und anschliessend länger wieder hinauf – hohe Berge, tiefe Täler, viele Kurven, rasende Autos. Als wir am Abend bei Ibarra einen Platz zum campieren suchten, sprang plötzlich Roman neben uns aus einem Taxi – mit ihm hatten wir drei Wochen zuvor in San Agustin, Kolumbien, ein paar gemütliche Tage verbracht. Wir checkten daher ins selbe Hostal ein und testeten die Wirkung ecuadorianischen Rums. Fazit: Funktioniert! …und man kann am nächsten Tag gut weiterfahren – wir mit den Rädern, Roman mit dem Bus. In Otavalo verabschiedeten wir uns am Abend darauf von Roman, um am nächsten Tag in Richtung Quito zu fahren. Ein Zwei-Tages-Unternehmen, bei dem wir die Dörfer unterwegs erkundeten und herausfanden, dass es auch in Ecuador mittags „Almuerzos“ gibt (abends „Merienda“ genannt). Menüs, die in der Regel aus Suppe, Hauptgericht mit wahlweise Hühnchen, Schwein oder Rind (gebraten oder „im Saft“, immer mit Reis, Bohnen/Linsen und Salat) und einem Glas Fruchtsaft. Eine meist feine Sache und vor allem – um der Eintönigkeit vorzubeugen – anders als in Kolumbien. Und dies zum Preis von etwa 2$ US…damit ihr auch Mal wisst, was wir so zu beissen kriegen.

mit Roman in Ibarra

Ibarra

in den Strassen von Ibarra

Souvenirmarkt Otavalo

„Indigena“ Otavalo

Laguna San Pablo

Unterwegs passierten wir „la mitad del mundo“, den Äquator. Einen alten Bekannten, dem wir schon in Gabon und zuletzt in Uganda begegnet waren. Zu seinen Ehren gab es hier gleich zwei Monumente: Ein kostenpflichtiges neues und, keine 50 Meter davon, ein frei zugängliches altes. Für jeden Geldbeutel etwas.

la mitad del mundo – am Äquator

Iglesia der „Virgen de El Quinche“

…weit und bergig

Je näher wir Ecuadors Hauptstadt Quito kamen, umso stärker wurde der Verkehr und wir waren froh, als wir endlich Tumbaco, einen Vorort Quitos, erreichten. Bereits im Vorfeld hatten wir mit Santiago, dem freundlichen Besitzer der „Casa de Ciclistas“, Kontakt aufgenommen. Seit 23 Jahren bietet er, Fahrradmechaniker und Mountainbikenthusiast sondergleichen, Radreisenden aus aller Welt ein Dach über dem Kopf an – kostenlos, wohlgemerkt! Dazu offerierte er jede Menge Tips zur Routenwahl. Dieses unglaubliche Konzept der „Casa de Ciclistas“ findet sich in ganz Lateinamerika immer wieder. Sie werden von Privatleuten betrieben und bieten neben einer Unterkunft oder Platz fürs Zelt und oft auch die Möglichkeit, andere Radreisende zu treffen. Wir campierten eine Woche lang im „Bunker“, einer offenen Garage in Santiagos riesigem Garten, den wir eine ganze Woche lang für uns alleine hatten.

Santiago, Gastgeber Casa de Ciclistas Tumbaco

der „Bunker“, Casa de Ciclistas Tumbaco

Bidon füllen, Casa de Ciclistas<

Von Tumbaco aus fuhren wir jeden Tag mit dem Bus ins auf über 3000m gelegene und sich über satte 40 Kilometer erstreckende Quito hinauf. Wir genossen das Touristenleben ohne Rad, schlenderten, mampften und knipsten wie die grossen und verbrachten Stunden in prall gefüllten Stadtbussen. Aber auch etwas Shopping musste sein. Denn an unseren Kleidern zieht das Radtourenleben – im Gegensatz zu uns! – nicht unbemerkt vorbei und sie lösen sich nach und nach auf. Hierzu hatte Quito „Malls“ ohne Ende und zwar in Ausmassen, wie wir sie hier nicht erwartet hätten!

Quito

Suppe im „Mercado“, Quito

unglaubliche Vielfalt

Und dann wie weiter durch Ecuador – Küste, Berge oder Amazonasbecken? Wir entschieden uns für letzteres, da wir Küste schon hatten und Berge auch in Peru im Überfluss zu finden sein werden. So verabschiedeten wir uns nach einer Woche Stadtcamping von Santiago und seiner Familie und machten uns auf den Weg in den „Oriente“, wie Ecuadors Teil des Amazonasbeckens genannt wird. Davon trennten uns aber noch eine Bergkette der Anden. Diese wollte erst bezwungen werden. Nach einem späten Start gingen wir den Aufstieg an, erst auf einer neuen Schnellstrasse (mit Radstreifen!), dann auf einem ruhigen Kiessträsslein stiegen wir höher und höher.

Schulreise trifft auf Radreise

höher, höher

Als es allmählich einzudunkeln begann, hatten wir sämtliche Zivilisation hinter uns gelassen. Dafür hatten wir jetzt eine sich rasend schnell auftürmende Wand aus Gewitterwolken im Nacken. Abgesehen davon waren wir uns nicht sicher, ob wir die Passhöhe noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden. Wir waren davor gewarnt worden, zu weit „oben“ zu campieren: Dort würden gefährliche Menschen nachts ihr Unwesen treiben. Bloss wie weit waren wir noch von der Passhöhe entfernt? Es war nicht abzusehen. So kehrten wir schliesslich um und fuhren mehrere hundert, zuvor hart erkämpfte Höhenmeter zurück, bis wir schliesslich, kurz vor Sonnenuntergang‘ in einer gut versteckten Ecke des „Coca Cayambe“-Nationalparks unser Zelt aufschlugen. Dazu zwickte uns der Wächter des einzigen Hauses weit und breit ein Loch in den Stacheldrahtzaun des Nationalparks, welches er am nächsten Morgen wieder hinter uns schloss.

Nach einem frühen Start, möglichst ohne entdeckt zu werden, und zwei Stunden Aufstieg erreichten wir am nächsten Morgen kurz nach acht Uhr die Passhöhe auf 4078 MüM. Die verdiente Abfahrt fiel dann bitterkalt aus: in strömendem Regen sausten wir ins Tal und sollten bald feststellen: Im Oriente regnet es täglich. Allerdings nicht wie erwartet in Form von heftigen topischen Regengüssen, sondern oft als feiner Nieselregen – genug um uns nass und die Sonne fernzuhalten.

Frühsport

4000m

Rückblick

Morgenhygiene

die letzten Meter sind steil

Beweisfoto

 So sausten wir von über 4000 auf knapp 1000 Meter über Meer in Ecuadors erstaunlich hügligem Teil des Amazonasbeckens und hielten uns von nun an – und auch aus Mangel an Alternativen – an die durchwegs asphaltierte „Troncal Amazonica“, die einzige Strasse, die den tropischen Osten Ecuadors von Norden nach Süden durchquert. Nach den ersten zweihundert, überraschend bergigen Kilometern, suchten und fanden wir dann eine Möglichkeit, dem Verkehr zu entkommen. Diese Route folgte über etwa 60 Kilometer der alten Strass, versprach Abwechslung und wir hofften, vielleicht etwas mehr Natur zu sehen als auf der relativ vielbefahrenen „Troncal“. Wir erkundigten uns in Puyo, der nächstgelegenen Stadt über die Sicherheitslage und die Strecke wurde uns von verschiedenen Seiten wärmstens empfohlen. So rollten wir fast ohne Verkehr, aber auf einer brandneuen Strasse, dahin und genossen die Ruhe und die Natur um uns herum. Dabei kamen wir durch immer kleinere Dörfchen mit auffallend unfreundlich blickenden Menschen. Wohl gerade schlechte Stimmung, dachten wir uns. Bis wir am Ende der neuen Strasse auf einen Arbeiter trafen. Dieser fragte uns mehr oder weniger entsetzt, was wir hier täten. Diese Dörfer wären Fremden gegenüber gar nicht froh gesinnt (aha!) und würden auch regelmässig Autos angreifen. Weniger regelmässig, aber auch schon vorgekommen, würden sie Fremden die Köpfe abschneiden. Er riet uns daher, die nächsten zwanzig Kilometer oder so auf keinen Fall anzuhalten. Dies klang für uns vernünftig und wir hielten uns mit einem etwas mulmigen Gefühl daran! Es wollte uns jedoch niemand unsere Köpf streitig machen. Was genau jedoch das Problem in dieser Gegend war, fanden wir nicht heraus. Wir hielten uns aber danach wieder an die Hauptstrasse

Gymnastikraum-Camping

It’s a rainy week

Blick übers Amazonasbecken

Wo ist Daina

Amazonischer Supermarkt

Disneyland

wackelig

der einzige Weg über den Fluss

Je weiter südlich wir kamen, umso bergiger wurde die Strecke. Obwohl wir täglich zwischen acht und neun Uhr morgens aufbrachen und um die acht Stunden in die Pedale traten erreichten wir die gesetzten Tagesziele nicht immer. Dies führte beispielsweise dazu, dass wir eines abends in einem kleinen 20-Häusernest namens Bella Union im überdachten Hof der Schule campierten. Gut versteckt dachten wir uns. Hier hätten wir unsere Ruhe, hatte man uns versichert, denn um acht Uhr würden bereits alle schlafen….ausser einem Haufen Betrunkener, die das gute Versteck und das Dach gegen den Regen auch schätzten. Sie wussten wohl nichts von der Nachtruhe und hielten uns bis morgens um drei mit Gitarre, Gesang, philosophischem Gelaber und sporadischen Besuchen wach.

gut gehängt

Gesellschaft beim Kochen

San Juan Bosco

vom Regen gejagt

Wo gehts hier zum Mittagessen

Zwei Tage später fragten wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit bei einem kleinen Ansammlung von Häusern nach, ob sich wohl irgendwo ein Platz für uns und unser Zelt finden liesse. Sogleich erschien der „Kulturverantwortliche“ mit dem untypischen Namen Holger. Er empfing uns mit offenen Armen und quartierte uns gleich in einem leeren Raum im ehemaligen Kinderhort (!) ein – in den Zimmern nebenan wohnte der Lehrer des Dorfes mit seiner Familie. Wir waren in der „Comunidad Shuar Sharup“ gelandet, einem kleinen Dörfchen, das schon seit Jahrhunderten hier existiert. Traditionel lebten die Shuar, wohl besser durch den (so versicherte man uns) mittlerweile aufgegebenen Brauch, die abgetrennten Köpfe von Feinden in Schrumpfköpfe zu verwandeln. Wir wissen jetzt auch wie.

Comunidad Shuar Sharup

für die Erstklässler

Schrumpfkopf – Lesen lernen mit Kulturbezug

Nachbarskinder

mit Holger und Professor

Die ehemals kriegerischen Shuar lebten von und im Einklang mit der Natur. Doch die Zeiten haben sich geändert – nicht unbedingt zum Guten für die Shuar und den Erhalt ihrer Kultur. Lag das Dörfchen einst mitten im Dschungel, so liegt es seit einigen Jahren plötzlich an einer geteerten Überlandstrasse. Interessierte sich früher niemand für ihren Lebensraum, so sind die an allen möglichen Metallen reichen Wälder und Hügel plötzlich für den Bergbau interessant. Holger hat sich daher dem Erhalt seiner Kultur verschrieben und freut sich über jeden Besucher im kleinen Dörfchen. Stolz führte er uns am nächsten Tag mit gemieteten Motorrädern an einen Wasserfall, bemalte uns mit traditionellen Mustern und gewährte uns Einblicke in alle möglichen Aspekte der Kultur der Shuar. Dazu gehört auch ihre eigene Sprache, Überlieferungen und Wissen über die Natur, wie auch Musik und Tanz.

Holger

Traditionen

Corona, traditioneller Federschmuck der Shuar

Daina mit Vogel

Eine wichtige, wenn nicht zentrale Rolle, spielt dabei, wie bei einem Grossteil der indigenen Völker im Amazonasbecken, Ayuhauasca. Zur Herstellung dieses stark haluzinogenen Gebräus werden Stücke einer Liane und Blätter eines Strauchs über Stunden eingekocht und immer wieder gesiebt – die nötigen Sprüche und Gesänge dürfen dabei natürlich nicht fehlen. Ayuhauasca ist für die Shuar die Verbindung zwischen Himmel und Erde, ein Medium um mit der Natur und all ihren mächtigen Geistern in Kontakt zu treten. Oder, wie der Dorflehrer es ausdrückte, Ayuhauasca ist für die Shuar was für das Baby die Nabelschnur ist. Ausserdem es eine reinigende Wirkung auf Körper und Geist. Wir nahmen das Angebot Holgers und des Lehrers gerne an, diesen zentralen Aspekt ihrer Kultur kennenzulernen und an einer Ayuhauasca-Zeremonie teilzunehmen. Diese fand am zweiten Abend im Vorraum des ehemaligen Kinderhortes statt und Holgers Mutter hatte das Ayuhauasca am Nachmittag gebraut. Der Lehrer leitete die Zeremonie und um ihn herum nahmen im verdunkelten Raum im Halbkreis ausser uns noch fünf andere Personen aus dem Dorf teil – zu unserem Erstaunen auch ein Junge von etwa zehn Jahren. Nach einigen einleitenden Worten des Lehrers goss er jedem der Anwesenden einen Schluck Tabak (aus Blättern und Wasser gewonnen) in die Handfläche. Dies musste durch die Nase hochgesogen werden. Als nächstes goss er jedem Anwesenden ein halbes Glas des braunen und relativ bitteren Ayuhauasca ein. Dies wurde getrunken …und dann kamen die gerufenen Geister und Dämonen, zeigten uns schönes und furchteinflössendes und hielten uns – einhergehend mit wiederkehrendem Brechreiz, Übelkeit und reinigendem Durchfall – bis zum Morgengrauen wach, während der Professor uns mit traditionellen Gesängen begleitete. Eine intensive Erfahrung!

 

Shuar

Schrumpfkopf, früher Menschen heute Affen

in voller Montur

Tanzgruppe

Am nächsten Morgen war es wieder einmal an der Zeit, von neu gewonnenen Freunden Abschied zu nehmen und uns für die unglaubliche Gastfreundschaft zu bedanken. Weiter ging es, mit frisch gestärktem Geist und etwas angeschlagenen Körpern, mehr bergauf als bergab, durch grüne Wälder und Schleier von Regen immer weiter Richtung Süden. Wir konnten nur durch eine vermutlich tapfere Schar von Ämöben gestoppt werden, die sich in Robins Darm recht heimisch zu fühlen schienen und sich entsprechend breit, und vorallem durch starke Bauchkrämpfe bemerkbar, machten. Diese unverwegenen Parasiten wurden dann im Spital von Yantzaz, am Rio Zamora, diagnostiziert und wir kamen in den Genuss des unentgeltlichen Gesundheitssystems Ecuadors. Für uns eine feine Sache, doch ob dies auch für den Staatshaushalt optimal ist, wenn jeder Tourist gratis behandelt wird? Anschliessend wurden die Amöben-Nichtsnutze im Hotelbett über drei Tage mit Antibiotika bekämpft. Es dauerte fast eine Woche, bevor wir unseren Weg fortsetzen konnten.

der Wächter vor Yantzaza

Amöbenkur

Rio Zamora

Freunde

Wunderland – Markt in Zamora

Unser nächster Stop war in Loja, einer beschaulichen kleinen Stadt (200’000 Einwohner) in den Bergen. Der Weg vom Oriente hinauf in die Berge war, nach der krankheitsbedingten Pause, eine Herausforderung. Für die 60 Kilometer, die ersten 45 davon eine einziger Aufstieg von 1000 auf knapp 3000 MüM, benötigten wir 10 Stunden(!), unzählige Schokoriegel, ein Mittagessen aus Suppe, Reis und Fleisch sowie zwei Flicken für Dainas Reifen. Vom scheinbar schönen Nebelwald im Nationalpark, den wir dabei durchquerten, sahen wir leider nur den Nebel und viel Regen. Wir kamen gegen halb sieben Uhr abends durchnässt und frierend in Loja an.

Schneisen im Dschungel

Reifen flicken

Nach längerem Hin und Her hatte sich bereits Mitte März „Exped“, der Schweizer Hersteller unseres Zeltes, bereit erklärt, uns den aus mysteriösen Gründen undichten Zeltboden, beziehungsweise das ganze Innenzelt, zu einem vernünftigen Preis zu ersetzen. Unser Vertrauen in die ecuadorianische Posts war aber begrenzt. Daher hatten wir uns nach einer Alternative umgesehen und schliesslich gefunden. Maria Paula, die zur Hochzeit ihrer Schwester nach Ecuador flog hatte sich liebenswürdigerweise bereiterklärt, uns das neue Innenzelt mitzubringen und sandte uns das Paket schliesslich aus Guayaquil nach Loja – per DHL, damit auch nichts verloren geht. An dieser Stelle nochmals vielen Dank! Bereits die erste Nacht im neuen Zelt wurde zur flutartigen Zeltboden-Dichte-Probe, die wir trocken überstanden. Endlich sind auch wir ganz dicht!

In weiser Voraussicht hatten wir uns, zusätzlich zum Innenzelt, einen neuen Satz (breitere) Reifen senden lassen. Dass dies in Kombination mit den Schutzblechen zum Problem werden könnte (zu wenig Platz) hatten wir befürchtet aber optimistisch das Gegenteil gehofft. Es sollte aber nicht sein und bedurfte zweier Tage Tüfteln und Basteln im Hotel, bis unsere Räder einsatzbereit und dafür geländegängiger denn je waren! Durch Wochen heftiger Regenschauer hatten sich die Hänge aufgeweicht und Erdrutsche verschütteten immer wieder und immer häufiger die Strasse und bereiteten uns darauf vor, was am Ende des Asphalts auf uns wartete.

da fehlt ein Stück Strasse, 2 Stunden warten

Hundertzwanzig Kilometer südlich von Loja war es dann soweit. Aus einer breiten Strasse wurde ein schmaler Weg und auf Asphalt folgte Schlamm, teils knöcheltief. Bis zur Grenze lagen gut neunzig holprige und teils beinahe unfahrbar-steile Kilometer vor uns. Diese verwandelten sich bei jedem Regenguss augenblicklich zu Matsch, trockneten dann zu klebrigem Schlamm, bevor schliesslich wieder harte, staubige Piste daraus wurde. Für Fahrspass war gesorgt, denn es regnete regelmässig. Wir erreichten die Grenze zum grossen Nachbarn Peru in zwei schweisstriefenden Tagen – ohne neue, breitere Reifen wären wir immer noch dort. So aber hatten wir die Möglichkeit, vom zuständigen Grenzbeamten, kurz bevor er Volleyballspielen ging, freundlich ausgestempelt zu werden.

nass und rutschig

ob das wohl hält

Pause wohlverdient

von rutschig zu klebrig

grenzwertig steil

nach Peru

im Dreck gespielt

Zollgebäude

Adios Ecuador, wir werden Dich und Deine freundlichen Menschen in guter Erinnerung behalten! Und nun: „El Perú“, wir kommen!

Und zum Schluss die GALLERIE mit den Bildern aus dem Text und vielen mehr: